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Die Prägung "Nicht stören"

Hilfe für Co-Abhängige, Partner und Angehörige von Alkoholikern bei der Coabhängigkeit
Biene1967
neuer Teilnehmer
Beiträge: 34
Registriert: 25.08.2017, 17:38

Beitrag von Biene1967 » 07.12.2017, 20:39

Nicita hat geschrieben:
Meine Mutter (sie ist seit über 20 Jahren Alkoholikerin, seit 3 Monaten zwangstrocken und schwerkrank) hatte immer eine etwas unberechenbare Persönlichkeit. Ich glaube, das war schon immer so, auch damals, als sie quasi noch keine „echte“ sondern geduldete Alkoholikerin war.

Sie war einmal nett und liebevoll, dann wieder zornig und eingeschnappt und ich als Kind ständig hin und her gebeutelt, zwischen ihren Launen. Ich hab edann immer versucht mich auf ihre Laune einzustellen und besonders lieb zu sein, sie aufzuheitern, Späße zu machen, auszugleichen, denn wenn ich besonders lieb und bemüht bin, dann mag sie mich ja auch vielleicht wieder?!
Liebe Nicita,
was Du da beschreibst, ist mir sehr vertraut.
Vor allem mein ständiges Bemühen, seine Laune positiv zu beeinflussen.
Ausgleichen, aufheitern, lieb sein, nicht persönlich nehmen .... das war meine Strategie. Also eine Art Überanpassung.

Wegen irgendwas beleidigt war er dann trotzdem. Einmal brachte ich ihm seine Lieblingsbonbons mit - das fand er unsensibel, weil er Zahnschmerzen hatte (was ich vorher nicht wusste).
Also selbst die nette Geste war dann nicht richtig und Anlass für sein gekränkt sein. Es war ein Eiertanz ohne Ausweg. Und doch fühlte ich mich permanent unzulänglich (mir wurden auch verschiedene Methoden nahegelegt, mich weiterzubilden in Kommunikation).
"Naschkatze" war eine Beleidigung für ihn, für die tagelang geschmollt wurde und die meine mangelnde Sensibilität deutlich machte.
Also: Wenn ICH nur richtig kommuniziere, wäre alles gut.
Um ehrlich zu sein: Ich habe irgendwann kaum noch etwas gesagt, weil es ja meist ganz anders ankam.


Irgendwie fühle ich mich wie gehirngewaschen, weil ich mir selbst Kommunikation nicht mehr zutraute. Denn was immer ich sagte, kränkte, verärgerte, machte traurig oder nervte.

Mir fehlt gerade das Selbstvertrauen sehr.

Helli 48
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Beiträge: 7
Registriert: 27.11.2017, 17:26

Beitrag von Helli 48 » 08.12.2017, 15:03

Hallo Biene,

Im Lauf der Zeit macht man sich ja SEINE Strategie zu eigen, man verleugnet das Alkoholproblem.
Erst wenn Du es schaffst dahin zu schauen lösen sich die Schuldgefühle allmählich auf. Der Selbstwert kommt langsam zurück, aber es wurde sehr viel zerstört. Was bei mir nun vorrangig da ist, ist die Trauer darüber das es unmöglich war eine "normale " Beziehung zu führen. Du kannst alles geben aber Du schaffst es nicht eine harmonische und ausgeglichene Atmosphäre zu schaffen weil, wie gesagt, der nichtigste Anlass Grund zu Aggression und dergleichen wird.

Bei mir kam noch dazu, das er die ganzen Launen auf die Fernbeziehung schob, die ich nichts so schnell verändern konnte wie er das wollte.
Also war die Schuldzuweisung ausweglos für mich, sein Verhalten war quasi für mich gar nicht zu ändern obwohl ich "schuld" war. Ich habe mich förmlich selbst zerfleischt, mein Denken kreiste nur mehr um das Ändern der Situation- können, wollen und wie es zu machen wäre- . Auf die Idee das der Alkohol diese Verhaltensweisen verursachen könnte bin ich lange gar nicht gekommen.

