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Kann man mit einem alkoholiker zusammen sein, ohne co-Abhängigkeit

Hilfe für Co-Abhängige, Partner und Angehörige von Alkoholikern bei der Coabhängigkeit

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Blumenfrau
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Kann man mit einem alkoholiker zusammen sein, ohne co-Abhängigkeit

Beitrag von Blumenfrau » 18.02.2019, 20:05

Hallo liebes Forum,
letztes Jahr hatte ich mich hier vorgestellt. Es ging um meinen Ex-Freund, der nun wieder mein Partner ist. In der Zwischenzeit hat er eine Kur wegen seiner Depressionen gemacht und in dieser Hinsicht geht es ihm besser. Wir sind wieder zusammmen gekommen, aber natürlich bin ich beim zweiten Mal noch vorsichtig. Trennungsgrund war (die Trennung ging von mir aus), dass er sich total zurück zog und unter Stimmungsschwankungen litt.

Er trinkt weiterhin (dieses Thema hat er in der Kur nicht behandelt). Er versteckt es nicht und ich habe es immer akzeptiert und nie kommentiert.

Er trinkt von Freitag bis Sonntag mit seinem Freund, dann exzessiv. Ich muss meistens am Wochenende arbeiten, weshalb ich davon nicht betroffen bin. In der Woche trinkt er gar nichts oder zwei Gläser Bier. Zurzeit arbeitet er nicht.

Er selbst redet ungefragt davon, dass er wahrscheinlich alloholiker ist (seine Mutter ist früh daran verstorben). Dann wieder sagt er, er hätte alles im Griff. Ich gehe darauf nicht ein, sage höchstens "was meinst du denn selbst?". Ich will ihn nicht bevormunden oder etwas abnehmen, weil mir die Problematik der co-Abhängigkeit bewusst ist. Außerdem will ich niemanden ändern.

Wir wohnen nicht zusammen und sehen uns ca. 2 mal die Woche. Seine Wohnung und sein behördenkram hat er im Griff. Ich wüsste auch gar nicht, wobei ich helfen sollte.

Trotzdem habe ich Angst, dass ich co-abhängig sein könnte. Worauf muss ich achten und ist es überhaupt möglich, dies zu vermeiden?

Aurora
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Re: Kann man mit einem alkoholiker zusammen sein, ohne co-Abhängigkeit

Beitrag von Aurora » 19.02.2019, 10:32

Liebe Blumenfrau,

Hier findest du viele Informationen über Coabhängigkeit:

co-abhaengigkeit

Ich habe leider gleich einen Termin und kann nicht so viel mehr schreiben im Augenblick. Vielleich findest du aber dort schon eine Antwort.

Liebe Grüße
Aurora

Blumenfrau
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Re: Kann man mit einem alkoholiker zusammen sein, ohne co-Abhängigkeit

Beitrag von Blumenfrau » 19.02.2019, 11:05

Vielen Dank für den Hinweis.
Ich habe es mir durchgelesen und versucht, ehrlich zu beantworten.

Sich auf die Bedürfnisse des Suchtkranken konzentrieren? ja

Sich so verhalten, damit der Suchtkranke keinen Grund hat, seiner Erkrankung nachzugehen? nein

Der Süchtige macht Schuldzuweisungen? nein

Die Gefühlslage von Süchtigen abhängig machen? Zum Teil

kaltblut
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Re: Kann man mit einem alkoholiker zusammen sein, ohne co-Abhängigkeit

Beitrag von kaltblut » 19.02.2019, 20:31

Hallo Blumenfrau,

noch ein herzliches Willkommen.

Was ist ehrlich beantwortet? Ehrlich mit dem jetzigen Verständnis? Kann das morgen auch schon wieder anders sein?

Selbstverständlich kann man mit einem Alkoholiker zusammen sein, ohne Co-Abhängig zu sein.
Die Frage ist immer welchen Sinn das macht und wer die Grenzen festlegt. Wenn jemand darin seine Erfüllung sieht und mit den ganzen Konsequenzen klar kommt, warum sollte das nicht gehen?

Ich hätte mich damals nicht für coabhängig gehalten. Erst später, als ich hier in dieses Forum kam, als ich mich hier, in realen Gruppen und mit Therapeuten über die Thematik austauschte, machte es immer mehr klick, da sah ich immer mehr wo ich drin saß.

Wenn ich mir heute nochmals all die Fragen beantworten müßte, dann wäre schon etwas falsch gelaufen.
In einer funktionierenden Beziehung ist das überflüssig.

