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Die Wahrheit tut weh

Hilfe für Co-Abhängige, Partner und Angehörige von Alkoholikern bei der Coabhängigkeit

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Helli 48
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Beiträge: 7
Registriert: 27.11.2017, 17:26

Die Wahrheit tut weh

Beitrag von Helli 48 » 30.11.2017, 22:09

Hallo,

Ich bin Helli und ich möchte zu Beginn noch einmal kurz meine Vorstellung zusammenfassen.
Ich habe nach 23 Jahren durch die Arbeit zufällig meine Jugendliebe wiedergefunden. Damals waren wir nur kurz zusammen. Zum Zeitpunkt des Wiederfindens war er, laut seinen Aussagen, in der zweiten unglücklichen Ehe und hatte mich angeblich nie vergessen können. Er hat schon nach dem ersten Wiedersehen und einigen Mails und Telefonaten, seiner Frau gesagt das er sich scheiden lassen will. Für mich war es wie in einem Film und mir ist zu dem Zeitpunkt vor lauter Romantik gar nicht aufgefallen das alles - naja- absurd war. Was mir sofort aufgefallen ist war, das er, wenn wir zusammen waren, ständig Bier getrunken hat und man ihm auch nach 5,6 halben Litern Bier überhaupt nichts angemerkt hat. Aber darüber habe ich hinweg gesehen, es war ja die große Liebe, alles Bestimmung und er hat mich überschüttet mit Liebesschwüren wie kein anderer Mann in meinem Leben.
Da er in einer anderen Stadt lebt (zwei Std. Entfernung), wollte er nach wenigen Wochen das ich genauso schnell wie er, mein bisheriges Leben aufgebe. Ich war auf Wolke 7 und habe gleich eine Wohnung mit ihm gemeinsam gesucht und sogar meine Versetzung beantragt.

Dann wurde sein Verhalten recht schnell eigenartig. Er war nach zwei Monaten erst mal allein in der neuen Wohnung, kam dann mit der Situation des Alleinseins nicht zurecht und wurde immer drängender das ich so schnell wie möglich bei ihm sein sollte, meinen guten Job kündigen sollte und ihn wie gewohnt umsorgen- was er nicht gesagt hat, aber er war unfähig sich selbst zu versorgen. Also alles recht egoistisch. Aber ich habe das nicht so gesehen, sondern auch seine Seite verstanden und ihm immer zu helfen versucht, zugeredet etc. Es gab sonst keine Probleme im Umfeld, da die Frau auf die Scheidung eingewilligt hat, er hat ihr das Haus und Auto überlassen und hatte nichts mehr. Die erwachsenen Kinder haben mich auch gleich akzeptiert. Der Vorwurf kam dann nur von seiner Seite, das er alles für mich getan hatte und ich noch immer nichts und der Druck und die Schuldgefühle wurden immer größer. Und da kommt der Alkohol ins Spiel. Die Geschichte wurde so verworren das ich ein Jahr nach der Trennung gebraucht habe um überhaupt etwas klar zu sehen und jetzt noch ein paar Monate später noch immer dabei bin alles zu verarbeiten.
Das ganze Thema das ich nicht ganz bei ihm sein konnte, alles ja "so schwierig " war, hat vom eigentlichen Problem abgelenkt: das er von früh bis spät getrunken hat.
Natürlich habe ich ihn darauf angesprochen, aber entweder kamen Sprüche wie: die paar Biere und Bier ist ein Naturprodukt und gesünder als Limonaden oder er wurde ungehalten. Wobei die aggressive Reaktion mit der Zeit überhand nahm. Ich habe es wirklich im Guten versucht, ihn auf die Gesundheit hingewiesen und versucht ein Gespräch darüber zu beginnen, ihn zu motivieren mit mir zu wandern, ins Kino zu gehen oder anderes zu unternehmen. Aber alles wo kein Bier konsumiert werden konnte, wurde sowieso mit Ausreden abgelehnt. Die Tage verliefen dann meist so, das wir in einer Almhütte, Gasthaus oder dergleichen Stunden verbrachten und er bis spätabends trank ohne betrunken zu sein. So redete ich mir auch ein, das man ja damit leben konnte. Er trank eben, war aber sonst ja unauffällig. Das meine Bedürfnisse zu kurz gekommen sind habe ich in Kauf genommen, ich habe überhaupt alles in Kauf genommen. Schließlich liebte er mich ja so, hatte soviel für mich getan und ich war schuld das er oft gemein mir gegenüber wurde weil ich ja schließlich zögerte zu ihm zu ziehen- meine Versetzung hatte ich ausgesetzt- weil ich einfach nicht mehr wusste was ich machen sollte, ich war hin und hergerissen zwischen meinen Gefühlen zu ihm, der Angst vor dieser Entscheidung und das er mich längst nicht mehr gut behandelte. Was sich verstärkte wenn er nur "merkte" das mich das ständige Bier trinken störte. Dann war ich seiner Meinung nach launisch, es war mit mir nicht auszuhalten - und wenn ich eine Versöhnung herbei führen wollte, war ich anhänglich. Wollte ich ihn umarmen war ich klammernd.
Kurz gesagt, alles war von seiner Stimmung abhängig die sich sehr schnell ändern konnte.
Ich verstummte immer mehr, weil es ja keinen Sinn machte etwas anzusprechen, auch wenn es nicht ums trinken ging. Er unterstellte mir dann gleich das ich sowieso nie zu ihm wollte, das er jetzt nur Probleme hatte die er vorher nicht hatte.......er machte ein paar mal Schluss um einige Tage später wieder aufzutauchen weil er mich doch vermisste. Aber "leider hatte ja alles keinen Sinn weil ich mich bei ihm in der Stadt auch nicht wohl fühlte"; - wie sollte ich.....

