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Die Prägung "Nicht stören"

Hilfe für Co-Abhängige, Partner und Angehörige von Alkoholikern bei der Coabhängigkeit

Moderator: Moderatoren

Morgenrot
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Beitrag von Morgenrot » 27.08.2017, 13:40

und wenn er merkt, das er die Kontrolle verliert, hat er seinen Grund.
Denn sowie du etwas für dich änderst, scheint es bei ihm anzukommen wie "Kontrollverlust".
Als ich damals hier im Forum begann, und mir auch noch eine reale Gruppe suchte, witterte er Gefahr für sich, und wurde unausstehlich.



lg Morgenrot

Biene1967
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Beitrag von Biene1967 » 27.08.2017, 14:05

Morgenrot,
ich habe mehr das Gefühl, es geht um Kontrolle von Nähe und Distanz. Wenn ich "lieb" bin, damit er nicht unausstehlich wird, kann ich nichts verlangen, kann keine Bedürfnisse anmelden, bin ich sozusagen pflegeleicht und anspruchslos.
Ich mag nicht mehr "anspruchslos" sein.

Neulich fragte er mal: "Was willst du denn?" Ich sagte, ich wolle gern mal in den Arm genommen werden (Ich hatte einen anstrengenden Arbeitstag gehabt). Als Antwort kam "Warum brauchst Du eine Umarmung? Ich kann das jetzt nicht".
Und so werde ich zur Bedürfnislosigkeit erzogen ....
Das wird gern so verquer begründet, dass meine Bedürfnisse offenbar meine "Altlast" wären und somit nicht sein Problem.
Nur mag ich mir wegen des Bedürfnisses einer Umarmung nicht gern eine Defizit unterstellen lassen oder das umständlich erklären müssen.

Na, und so ist in solchen banalen Situationen die Schieflage und der Streit dann da. Es ist zermürbend und ja, unberechenbar.
Und bei mir eben das Schuldgefühl, ich hätte unangemessene Ansprüche

Thalia1913
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Beitrag von Thalia1913 » 27.08.2017, 17:14

Hallo Biene,
herzlich willkommen.

Ich glaube, manche von uns - und gerade wir Kinder von psychisch kranken Eltern - haben sehr starke Antennen entwickelt, was die Befindlichkeiten unseres Umfeldes angeht. Und auch trainiert, die Verantwortung dafür zu übernehmen. So haben wir versucht ...stop, ich red mal lieber von mir statt von "wir", also: so habe ich versucht, irgendwie Einfluss zu nehmen, Kontrolle zu bekommen über die Unkontrollierbarkeit, Unberechenbarkeit. Das ist ein Muster, das ganz schön tief sitzt.

Gerade, wenn du auch von Hochsensibilität sprichst, dann weißt du ja, was ich meine.

Ich habe es nicht innerhalb meiner Beziehung geschafft, mich davon soweit frei zu machen, dass es mir besser ging. (Und bei meinem Partner spielte noch nicht mal Alkohol eine Rolle!)

Ich glaube, dieses ungesunde aufeinander bezogen sein (denn das läuft ja in beiden Richtungen) kann man durchbrechen, aber es ist schwer, weil es mit soviel negativen Gefühlen (Schuldgefühlen, Angst vor Einsamkeit etc.) einher geht.

Hast du schon mal über eine Psychotherapie nachgedacht?

Viele Grüße
Thalia

Biene1967
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Beitrag von Biene1967 » 27.08.2017, 19:28

Hallo Thalia,

ja, das beschreibst Du gut, diese Antennen. Und irgendwie auch eine Art "Größenwahn" wenn man meint, das Verhalten des anderen steuern zu können mit Wohlgefälligkeit.

Therapeutische Beratungen hatte ich bereits ein paar, es bestätigte vor allem meine Überanpassung. Meine Angst ist vom Verstehen aber nicht besser.
Hast Du Dich denn auch sensibel den Befindlichkeiten Deines Partners angepasst und bist selbst verlorengegangen?

Ich habe keine Ahnung mehr, wie ich meine Bedürfnisse anbringen soll- Es geht noch nicht einmal primär um die Trinkgewohnheiten, es geht auch darum, dass ich auch mal etwas Zuwendung brauche. Und nicht nur, wenn sie mir "zugeteilt" wird.
Ich bin schon wahre Auskennerin in Ich-Botschaften, wie man "richtig" um etwas bittet etc. Nur fühle ich mich dabei ALLEIN und mache schon wieder Dinge, die wir beide tun sollten.
Als könne ich allein einen Umgang heilen ... um überhaupt wieder Gespräche zu ermöglichen. Das Thema Alkoholkonsum geht auf dieser Ebene der Zaghaften gar nicht.

Ja, und ich sehne mich nach dem, der er einmal war.
"Wir schaffen das" war sein Satz.
Und nun schaffe ich so viel allein, weil er nicht will/kann.
Ich denke, ich bin nur noch Zweck, um nicht allein zu sein. Ein Wir kommt von ihm nicht mehr. Eher komme ich mir vor wie eine "Bedrohung" seines Ungestörtseins. Freizeitgestaltung und dann ab vor den Fernseher und Biertrinken. Das wirkt fast trotzig, wenn er da so glasig vor sich hinstiert.

Thalia1913
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Beitrag von Thalia1913 » 05.09.2017, 23:26

Hallo Biene,

wie geht es dir inzwischen?

