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Angst vor neuen Wegen

Hilfe für Co-Abhängige, Partner und Angehörige von Alkoholikern bei der Coabhängigkeit

Moderator: Moderatoren

SasiHasi
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Angst vor neuen Wegen

Beitrag von SasiHasi » 25.09.2018, 17:42

Hallo,

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll... seit Jahren schon lese ich hier im Forum unangemeldet mit. Gestern habe ich mich doch dazu durchgerungen und mich hier angemeldet.
Mein Freund ist (vermutlich) Alkoholiker. Wir sind seit 5 Jahren zusammen, als wir uns kennengelernt haben, war ich 16, er 15 Jahre älter als ich. Wir kommen beide aus Familien, in denen Alkohol ein Problem war. Er trinkt nicht jeden Tag, aber regelmäßig, manchmal jeden Tag und manchmal auch ein paar Tage nicht... je nach "Problemlage", sobald ihn etwas belastet, trinkt er. Oft sie die Gründe aber auch einfach nur erfunden. Manchmal trinkt er "nur" 3-4 Bier aber er hat auch öfter Abstürze bei denen er trinkt, bis sein Vorrat leer ist oder er beim trinken einschläft. Jetzt trinkt er seit 4 Tagen nichts (außer gestern ein Bier, das angeblich mal wieder das letzte gewesen sein soll). Solche abstinenten Phasen hatte er schon öfter, wenn er gemerkt hat, dass sein Absturz besonders schlimm war, sein Konsum hat sich bis jetzt aber nach spätestens 2-3 Wochen wieder gesteigert. Bei seinem letzten Absturz hat er einen Platzverweis von der Polizei in der nächstgelegenen Kleinstadt bekommen, ich weiß nicht, was dort vorgefallen ist, und er wurde von der Polizei nachhause gebracht (war auch nicht das erste mal). Dort trinkt er auch mit Leuten die noch "fertiger" sind als er, z.B. mit Obdachlosen im Park.

Wir wohnen mit 2 Freunden von ihm zusammen, die sein Alter haben und teilweise noch mehr trinken als er und das täglich. Wir haben aber getrennte Zimmer.

Nun zu mir. Ich halte das nicht mehr aus und befürchte, dass ich Co-Abhängig bin, sonst wäre ich schon längst ausgezogen. Wenn er betrunken auf seinem Sofa umkippt, mache ich seine Kerze aus, die er warum auch immer, im Suff immer an macht und kümmere mich um seinen Hund, der irgendwie schon mehr mein Hund ist. Wegen dem Hund möchte ich auch nicht ausziehen, da sie schon 15 ist und er seit ca. einem Jahr Vollzeit arbeitet. Ich habe meine Stunden auf 21h/Woche reduziert, um mich um den Hund kümmern zu können. Habe auch schon Flaschen kontrolliert, versteckt, ausgekippt, ihn irgendwo abgeholt, wenn er wieder auf sauftour war usw...

Aber ich möchte mich von ihm trennen, verstehe aber nicht, warum ein Teil von mir nicht loslassen kann. Rein kognitiv weiß ich, dass diese Beziehung keinen Sinn mehr macht. Die Verletzungen seiner Lügen, versetzt werden, verbaler Aggression im Suff und leerer Versprechungen sitzen zu tief. Er sieht sieht nicht ein, dass er zum Aufhören professionelle braucht. Er spricht auch nicht besonders viel und erst recht nicht über seine Gefühle. Die vielen Male, die ich mit ihm gesprochen habe, hat er jedes Mal traurig zu Boden geschaut und sich einsichtig gezeigt, hat aber nie nachhaltig etwas verändert. Wir schlafen nun seit 2 Monaten in getrennten Betten und haben uns auch nicht mehr geküsst oder ähnliches. Im Bett läuft seit einigen Monaten nicht mehr. Eigentlich fehlt nur das längst überfällige Abschlussgespräch.

