Startseite - PortalHilfsangebote der SuchthilfeSelbsthilfeforumInformationen zur Suchthilfe

Die Kunst des Rettens oder: Mein Bruder, der keine Hilfe will

Hilfe für Co-Abhängige, Partner und Angehörige von Alkoholikern bei der Coabhängigkeit

Moderator: Moderatoren

sorra
neuer Teilnehmer
Beiträge: 67
Registriert: 06.10.2018, 10:59
Geschlecht: Weiblich

Die Kunst des Rettens oder: Mein Bruder, der keine Hilfe will

Beitrag von sorra » 06.10.2018, 18:59

Hallo,
als Einleitung kopiere ich hier rein, was ich im Vorstellungsbereich schon geschrieben habe:

Mein Name ist (nicht wirklich) Sorra, ich bin hier, da mein Bruder, nennen wir ihn Dylan, alkoholkrank ist.

Würde ich mich als co-abhängig bezeichnen?
Ich kann mich in der Definition nur zum Teil wiederfinden, Teile, die in der Vergangenheit pathologisch einzustufen waren, jedoch würde ich meinen heutigen Zustand nicht mehr so drastisch einstufen. Ich sehe mich nicht als co-abhängig, in dem Sinne, dass ich das Suchtverhalten des Betroffenen fördere.

Momentane Situation:
Mein Leben ist, ohne in Details gehen zu müssen, für meine Verhältnisse stabil. Seit zwei Monaten gab es einige persönliche Veränderungen bezüglich Wohnen und Beruf/Ausbildung, die mehr Leistung von mir abverlangen und mich unter größeren Stress aussetzen als sonst, an dem ich etwas leide, aber es ist auch aufregend und noch tragbar.

Unabhängig davon gibt es meine Familie, die bis auf meinen Vater, gesammelt in einer Stadt wohnt die 2-3 Stunden von der Stadt entfernt ist, in der ich lebe. Das ist bewusst von mir vor über 4 Jahren gewählt worden, und ich bin überwiegend glücklich, damals umgezogen zu sein, da ich das Gefühl hatte, ich könnte nicht atmen.
Ich bin die Jüngste von 3 Kindern, habe zwei ältere Brüder und ich fühle mich wie die Sekretärin und Sozialarbeiterin meiner Mutter und meines mittleren, alkoholkranken Bruders. Der Älteste war immer schon sehr selbstständig und unabhängig.
Ich fühle mich verantwortlich für beide, ich befürchte, dass meine alleinstehende Mutter in Einsamkeit und Depression versinkt, zudem hat sie zunehmend gesundheitliche Probleme. Mein Bruder ist seitdem ich klein bin, einer der Hauptquellen meines blutenden Herzens, ich habe große Angst um ihn und weiß nicht, wie ich mit ihm in Beziehung treten kann, da er wegen des Alkohols meistens geistig nicht da ist.

Nun, ich komme aus schwierigen Familienverhältnissen, also diese beschriebenen Probleme und Ängste sind nicht neu, sondern seit vielen Jahren präsent.
Der Auslöser war der Besuch meines Bruders Anfang dieser Woche. Er hat vor einigen Wochen seinen schrecklichen Job gekündigt und nun viel Zeit. Er war 3-4 Tage hier und es war ... anstrengend und kraftraubend. Es war anstrengend ihn so zu sehen, es war anstrengend meine eigenen Reaktionen und Gefühle zu fühlen und reflektieren und kontrollieren. Dass sich sein Konsumverhalten so verschlechtert hat, habe ich (zum Glück) durch die Distanz nicht mitbekommen. Nun habe ich es mitbekommen und es hat mich dementsprechend (wieder) aufgewühlt.
Und wenn sowas passiert, wende ich mich an verschiedene Medien, immer öfter natürlich dem Internet. Es führt mich immer an neue Stellen: Literatur, Therapie, philosophische Konzepte, Telefonseelsorge, praktische Lösungen, Beratungsstellen usw.
Diesmal bin ich hier.
Diese Dinge haben mir immer schon geholfen, schon als Kind, wenn ich traurig war, habe ich mich in Bücher und Comics geflüchtet. Das Letzte mal hat mir ein Buch sehr geholfen, quasi mein Leben verändert um etwas pathetisch zu werden, ich möchte es euch nicht vorenthalten. Es ist von einem Alkoholiker über Alkoholismus und heißt: "Sich das Leben nehmen" von Jürgen Heckel. Es ist nicht so negativ, wie der Titel scheinen mag. Es ist wirklich gut.