Bitte entschuldige meine späte Antwort. Ja, ich habe mich in der Bemühung, die anderen (meinen Partner, eigentlich die ganze Welt) unter Kontrolle zu halten (damit er/sie lieb zu mir ist) auch selbst verloren. Und dann noch ein zweites Mal durch meine Alkoholabhängigkeit, beides hängt bei mir eng zusammen.

Meine "offenen Sinne" für die Befindlichkeiten der Menschen, die mich umgeben, hatte ich immer schon (soweit ich mich an mich erinnern kann). Was davon Veranlagung ist und was auf die Familienkonstellation in der Kindheit zurückzuführen ist, ist für mich mittlerweile zweitrangig. Durchs Verstehen wird es letztlich auch nicht anders (auch wenn ich das gerne glauben mag).

Du schreibst von Bedürfnissen. Die sind ein wichtiger Hinweis für dich. Wenn ich weiß, woran es mir mangelt, dann kann ich mich daran machen, diesen Mangel zu stillen. Ich! Nicht mein Partner, ich.
Herauszufinden, was ich wirklich (!) brauche, das ist nicht leicht, finde ich.

Viele Grüße
Thalia

Biene1967
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Beitrag von Biene1967 » 09.09.2017, 10:35

Thalia1913 hat geschrieben:
Du schreibst von Bedürfnissen. Die sind ein wichtiger Hinweis für dich. Wenn ich weiß, woran es mir mangelt, dann kann ich mich daran machen, diesen Mangel zu stillen. Ich! Nicht mein Partner, ich.
Herauszufinden, was ich wirklich (!) brauche, das ist nicht leicht, finde ich.
Liebe Thalia,
Dankeschön für Deine Antwort. Mir geht es gerade nicht so gut, ich fühle mich alleingelassen .... und da nun der Bogen zu dem obigen Zitat:
Überall liest man, man sei allein für das Stillen seiner Bedürfnisse zuständig. In weiten teilen stimme ich da zu.
Nur mein tiefstes Grundbedürfnis, nämlich das nach einem Wir-Gefühl, das kann ich nicht allein stillen. Beruflich ja, da habe ich mir mein tolles Team gesucht. Privat .... nein, da fehlt es mir.
Und der Verzicht auf Bedürfnisse, also sie an jemanden herantragen, das finde ich dann doch befremdlich.
Ist bedürfnisfrei und nichts erwarten nicht sehr unverbindlich? Ich glaube, ich müsste mich sehr verstellen, wenn ich mich erwartungsfrei zeigte. Das mag für einen Partner "easy" und erholsam sein, doch so ein Grundbedürfnis gehört doch auch zu mir und muss Raum haben.

Ich wünsche mir ein GESUNDES aufeinander bezogen sein.

lütte69
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Beitrag von lütte69 » 11.09.2017, 08:54

Hallo Biene,
Ich wünsche mir ein GESUNDES aufeinander bezogen sein.
Meiner Meinung nach geht das nur, wenn beide mit sich im Reinen sind. Ich bin grundsätzlich auch der Meinung, dass ich für die Befriedigung meiner Bedürfnisse verantwortlich bin bzw. wenn ich mich irgendwie einen Mangel fühle, ich dafür sorgen kann/muss, diesen Mangel auszugleichen. Bürde ich dem Partner nicht eine Last auf, wenn ich sage, Du bist für die Befriedigung meiner Bedürfnisse verantwortlich und ziehe mich mich selbst damit nicht aus der Verantwortung und nehme mir die Chance, mein Leben zu gestalten? Bis zum Tag x war ich auch der Meinung, dass sich nur mein Mann zu ändern brauchte und meine Welt wäre in Ordnung. Dann die Trennung und meine Welt war nicht in Ordnung. Als ich anfing, mich selbst um meine Mängel zu kümmern, kam meine Welt langsam in Ordnung. Heute, 5 Jahre später, leben wir beide zusammen ein neue Beziehung. Wir brauchten eine gewisse Zeit um jeder für sich ins Reine zu kommen und jetzt haben wir ein gesundes aufeinander bezogen sein.

sonnige Grüße
Lütte

Biene1967
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Beitrag von Biene1967 » 21.10.2017, 16:07

Liebe Lütte,

ich stimme Dir zu, dass niemand dafür verantwortlich ist, meine Bedürfnisse vollumfänglich zu erfüllen - außer ich selbst.

Wenn jedoch so gar kein Bedürfnis erfüllt wird (eine Umarmung, eine Rückmeldung, mein Schlafbedürfnis als Frühaufsteher), dann glaube ich nicht, dass dieser Partner gut für mich ist.
So eine "Mangelbeziehung" kann ich mir nicht schönreden, indem ich mir alle Bedürfnisse selbst erfülle.

Gute Freunde zu haben, den Tag schön zu gestalten, mir Gutes tun, Achtsamkeit mir selbst gegenüber - ja, das ist meine Verantwortung.
Nur eben dies Projektionsfläche sein für die Unzufriedenheit des Partners, Blitzableiter für die Launen, das ist dann doch zu wenig und läuft meinen Bedürfnissen deutlich entgegen.

Ist ein Bedürfnis nach Freundlichkeit im Umgang miteinander schon zuviel Last, die ich ihm da aufbürde?

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