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Fragen an einen Alkoholiker

Hilfe für Co-Abhängige, Partner und Angehörige von Alkoholikern bei der Coabhängigkeit

Moderator: Moderatoren

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Hartmut
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Beitrag von Hartmut » 30.01.2018, 23:53

Hallo Maskotchen
Warum meiden therapierte Alkoholiker den Rückblick?
meinst sicherlich trockene Alkoholiker. Ob das nun alle meiden kann ich dir nicht sagen . Ich war zumindest in keiner Alkoholtherapie, hatte keinen Therapeut ,da mein Verhältnis dazu gespalten ist. Ich bin mit dem Forum trocken geworden.

Ich meide auch nicht den Rückblick, ich brauche ihn ja nicht für mein jetziges Leben. Ich muss auch nicht alles rückwirkend verstehen wenn ich vorwärts lebe. Ich weiß ja was passiert ist.

Gruß Hartmut

Sunshine_33
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Beitrag von Sunshine_33 » 31.01.2018, 08:49

Warum meiden therapierte Alkoholiker den Rückblick?
Ich frage mich, wie Du auf solche Sachen kommst, Maskottchen?
Sind das auch typische Vorurteile über Alkoholiker? Ich weiß es gar nicht?

Ich bin auch keine "therapierte Alkoholikerin" :wink: , aber ich denke auch, Du meinst wohl "trockene Alkoholiker"...
Ich habe sehr wohl Rückblicke gehalten, allein um da hinzuschauen, wo ich NIE WIEDER hin will.
Und es gab auch mehrere ausführliche Gespräche mit meiner Tochter und meinem Mann diesbezüglich.
Außerdem dienten mir Rückblicke zur Verarbeitung meiner Vergangenheit.
Ich habe das also nie gemieden.

Aaaaaber damit eins mal klar ist, ich trage KEINE Büßerkutte ! Ich habe eine KRANKHEIT und das bitte ich zu berücksichtigen.
Wenn das jemand anders sehen will, mir egal... aber das sind nun mal die Fakten.
Und das Leben lebt sich nach vorn, nicht rückwärts !
Ich werde nicht in meiner Vergangheit leben, ich habe auch ein Recht auf ein schönes Leben und eine schöne Zukunft.

Maskottchen, wir Alkoholiker haben zum größten Teil auch ein Alkoholtrauma hinter uns. Und es dauert lange, bis das heilt.
Sich aber in einer Opferrolle zu suhlen ist relativ einfach... schwieriger ist es, wieder (oder überhaupt) Verantwortung für das eigenen Leben zu übernehmen.
Und das müssen wir Alkoholiker zu einem großen Teil auch (wieder) lernen.
Denn allzu oft haben wir auch Verantwortung abgegegen, an den Partner, Angehörige etc.

Ich habe allerdings mitunter den Eindruck, das manche Menschen gern in einer Opferrolle verbleiben, es sich darin auch recht "gemütlich" eingerichtet haben.
(Und ich meine hier nicht nur Angehörige von Alkoholikern !)
Und so sind dann imnmer andere Schuld, wenn was schief läuft.
Erlebe ich gerade extrem im weitläufigeren Familienkreis mit.
Da sind dann alle möglichen anderen Leute schuld, wenn was schief läuft im Leben, nur merkwürdigerweise man selbst nie. 8)
Erstaunlich... und vor allem extrem unwahrscheinlich.

Wie auch immer, ich schaue lieber weiterhin nach vorn.
Meine Vergangenheit habe ich auch soweit "abgearbeitet" und ich war dabei auch immer für andere ansprechbar.
Und nicht nur das, habe auch selbst Gespräche angeboten.
Ich erlaube mir auch einfach, dieses Lebenskapitel zuzuklappen.
Und ich hoffe einfach, das ich es nie mehr aufklappen muss... sprich, nie wieder saufen werde.
Meine Krankheit bleibt für immer, das ist mir völlig klar.
Aber ich darf auch ein neues Lebenskapitel aufschlagen... wie das jeder andere Mensch auch darf.
Irgendwelche Altlasten werden immer irgendwo bleiben... aber ich werde sie nicht mein Leben bestimmen lassen und es mir damit selbst versauen.

