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Kann man/ ich zur CO erzogen werden?

Hilfe für Co-Abhängige, Partner und Angehörige von Alkoholikern bei der Coabhängigkeit

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Morgenrot
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Kann man/ ich zur CO erzogen werden?

Beitrag von Morgenrot » 23.05.2013, 10:01

Hallo ihr lieben,

möchte einmal dieses Thema eröffnen.
Hier soll es nicht um Schuld oder solche Dinge gehen, sondern darum, inwieweit alte Muster das entsehen einer COabhängigkeit begünstigen.

Ich kann z. Bsp. von mir sagen, das meine Mutter eine klassische "CO" war, obwohl der Alkohol in meiner Ursprungsfamilie nie ein Thema war.
Aber ihr Vater hatte diese: Wenn dann ...... Aussagen immer sehr gut drauf.
Diese begegneten mir wieder beim Alkoholiker: "Wenn du dies und das tust, dann bräuchte ich nicht trinken oder könnte zumindest weniger, "usw.
Das Muster kannte ich zur Genüge, und bin darauf eingestiegen und habe über Jahrzehnte den Ausstieg nicht gefunden. Irgendwann fühlte ich mich wie eine Marionette. Erst da konnte ich mich nach und nach lösen. Die alten Muster treten aber immer wieder auf, nur heute bemerke ich sie und kann dagegensteuern
Kennt ihr sowas auch?


lg Morgenrot

Roseanne
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Beitrag von Roseanne » 23.05.2013, 10:12

Hallo Morgenrot,ja diese Wenn/dann Aussagen kenne ich gut.Oft fängt es in frühester Kindheit schon an.Meine Schwiegermutter sagte mal zu meiner 4 jährigen Tochter, wenn Du mir kein Küsschen gibst,kriegst Du nichts mehr zu Weihnachten.Damals sagte ich ihr sie soll ihre Geschenke in Zukunft behalten.Diesen Zwang auf andere auszuüben ist mir in meinem Leben schon oft begegnet,erst kürzlich.Mein Vater war/ist immer für mich da,er unterstützt mich sehr oft auch wenns mit meinem Mann mal wieder Exzesse gibt.Aber neulich sagte er mir doch auch, wenn Du jetzt nicht von ihm gehst,kann ich Dir nicht mehr helfen.Das tat weh und setzt mich unter Druck.Aber vielleicht braucht man das ja

Seekrank
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Beitrag von Seekrank » 23.05.2013, 15:27

Hallo,
ich kenne diese wenn/dann Ansprachen auch sehr gut.Meine Mutter konnte das prima,wenn du das nicht tust muss ich mir eben diesen oder jenen holen....Oder, die anderen bekommen ständig von ihren Kindern Besuch und die erledigen auch sofort alles.....
Ja,ich kann mir vorstellen, wenn man so erzogen wird begünstigt es die Coentwicklung.

LG seekrank

katzundmaus
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Beitrag von katzundmaus » 23.05.2013, 17:28

Hallo,

ist ein interessantes Thema, weil ich mir auch schon lange drüber nachdenke, warum ich co-abhängig bin, obwohl ich aus einer ganz "normalen" familie komme, d.h. keine Alkoholiker, keine Gewalt, im Gegenteil: ich komme aus einem übetrieben fürsorglichen Heim, wo ein zuviel Klammern genauso fatal sein kann wie zu wenig Aufmerksamkeit.

Ich wurde auch erst jetzt drauf gestoßen, dass meine Eltern eigentlich eine Co-abhängige Partnerschaft über die Kinder leben.
Und das "wenn, dann ..." ist ja eine subtile (nicht absichtlich oder bös gemeinte) Art des Liebesenzugs/ Erpressung - weil sie halt auch ihre Co-Muster leben und die genauso auf die Kinder übertragen. Aber wieviel Druck auch dadurch ausgeübt wird - das war mir lange nicht bewusst, ihnen wahrscheinlich heut noch nicht.

Also, ich glaube nicht, dass man zur Co-Abhängigkeit "erzogen" wird, sondern dass einfach jeder in die "Kindheitsfalle" tappt und seine Muster nachlebt/nachleben muss. Ob man von einem Alkoholiker oder von einem Co geprägt wird, spielt, glaub ich, letztlich weniger eine Rolle.