Zurück zu Dylan. Als er zu Besuch war, habe ich ihm (mehrmals) angeboten, dass ich ihm zu einem AA-Meeting begleite. Er möchte nicht. Ich habe ihm erzählt, dass ich auch schon bei einem Alanon-meeting mit unserer Mutter war. Er gesteht sich (endlich) ein, ein Problem zu haben (nachdem es mir schon seit gut 10 Jahren klar war/ist), aber er möchte keine Hilfe.
Ich überlege nun, ihn regelmäßig dezent mit Nachrichten zu bombardieren, die Infos über Anlaufplätze beinhalten, á la "Hallo Dylan, ich wollte dich informieren, dass heute ein AA-Treffen um --:-- in der Helferstraße 1 stattfindet. Vielleicht hast du heute Lust hinzugehen" oder "Als Info: Eine gute Suchtberatunsstelle befindet sich am Infoplatz, die können dir bei dem Problem helfen."
Was meint ihr dazu?

Mir geht es nicht gut seitdem Besuch. Ich bin sehr wütend auf ihn und auf mich, da ich mich nicht so verhalten konnte wie ich wollte. Es macht mich aggressiv. Mir bricht es das Herz, ihn bei seiner Selbstzerstörung zuzusehen und es fällt mir schwer mich davon zu distanzieren. Ich habe normalerweise einpaar Menschen mit denen ich darüber reden kann, möchte es diesmal aus versch. Gründen nicht. Mir fällt auch auf, wie es mir förmlich meine Lebensenergie raubt.

Das war's vorerst,
ich bin an eure Ansichten und Gedanken darüber interessiert.
Alles Liebe,
sorra

Sunny1976
neuer Teilnehmer
Beiträge: 71
Registriert: 03.10.2017, 10:58

Re: Die Kunst des Rettens oder: Mein Bruder, der keine Hilfe will

Beitrag von Sunny1976 » 06.10.2018, 20:39

Liebe Sorra,

Herzlich willkommen hier im Co-Bereich.

Der Begriff Co-Abhängig ist sehr vielschichtig. Man muss nicht alle Verhaltensweisen haben, um von sich zu sagen, das man co-Abhängig ist. Ich habe zum Beispiel auch nie meinen xy gedeckt, ihm den Alkohol besorgt oder sein leben geregelt. Ich glaube aber, wenn das eigene Leben so sehr beeinflusst wird durch den Alkoholiker, das man sein eigenes Leben in den Hintergrund stellt, und sich alles nur noch um den kranken Partner/ Angehörigen dreht, dann ist dies in einem gewissen Maße eben auch krank.

Du schreibst selbst, das sich Dein Bruder zwar mittlerweile eingesteht, das er ein Problem hat, aber keine Hilfe in Anspruch nehmen möchte. Das musst Du akzeptieren! Es ist sein Leben, damit darf er tun, was er möchte. Du kannst ihm dezent oder mit dem Hammermethode Nachrichten etc. schicken, wenn er nicht möchte wirst Du rein gar nichts damit bezwecken können. Außer das es Dir immer schlechter gehen wird, weil die erwünschte Reaktion von ihm ausbleibt. Ich weiß, wie schwierig es ist, wenn ein geliebter Mensch immer weiter abrutscht, und man sich doch eigentlich nur wünscht, das er sich Hilfe holt. Aber die muss von ihm selbst kommen.

Es tut mir leid, mehr kann ich Dir leider dazu gar nicht schreiben.

Liebe Grüße
Sunny

sorra
neuer Teilnehmer
Beiträge: 67
Registriert: 06.10.2018, 10:59
Geschlecht: Weiblich

Re: Die Kunst des Rettens oder: Mein Bruder, der keine Hilfe will

Beitrag von sorra » 06.10.2018, 21:35

Hallo Sunny,

danke für deine Antwort.