LG Sunshine

Hartmut
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Beitrag von Hartmut » 31.01.2018, 10:34

Hallo Sunshine,
Ich habe allerdings mitunter den Eindruck, das manche Menschen gern in einer Opferrolle verbleiben, es sich darin auch recht "gemütlich" eingerichtet haben. (Und ich meine hier nicht nur Angehörige von Alkoholikern !)


Das kenne ich auch. Mit der Einschränkung das ein Verhalten in der Opferrolle bei Einigen noch zur Krankheit gehören. Jedoch gibt es auch welche die dadurch fehlende Aufmerksamkeit bekommen. Ist immer schwer zu beurteilen. Als ich es erkannt hatte Alkoholiker zu sein und es verstand das es eine Krankheit ist und ich dagegen aktiv was machen muss , ab da verließ ich die Opferrolle.

Nun wollte ich auch keine Never Ending Story schreiben. Das wäre mir passiert, wenn ich ständig an der Krankheit festgehalten hätte oder von Außen aus mit „therapeutischen“ Maßnahmen festgehalten geworden wäre.

Ich hatte, ähnlich wie du, zurück geschaut, verarbeitet und Schutzmaßnahmen für ein Rückfall eingebaut.

Gruß Hartmut

Sunshine_33
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Beitrag von Sunshine_33 » 31.01.2018, 10:48

Das kenne ich auch. Mit der Einschränkung das ein Verhalten in der Opferrolle bei Einigen noch zur Krankheit gehören.
Ja, das ist mir durchaus bewußt, Hartmut.
Und ein EKA kann nun mal nix dafür, wenn es in einer Alkie-Familie aufwachsen musste, es kann diese ja nicht einfach verlassen.
Und es wird wohl auch nie die Altlasten völlig los werden, ist mir alles klar.

Aber ich bin der festen Meinung, man kann auch eine Entscheidung FÜR das Leben und FÜR die Zukunft treffen.
Wie auch immer die aussehen mag beim einzelnen.
Wie gesagt, es ist nur eine Meinung, weil ich keine persönlichen Erfahrungen diesbezüglich habe.
Aber ich habe Erfahrungen mit meiner Suchterkrankung.
Bei mir gab es tatsächlich einen Tag im KH während meiner Entgiftung, wo ich mich ganz bewußt FÜR das Leben entschlossen habe.
Und auch da schon begann, einen Teil meiner Vergangenheit hinter mich zu lassen.
Und ab da konnte ich auch meinen Weg in die neue Zukunft gehen.
So wars halt bei mir :wink:
wenn ich ständig an der Krankheit festgehalten hätte oder von Außen aus mit „therapeutischen“ Maßnahmen festgehalten geworden wäre.
So eine Therapie hätte ich erst gar nicht gemacht (oder hätte sie abgebrochen), wo endlos in der Vergangenheit rumgebohrt wird.
Wie sagte mir mal jemand "Wenn Du nur tief genug im Mist suchst, triffst Du bei jedem irgendwann auf Schei**e.
Bin dergleichen Meinung.
Aber es gibt auch Therapien, die nicht darauf ausgerichtet sind :wink:
Sondern zukunftsorientiert sind. Muss ja auch mal gesagt werden.
Jedem das, was ihm am besten hilft.

LG

Gotti
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Beitrag von Gotti » 01.02.2018, 07:37

