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Angst vor neuen Wegen

Hilfe für Co-Abhängige, Partner und Angehörige von Alkoholikern bei der Coabhängigkeit
Hull

Re: Angst vor neuen Wegen

Beitrag von Hull » 27.09.2018, 17:39

Das Thema mit der Depression kann ein Henne-Ei-Problem sein. Die meisten Alkoholiker, die ich kennengelernt habe, waren auch vor dem Alkoholmissbrauch depressiv; hatten immer eine gewisse Lebensangst; sahen die Dinge schlimmer als sie waren oder haderten allgemein viel mit ihrem harten Leben. Dass diese Menschen mit Alkohol erst Recht depressiv werden und alleine vollständig untergehen, ist dann kein Zauberwerk mehr, aber nur ihr eigenes Problem. Da ich niemals "Co-abhängig" war, kann ich es nicht nachempfinden, aber für mich gibt es sowieso nur die eigene Hilfe, wenn dein Freund irgendwann selbständig werden sollte, dann nur aus eigenem Antrieb, nicht durch dich.

Generell sehe ich keine Verantwortung, selbst wenn er stirbt. (Es gibt ja zurzeit ein anderes Thema, in dem sich eine Tochter unterbewusst Vorwürfe macht, am Tod des Vaters Schuld zu sein.) Was im Kern sehr verheerend zu sein scheint, ist die jahrelange vermeintliche Unterstützung, mit der sich die "Co-Abhängigen" auf einem Umweg selbst versuchen zu helfen (natürlich ohne Aussicht auf Erfolg). Sie machen für den Partner das, was sie selbst haben wollen, sie glauben, mit ihrer Hilfe etwas gutes zu tun und sich schon alleine deshalb besser fühlen zu können. Wenn man sich die Geschichten hier ansieht, tritt aber immer das Gegenteil ein. Der Alkoholiker wird nicht trocken und der Partner ist am Ende.

Yvonne78

Re: Angst vor neuen Wegen

Beitrag von Yvonne78 » 28.09.2018, 07:40

@Hull

Da du es ehrlicher Weise nicht nachempfinden kannst, möcht ich dir aus meiner Sicht mal was erzählen.
Vorab...du hast Recht: Alkoholismus und ob man wann wie dran stirbt liebt in der Eigenverantwortung des Jenigen. Daß ein Co den Betroffenen meist nicht bekehren kann stimmt auch. Daß ein Co dem Alki hilft, nur um sich selbst zu helfen oder sich gut zu fühlen stimmt nicht so ganz. Ich erzähle:
Mein Nochmann war, als ich ihn kennenlernte selbstständig, hatte mehrere Angestellte, fuhr tolle Autos, hatte Geld und war eine tolle Erscheinung. Er war verständnisvoll, führsorglich und aufregend. Daß er depressiv war und damals schon soff....wie hätte ich das ahnen können? Im Laufe der Jahre kam dieses Elend erst zum Vorschein, aber da hatten wir uns schon eine Familie aufgebaut, geheiratet...wir hatten ein Leben. Ich liebte ihn trotz Allem wie am ersten Tag und seine Fehltritte auszubügeln ( Entschuldigungen bei Auftraggebern etc ) war mir bestimmt kein Abgang und es gab oft Krach ( sinnlos wie ich jetzt weiß ). Ich habe mich nie mit seiner Sucht angefreundet, sie höchstens zeitweise geduldet, weil unsere gesamte Existenz auf dem Spiel stand und er immer geschickter wurde im heimlich saufen. Dann kommt hinzu, daß bestimmt viele Co´s Todesangst um den geliebten Menschen haben. Ich hatte sie zweimal...einmal als er seinen epileptischen Anfall hatte und dann, als er sich drohte das Leben zu nehmen. Da fühlt sich ein Co nicht besser....trotzdem räumt man die Scherben auf...als Partner wirste dazu ja auch verpflichtet ( von Polizei z.Bsp.)

