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Ich weiß nicht mehr weiter, meine Frau trinkt

Hilfe für Co-Abhängige, Partner und Angehörige von Alkoholikern bei der Coabhängigkeit

Moderator: Moderatoren

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Karl65
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Ich weiß nicht mehr weiter, meine Frau trinkt

Beitrag von Karl65 » 09.11.2013, 19:23

Hallo,

ich hätte nie gedacht, dass ich je mit einem solchen Problem in einem Forum lande. Ich war immer der Meinung, man könne alle Probleme ausdiskutieren und mit einem gesunden Menschenverstand lösen. Bei meiner Frau bin ich mit meinem Latein am Ende...

Vor 23 Jahren heiratete ich meine große Liebe. Die Zeit brachte uns gemeinsamen beruflichen Erfolg in einer gemeinsamen Selbständigkeit und 3 wunderbare Kinder. Ich liebe meine Frau und halte seit 5 Jahren an dem Gedanken fest, dass sie eines Tages zur Besinnung kommt, denn seit mehr als 5 Jahren trinkt sie regelmäßig und tut so, als ob ihr Verhalten ein ganz normales Verhalten sei. Sie verharmlost ihre Trinkerei und behauptet, sie habe alles im Griff. Dabei betrinkt sie sich regelmäßig bis zur Besinnungslosigkeit. Wenn Sie betrunken ist, steckt sie voller Haß und Agressionen. Sie beschimpft und beleidigt mich in einer unglaublichen Weise und findet immer einen Grund, mich zu beleidigen, notfalls erfindet sie einen Grund. Gestern war meine Wut, Trauer und Hilflosigkeit so groß, und sie beleidigte mich so lange, bis ich sie verprügelt habe. Eigentlich bin ich ein friedfertiger Mensch. Ich kann ihr aber auch nicht entfliehen, denn sie lässt sich nicht weg schicken. Laufe ich ihr davon, verfolgt sie mich, um ihren Haß an mir auszulassen. Ist Ihre Trunkenheit und der ganze Spuk vorbei, tut sie so, als sei nichts geschehen. Dann ist aller Haß verflogen und sie spricht von unserer einzigartigen Liebe und unserem guten S**.
Ich habe oft das Gespräch gesucht, habe sachlich diskutiert, geheult, sie angefleht... es gab nie eine nennenswerte Reaktion. Sie winkt ab, bestreitet das Problem oder geht gar nicht auf mich ein. Wenn sie überhaupt ein Problem habe, dann seien es Depressionen. Wegen der Depressionen würde sie sich ab und zu "einen Sack über den Kopf ziehen", um "dem Ganzen" zu entfliehen.

Ich komme mir vor wie in einem Ozean mit Ebbe und Flut. Bei Ebbe gehts mir gut und ich denke nicht an die Flut, aber die Flut kommt unweigerlich wieder.
Keiner von uns hat je externe Hilfe oder Rat gesucht. Ich weiß auch nicht, wie ich sie dazu bewegen könnte, denn sie hat ja eigentlich kein Problem.

Ich bin mittlerweile so verzweifelt, dass ich über eine Trennung nachdenke. Das würde aber existenzielle Probleme mit sich bringen, denn unser Betrieb ist von ihr und mir abhängig. Es wäre nicht denkbar, privat getrennt aber in der Firma in Eintracht zu leben. Trennung ist also nicht wirklich eine Lösung. Ich kann die Dinge aber auch nicht länger so weiter laufen lassen, schließlich muss ich auch an meine Kinder denken.

Was würdet ihr an meiner Stelle tun?

Zimttee
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Beitrag von Zimttee » 09.11.2013, 19:42

Hallo Karl,

was ich an deiner Stelle tun würde?
Kurz zu mir: Ich bin ein erwachsenes Kind einer Alkoholikerin, mein Vater ist ungefähr in deiner Situation. Aber nicht seit 5 Jahren, sondern seit 25.

Bei uns zu Hause spielte sich gleiches ab- Mutter betrunken, Vater verprügelt sie. Und ich könnte ko..., wenn ich deinen Beitrag lese- merkst du überhaupt, was du getan hast? Wäre ich deine Frau, würde ich dich für 10 Tage der Wohnung verweisen- dazu hat sie nämlich nun den Staat an ihrer Seite.

Schlimmer als die Sauferei der Mutter war für mich die körperliche Gewalt meines Vaters gegenüber meiner Mutter. Ich muss, hoffe ich, hier jetzt nicht schildern, wie ich das damals empfunden habe. Mich verfolgt das noch, obwohl ich schon längst aus der Gewalt-Hölle ausgezogen bin. Denk da vielleicht mal an deine Kinder.

Und als Pädagogin kann ich dir nur sagen, dass du gerade dabei bist, einen kleinen Machtkampf anzuzetteln.

Also von daher- ziehe deine Konsequenzen, überleg, wie es nun für dich weitergehen soll- mit betrunkener Frau oder ohne- und leb danach.
Zieh aus, bevor du das nächste Mal zu Gewalt greifst, und nimm die Kinder mit.