Um vorerst zum Ende zu kommen: Nach 1,5 Jahren machte er dann wirklich Schluß weil wir nicht "zusammen passen" würden und er jemand möchte der bei ihm wohnt. Kein einziges mal hat er auch nur ansatzweise zugegeben zu viel zu trinken. Ich habe zeitenweise selber daran geglaubt.
Ein Freund von ihm hat wohl einmal mit mir darüber geredet das XY ein Problem habe, aber alle anderen Freunde haben noch mehr getrunken. Und die Familie hat weg geschaut. Also, ich war am Ende die Schlechte, für die er alles aufgegeben hat, er wurde von mir enttäuscht und im Stich gelassen und ich habe ihn ausgenutzt. Sein Sohn wollte mit mir auch nichts mehr zu tun haben.
Niemand wollte die Wahrheit hören oder wie es mir wirklich gegangen ist. Die Qual das ich so gern mit ihm gelebt hätte, aber so keine Möglichkeit gesehen habe. Ihn nicht im Stich lassen wollte, aber auch nicht alles aufgeben für eine ungewisse Zukunft.
Nach der Beziehung hatten wir noch eine Zeitlang Kontakt. Er hatte sehr schnell wieder eine Beziehung. Zuerst hat er behauptet nichts mehr zu trinken. Einige Monate später war wieder Kontakt, da hatte er eine andere Beziehung und war erfreut "das Problem mit dem Bier nicht mehr zu haben", da sie selber gerne trinken würde. Toll!! Ich dachte, das ich nicht richtig höre, wie er erzählt hat das sie am Abend mit ihm 4 halbe Biere trinkt. Die Beziehung besteht, soviel ich weiß, noch immer, aber ich habe schon Monate keinen Kontakt mehr, er will ja auch niemand im Freundeskreis haben der ihm sagt das er ein Problem hat.

Habt ihr auch vor Euch selber verleugnet was offensichtlich war?

Habt ihr Euch auch nach Beziehungsende noch verantwortlich gefühlt zu kontrollieren ob er/sie noch trinkt? Und hattet gleichzeitig Angst er/síe hat eine Erleuchtung, ändert das Leben und wird mit jemand anderen glücklich, wie ihr es wolltet?

War auch ein anderes "Problem" oder Euer Verhalten so vorrangig das der Alkohol im Hintergrund war oder nicht mehr thematisiert wurde?

Hat es mit der Sucht zu tun wenn jemand sein Leben so ungewöhnlich schnell immer wieder verändert ?(er ist auch dreimal umgezogen seither, weil alle Wohnungen Fehlentscheidungen waren)

Ich war wie in einem Nebel der sich langsam lichtet. Aber das es so lange dauert, kennt das noch jemand? Und das da so lange Gefühle da sind, trotz der vielen Verletzungen


Helli

lütte69
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Beitrag von lütte69 » 01.12.2017, 08:36