Mein Leben wird natürlich von meinem Bruder beeinflusst. Mir ist meine Familie sehr wichtig. Ich würde aber nicht soweit gehen zu meinen, dass ich mein Leben in den Hintergrund stelle und sich alles nur mehr um ihn dreht. Ich lebe mein Leben und habe vielleicht 1-2 mal im Monat wirklich Kontakt zu meinem Bruder. Aber wie gesagt, ist erTeil meines Lebens und seine Abhängigkeit beschäftigt mich natürlich bis zu einem gewissen Grad.

Natürlich darf er mit seinem Leben tun, was er möchte. Deshalb werde ich ihn auch nicht zu irgendwas zwingen, auch wenn ich das am liebsten tun würde. Ich kann akzeptieren, dass er von mir keine Hilfe will, aber nicht, dass er es allgemein nicht will. Vorallem keine fachliche. Ich weiß, wie solche Geschichten zu Ende gehen, von Leuten die denken, sie können es alleine schaffen.

Deshalb werde ich ihn weiter auffordern, dorthin zu gehen. Ich sehe es wie bei depressiven Menschen, die keine Kraft haben zum Arzt zu gehen. Unterstützung und Animierung ist wichtig. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Dylan auch depressiv ist. Ich vermute auch, dass er unter Borderline leidet, aber das ist nur meine Laien-Diagnose.
Natürlich bin ich als kleine Schwester in einer benachteiligten Position (wer will denn schon was von seiner kleinen Schwester erzählt bekommen?). Aber seine Sauffreunde werden es nicht tun, wenn ihnen das Ausmaß des Problems überhaupt klar ist.
Ich weiß, ich klinge auf euch wahrscheinlich wie Don Quijote, der gegen die Windmühlen kämpft, aber ich kann nicht den Kontakt zu meinem Bruder abbrechen. Und ich kann den Kontakt nicht aufrecht halten, und das Problem dabei ignorieren.

Das habe ich früher versucht. Ich habe mich rausgehalten, mich mit ihm tagsüber, wenn er nüchtern war, getroffen und einfach versucht eine schöne Geschwister-Beziehung zu führen. Aber das ist nicht genug. Ich erwische ihn kaum noch nüchtern.
Letztens war er nüchtern und wir haben darüber gesprochen. Ich war sehr froh, ihn nüchtern zu erwischen, man kann dann endlich ein normales Gespräch mit ihm führen. Ich versuche immer wieder sehr friedlich und nicht anklagend ihn auf das Thema anzusprechen und durch ihn durchzudringen. Es gibt Momente, an denen er empfänglicher ist, als andere. Natürlich nur nüchtern, betrunken ist es vollkommen sinnlos, zumal sein Charakter in dem Zustand unaushaltbar für mich ist.
Er meinte, dass er auch, wenn er das Alkoholproblem gelöst hat, hätte er ja noch immer seine alten Probleme. Er meinte er fühlt sich schlecht mit Alkohol, aber ohne auch. Ich habe ihm gesagt, das stimmt, aber erst wenn er nicht mehr trinkt, kann er diese Probleme lösen. Seine From der Selbsttherapie mit Alkohol macht alles nur noch schlimmer. Er hat nichts darauf gesagt. Aber ich denke doch, dass es irgendwo ein wenig angekommen ist, deshalb bin ich froh, dass wir darüber gesprochen haben.
Das eigentliche Problem ist: Er ist es sich selber nicht wert, dass es ihm besser geht. Ihn ging es so schlecht, als er zu trinken begann, dass ihm die Taubheit lieber ist, als wieder diesen Schmerz zu spüren. Sein Leben ist für ihn nicht lebenswert, um es erträglich zu machen, will er jetzt so lange Trinken, bis das Trinken unerträglich wird (wie schlau....)
Auch an dem Tag habe ich ihn angeboten zu AA zu gehen. Er hat sich darüber lustig gemacht. Er hat immer andere Ausreden, warum er nicht will, die ich aber gut auszulöschen weiß (bringt trotzdem nichts): da wird soviel geraucht, das ist alles so christlich dort, die sind alle so alt usw.

Jetzt als er zu Besuch war hat er gekifft und getrunken, sogar für seine Verhältnisse übers Maß. Ich habe ihn in der Nacht im Bad weinen gehört. Und habe dann selber in meinem Zimmer geweint. Wir waren wir zwei Figuren in einer griechischen Tragödie.