Dazu habe ich mich vor ein paar Wochen neu verliebt in einen ziemlich tollen Mann, der nicht trinkt und super lieb und selbstreflektiert ist. Eigentlich wäre er ja die perfekte Motivation zur Trennung. Ich bin sauer auf mich, dass dieser Schritt mir so große Angst macht und wünschte ich hätte es schon längst hinter mich gebracht.
Ich wünsche mir eine Partnerschaft in der Alkohol keine Rolle spielt und in der man über Kinderwunsch sprechen und Zukunftspläne machen kann. Eine Beziehung aus beidseitiger Liebe statt Abhängigkeit von einander. Es klingt gemein aber es fühlt sich an, als hätte ich meine Jugend an ihn verschwendet. Bei mir ist es schon so weit, dass es bei mir Migräne und Erbrechen auszulösen scheint, wenn er getrunken hat. Oder Panikattacken. Bin bereits deshalb in ambulanter Therapie.

Andererseits habe ich ein schlechtes gewissen beim Gedanken ihn "fallen zu lassen", da er auch relativ depressiv ist und nüchtern wirklich total liebevoll sein kann und wir auch schöne Zeiten miteinander hatten. Ich habe Angst, dass er komplett untergeht und noch viel mehr trinkt, wenn ich mich trenne. Und ich möchte ihn einfach nicht traurig machen, da es mit paradoxerweise auch schlecht geht, wenn er traurig ist.

Sorry für den Roman...

Wie habt ihr den Absprung geschafft? Hattet ihr einen bestimmten Auslöser? Gibt es einen "guten Zeitpunkt" für Trennungen? Könnt ihr mir irgendetwas raten?

Ich freue mich sehr auf eure Antworten!

Liebe Grüße
SasiHasi

Aurora
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Registriert: 02.05.2007, 13:47

Re: Angst vor neuen Wegen

Beitrag von Aurora » 25.09.2018, 20:05

Hallo SasiHasi,

hui, das ging ja schnell, schon hast du hier dein Fädchen eröffnet! Klasse!
Andererseits habe ich ein schlechtes gewissen beim Gedanken ihn "fallen zu lassen", da er auch relativ depressiv ist und nüchtern wirklich total liebevoll sein kann und wir auch schöne Zeiten miteinander hatten. Ich habe Angst, dass er komplett untergeht und noch viel mehr trinkt, wenn ich mich trenne. Und ich möchte ihn einfach nicht traurig machen, da es mit paradoxerweise auch schlecht geht, wenn er traurig ist.
Puh, ja das kenne ich... ging mir auch so.

Irgendwie hatte ich Mitleid mit meinem Exmann damals. Ich habe gedacht, ich könne ihn doch echt nicht im Stich lassen, was sollte er nur ohne mich anfangen. Und depressiv war er ja auch.

Dieses Depressive kommt oft von der Alkoholsucht, ist einfach ein Symptom der Krankheit. Das wusste ich damals aber nicht. Und meine Gefühle, ihn nicht im Stich lassen zu können weil er ja dann so richtig abrutschen würde - das waren meine Symptome der Coabhängigkeit. Ich musst begreifen lernen, dass ich gar nicht diese Macht und Wichtigkeit hatte und habe. Es liegt nicht in meiner oder deiner Hand, ob er trinkt oder nicht. Das ist rein seine Entscheidung. Er hat ja auch schon vorher getrunken, oder?

Ich war damals dann schon mit meinem jetzigen Mann zusammen und hatte noch ein schlechtes Gewissen. Weil mein Ex ja nun alleine war und bestimmt sehr traurig. Aber auch das ist ein Killer-Gedanke. Denn - mein Ex und auch dein Freund jetzt sind ja erwachsen! Sie dürfen traurig sein aber sie haben auch die Möglichkeit, etwas dagegen zu tun! Warum denkst du du müsstest dein Leben, deine neue Liebe opfern? Nur damit er nicht traurig ist... Hallo! Das hört und fühlt sich verdammt falsch an. Er hört ja auch nicht mit seiner Sauferei auf, nur weil du traurig darüber bist, Migräneanfälle und Erbrechen hast. Oder?...