Irgendwann war all das was ich geben konnte aufgebraucht, da war nur noch ein Organismus der Leben wollte.
Gesund leben schließt den ganzen Rattenschwanz den ein Abhängiger mit sich rumschleppt aus, da ist dafür kein Platz.

LG Kaltblut

Blumenfrau
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Re: Kann man mit einem alkoholiker zusammen sein, ohne co-Abhängigkeit

Beitrag von Blumenfrau » 05.03.2019, 12:38

Wir sind mittlerweile getrennt und ich leide massiv unten den Folgen der Beziehung.

Als wir wieder zusammen kamen, hatten wir zwei gute Monate, in denen er nichts oder weniger trank. Da war er ein komplett anderer Mensch: zugewandt, stabil und es gab nie Streit.

Dann fing er wieder massiv an zu trinken. Da er keine Arbeit hat und den ganzen Tag zu Hause ist, kann er das ungehemmt ausleben. Er wurde distanziert und gereizt. Wenn ich ein Treffen vorschlug, fühlte er sich unter Druck gesetzt. (Ich habe aufgrund von Arbeit und Hobby gar keine Zeit, ihn zu vereinnahmen. Auch konnte er am Wochenende ohne Einschränkung zwei Tage mit seinem Kumpel durchsaufen, weil ich da meistens arbeite)

Banale Aussagen und kleine wünsche von mir wurden als Kritik bewertet und ich wurde mit laut vorgetragenen wüsten Beschimpfungen überhäuft, die nicht im Verhältnis zum Anlass standen. Zum Teil wirkte das alles sehr paranoid.

Er fühlte sich am Ende schon bedrängt, wenn ich nach einer Woche Nichtsehen den Wunsch äußerte, zusammen Zeit zu verbringen. Ich musste mir daraufhin verbal aggressive Monologe anhören, dass ich ihm die Freiheit nehme. Es fallen dann Allgemeinplätze wie "in Deutschland hat man nie seine Ruhe" und "alle Leute wollen etwas von mir"

Ich habe nie verstanden, was diese Aussagen mit mir zu tun haben.
Er war über ein Jahr krank geschrieben, bekommt Arbeitslosengeld. Das Amt macht keinen Druck, weil er Atteste hat. Er hat also alle Ruhe der Welt, sich zu besaufen.

Außer zu mir und seinem sauffreund hatte er keine sozialen Kontakte. Wer soll ihn also bedrängen?

Nun hat er auch vor mir Ruhe. Ich habe den Kontakt abgebrochen.

Ich leide massiv, vor allem, weil ich am Ende oft entwertet wurde und mit normalen Argumenten nicht zu ihm durch drang. Damit er sich nicht aufregt, habe ich mich oft klein gemacht.

Viele Fragezeichen sind in meinem Kopf: kann Alkohol eine Persönlichkeit so stark verändern, dass man in seinen nächsten angehörigen einen Feind sieht?

Es ist ja ok, keine Beziehung haben zu wollen, aber selbst keinen cut machen, den anderen aber als schrecklich darstellen, ist merkwürdig. Warum wollte er die Beziehung denn, wenn er gar nichts geben mag?

Und natürlich frage ich mich, warum habe ich mir das gefallen lassen. Was stimmt mit mir nicht? Das muss ich bearbeiten, damit mir sowas nie wieder passiert.

Sunshine_33
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Re: Kann man mit einem alkoholiker zusammen sein, ohne co-Abhängigkeit