Herzliche willkommen liebe Helli,

da hat Dich Dein Instinkt ja vor einer noch größeren Katastrophe gerettet.
Habt ihr auch vor Euch selber verleugnet was offensichtlich war?
Ich hab es jahrelang nicht erkannt. Ich war unglücklich, wusste aber nicht woran es lag. Es war doch alles normal - Kind, Arbeit, Haus und Hof. Dieser ganze Prozess war so schleichend, dass erst ein Gespräch mit meinem Kind mir die Augen geöffnet hat.
War auch ein anderes "Problem" oder Euer Verhalten so vorrangig das der Alkohol im Hintergrund war oder nicht mehr thematisiert wurde?
Ohne jemandem zu nahe treten zu wollen, bin ich der Überzeugung, dass der trinkende Partner Meister darin ist, vom eigentlichen Thema abzulenken und es am Ende so aussehen zu lassen, dass er das Opfer ist und Du ein Problem hast, aber nicht er/sie. Ein großes Dilemma, aus dem ich mich, als harmoniesüchtige Person, nur sehr schwer befreien konnte.

Du hast jetzt die Möglichkeit, Dein Leben in die Hand zu nehmen und es nach Deinen Wünschen zu gestalten. Er ist erwachsen und für sein Leben verantwortlich. Logisch sind da noch Gefühle, da sind geplatzte Träume, Ziele, die nicht erreicht wurden. Aber wie sähe das Leben an seiner Seite aus? Ich hab aus Deinem Bericht nicht herausgelesen, dass er auch nur ansatzweise Einsicht zeigt. Kannst Du mit einem Alki an Deiner Seite Deine Träume erfüllen?

Wie wäre es, wenn Du den Fokus darauf legst, dass es Dir gut geht. Das lenkt vielleicht auch ein bisschen vom Thema "er" ab. Es liegt nicht in Deiner Macht ihn zu ändern, aber es liegt in Deiner Macht, Dich glücklich zu machen.

Ich wünsche Dir viel Kraft und Geduld
sonnige Grüße
lütte

Biene1967
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Re: Die Wahrheit tut weh

Beitrag von Biene1967 » 01.12.2017, 09:50

Liebe Helli,

ich habe da ein paar Parallelen entdeckt, bin auch noch "im Nebel" unterwegs, was da für Dynamiken präsent waren.
Helli 48 hat geschrieben: Und hattet gleichzeitig Angst er/síe hat eine Erleuchtung, ändert das Leben und wird mit jemand anderen glücklich, wie ihr es wolltet?
Ja, ich hatte Angst, bei ihm wird mit neuer Frau alles gut und er lässt sich ein auf das WIR, das ich mir so gewünscht hatte.
Helli 48 hat geschrieben: War auch ein anderes "Problem" oder Euer Verhalten so vorrangig das der Alkohol im Hintergrund war oder nicht mehr thematisiert wurde?
Das habe ich auch so erlebt. Meine Unzulänglichkeiten wurden stark problematisiert, auch wenn es Alltägliches war.
Meine Bedürfnisse waren darüber hinaus für ihn unangemessen (Ganz normale Wünsche nach Zuverlässigkeit, Zuwendung, Zärtlichkeit)
Durch diese vielen heraufbeschworenen Themen geriet der Bierkonsum in den Hintergrund. Vielleicht eben ein ganz trickreiches Ablenkungsmanöver?

Dafina
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Re: Die Wahrheit tut weh

Beitrag von Dafina » 01.12.2017, 12:45

Helli 48 hat geschrieben:Hallo,


Habt ihr Euch auch nach Beziehungsende noch verantwortlich gefühlt zu kontrollieren ob er/sie noch trinkt? Und hattet gleichzeitig Angst er/síe hat eine Erleuchtung, ändert das Leben und wird mit jemand anderen glücklich, wie ihr es wolltet?


Helli
Genau damit habe ich im Moment auch zu kämpfen. Wir sind seit 3 Monaten getrennt, nach knapp 20 Jahren Ehe, und es fällt mir auch wahnsinnig schwer. Finde im Moment auch keine Lösung.

Helli 48
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Registriert: 27.11.2017, 17:26

Beitrag von Helli 48 » 02.12.2017, 22:30

Schönen Abend und herzlichen Dank für Eure Antworten!