Ich habe den Absprung geschafft weil ich nicht mehr konnte. Psychisch und physisch war ich am Ende und wollte nicht mehr leben. Aber ein winziger Funken in mir wollte es doch. Und so habe ich mein letztes Bisschen an Selbstachtung zusammen gerafft und bin gegangen.
Aber ich möchte mich von ihm trennen, verstehe aber nicht, warum ein Teil von mir nicht loslassen kann.
Ist das Verantwortung, die gar nicht deine ist? Ist es Mitleid? Angst? Schuldgefühl?
Ich wünsche mir eine Partnerschaft in der Alkohol keine Rolle spielt und in der man über Kinderwunsch sprechen und Zukunftspläne machen kann. Eine Beziehung aus beidseitiger Liebe statt Abhängigkeit von einander.
Das ist ein legitimer Wunsch, den du hast. Und es ist dein gutes Recht, das auch zu leben! Denn es ist dein
Leben und du hast nur eins...

Liebe Grüße
Aurora

Yvonne78

Re: Angst vor neuen Wegen

Beitrag von Yvonne78 » 26.09.2018, 07:10

Hallo Sasi,

deine Geschichte liest sich fast wie meine. Im Nachhinein ist mir klar, daß ich aus Bequemlichkeit nicht gegangen bin...aus Angst vor Neuem...weil ich an meiner Liebe zu einem Mann fest hielt, den es nicht mehr gab. Mein Mann hat auch viel für uns getan und ich dachte, ich bin in der Pflicht, ihm zu helfen. Aber das Ding ist: man kann einem Alkoholiker nicht helfen...das kann er nur selbst.
Und nach der Therapie hab ich mich dann doch getrennt ( weil er mich nicht mehr liebte ) und siehe da...es geht ihm fantastisch, es gelingt ihm alles was er will, er hat eine neue Liebe gefunden und ein neues, besseres Leben angefangen....soweit die Theorie. Viel wichtiger ist, daß ICH endlich frei bin. Ich muss den Geruch nicht mehr ertragen, das doofe Suffgebrabbel und der Anblick bleibt mir erspart. Ich muss mich nicht mehr um seine Schulden kümmern ( und die sind durch den Alkohol nochmal immens geworden ) und ich muss seine Depression nicht mehr aushalten.

Ein neuer Mann wäre auch nicht schlecht, aber das Glück hast du ja nun. Geh da hin wo die Sonne scheint...es lohnt sich und ist nur ein ganz kleiner Schritt. Alkohol ist kein dankbarer Partner :-)

Liebe Grüße von Yvonne

Sunshine_33
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Re: Angst vor neuen Wegen

Beitrag von Sunshine_33 » 26.09.2018, 10:57

Hallo SasiHasi,

Ich kann Dir als trockene Alkoholikerin nur eins sagen:
DU KANNST IHM NICHT HELFEN !
Es ist egal, was Du sagst oder tust, es ist einfach nicht möglich.
Es kommen in einem bestimmten Stadium der Sucht Worte einfach nicht an, egal ob Du sie schreist oder
unter Tränen hevorbringst, sie aufschreibst oder flüsterst... weil man sie als Trinker einfach nicht hören will !
Und wenn man sie sich doch zwangsweise anhören musste, wird man versuchen, das möglichst schnell wieder
auszublenden.
Als nasser Alkoholiker kriegt man das auch relativ gut hin. Und außerdem ist es zusätzlich noch ein hervorragender Grund,
sich wieder die Kante zu geben, nach dem Motto: "Niemand versteht mich, ich arme Sau, also MUSS ich wieder trinken"
Und dann bist DU auch noch am Ende schuld, das der Alkoholiker wieder saufen muss :roll:
Ist natürlich Unsinn, aber so funzt halt die Säuferbirne.
Jeder "Grund" zum Saufen ist recht, es eignet sich ebenso das schlechte Wetter oder das gute Wetter oder das gute TV-Programm
oder das schlechte TV-Programm und wenn in China n Sack Reis umfällt, ist das auch wieder ein Grund.