Beitrag von Sunshine_33 » 05.03.2019, 13:54

Hallo Blumenfrau,
Du fragst:
Viele Fragezeichen sind in meinem Kopf: kann Alkohol eine Persönlichkeit so stark verändern, dass man in seinen nächsten angehörigen einen Feind sieht?
Alkohol ist ja nur eine chemische Substanz. Von der wir aber als Alkoholiker abhängig geworden sind.
Diese Alkoholabhängigkeit verändert dann unser Verhalten so stark, das es auch zu dem von Dir beschriebenen Verhalten kommt.
WIr reden uns dann alles ein, was unserer Sucht dienlich ist. Das muss mit der Realtität nicht mehr viel oder auch gar nix zu tun haben.
Einen Feind zu haben ist doch bequem, dann hat man wenigstens einen Grund zum Saufen.
Auch die angeblich so schlechte Welt ist klasse als Saufgrund. Und Selbstmitleid ist auch gut, denn wenn es einem so schlecht geht, MUSS man doch geradezu saufen.
So läufts nun mal mit der Sucht.
Da er keine Arbeit hat und den ganzen Tag zu Hause ist, kann er das ungehemmt ausleben.
Blumenfrau, er würde auch saufen, wenn er nen tollen Job und viel Geld hätte.
Die Alkoholabhängigkeit bestimmt das Leben eines Abhängigen Menschen und nix anderes.
Schau, es gibt auch Alkoholiker in sehr angesehenen Berufen, das ist kein "Schutz".
Es ist ja ok, keine Beziehung haben zu wollen, aber selbst keinen cut machen, den anderen aber als schrecklich darstellen, ist merkwürdig. Warum wollte er die Beziehung denn, wenn er gar nichts geben mag?
Weil er ganz schlicht und ergreifend nicht allein sein wollte?
Zu geben haben nasse Alkoholiker allerdings tatsächlich nix, das lässt die Sucht ja auch gar nicht mehr zu.
Wir haben im nassen Stadium unserer Krankheit keinen wirklichn Platz mehr für andere Menschen in unserem Leben.
Und je extremer die Abhängigkeit, desto schlimmer wird das auch.
Da ist also keine Besserung in Sicht, solange jemand weiter säuft, im Gegenteil, die Lage wird immer schlimmer.
Und natürlich frage ich mich, warum habe ich mir das gefallen lassen. Was stimmt mit mir nicht? Das muss ich bearbeiten, damit mir sowas nie wieder passiert.
Ja, das ist Deine Baustelle, wenn Du das nicht stoppen kannst, wirst Du immer wieder entsprechende Partner anziehen oder auch suchen.
CO-Abhängigkeit hat für mich auch immer viel mit einer gewissen Art von Machtausübung zu tun.
Man ist da also nicht nur Opfer, sondern mitunter auch selbst Täter auf eine gewisse Art und Weise.
Und sei es auch nur auf die Art, den Partner wissen zu lassen, das man selbst am besten wüßte, wie der andere sein Leben zu leben hätte.
Und dazu soll der andere gefälligst sein Leben ändern, also den eigenen Vorstellungen anpassen.
Nur läuft die Nummer so nicht und schon gar nicht mit einem süchtigen Menschen. Denn der wird den Teufel tun und natürlich nicht mit der Sauferei aufhören, weil er es gar nicht mehr kann.
DER Zug ist da bereits längst abgefahren.
Tja...

Diese Beziehung ist ja Deinen Angaben nach nun beendet. Also kannst Du Dich ja nun Dir selbst zuwenden.
Und es war auch das einzig richtige, was Du tun konntest.
Das Leben mit einem nassen Alkoholiker taugt einfach nichts und wird auch immer unerträglicher.
Niemand wird gezwungen, sowas zu tun oder auszuhalten.
Dann sollte man besser gehen und sich nicht auch noch mit in den Abgrund stürzen.

LG Sunshine

Blumenfrau
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Re: Kann man mit einem alkoholiker zusammen sein, ohne co-Abhängigkeit

Beitrag von Blumenfrau » 05.03.2019, 17:47

Danke für die ausführliche Antwort. Mir hilft das beim Verstehen von so manchem.
Ich habe mir vorgemacht, nicht co-abhängig zu sein, weil ich ihn nicht ändern wollte. Nie habe ich ihn gebeten, mit dem Trinken aufzuhören. Das Saufen wurde von mir nicht thematisiert. Er hat es von sich hin und wieder angesprochen.

Macht hatte ich eigentlich keine, nur Ohnmacht. Mir fällt kein Bereich unserer Beziehung ein, den ich gestalten konnte und auf den ich Einfluss hatte. Selbst die Gesprächsthemen bestimmte er. Hab ich ein falsches Thema angesprochen, wurde er wütend, so dass ich es direkt ließ.
Aber ok, co-Abhängigkeit umfasst ja noch anderes.

Als er noch gearbeitet hat, hat er mit seinem Kumpel "nur" am Wochenende gesoffen. Dann durchgehend exzessiv.

Aber seit er gekündigt hat, ist das wohl mehr und mehr entglitten. Vielleicht hat er deshalb gekündigt, um in Ruhe saufen zu können. Wer weiß.
Ich denke, der Alkohol steht dermaßen im Vordergrund, dass er sich das Leben und die Freunde dazu passend macht oder abschafft.

Ich selbst gehe jetzt in eine Selbsthilfegruppe, um Unterstützung zu bekommen.