Lieben gruß, Katzundmaus

kaltblut
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Beitrag von kaltblut » 23.05.2013, 17:57

Hallo Morgenrot,

bis vor wenigen Generationen waren Kinder ja noch die Altersversorgung und wurden verkuppelt, gehandelt und verheiratet, um das bestmöglichee Ergebnis für die Familie und die Altenversorgung zu erzielen. Viele Erwachsene haben sich die Kinder so erzogen, dass sie für deren angenehmen Lebensabend da sein sollten, also abhängig sind. Coabhängigkeit, also die Unfähigkeit sein eigenes Leben zu leben, ist also generationsübergreifend und war und ist ein Teil der Gesellschaft. Coabhängigkeit gewollt, zur Absicherung des Lebens, im Alter, bei Krankheit. Bei uns trafen halt Krankheit und unbewusste Abhängigkeit schon viel früher aufeinander.

Das wir heute so viel Freiheit und Freizeit haben und in so einem Wohlstand leben, dass wir dann als ältere Generation auf die Versorgung durch die Kinder verzichten können und wollen, ist ja etwas ganz anderes, unsere Entwicklung, klagen im Wohlstand.

Ich möchte nicht, dass meine Kinder später einmal durch mich belastet werden und hoffe, dass mir die Möglichkeiten gegeben sind. Wenn nicht, dann werden meine Kinder in die Pflicht genommen und das ist dann wieder etwas ganz Normales, nur dieses mal vom Staat verordnetes zum Wohle der Allgemeinheit. Dann können die Kinder klagen, im Wohlstand.

Der Luxusunterschied zu meinen Großeltern ist, dass sich unsere Gesellschaft dann Pflegepersonal oder Pflegeunterkünfte im preiswerteren Ausland leistet, weil die zur Freiheit erzogenen Kinder mit TV-, Smartphone und PC abgerichtet wurden und solche Aufgaben nicht mehr übernehmen können.


LG Kaltblut

inbetween
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Beitrag von inbetween » 23.05.2013, 20:56

"Gewalt" hat ja viele Gesichter. Mir sind bei der Beschäftigung mit der Double-Bind-Theorie bzw. Doppelbindungstheorie ein paar Lichter aufgegangen.
Kurz gefasst sind das widersprüchliche Anforderungen, Aufforderungen etc., die niemals gleichzeitig erfüllbar sind und .
Meine Mutter macht so etwas gern - und auch in der Beziehung mit meinem XY gab es davon reichlich.
Man muss vielleicht nicht gleich schizophren davon werden - aber es hält einen erstmal eine Weile im Hamsterrad ...

Zimttee
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Beitrag von Zimttee » 23.05.2013, 23:33

Nachdem ich mich für meine Staatsprüfung in Psychologie mit den Folgen von Eltern-Kind-Beziehungen auf die Entwicklung des Kindes beschäftigt habe, bin ich davon überzeugt, dass das Bild, was die Eltern den Kindern vermitteln, maßgeblich für das spätere Leben der Kinder verantwortlich ist. Natürlich kommt es auf die Persönlichkeit des Kindes an- aber ich muss auch sagen, dass ich kein EKA oder Kind sonstig psychisch kranker Eltern kenne, was "unbeschadet" aus der Sache rausgekommen ist bzw. normal und gesund sozialisiert wurde.
Ich merke bei mir selbst, dass meine Eltern mir eben Werte, Verhaltensweisen und Einstellungen vermittelt haben, die mich direkt in die Co-Rolle brachten. Kuschen (wie sie es nannten), unterordnen, kein eigener Wille, keine Widerworte, dauerhaft schlechtes Gewissen und Selbstbild, Schuldgefühle und so weiter waren auf dem Tagesprogramm und wurden von kleinauf eingetrichtert. "Willst du, dass es der Mama schlecht geht?" "Wegen euch ist sie mit den Nerven fertig." "Pass auf sie auf- --- du hast nicht genug aufgepasst, jetzt hat sie wieder getrunken" usw. Die Frau hat den Haushalt zu schmeißen. Mein Vater war mal in der Wohnung meines Freundes, der einen Schwarzteefleck auf seiner Arbeitsplatte in der Küche hinterlassen hat. Kommentar meines Vaters "Wieso hast du den nicht weggewischt? WIsch den schnell weg, oder willst du, dass S. was schlechtes von dir denkt, wenn du nicht sauber machst?"
Es ging sowieso immer um das, was andere denken und dass man sich besonders gut zeigen muss.
So ging es beliebig weiter.
Fürchterlich.
Und ich sehe in meinem jetzigen Leben, dass ich große Schwierigkeiten habe. Sei es die Prüfungen, ein positives Selbstbild und Selbstvertrauen zu finden. Ich bin durch die jahrelange Belastung immer noch dauernervös, obwohl ich den Kontakt massiv einschränke. Aber der Wurm ist drin.
Ich habe auch gemerkt, dass ich mir nur Freundinnen gesucht haben, die irgendwie dem entsprachen, was meine Eltern mir vorlebten. Freudinnen, die ihren Frust an mir ausließen, mir an allem die Schuld gaben, mir ein schlechtes Selbstbild vermittelten... Mich in ihrem Schatten stehen ließen. Könnte ich weiter ausführen, aber davon ists zu spät ^^
Aktuell beende ich eine Freundschaft, bei der ich merkte, dass das Mädel dem Verhalten meiner Mutter entsprach, eine Freundschaft, die ihrerseits durch Neid, Unterstellungen und Lästereien geprägt war. In meinen Augen ists keine Freundschaft, für sie jedoch normal.
Die Gefahr besteht darin, dass wir uns wohl Beziehungen und Freundschaften suchen, die dem aus der Familie bekannten Muster entsprechen- das ist bekannt, gewohnt und wird als passend empfunden. Also übernommen, obwohls total unpassend und unangenehm ist- aber jahrelang eingetrichtert.