Es hört sich wirklich so an, als seiest Du in einer schweren CO-Abhängigkeit gelandet, in der sogar Dein Körper schon ganz typsiche Warnsignale sendet.
Bitte höre auf ihn und steig da aus, ehe Du noch kränker wirst als Du es jetzt schon bist.
Ich habe Angst, dass er komplett untergeht und noch viel mehr trinkt, wenn ich mich trenne. Und ich möchte ihn einfach nicht traurig machen, da es mit paradoxerweise auch schlecht geht, wenn er traurig ist.
Und weißt Du, was ich hoffe in solchen Situationen?
Das der Betroffene total abstürzt, und so möglichst schnell seinen Tiefpunkt erreicht, aus dem man sein Leben neu aufbauen kann, und zwar ein trockenes Leben.
Ich hoffe das aus dem Grunde, weil es in den meisten Fällen erst einen extremen Tiefpunkt braucht, um aus der Sucht aussteigen zu können.
Und ich hoffe, das der Körper sich noch regenerieren kann, denn nach jahrzehntelanger Sauferei ist das oft nicht mehr der Fall.
Wenn er also durch die endgültige Trennung nur noch säuft, dann erreicht er so vielleicht sogar schneller seinen persönlichen Tiefpunkt und schnallt vielleicht doch, das er nicht nur n "kleines Alkoholproblemchen" hat.
Wenn man Angehörige oder Partner "fallen lässt", kann das also auch eine Chance für sie sein. So makaber sich das auch anhört.
Aber das ist dann sein Ding, was er draus macht, und nicht Deines.

Wenn Dich grundsätzlich Stimmungen anderer zu sehr selbst beeinflussen, dann solltest Du vielleicht besser daran arbeiten,
denn sonst wird das negative Folgen haben.
Hier hilft eine Art innere Abgrenzung, die man erlernen kann.
Besonders Menschen mit großer Empathie erleben die Stimmungen anderer sehr intensiv mit und sie übertragen sich dann auch.
Empathie ist eine Gabe, ein Geschenk... und mit Sicherheit auch eine positive Charaktereigenschaft.
Wenn man aber nicht lernt, damit unzugehen und sich auch abzugrenzen von negativen Stimmungen, dann kann diese Gabe auch zur Last werden.
Ich spreche da aus eigener Erfahrung, denn ich bin auch ein ziemlich empathischer Mensch.
Wie habt ihr den Absprung geschafft? Hattet ihr einen bestimmten Auslöser? Gibt es einen "guten Zeitpunkt" für Trennungen? Könnt ihr mir irgendetwas raten?
Ich bin zwar kein CO, aber ich halte den richtigen Zeitpunkt für das Beendigen von Abhängigkeiten für: JETZT SOFORT ! :wink:
Jeder Tag, in dem man länger in seiner Abhängigkeit verweilt, bedeutet weiteres Leid.
Das gilt für mich für die CO-Abhängigkeit ebenso wie für die Alkoholabhängigkeit.

Ich weiß, jetzt kommt hier sicher wieder von CO-Seite, das man sich aber nicht so schnell trennen kann, alles seine Zeit braucht usw.
Mag alles sein, aber der beste Zeitpunkt, um sich aus Abhängigkeiten zu befreien, ist für mich trotzdem immer noch "Jetzt sofort" :wink:
Wie lange es dann wirklich dauert, steht auf einem anderen Blatt.

LG Sunshine

SasiHasi
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Re: Angst vor neuen Wegen

Beitrag von SasiHasi » 26.09.2018, 11:16

Danke für eure schnellen Antworten!