Mal abgesehen davon, dass mich das ganze so mitgenommen hat, dass ich mir keine neue Beziehung vorstellen kann...die Angst wieder in eine Abhängigkeit zu geraten ist groß.
Das einzige, was mir Hoffnung macht, ist, dass ich vor ihm lange und stabile Beziehungen hatte. Und alle Männer haben genau wie ich keinen alk getrunken. Noch nicht mal beim Wegggehen oder zum Essen. Auch verbaler Gewalt war ich vorher in Beziehungen nie ausgesetzt.
Ich hoffe, das wird auch nie wieder der Fall sein.

Ich hatte bei meiner letzten Beziehung den Zeitpunkt überschritten, rechtzeitig zu gehen. Die ersten Warnhinweise, Situationen wo Grenzen überschritten wurden, gab es in der Rückschau schon früh. Da hätte ich das ganze bereits beenden sollen.

Aurora
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Re: Kann man mit einem alkoholiker zusammen sein, ohne co-Abhängigkeit

Beitrag von Aurora » 05.03.2019, 18:29

Liebe Blumenfrau,
Und natürlich frage ich mich, warum habe ich mir das gefallen lassen. Was stimmt mit mir nicht?
Das ist eben die Frage aller Coabhängigen. "Warum?"
Dass nun etwas mit dir nicht stimmt würde ich so nicht sagen. Das macht dich ja schon wieder irgendwie klein.

Aber das "Warum" ist schon interessant. Warum es bei dir so war weiß ich nicht. Ich kann dir aber meine Dinge sagen und vielleicht erkennst du dich in manchen Dingen wieder. Es ist bei vielen so ähnlich.

Aufgewachsen und sozialisiert worden bin ich nach dem alten Frauenbild. Also, die Frau hält die Familie zusammen, kümmert sich um die Kinder, um den Mann. Sie selbst hat keine so große Bedeutung und sollte ihre Bedürfnisse zurück stecken, aus Liebe zu ihren Kindern und dem Mann. Der ja für sie sorgt. Und alles sollte ganz harmonisch sein, nur keinen Streit.

Das mal so ganz grob gesagt.

Und dann war ich als Kind schon eher ängstlich. Gutgläubig und mit wenig Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen. Schüchtern, angepasst. Das wuchs immer weiter und ich war eine unsichere Jugendliche, die sich hässlich fand und nicht so wert. Ich wollte aber liebend gerne immer auch mit dabei sein, in "der Clique". Das gelang mir nicht und ich war ein Mauerblümchen mit den paar anderen Mauerblümchen, die es gab. Wir gegen den Rest der "blöden Clique", über die wir uns schon erhaben fühlten.

Als ich meinen Jugendfreund kennen lernte war ich unglaublich dankbar, dass er mich wollte. Mich, das hässliche Entlein. Das keiner wollte. Und somit machte ich alles, was er wollte. Ich dachte, ich müsste mir meine Liebe verdienen. Streit konnte ich eh nicht ab und als Frau war ich auch in der traditionellen Rolle. Schon damals. Ich hatte Angst wieder alleine zu sein, keinen "abzukriegen". Dafür habe ich mir als Teenager schon viel gefallen lassen, leider. ich klammerte aus Angst und Unsicherheit an diesem jungen Mann, obwohl es keine gute Partnerschaft war. Obwohl ich intellektuell besser dran war als er machte ich mich kleiner. Unterwürfig. Ich empfand es als Aufwertung meiner Person, einen Partner zu haben, also doch irgendwo was wert zu sein.

Er beendete diese Partnerschaft nach 6 Jahren und ich lernte meinen 1. Mann kennen, meinen Alkoholiker. Er entsprach zuerst mal dem Bild der Sicherheit. Gute Position, guter Verdienst und er war freundlich und verhieß eine gute Zukunft. Ich war froh, doch einen "abgekriegt" zu haben. Und wieder machte ich alles. Ich wurde sofort schwanger und nach der Geburt meiner Tochter schlüpfte ich in die traditionelle Frauenrolle.
Ich ordnete mich unter, war finanziell abhängig von ihm, sorgte für alles und für mich blieb nichts mehr übrig. Als er im Laufe der Jahre dann in die Abhängigkeit rutschte konnte ich meine Rolle immer besser ausleben. Ich war die patente Frau, die alles im Griff hatte. Eigenliebe kannte ich nicht, ich bekam aber Anerkennung über meine Dienstleistungen, gewissermaßen. Ich sorgte für alles und jeden.