Wenn ich meine Therapie nicht auf die Zukunft ausgerichtet hätte, mit dem Verarbeiten von Vergangenem und Jetzigem, hätte ich wohl nie eine Veränderung meines Lebens geschafft. Ich habe selbstverständlich auch zurückgeschaut ( auch ohne EKA habe ich genug Altlasten - Sch.. die mich belasten ) aber losgelassen, und in die Zukunft geschaut, andere Wege für mich zu gehen. So habe ich es versucht meinem Mann und meinen Kindern weiterzugeben. Bei letzteren hat es gefruchtet.
Es passiert immer wieder, dass Situationen entstehen, die mich auf mein altes Lebensbild hinweisen, wo ich zurückblicken MUSS, aber das belastet nur kurz, denn ich schaffe es, mich "umzudrehen" und wieder auf Schönes zu schauen. Dabei meine ich nicht nur meine Co - abhängigkeit, sondern auch z.B. die Probleme, die sehr viele mit ihren "Normalen" Eltern durchmachen. Aber - und das mache ich mir echt zum Lebensmotto : Was nicht gut tut, lasse ich los!
Wenns manchmal nicht gleich klappt, gebe ich nicht auf. Dranbleiben ist wichtig!

Grünes Kistchen
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Beitrag von Grünes Kistchen » 01.02.2018, 20:05

Hallo Gotti,

danke für Dein Lebensmotto!!!
"Was nicht gut tut, lasse ich los!"
Ich versuche die Zeit mit meiner Mutter aufzuarbeiten, und kann dem eigentlich nichts hinzuzufügen.

Viele Grüße!

Maskottchen
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Beitrag von Maskottchen » 01.02.2018, 20:46

Einen schönen guten Abend an Alle, insbesondere denen, die auf meine Frage geantwortet haben🤗
Ich möchte ganz sicher Niemandem zu nahe treten, merke aber, dass meine Frage unterschiedlich starke Reaktionen ausgelöst hat.
Ich bin die Letzte, die sich hinstellt und euch hier Vorwürfe macht. Ganz bestimmt! Ich ziehe meinen Hut vor euch, eurer Kraft neue Wege aus der Sucht gefunden zu haben!
Ich kann halt nur von meinen Erfahrungen ausgehen und da gab es nie rückblickende Gespräche zwischen meinen Eltern und uns Kindern. Keine Aufklärung, keine Entschuldigung, einfach Nichts. Und dann starben sie plötzlich viel zu früh...
@sunshine_33
Der Punkt ist nicht meine Eltern für mein Leben der letzten vielen Jahre verantwortlich zu machen, sondern ihnen zu verzeihen, obwohl sie sich nie zu ihren Fehltritten geäußert, sondern einfach immer weiter gemacht haben.
Ich habe natürlich mein eigenes Leben und ich habe es mir schön eingerichtet. Ich schaue zu 80% ? nach vorne und nicht mehr zurück. Aber die Vergangenheit hat mich nun mal auch geprägt und somit mein Leben, Lebensentscheidungen beeinflusst. Davor kann ich meine Augen nicht verschließen . Ich habe sehr viel selbst in der Hand, kann mir aber auch nicht den Pelz über die Ohren ziehen!

Mir ist klar, dass jeder Einzelne von euch aus individuellen Gründen in die Alkoholspirale geworfen wurde. Keiner hat das sicher absichtlich so gewollt.
Aber mindestens genauso geht es mir als Erwachsener von Alkoholikereltern auch- ich denke, ich war nur noch Chancenloser.

Danke für den Austausch und alles Liebe,
Maskottchen

Hartmut
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Beitrag von Hartmut » 01.02.2018, 21:03

Hallo Maskottchen
Ich möchte ganz sicher Niemandem zu nahe treten, merke aber, dass meine Frage unterschiedlich starke Reaktionen ausgelöst hat.
Ich bin die Letzte, die sich hinstellt und euch hier Vorwürfe macht. Ganz bestimmt!
Passt alles. Musst dich nicht rechtfertigen oder Angst haben das du jemand zu nahe trittst. Hast alles richtig gemacht. Es geht hier nur um den Austausch.
ich denke, ich war nur noch Chancenloser.
Das ist die Opferrolle in der du dich befindest (oder befandst ?) Heute bist du nicht Chancen los. Zeigst du gerade. Du suchst hier den Austausch, der hin und wieder hart geführt wird aber du gehst die Schritte in die richtige Richtung.

Verharre aber nicht , sondern laufe munter weiter. Es ist dein Weg.

Gruß Hartmut

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