Das hört sich ja bei euch so an, als gäbe es doch ein Happyend, wenn man diesen Schritt in die Freiheit geschafft hat :)

Du hast Recht Aurora... Auch die Männer sind Erwachsen und für ihr eigenes Glück verantwortlich. Das das depressive vom Alkohol kommt, wusste ich nicht. Aber gut zu wissen. Ich dachte immer er trinkt, weil er depressiv ist, also quasi anders rum. Ich muss glaube ich, gerade lernen, diese Verantwortung, die ich nicht habe, abzulegen.

Yvonne78, du sagst es... die Angst vor Neuem. So geht es mir auch. Bis jetzt dachte ich mir immer "lieber schlimm als ungewiss und noch schlimmer". Ich finde es beruhigend, dass diese Co-Abhängigen Befürchtungen sich nicht immer bewahrheiten und es nach der Trennung auch dem Alkoholiker besser gehen kann.

Es ist auch echt interessant, die ganze Sache aus der "anderen Perspektive" zu sehen, Sunshine :) ich muss jetzt erstmal zur Arbeit und antworte später auf deinen Beitrag.

ich freu mich sehr für euch, dass ihr den Absprung schon geschafft habt! Wenn man kurz davor steht fühlt es sich an, als wäre das eine unlösbare, schwere Aufgabe, obwohl es doch so einfach ist, sich zu trennen. Es sind ja einfach nur Worte die man aussprechen muss.

Irgendwie habe ich aber auch ein schlechtes Gewissen, mich gerade jetzt von ihm zu trennen, wo er doch versucht aufzuhören seit fast einer Woche. Meint ihr, es ist nur "Taktik", um seine Co nicht zu verlieren? Würde er es ernsthaft versuchen, hätte er sich doch professionelle Hilfe gesucht oder? Ich will nicht wieder darauf reinfallen, er hat schon sooo oft versprochen aufzuhören. Außerdem wäre, selbst wenn er tatsächlich trocken wird, nicht alles gut zwischen uns... aber wäre es gemein, sich gerade jetzt zu trennen, wo er aufhören will? Bin so hin und her gerissen.

Liebe Grüße
Sasi

Sunshine_33
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Re: Angst vor neuen Wegen

Beitrag von Sunshine_33 » 26.09.2018, 12:01

Irgendwie habe ich aber auch ein schlechtes Gewissen, mich gerade jetzt von ihm zu trennen, wo er doch versucht aufzuhören seit fast einer Woche. Meint ihr, es ist nur "Taktik", um seine Co nicht zu verlieren?
Würde er es ernsthaft versuchen, hätte er sich doch professionelle Hilfe gesucht oder?
Ich will nicht wieder darauf reinfallen, er hat schon sooo oft versprochen aufzuhören
Das ist schwer zu beurteilen, SasiHasi.
Man kann ja nicht in andere Menschen hineinsehen, das können wir auch nicht.
Ich kann nur mal von mir erzählen, wie das war:
Wenn es Ärger mit dem Partner gab wegen der Sauferei, dann habe ich schon versucht, damit aufzuhören.
Und das dann auch wirklich so gemeint.
Mir war zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht klar, das ich das nicht allein schaffen werde.
Und ich habe es auch nicht geschafft, weil ich bereits abhängig soff.

Später, in den letzten beiden Jahren meiner Sauferei wurde es besonders schlimm. Ich musste da bereits jeden Tag trinken.
Mich hat natürlich kein Mensch dazu gezwungen, aber die Sucht/die Krankheit tat es.
Wenn man auf Entzug kommt, hat das meist heftige Auswirkungen.
Bei mir waren es am Ende Schweißausbrüche, Zittern, nicht mehr Schlafen können, bis hin zu heftigen Panikattacken mit
einhergehenden Todesänsgten.
(Depressionen kamen übrigens auch hinzu, die aber mit der Abstinenz verschwanden, die kamen also eindeutig von dem Alkoholmissbrauch).
Wenn man dann in diesem Stadium ist und weiß, das der nächste Schluck Erleichterung verschaffen wird bis hin zum Verschwinden
der genannten Symptome, was meinst Du, wird man tun?
Als es soweit war, habe ich nur noch versucht, die Wogen zuhause zu glätten..
Und dann begannen auch bei mir die Spielchen der Versprechungen, die gar nicht mehr gehalten werden konnten aufgrund der Sucht.
Und ich log auch für den Alkohol.
Kalte Entzüge startete ich keine mehr, zum Glück, denn die hätte ich wohl auch nicht mehr überlebt.
Ein kalter Entzug kann nämlich tödlich enden, was mir aber zu dem Zeitpunkt nicht bekannt war.
Allein darum ist es immens wichtig, zum Arzt zu gehen und sich dort erst einmal Hilfe zu holen, sprich, einen professionellen Entzug einzuleiten.