Hull, du tust dich schwer damit, die andere Seite zu verstehen...ich verstehe den Alkoholiker ja auch nicht....aber als Co hast du irgendwann nichts Geringeres im Sinn, als dem geliebten Menschen das Leben zu retten. Daß du das nicht kannst wird erst klar, wenn alles in den Abgrund gestürzt ist.
Einem Co vorzuwerfen, er hätte ja früher gehen können oder warum hast du das oder das nicht gemacht ist unfair. Ein Co rutscht da rein und es ist wie mit dem Frosch auf der heissen Herdplatte...

Hull

Re: Angst vor neuen Wegen

Beitrag von Hull » 28.09.2018, 12:26

Hallo Yvonne,

ich halte dich nicht für "Co-abhängig". Ich finde auch, dass die Begriffe "Alkoholiker" und auf der anderen Seite die "Co-Abhängigen" völlig gedankenlos benutzt werden, um die beiden Parteien aufzuspalten und alles zu vereinfachen. Das Gegenteil aber geschieht, die echte Konstellation wird vernachlässigt. Dass in diesem Ausgangsthema von "SasiHasi" völlig irrationale Handlungen stattfinden, dürfte dir nicht entgangen sein. Dies unterscheidet eure Konstellationen doch bereits im Ansatz. SasiHasi kann ihren Partner verlassen, ohne dabei ein Geschäft, Kinder, Familie usw. zurückzulassen.

Grüße

Yvonne78

Re: Angst vor neuen Wegen

Beitrag von Yvonne78 » 28.09.2018, 13:05

Hull hat geschrieben:
28.09.2018, 12:26
SasiHasi kann ihren Partner verlassen, ohne dabei ein Geschäft, Kinder, Familie usw. zurückzulassen.
Ganz pragmatisch gesehen ist das bestimmt so, aber sie hat ja trotzdem eine Beziehung...ein Leben und eine Vergangenheit mit diesem Menschen...man wirft es einfach nicht weg...das braucht Zeit und innere Entwicklung.

Und die Bezeichnungen*Alkoholiker* und *Co-Abhängiger* finde ich schon recht passend. Wer viel und/oder regelmäßig*säuft* ist ein Alkoholiker...und wer wissentlich dieses Dasein unterstützt ist ein Co. Ich war ein Co, wenn auch ich mich in dieser Rolle nie heimisch fühlte...aber irgendwann ist man es.

SasiHasi
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Re: Angst vor neuen Wegen

Beitrag von SasiHasi » 28.09.2018, 22:40

Nein wir haben weder Kinder oder ein Geschäft. Aber gemeinsame Tiere (1Hund, 3 Katzen), die er mir nicht erlaubt mitzunehmen und ich bringe es nicht übers Herz die bei ihm ihrem Schicksal zu überlassen. Das schließt natürlich eine Trennung nicht aus aber aus unserer WG ausziehen, kann ich wohl fürs erste nicht.
Außerdem ist eine Trennung schon schwierig für mich, da wir die letzten 5 Jahre miteinander verbracht haben. Das ist ein Viertel meines Lebens.

Aber immerhin hab ich jetzt die Gewissheit, dass er nicht ernsthaft mit dem Trinken aufhören wollte... ratet mal, wer alleine betrunken in seinem Zimmer sitzt, laut Musik hört und wütende Selbstgespräche führt.

@Yvonne78 ja genau... irgendwie weiß ich genau was du meinst. Man hat echt manchmal Todesängste um seinen Partner. Mein Alki lag auch schon mal in seinem Erbrochenem und bewusstlos auf dem Boden und ich dachte im ersten Moment er wäre tot... oder wenn er im Suff Sätze sagt wie "Nein brauchst dir keine sorgen zu machen. Ist ja grad kein stabiler Strick in der Nähe"

@Hull was genau meinst du mit irrationale Handlungen?

Ich finde es auch schwer zu definieren, ab wann man Alkoholiker oder Co ist. Das können wahrscheinlich nur die Betroffenen Selbst oder ein Therapeut feststellen. Das sind ja alles "nur Wörter" die verschiedene Symptome als Krankheitsbild zusammenfassen. Der Übergang zwischen Alkoholmissbrauch und Abhängigkeit ist fließend. Genau wie bei Fürsorge und Co-Abhängigkeit.