Ich half und tat wo ich nur konnte. Oft half ich sogar schon, bevor dem Anderen überhaupt bewusst war, dass er Hilfe brauchte. Ich fühlte mich für alles zuständig und trug die Verantwortung für alles. Alleine, versteht sich. Mein 1. Mann war eh auch ein Pascha, durch die Sucht wurde das aber noch schlimmer. Ich hatte wieder die Zügel in der Hand und machte und tat. Grenzen hatte ich nicht. Er konnte im Prinzip machen was er wollte. Ich hielt die Familie zusammen, muckte wenig auf. Denn Harmonie war mir sehr, sehr wichtig. Musste auch, denn es war immer die Angst, dass er mich weg schicken würde wenn ich nicht funktionierte. Weil - ich musste mir ja mein Dasein verdienen. Ich war nur eine Person, wenn ich einen Mann hatte. Dann fand ich mich wertvoll und zugehörig zur Gesellschaft. Hatte einen Status.

So strudelten wir umeinander, er immer tiefer in den Suff, ich immer tiefer in das Co-Dasein. Er abhängig vom Stoff, ich abhängig von psychischen und sozialen Faktoren. Und meinen vielen Lebensängsten. Ein Teufelskreis.

Der Suff vereinnahmte ihn immer mehr, Sunshine hat das ja gut beschrieben. Und ich fühlte mich immer mehr für ihn verantwortlich. Er brauchte doch meine Hilfe. Nur ich wusste doch, was er benötigte. Und außerdem dachte ich ja, ich wäre an seiner Trinkerei schuldig. Das erzählte er mir ja immer wieder. Also musste ich mir noch mehr verdienen, dass ich da sein durfte. Und als patente Hausfrau und Mutter war es doch meine Aufgabe zu sorgen, zu helfen, zu retten. Und auszuhalten.

Mein Umfeld merkte ja schon, was los war mit ihm. Und ich bekam Anerkennung dafür, dass ich trotz allem so gut für ihn sorgte. Und auf ihn aufpasste. Diese Anerkennung tat mir auf eine Art gut. Ich selbst hatte für mich ja keine Liebe und war auf das Außen angewiesen.

Und da musste er doch, verdammt noch mal, endlich auch mal dankbar sein. Nun schuftete ich und leckte ihm noch die Füße und da sollte er doch gefälligst endlich mal so sein, wie ich es wollte. Sich ändern und so werden, wie ich mir ein gutes Familienleben wünschte und vorstellte. Was musste ich denn noch alles tun, damit er es endlich begriff...

Ein Teufelskreis.

Ich erhöhte meine Bemühungen, drohte, flehte, heulte. Wollte unbedingt meinen Willen haben. Denn schließlich hatte ich das doch verdient und vor allem, ich wusste doch, was für ihn gut war. Für uns. Verdammt noch mal aber auch. Er sollte endlich mal so sein, wie ich es mir so sehr wünschte. Und diese Sauferei, warum konnte er das nicht aufhören. Für mich. Für uns. Für die Liebe. Oder war ich wirklich nicht liebenswert und hatte nichts anderes verdient?

Ich war also einerseits stolz darauf, wie ich das alles meisterte, ich hatte die Zügel in der Hand und wusste für alle, was das beste wäre. Nur mich vergaß ich dabei. Ich hatte die Kontrolle und das gab mir Sicherheit, denn ich war ein unsicherer Mensch. Immer abhängig von Meinungen der anderen Leute, immer bemüht, ein gutes Bild zu machen. Ich war grenzenlos. Jeder durfte sich an mir bedienen. Ich hatte Angst davor, "Nein" zu sagen. Den ein "Nein" bedeutete, so dachte ich, dass ich nicht mehr gemocht, geachtet, geliebt würde. Ich hatte Angst und so versuchte ich, meine Lebensvorstellung auf meinen Exmann zu übertragen, ihn dazu zu bekommen, es so zu machen, wie ich es wollte. Und dazu musste er erst mal zu saufen aufhören.

Ich konnte mich trennen, nach 26 gemeinsamen Jahren bin ich ausgezogen. Psychisch und physisch am Ende...

Ich hoffe, ich habe dich jetzt nicht erschlagen mit meinem Beitrag. Hui, wenn ich so in Fahrt komme kann ich immer gar nicht aufhören.

Liebe Grüße
Aurora

Oha, ich schreibe mich hier heiß...

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