Ich weiß nicht, ob das Deinem Freund bekannt ist, das ein kalter Entzug brandgefährlich sein und auch tödlich ausgehen kann?
Ich weiß auch nicht, ob ihn denn diesen Wissen dazu bringen würde, sich professionelle Hilfe zu suchen?
Ich möchte ihm aber auch die Ernsthaftigkeit seines Vorhabens nicht komplett absprechen, ich kenne ihn ja nicht mal.
Wie auch immer, das alles ist aber nicht DEINS, liebe Sasihasi, er ist ja für sein Leben, also auch für seine Sauferei selbst verantwortlich.
Es gibt ja gute Hilfsangebote, er muss ja "nur" hingehen und drum bitten.
Aber das ist halt gar nicht so einfach, sondern in Wirklichkeit ziemlich schwer. Es lohnt sich trotzdem.

Vielleicht ist aber alles auch nur Taktik, das könnte ebenso der Fall sein, ich weiß es wirklich nicht.
Ein nasser Alkoholiker verliert nun mal nur sehr ungern seinen CO und wird erstmal alles daran setzen, ihn zu halten.
Sollte es trotzdem zur Trennung kommen, ist es immer wieder erstaunlich, wie schnell dann ein CO gegen den nächsten ausgewechselt wird.
Es geht also nicht wirklich um den anderen Menschen oder gar um Liebe, sondern darum, seine Sucht weiter leben zu können und das möglichst bequem.
Außerdem wäre, selbst wenn er tatsächlich trocken wird, nicht alles gut zwischen uns...
Ich denke, so ist es recht häufig.
Das Alkoholproblem ist selten das einzige Problem. Dahinter lauert meist noch viel mehr.
Und schau, Du hast Dich bereits neu verliebt, das spricht doch auch Bände...
Würde es sich um eine gesunde, stabile und liebevolle Partnerschaft ohne gravierende Probleme handeln, wäre das ja kaum bis gar nicht passiert.
Sowas ist aber leider mit einem nassen Alkoholiker gar nicht möglich, wie Du ja auch selbst erfahren musstest.
aber wäre es gemein, sich gerade jetzt zu trennen, wo er aufhören will? Bin so hin und her gerissen.
Kann ich schon gut nachvollziehen, das man da hin-und hergerissen ist.
Aber schau mal, möchtest Du denn Dein weiteres Leben opfern oder viele Jahre davon, nur um kein schlechtes Gewissen zu haben?
Ist es das denn wert?
Ich denke, manchmal muss man auch mit diesen negativen Gefühlen leben, wichtiger ist aber, aus der Sache wieder rauszukommen.
Und zwar zeitnah, um weiteres Leid zu vermeiden.
Oder mal ganz brutal: Sollen denn zwei Menschen zugrunde gehen, weil der eine den anderen mitreisst?
Es reicht schon, bzw. ist es traurig genug, wenn sich einer dem Alk opfert, das müssen nicht gleich 2 Menschen werden.

LG Sunshine

SasiHasi
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Geschlecht: Weiblich

Re: Angst vor neuen Wegen

Beitrag von SasiHasi » 27.09.2018, 01:54

Hmm dann scheint er ja zumindest noch nicht körperlich abhängig zu sein, da er jetzt den 5. Tag ohne Alkohol geschafft hat, bis auf das eine Bier vorgestern. Ihm geht es körperlich gut, er geht sogar zur Arbeit. Oder er trinkt heimlich... wer weiß.