Nachdenklich (und müde) Grüße,
Natalie

Aurora
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Beitrag von Aurora » 24.05.2013, 08:50

Hallo,

das Thema ist interessant...

Meine Eltern sind nicht abhängig, und ob meine Mutter Co ist, weiß ich nicht. Trotzdem hat mich die Erziehung, die Prägung stark beeinflusst, dass ich eine "gute" Coabhängige werden konnte.

Ich habe nicht viel Selbstwert mitbekommen von zuhause. Denn meine Mutter hat selbst keinen, wie sollte sie mir da was beibringen. Da war immer wichtig, dass wir Kinder funktionieren. Also damit meine ich, wir waren immer sauber und adrett. Wir haben nie viel gesagt oder rumgetobt, woanders. Das macht "man" nicht, was sollen die Leute denken. Sie sollen denken, bei uns ist alles perfekt und meine Mutter eben die perfekte Mutter.

Ich habe oft gehört, bei Schwierigkleiten mit anderen Kindern oder so, dass ich besser nachgeben solle. Mich nicht wehren, sondern zurück ziehen. Eben, die Klügere sein, die nachgibt. Nur damit niemand was Schlechtes denken könnte. Nur nicht aufmüpfig sein oder streiten, Widerworte geben oder auf mein Recht beharren. Und eben nicht auffallen, immer den anderen den Vortritt lassen. Vom Kuchen bei Feiern nur 1 Stück nehmen... Das ist ganz klassisch in meinen Erinnerungen. Meine Cousins haben sich vollgestopft, und meine Brüder und ich saßen mit hungrigen Augen da und haben zugesehen, nachdem wir unser Anstandsstück gegessen hatten. Oh ja, wie oft hatte ich Lust auf mehr, aber getraut habe ich mich nicht.

Dazu kam noch die klassische Prägung bei mir als Frau. Als Frau bist du zuständig für die Familie, für die Harmonie und dass nach außen alles gut aussieht! Was sollen denn sonst die Leute denken... Als Frau und Mutter kommst du hinten an, denn alle anderen gehen erstmal vor, der Mann, der das Geld heimbringt, und dann die Kinder, sowieso. Da muss ich immer Rücksicht nehmen. Eigene Bedürfnisse gibt's besser nicht...

All sowas hat mich geprägt. Und ich hatte dann in meinem Leben immer Beziehungen, ob mit Männern oder auch Freunden, die diese Prägungen ausgenutzt haben. Ich habe gerne gegeben, mich geopfert, für alle gesorgt... Dachte ich... :? . Bis zur Erschöpfung.

Das ist jetzt anders. Aber es macht auch viel Arbeit, diese alten Muster zu umgehen und neue zu schaffen. Ich bin da immernoch dabei. Meine Ehe, die ich jetzt habe, ist aber völlig anders als alle Beziehungen vorher. Es ist meine erste "normale" Beziehung zu einem Mann. Auf Augenhöhe. Auch meine Freunde haben sich verändert, jetzt gibt es nur noch solche, die mich nicht benutzen.

Fakt ist, ich denke schon, meine Erziehung hat mich zur Co werden lassen. Aber meine Eltern haben mich in bestem Wissen und Gewissen so erzogen. Für sie ist es normal so. Ich bin jetzt erwachsen und kann mich selbst weiter entwickeln, weil diese alten Muster eben nicht mehr zu mir passen, mich unglücklich gemacht haben. Aber dass ich das kann, da blicken meine Eltern nun auch mit Stolz drauf...

Aurora

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