Ich denke ich habe 3 Optionen:
1) Ich lasse ihn einliefern und zwinge ihn professionelle und meiner Meinung nach auch notwendige medikamentöse Hilfe ihn Anspruch zu nehmen.
2) Ich mache ihn weiterhin aufmerksam auf die fachlichen Hilfsangebote, gebe ihn Literatur darüber, zeige ihm die Wege auf, ohne ihn das Trinken zu verbieten oder ihn anzuklagen.
3a) Ich mache nichts und führe eine gute Beziehung mit ihm, in der das Thema Alkoholismus nicht existiert.
3b) Ich mache nichts und habe keinen Kontakt zu ihm.

Nr. 1 überlege ich mir immer mal wieder, empfinde ich aber zu radikal und entmündigend. Aber manchmal ist es an der Grenze, an der er eine Gefahr für sich selbst darstellt.
3a kann ich nicht, da es verlogen, oberflächlich und falsch wirkt.
3b kann ich mir nicht vorstellen. Ich liebe meinen Bruder, und ich möchte ihn nicht verlieren. Das werde ich wahrscheinlich sowieso zu früh, wenn er so weiter macht und das könnte ich mir dann nicht verzeihen.

Deshalb denke ich an Nr 2.
Was denkt ihr? Habt ihr Lösungsstrategien für die Situation, die (im besten Fall) für alle gut wäre?

Alles Liebe,
Don Quijote

sorra
neuer Teilnehmer
Beiträge: 67
Registriert: 06.10.2018, 10:59
Geschlecht: Weiblich

Re: Die Kunst des Rettens oder: Mein Bruder, der keine Hilfe will

Beitrag von sorra » 06.10.2018, 21:45

Ich habe mir auch schon überlegt, zu einem AA Meeting zu gehen und jemanden von dort zu bitten mit meinem Bruder zu sprechen, ohne das davon erfährt, dass ich was damit zu habe. Das sind so meine Fantasien. Ja, nicht nur die Alkoholiker können manipulativ sein.
Aber wahrscheinlich wird niemand dazu bereit sein, weil sie alle das Gleiche sagen wie ihr (er muss selber wollen), und zudem, wenn mein Bruder das erfährt, wird er das als ziemlichen Vertrauensbruch empfinden. Was ich nachvollziehen könnte.
Jedoch weiß ich nicht, ob in dem Fall der Zweck nicht die Mittel rechtfertigen würde?
Wenn jemand eine Gefahr für sich darstellt, weil er zum Beispiel in einer Psychose steckt, in der er Stimmen hört und Dinge sieht, die nicht real sind, würde jeder Psychiater zustimmen, dass das Vernünftigste wäre, den Betroffenen in eine Klink zu schicken, wo er Hilfe bekommt, auch wenn er nicht einverstanden ist.
Mein Bruder ist offensichtlich nicht fähig klar zu sehen und fügt sich selber Schaden zu, ist also eine Gefahr für sich.
Wieso wäre es also hier verwerflich?

Grüße,
sorra

Morgenrot
Moderatorin
Moderatorin
Beiträge: 14023
Registriert: 29.02.2008, 11:36

Re: Die Kunst des Rettens oder: Mein Bruder, der keine Hilfe will

Beitrag von Morgenrot » 06.10.2018, 22:17

hallo Sorra,

herzlich willkommen in unserer Onlineselbsthilfegruppe.

da hast du dir ja einiges ausgedacht, um deinen Bruder vom Alkohol zubefreien. Die haben nur alle einen Nachteil, es wird nicht funktionieren.
Wenn er trinken will, wird er es weiter tun, deshalb bekommst du von keinem Richter eine Zwangseinweisung.
Die Mitglieder von AA gehen nicht missionieren und holen jemand von zuhause ab.
Das Thema totschweigen ist auch nicht sinnvoll, dann denkt er, es sei wieder alles in Ordnung.
Dir bleibt 3b, denn du kannst nichts tun, solange dein Bruder kein Problembewußtsein hat. Da nützen leider auch die ganzen Hilferatgeber nichts.
Alles geht nur über ihn.
Wenn er es nicht einsieht, hast du keine Chance.
Das habe ich selbst so erlebt, es ist schwer dies zu erleben, und noch schwerer ist es einzusehen, das wir nicht helfen können.


lg Morgenrot

sorra
neuer Teilnehmer
Beiträge: 67
Registriert: 06.10.2018, 10:59
Geschlecht: Weiblich