Aber das kann mir eigentlich auch egal sein. Wie du schon geschrieben hast: Die Trennung scheint wirklich die gesündeste Lösung für mich und evt. auch für ihn zu sein. Um auf die Erkenntnis zu kommen, dass eine liebevolle, gleichberechtigte Beziehung mit einem nassen Alkoholiker nicht möglich ist, habe ich sehr sehr lange gebraucht. Irgendwie hatte ich immer noch einen letzten Funken Hoffnung, dass die Partnerschaft die richtige und er "der eine" ist, aber das war wohl die CO in mir. Es ist nur so schade, dass eine Beziehung, in die man emotional so viel investiert hat so endet. Aber vielleicht muss das erst enden, damit nach dem abgeschlossenem Kapitelbetwas Neues wirklich Schönes entstehen kann.

Es ist schön, dass Du so offen und reflektiert über Deine Geschichte schreibst! mir fällt es schwer, mich in die Perspektive eines Alkoholikers zu versetzen aber so wie Du es schilderst, fällt es mir leichter sein Verhalten nachzuvollziehen und meine Gefühle, wie Hass und Trauer etwas bei Seite zu schieben.

Vermutlich kann er einfach nicht anders. Aber wie du sagtest, es ist nicht mein Problem, sein Leben, seine Verantwortung. Wenn ich darüber nachdenke, wechseln meine Gedanken noch zwischen 2 Sichtweisen. Einmal die objektive Sichtweise ohne Gefühle, die weiß, dass mein Leidensweg nur durch eine Trennung von ihm enden kann. Und die verwirrte Sichtweise, in der in schwachen Momenten die Co durchkommt und alle Bedenken und irrationalen wehmütigen Gefühle wieder überwiegen.

Eure Antworten zu lesen gibt mir Kraft und neue Sichtweisen. Ich werde berichten, wie es weiter geht

Liebe Grüße
Sasi

Cadda
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Beiträge: 1109
Registriert: 04.09.2017, 20:53

Re: Angst vor neuen Wegen

Beitrag von Cadda » 27.09.2018, 07:31

Hallo Sasi,

sehr gut, dass Du hier bist. So wird Dir der "Absprung" sicherlich leichter fallen. Dein Verhalten ist wirklich ehrlich gesagt typisch für Co-Abhängigkeit. Du schreibst, Dein Freund hat seit 5 Tagen keinen Alkohol getrunken, außer das eine Bier vorgestern. Also hat er maximal seit 2 Tagen nichts getrunken, denn vorgestern war vor 2 Tagen. Und dann sagt Dir Dein Verstand doch schon genau das, was vermutlich auch wahr ist. Wer weiß, ob er nicht heimlich was getrunken hat. Ich will ihm da nichts unterstellen. Aber weißt Du... Wenn ich als Alkoholiker sage, dass ich keinen Alkohol mehr trinken will und trotzdem schon soweit bin, das eine Bier NICHT heimlich zu trinken und es nicht einmal durchhalte öffentlich nichts zu trinken, obwohl ich angekündigt habe, nichts mehr trinken zu wollen. Wie soll es dann da erst aussehen, wenn keiner in seiner Nähe ist? Wie dem auch sei... Wenn ich Alkoholiker bin und etwas gegen meine Krankheit tun will. dann ist die Abstinenz der einzige Weg. Abstinent lebt man nicht, wenn man ein Bier trinkt, sondern wenn man gar nichts mehr trinkt. An dieser Aktion siehst Du schon, dass er nicht aufhören wird.

Ich würde mich trennen. Ich weiß, wie schwer das fällt. Aber Du machst Dich sonst mit kaputt, glaub mir. Dieses Hoffen und immer wieder enttäuscht werden, das macht einen fertig.

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