Grüße,
Zimttee

Karl65
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Beitrag von Karl65 » 09.11.2013, 20:41

Hallo Zimttee,

danke für deine Antwort.

Du hast natürlich Recht, körperliche Gewalt ist keine Lösung und es war an dieser Stelle ein Ausdruck meiner Verzweiflung und Hilflosigkeit. Ich würde so gern etwas retten und fühle mich dabei so hilflos, weil ich keine Ehrlichkeit und Verlässlichkeit mehr erfahre.

Gibt es denn jemanden, der mir Mut machen kann? Wie groß ist denn eine Chance auf Heilung, wenn man sich in professionelle Hilfe begibt?

Lindi
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Beitrag von Lindi » 09.11.2013, 20:46

Hallo Karl,
ich finde es sehr mutig, was Du geschrieben hast. Und ich kann Dich verstehen. Verstehen deshalb, weil ich mich auch schon zu solchen Aktionen habe hinreissen lassen. Und ich bin eine Frau!
Natuerlich finde weder ich noch sonstjemand es "Gut" wenn es zu koerperlichen Ausschreitungen kommt, das ist ganz klar!
Aber ich kann die Verzweiflung, die Ohnmacht, die Trauer dahinter spueren......den Wunsch "wachzuruetteln", die eigene Seele, die nicht mehr anders kann, als sich so Luft machen...
-----
Aber es ist auch klar, dass dies eine moralisch verwerfliche Handlung ist und durch nichts "schoenzureden". Und auf keinen Fall sich widerholen sollte.

Was tun?

Dieses "verfolgtwerden", zugequasselt, beschimpft und belabert, egal wohin ich gehe....auch das kenne ich leider zur Genuege.
In meinem Fall (mein Lebenspartner trinkt nicht regelmaessig, eher exzessiv und anfallsweise) bin ich dem konsequent aus dem Weg gegangen, mit dem Hund auf die Strasse auch um 4 h NAchts,. wenn es sein musste.
Das hat schon mal viel "Druck" fuer mich rausgenommen......ich hab mir das einfach nicht mehr "gegeben", nicht mehr angehoert.

Ueberleg einfach mal, welche Moeglichkeiten es akut gibt, Dich und die Kinder aus der Schusslinie zu bringen. Evtl. gibt es ja raeumliche Moeglichkeiten dazu?

Das war natuerlich bei mir nur der erste Schritt, hat nur die Situation erst mal entschaerft. Und genau das wuerde ich Dir raten. Entschaerfung.
Damit alle erst mal wieder zum Durchatmen kommen.
Ungenutzes Keller-App. wo man uebergangsweise ein Bett reinstellen kann ..... denk mal nach, ob es nicht so was geben koennte bei euch.

Gruesse, Lindi

Karl65
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Beitrag von Karl65 » 09.11.2013, 21:12

Hallo Lindi,

ja, das habe ich mitunter unfreiwillig auch mehrfach so praktiziert. Erst erklärt sie mir im Suff, dass unsere Ehe nun endgültig gescheitert sei, ich soll ab sofort nicht mehr im Ehebett schlafen. Ich schlafe auf dem Sofa oder sonst wo und in der Nacht kommt sie hinter mir her und wirft mir vor, dass ich unsere Ehe bewusst ruiniere. Egal was ich tue, sie dreht alles so hin, dass sie einen Streit draus machen kann. Am nächsten Tag ist alles vergessen, es darf nichts erwähnt werden und sie kommt liebevoll auf mich zu und küsst mich. Ich komme mir dann immer vor wie in einem falschen Film und fühle mich wie eine Marionette.

Lindi
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Beitrag von Lindi » 09.11.2013, 21:52

Hallo Karl,

Du hattest nach der "Hoffnung" gefragt.
Leider ist es nicht so einfach, wie "schlepp sie gegen ihren Willen zum Seelenklempner und der schraubt ein bisschen rum und dann wird alles wie frueher".
Das hattest Du hoffentlich nicht erwartet, oder?

Es ist ein langer Weg der Bewusstwerdung. Fuer Beide. Und der Veraenderungen. Auch fuer Beide.
Denn der IST-Zustand, wo der hingefuehrt hat, das hast Du ja geschrieben.
Von der Bestandsaufnahme: "so isses"....bis hin zu Veraenderungen....ist es ein schmerzlicher Weg.
Bewusstwerdung. Du Dir. Vielleicht auch sie sich.
Loslassen. Die alten Plaene, die alten Lebensentwuerfe, eventuell auch das "Projekt" Ehe .....da ist alles drin. Alles offen. Das KANN auch eine Chance sein. Fuer Dich, fuer Deine Kinder, eventuell, ganz eventuell sogar fuer euch alle gemeinsam als Familie.
Letztere Option allerdings.....da taet ich nicht drauf wetten. Noch ist Deine Frau ja weit davon entfernt einzusehen (fuer sich einzusehen), dass es ueberhaupt ein Problem geben koennte.
-----
Die widerspruechlichen Aussagen, abends hueh und morgends hott....das allerdings kann Dir hier Jeder bestaetigen. Das ist NORMAL im Zusammenleben mit einem Alkoholiker.
Was Du glauben sollst? Nichts von Allem ..... oder Alles. Denn diese "Abspaltung", eigentlich ist sie ja ganz lieb, nur wenn sie getrunken hat, dann.... das bringt nicht weiter.
Diese Dinge, die im betrunkenen Zustand unreflektiert rausgebruellt werden, die sind ja da! Das ist TEIL Deiner Frau! Ein nuechterner Mensch ist allerdings in der LAge, diese dunklen Seiten zu reflektieren, zu filtern und angemessen zum Ausdruck zu bringen. Der Alkoholiker schreits raus wies kommt.
"In vino veritas" ...sagten schon die alten Roemer.
Da ist dann am naechsten Tag die Scham gross .... und "ich erinner mich an nichts mehr".....die bequemste Ausrede.