Aber heute mache ich mir keine negativen Gedanken mehr. Die Katzen sind versorgt und sicher in meinem Zimmer. Ich schnapp mir jetzt den Hund und treffe mich mit meinen Mädels.

Liebe Grüße und ein schönes Wochenende euch!

Gotti
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Re: Angst vor neuen Wegen

Beitrag von Gotti » 30.09.2018, 07:30

Solange du noch mit dem Gassigehen, Freundinnen quatschen usw. Entspannung findest, wirst du keine Trennung schaffen.
Bei mir hat das 33 Jahre gereicht. Erst dann war mein "Fass" voll und lief über, so dass ich Hund als Hund sehen konnte, und mich als wichtigste Person, die zu retten war.
Ich kann nur für jede und jeden hoffen, dass er oder sie nicht so lange wartet! ALLES geht - wenn man will ! Meine Geschichte ist ein passendes Beispiel. Man muss nur den Mut finden zum ersten Schritt. Und der liegt in DIR, wenn DU willst.
Einen schönen Sonntag wünscht Gotti.

Hull

Re: Angst vor neuen Wegen

Beitrag von Hull » 30.09.2018, 09:50

SasiHasi hat geschrieben:
28.09.2018, 22:40
Nein wir haben weder Kinder oder ein Geschäft. Aber gemeinsame Tiere (1Hund, 3 Katzen), die er mir nicht erlaubt mitzunehmen und ich bringe es nicht übers Herz die bei ihm ihrem Schicksal zu überlassen. Das schließt natürlich eine Trennung nicht aus aber aus unserer WG ausziehen, kann ich wohl fürs erste nicht.
Außerdem ist eine Trennung schon schwierig für mich, da wir die letzten 5 Jahre miteinander verbracht haben. Das ist ein Viertel meines Lebens.

@Hull was genau meinst du mit irrationale Handlungen?
Hallo,

ich habe nicht herausgelesen, dass du erst 20 Jahre alt bist, deshalb ist "irrational" vielleicht relativ, da es aus finanziellen Gründen oder aus Gründen der Sozialisation vorteilhaft sein kann, mit 20 Jahren in einer WG zu leben. Auf der anderen Seite findet ja überhaupt keine Sozialisation statt, eher das Gegenteil tritt ein, diese WG führt dazu, dass du überwiegend negativen Erfahrungen ausgesetzt bist.

Auch das mit den Haustieren ist für mich unlogisch; wenn die jetzigen Haustiere nicht herausgegeben werden, besteht doch die Möglichkeit, eigene Haustiere zu erwerben. Meist sind diese sogar günstig in Tierheimen zu bekommen. Dass das hart klingt, mag sein, aber bei genauer Betrachtung, gelingt dir doch nicht einmal die Hilfe für dich selbst, wie sollen dann ein Hund, drei Katzen und dein Partner von dir gerettet werden? Dies erscheint utopisch.

Grüße

Yvonne78

Re: Angst vor neuen Wegen

Beitrag von Yvonne78 » 30.09.2018, 11:53

In diesem Alter, in dem die Meisten weder Kind noch Kegel haben, ist das Haustier das Allerheiligste und der Verlust eine Art Weltuntergang...ich kenne das...mein erster Hund war mein ganzes Leben...bis das Kind kam, da verschoben sich die Prioritäten.
Die Erkenntsnis, daß ein Tier*NUR* ein Tier ist kommt erst später...bei manchen nie :-)
Ich muss Hull Recht geben...sein Leben für ein paar Haustiere wegzuwerfen ist tatsächlich unlogisch...mal abgesehen davon, daß ich mir nie meine Tiere wegnehmen lassen würde, sondern sie einfach mitnehmen.
@Sasi...ich weiß, sowas hört man mit 20 nicht gerne...aber es gehört zum Leben dazu, richtige Entscheidungen zu treffen...nicht nur bequeme. Du kennst den richtigen Weg...du musst ihn nur gehen :-)

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