Re: Die Kunst des Rettens oder: Mein Bruder, der keine Hilfe will

Beitrag von sorra » 06.10.2018, 23:18

Hallo Morgenrot,

ich danke dir für deine Antwort.

ich freue mich im übrigen hier zu sein und das es dieses Forum als Austausch gibt. Als ich begann, mich über das Thema zu erkundigen und gesehen habe, wieviel es darüber gibt, ist mir ein Stein vom Herzen gefallen. Mir ist aufgegangen wie alt dieses Problem schon ist, und wieviele Menschen sich damit beschäftigt haben und es noch immer tun und teilweise die exakt gleichen Gedanken wie ich hatten, vor vielleicht 500 Jahren schon. Ich bin nicht religiös, aber dieser Gedanke lässt mich eine spirituelle Verbindung zur Welt über Generationen hinweg spüren. Und darüber bin ich glücklich. Es scheint vielleicht offensichtlich, dass es mehr Alkis als meinen Bruder gibt, aber ich habe bis zu diesem Moment nie so darüber nachgedacht und es wirklich realisiert, darüber bin ich sehr glücklich.

Ja, über die Jahren kommen so einige Ideen und Strategien zusammen.
Ja, du hast Recht, es ist sehr schwer das zu erleben, und ich frage mich, ob das einsehen für mich überhaupt möglich ist.

Wieso findest du, soll ich gar keinen Kontakt zu ihm haben? Ist das nicht wie Bestrafung? Als würde ich ihm den Rücken kehren, wenn es ihm am schlechtesten geht?
Unser Kontakt ist schon sehr reduziert, da ich, wie gesagt, woanders wohne und zirka einmal im Monat in die Heimatstadt fahre (und ihn da auch nicht jedes Mal treffe). Ich habe seit zwei Monaten auch offiziell verkündet, nicht an den Familienfeiern teilzunehmen (Geburtstag, Weihnachten, etc.) da der Umgang mir zu negativ und respektlos ist. Ich habe betont, das ich auf niemanden wütend bin, sondern sehr neutral das entschieden habe und mich freue wieder Familientreffen zu machen, sobald es möglich ist, diese respektvoll zu gestalten.

Wie habt ihr das gemacht Sunny, Morgenrot und auch die Anderen? Ihr habt alle keinen Kontakt zu euren Alkoholikern? Ich kann mir nicht vorstellen, glücklich damit zu sein, absolut keinen Kontakt mehr zu meinem Bruder zu pflegen. Der Mensch ist ein soziales Wesen und ich kann mir nicht vorstellen, dass Isolation oder Entziehen etwas förderliches sein kann.
Ich muss auch erwähnen, dass es für mich ein Unterschied ist, ob der Partner ein Alkoholiker ist, da man diesen wählen kann, oder ein Familienmitglied, der nicht wählbar ist und immer diese Stelle haben wird.
Und ich wäre auch sehr gespannt, von der Sicht der Alkoholiker dazu was lesen zu können.

Alles Liebe,
sorra

Emma2010
neuer Teilnehmer
Beiträge: 243
Registriert: 06.10.2010, 08:40

Re: Die Kunst des Rettens oder: Mein Bruder, der keine Hilfe will

Beitrag von Emma2010 » 07.10.2018, 10:17

Hallo und herzlich Willkommen hier!

Ich habe grade eben deine Geschichte gelesen und finde es sehr beeindruckend, dass du so für dich einstehst. Genauso wie dein Bruder, hast aufgrund dem Beziehungsstress zwischen den Eltern, wahrscheinlich schon recht früh, nicht mehr Kind sein dürfen?
Wie hast du es damals geschafft, dass dich die verbalen Ausraster deines Vater nicht kaputt gemacht haben?
Weiß zwar nicht, um wie viele Jahre, dein Bruder jünger ist als du. Möglicherweise war er damals gerade in einem Alter, wo er weder vom Vater noch bei der Mutter, eine Bindung und Sicherheit erfahren konnte. Erlebnisse dieser Art prägen sich in eine Kinderseele ganz tief ein, sie wissen nicht damit umzugehen. Wenn immer wiederkehrend enormes aggressives Potential in der Luft liegt, ist das für die Kinder jedes Mal aufs Neue eine "Cortisoldusche".