Ich kann Dir nur empfehlen, Dich hier einzulesen und auch bei den trockenen Alkoholikern ein wenig zu lesen.

Es nicht mehr gar so persoenlich nehmen, denn alles was Du beschreibst ist sooooo typisch.....fast schon symptomatisch!

Liebe Gruesse, Lindi

RenateO
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Beitrag von RenateO » 09.11.2013, 22:06

Hallo Karl
Willkommen hier....
Deine Frau bietet dir und den Kindern die ganze Palette eines ,,nassen ,, Alkoholikers.
Sie ist krank und Bestandteil dieser ,,Krankheit,, ist ihr Verhalten.
Du kannst ihr nicht helfen,du kannst nur für dich und die Kinder handeln.
Ich kann die Qual deines Lebens gut nachempfinden wie wohl die meisten hier.
Aber alles ,,verstehen,,ändert noch nichts an deiner Lage.
Du mußt ihr gegenüber Grenzen ziehen und die auch einhalten.
Sie muß klar wissen was passiert wenn sie so weitermacht (z.B. Trennung,Verlust der Kinder etc)
Drohe nur mit Dingen die du auch durchziehen kannst und willst,sonst wirst du unglaubwürdig und ihr Verhalten noch krasser.
Sind eure Kinder noch minderjährig?
Dann kannst du ihr drohen mit Jugendamt und das sie da auch Konsequenzen zu erwarten hat wenn du dir dort Hilfe und Unterstützung holst.
Such und finde Wege dich zu schützen bevor ein Unglück geschieht und du aus lauter Verzweilung wieder handgreiflich wirst.
Du mußt sie vor die Wahl stellen etwas gegen die Sucht zu tun (Klinik/ Entzug) ansonsten bis du weg mit den Kindern,so oder so wirst du beruflich und privat sonst auch mit untergehen.
Aus dieser Spirale kommst du mit gut zureden nicht raus und bisher hat noch keiner geschafft einen anderen trocken zu reden!!!!
Die Spielarten der Alkoholiker sind so vielfältig,eher zweifelst du an deinem Verstand/deinen Wahrnehmungen als das deine Frau zugibt das SIE ein Problem hat und euch eins verursacht.
LG R..

Florena
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Registriert: 09.03.2012, 00:13

Beitrag von Florena » 10.11.2013, 01:04

Hallo Karl,

herzlich willkommen hier. Ich bin noch nicht so weit wie die meisten anderen hier und möchte dir deshalb keine tollen Ratschläge geben, deren Einhaltung mir selbst noch extrem schwer fällt obwohl ich weiß, das sie richtig sind.

Dennoch möchte ich dich wissen lassen, dass ich, obwohl ich in meiner Beziehung das Ziel der Gewalt war, es sehr mutig finde, das du den Gewaltausbruch deiner Frau gegeüber so offen zugegeben hast. Das es falsch war, weißt du selbst, und das es nicht wieder vorkommen darf, aber ich habe auch Verständnis dafür, denn das was deine Frau die antut ist seelische Gewalt, und jedes Opfer hat früher oder später den Drang, sich zu wehren. Wie oft hab ich bei meinem XY nach einer Prügelatacke die Fantasie gehabt, ihm weh zu tun, aber irgendwann war ich so zermürbt das ich nicht mal mehr fähig war, mich zu wehren. Ich ließ alles nur noch über mich ergehen, in der Hoffnung es ist schneller vorbei. Irgendwann war es mir auch egal, was er mir körperlich antat, denn das Schlimmste war ohnehin das, was er in meinem Kopf anrichtete. Ich kannte mich selbst nicht mehr, bin auch jetzt noch ein Wrack, und es wird mich verdammt viel Arbeit kosten, mich zu normalisieren.

Ich kann dich nur bitten, lass es nicht soweit kommen. Auch wenn Heim und Geschäft dran hängt. Man kann auch mit sehr wenig Hab und Gut glücklich sein, sehr glücklich, aber wenn erst der Mensch kaputt ist ist Glück nicht mehr möglich und nur sehr schwer wieder herzustellen. Gerade wenn deine Kinder noch nicht erwachsen sein sollten, gib ihnen ein gutes Beispiel. Stell dir nur mal vor, was du ihnen raten würdest, wenn sie das selbe später durchleiden würden wie du jetzt, und nun stell dir vor sie hören nicht auf diesen Rat...

Mitfühlende Grüße.

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