Ich zitiere wieder Martin:
alles was ihn vom trinken abhält ist eine "Last" für ihn.
Es ist auch nicht so einfach die jeweils andere Seite zu verstehen, so geht es mir zumindest Verlegen
Weil wir das überhaupt nicht verstehen können was da im anderen vorgeht, ist es so schwer zu sehen was da abgelaufen ist.

Eine schönes Wochenende wünsche ich Dir und tu Dir was Gutes!
Helli

Biene1967
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Re: Die Prägung "Nicht stören"

Beitrag von Biene1967 » 20.06.2018, 17:16

Liebe Mitleser und -schreiber,
es ist ein halbes Jahr vergangen.
Ich lese hier regelmässig, finde mich besonders in den Co-Abhängigen Symptomen erschreckend wieder. Im Moment spüre ich eine regelrechte "Sucht" nach dem alten Leben.

Angetriggert wird dies durch die bevorstehende Urlaubszeit. Wir sind jeden Sommer campen gefahren mit dem Wohnmobil. In meiner Erinnerung war die Zeit davor das Wunderbarste der Welt: Vorfreude, planen, Vorbereiten. Als geübte Planerin habe ich mich mit Freuden um allerlei gekümmert. Mir schnürt es derzeit die Kehle zu, wenn ich am Outdoorladen vorbeigehe und an die alten Zeiten denke.
Ich habe damals auch viel genäht und geschraubt für das WoMo. Erstens, weil mir das Spass macht. Und ganz arg vor allem für das WIR-Gefühl. Dieses "für uns" hatte einen sehr hohen Wert.
Auch wenn mein KOPF versteht, dass da mehr WIR-Illusion war als WIR-Realität, bekommt mein Bauch diese Sehnsucht.

Seltsam, eigentlich war das Campen gar nicht so toll, enge Campingplätze, relativ unruhig.
Meist wollte mein Ex lange schlafen (eben viel Alkohol am Abend), erst am frühen Nachmittag kamen wir los, dann irgendwo einkaufen (ich kenne alle europäischen Biersorten ...), spätestens um fünf auf den nächsten Platz und dann kam nicht mehr viel.
Also, mein Bauch sehnt sich zum Zerreissen nach dem "Wir" der Vorfreude, auch wenn der Kopf es besser weiß.

Was macht man mit Sehn-SUCHT?
Habt Ihr Tricks, um die loszuwerden?

LG Biene

Gotti
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Registriert: 04.02.2008, 19:01

Re: Die Prägung "Nicht stören"

Beitrag von Gotti » 22.06.2018, 07:54

Alleine verreisen!!!! Irgendwie machbar machen - evtl. auch ein, zwei Nächte in der Jugendherberge - Hauptsache WEG!
Alles Liebe, Gotti.

Karotte 2.0
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Re: Die Prägung "Nicht stören"

Beitrag von Karotte 2.0 » 26.07.2018, 23:37

Kommt mir auch irgendwie bekannt vor. Ich habe festgestellt das immer wnen ich mal von mir spreche das als Angriff verstanden wird oder er sowieso gleich wieder auf sich umschänkt und mir auch immer wieder klar macht das ich irgendwie anstrengnd bin und nicht leicht genug und das mit anderen Frauen ja besser ist. Allerdings ist er seit 1,5 Jahren trocken... aber mich erinnert genau dieses Verhalten an früher. wo ich auch immer gestört hatte und immer die nervige war und er auch wegen mir trank, ne is klar... aber irgendwie sitzt das echt und trifft mich immer wieder.
Und ich kenne auch von Zuhause früher sowas: nicht richtig sein... kanns aber nicht genau einordnen. Ich war sehr früh sehr selbstständig aber für mich hat sich in dem Sinn keiner interessiert oder gekümmert nur wenn es Probleme gab.
Und er erinnert mich so im Miteinander manchmal an meine Mutter(abwertend), die allerdings nicht getrunken hat. Mein Vater schon aber ich kann nicht einschätzen ob er Alkoholiker wahr. Der wollte aber auch immer seine Ruhe und nahm am Familienleben nicht teil
Ja scheinbar sucht man sich immer wieder die selben Muster um ...? vielleicht noch was zu lernen? was zu ändern... ich weiß es nicht.

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