Ich habe einiges auch in anderen Beiträgen gelesen und ich fühle mich nicht mehr so allein mit meinen Erfahrungen. Es ist gleichzeitig erschütternd wieviele Menschen betroffen sind und das gleiche erleben. Aber wenn man nicht betroffen ist kann man sich nicht vorstellen das man in die Sucht mit hineingezogen wird und sich selbst verliert. Auch wenn ich mit Freunden gesprochen habe, es war ihnen trotzdem nicht verständlich das ich mich nicht einfach getrennt habe als ich gesehen habe das XY soviel trinkt. Ich habe mir auch eingeredet, indem ich ja nicht zu ihm gezogen bin und mich dadurch zwischendurch abgrenzen konnte, das ich nicht Co Abhängig bin. Außerdem habe ich mir nicht direkt überlegt wie ich ihm "helfen" kann. In Wahrheit war ich mittendrin und habe seine Sucht unterstützt. Ich habe ihn chauffiert weil er ab dem Nachmittag nie mehr Auto fahren konnte, habe im Urlaub darauf geachtet das es dort eine Poolbar gibt, damit wir in dieser Therme nicht nur im Restaurant sitzen...es ließe sich so fortsetzen. Aber gleichzeitig war ich dann gar nicht glücklich mit diesen Situationen.

Hallo Lütte
da hat Dich Dein Instinkt ja vor einer noch größeren Katastrophe gerettet
.
Es war eher auch der Umstand das er weiter entfernt gewohnt hat. Hätten wir in der gleichen Stadt gewohnt und er wäre zB. gleich bei mir eingezogen wäre da sicher eine andere Dynamik entstanden.
Ich hab es jahrelang nicht erkannt. Ich war unglücklich, wusste aber nicht woran es lag. Es war doch alles normal - Kind, Arbeit, Haus und Hof
Ich habe auch nicht erkannt warum ich plötzlich solche Angst hatte vor dem Schritt zu ihm zu übersiedeln. Da waren auch die neue Arbeit usw. vorrangige Gründe. Was ja sicher auch mitspielt bei so einem Schritt. Das kann man aber normalerweise sicher alles gemeinsam besprechen und lösen. Ich denke, wie Du es beschreibst hat es auch in seinen Ehen ausgesehen, nach außen alles normal, aber natürlich ist niemand wirklich glücklich dabei. Er wollte auch zur Frau zurück weil es ja mit uns zuviele Probleme gab (Entfernung), ich zuviel an ihm auszusetzen hatte (Alkohol und sein Verhalten mir gegenüber dann), in Wahrheit wahrscheinlich deshalb weil sich mit den Jahren alles eingespielt hatte und er bequem trinken konnte. Sie sagte wohl nicht mehr viel dazu, ging ihrem Beruf nach und unternahm viel mit dem Sohn. So läuft es ja sehr oft ab. Jeder hat seinen Bereich und man hat sich arrangiert. So wollte ich nicht enden und von daher hast Du völlig recht. Der Alltag mit ihm wäre wohl unerträglich geworden.
Ich habe einen großen Freundeskreis und unternehme sehr viel, habe seit der Trennung auch wieder Reisen unternommen und meine Hobbies gepflegt. Also an "Ablenkung" würde es nicht mangeln. Aber da kommt trotzdem immer wieder vieles von den Verletzungen und der Enttäuschung hoch. Von da her möchte ich für mich noch einiges aufarbeiten.

Liebe Biene
Durch diese vielen heraufbeschworenen Themen geriet der Bierkonsum in den Hintergrund. Vielleicht eben ein ganz trickreiches Ablenkungsmanöver?
Ich bin zu diesem Schluß gekommen;
In der Beziehung geht die ganze Energie in das Suchtproblem. Der abhängige Partner ist damit beschäftigt die Sucht zu verleugnen und davon abzulenken. Gleichzeitig drehen sich die Gedanken darum wann und wie er/ sie möglichst unauffällig wieder konsumieren kann. Und wir als Co kreisen in Gedanken auch nur mehr darum wieviel er/ sie wieder trinken wird, ob man vielleicht doch übertreibt und achtet womöglich darauf das die Stimmung nicht kippt. Meistens ist mir das nicht gelungen. Bis zum Abend hat ein falsches Wort genügt das es zu verbalen Angriffen oder eisigen Schweigen gekommen ist. Vielleicht auch heraufbeschworen damit ich ihm nicht mehr näher gekommen bin.
Würde man nur all diese Energie in die Beziehung investieren können!

Ich frage mich auch welcher Mensch er gewesen wäre wenn er nüchtern gewesen wäre. Es ist wie bei der Henne und dem Ei; waren zuerst die Probleme da sich auf Nähe einzulassen und zu reden oder sind sie durchs trinken entstanden.

Liebe Grüße an alle
Helli

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