Leider können sich in dem Moment die Kinder auch nicht zur Mutter flüchten, weil die selbst im Streit auf 180 ist und den Schutzbedürftigen
zusätzliche Angst übermittelt.
Dein Bruder hat schon einen Grund, warum er trinkt. Es ist sein Bewältigungsmechanismus, mit Belastungen umzugehen. Du hast irgendwo geschrieben, ist derzeit arbeitslos, depressiv, ev. finanziell angespannt.
Daher reguliert er sich mit dem Alkohol runter, um mit der Situation umzugehen, sich auszuhalten. Was anderes kennt er nicht (Trost, Geborgenheit, Schutz, Vertrauen,..). Willst du ihm also den Alkohol wegnehmen, wird er das eher von dir als Verrat empfinden.

Traurig ist, dass er sich mit der Sauferei und dem Kiffen jetzt so ruiniert, weil die Eltern eben mal Sch ...e waren. Letztendlich, wenn er immer
mehr in die politoxische Sucht reinkippt, wird es auch mal für Therapeuten ganz schwer, ihn noch zu retten.

Dennoch, sollte es hier ja besonders auch um DICH gehen. Ich wünsche dir, dass du lernst, von deinem Bruder das zu bekommen, was dir gut tut.
Und wenn du mit ihm telefonierst oder sonst Kontakt hast, gut auf dich achtgibst, dann den Kontakt unterbindest, wenn es dir zu viel ist.
Thema: Selbstführsorge.
Glaube auch, dass du "ihm" nicht helfen kannst, da bräuchte er viel eher eine Traumatherapie, die er aber nicht bekommt, solange er säuft.

Zeige ihm, zeige dir, dass es auch anders geht, dass das Leben Sinn macht und schön ein kann.

Alles Liebe
Emma

Sunny1976
neuer Teilnehmer
Beiträge: 71
Registriert: 03.10.2017, 10:58

Re: Die Kunst des Rettens oder: Mein Bruder, der keine Hilfe will

Beitrag von Sunny1976 » 07.10.2018, 11:08

Liebe Sorra,

Den Kontakt abzubrechen ist nicht als Bestrafung gedacht. Du selbst musst entscheiden, ob Du das so weiter mitansehen kannst oder ob es nicht aus reinem Selbstschutz besser wäre, den Kontakt lieber abzubrechen. Denn wie schon gesagt, helfen kannst Du ihm nicht.

Indem Fall was Du vorhast rechtfertigt der Zweck nicht die Mittel! Denn auch wenn er alkoholkrank ist, so ist er doch immer noch eine selbstständige Person, der seine eigenen Entscheidungen treffen darf und auch sollte. Nur für Dich selbst kannst Du etwas tun! Nach allem was ich hier von Dir gelesen habe hattest Du auch eine sehr schwere Kindheit. Der Kontakt zu Deiner Familie ist schon sehr eingeschränkt, weil Du merkst, das es Dir zu negativ und respektlos ist. Wenn Du z.B. stundenlang im Internet forscht, wie Deinem Bruder zu helfen ist, dann finde ich schon das Dein Leben davon beeinflusst wird.

Ich habe noch Kontakt zu meinem Ex-Mann. Das geht aber auch nur, weil ich mittlerweile weiß, das ich ihm nicht helfen kann. Ich lass ihn sein Leben leben, ich will ihn nicht mehr bekehren oder ähnliches. Manchmal tut es mir schon leid, zu sehen wie er sein Leben wegschmeißt, aber er könnte es ja ändern! Er weiß, wo er Hilfe kriegen könnte, er ist aber einfach noch nicht soweit. Oder wird es vielleicht auch nie sein. Ich habe es akzeptiert, ich habe jetzt mein eigenes Leben und bin für mich verantwortlich. Und meine Aufgabe ist es mich glücklich zu machen!

Ob Familienmitglied oder Partner, es ist immer schwer einen geliebten Menschen an den Alkohol zu verlieren. Für mich war mein Ex-Mann meine Familie, da macht es keinen Unterschied, weh tut beides!

Erkundige Dich bitte lieber, wie Du Dir helfen kannst mit der Situation umzugehen, das ist erfolgsversprechender und wird Dir auf Dauer mehr bringen.

Liebe Grüße
Sunny

Antworten