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Persönlichkeitsveränderung

Hilfe für Co-Abhängige, Partner und Angehörige von Alkoholikern bei der Coabhängigkeit

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Anna Nüm
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Persönlichkeitsveränderung

Beitrag von Anna Nüm » 01.01.2020, 22:30

Hallo liebe Leute,

ich bin hier, weil mein Mann alkoholabhängig ist. Es fällt mir schwer, Alkoholiker zu schreiben, weil mir sein Fall subtiler erscheint. Er trinkt jeden Tag, meistens ab ca. 17 Uhr und dann kommt er auf 1-2 Flaschen Bier plus 2-3 Gläser Wein, ca. 200ml. Mal mehr, mal weniger. Wenn tagsüber Nachbarn vorbeikommen oder es eine Baustelle am Hof gibt, wird schon vormittags mit Bier angefangen. Er ist nie betrunken, wenn abends Besuch da ist und er mehr trinkt, gibt es hin und wieder mal Zungenschlag, das ist aber sehr selten. Er ist sehr zuverlässig, sorgt für alles rund ums Haus und macht auch allerlei für Nachbarn und Freunde, da kommen ihm seine wirklich brillanten geistigen Fähigkeiten zugute. Er hilft mir, wo es notwendig ist und ist insgesamt ein dienstbarer Mensch, worauf er auch sehr viel Wert legt (er ist in einem Gastgewerbebetrieb aufgewachsen). D.h., ich kann mich zu 100% auf ihn verlassen.

ABER: ich stelle schon seit über 10 Jahren eine zunehmende Persönlichkeitsveränderung fest. Es hat was sehr dissoziatives. Ich fühle mich schon lange emotional extrem vernachlässigt. Wir sind vor fast 20 Jahren auf einen Bauernhof gezogen und haben seither unendlich viel gearbeitet. Ich habe viel zu spät realisiert, dass er zu viel trinkt, weil das Mengen sind, die hier am Land ziemlich normal sind und ich keinerlei Erfahrungen mit Alkoholikern hatte. Deswegen frage ich mich auch immer wieder, ob ich mir das alles einbilde. Ich weiß, ich weiß, die alte CO-Frage ;-) Die letzten Jahre hat sich alles ziemlich zugespitzt und wir sind in eine heftige Krise geschlittert. Er ist eigentlich ein sensibler Mann, kann aber auch unglaublich gemein sein. Sein Verhalten mir gegenüber kann man durchaus als emotionale Gewalt bezeichnen. Ich habe das Gefühl, ständig über Fallstricke zu stolpern. Dauernd mache ich irgendetwas falsch und er fühlt sich durch in meinen Augen lächerliche Dinge provoziert, obwohl ich nichts mehr zu vermeiden versuche, als ihn zu provozieren. Ich habe ja Angst vor seinen Reaktionen. Er stellt irgendwelche seltsamen Regeln auf, die eingehalten werden müssen. Als ich ihn vor vielen Jahren das erste Mal auf seinen Alkoholkonsum angesprochen habe, hat er mich angeschrien, dass mich das nichts anginge. Wir sind jetzt 25 Jahre zusammen und hatten einige sehr schöne Jahre zu Beginn, ohne Alkohol. Es wäre völlig undenkbar gewesen, dass er mich anschreit. Das hat auch vor ihm nie jemand getan. Mich hat das sehr schockiert und geängstigt und ich denke, dass ich damals in die CO-Rolle gerutscht bin. Grundsätzlich findet er sich in Ordnung, während er mich für schwierig und kompliziert hält (liest man hier auch des öfteren).

Ich habe mich voriges Jahr intensiv in das Thema Entwicklungstrauma eingelesen und weiß, dass wir beide traumatisiert sind. Ich habe eine entsprechende Therapie begonnen, die mir hilft, wieder zu mir zu finden und meinen Weg zu gehen. Seit er das merkt und ich ihm davon erzähle, hat sich die Situation wieder etwas entspannt. Mit dem Alkohol aufhören will er nicht, da fühlt er sich in seiner "Freiheit" eingeschränkt und da reagiert er aggressiv. Er hat es voriges Jahr im Frühjahr versucht, ist aber nach 2 Tagen gescheitert. Aus seiner Sicht hatte er halt "einfach wieder Lust", etwas zu trinken.

Ich fühle mich seit über 10 Jahren total allein, wir machen nichts miteinander, leben abgeschieden zu zweit und seit wenigen Jahren arbeiten wir beide zuhause, d.h. wir sind an den meisten Tagen 24 Stunden am gleichen Ort. Das macht die Situation noch schwieriger. Er baut sich zwar gerade ein Geschäft auf und arbeitet viel, hat aber ansonsten jegliche Interessen verloren. Abends sitzt er in der Küche, raucht und trinkt seine Gläser. Dabei starrt er oft vor sich hin, ich kann das nicht ansehen. Wenn ich ihn darauf anspreche, meint er nur, er denke nach und so sehe das halt aus. Für mich ist das schrecklich, er kriegt dann rundum gar nichts mit. Ich habe das Gefühl, es ist völlig egal, ob ich da bin oder nicht. Das meinte ich mit dissoziativ.

Warum ich das so genau und so lang beschreibe: ich weiß, dass die Menge nicht unbedingt ausschlaggebend für die Abhängigkeit ist. Aber ich lese hier hauptsächlich von Alkoholikern, die schon morgens trinken und dann auch wirklich besoffen sind. Oder von denen, die sich alle paar Wochen komplett besaufen. Vielleicht gibt es aber doch noch andere, deren Fall ähnlich ist, wo die Menge nicht so extrem groß ist, aber dennoch Symptome auftauchen, unter denen sie leiden. Ich habe mich heuer nach ein paar heftigen Bemerkungen total zurückgezogen und bin innerlich auf dem Absprung. Ich halte diese Einsamkeit zu zweit nicht mehr aus. Schweigende Abendessen, kaum Gesprächsthemen, obwohl wir früher über alles geredet haben. Jetzt bespreche ich alles, was mich berührt, mit anderen Personen. Was meint ihr, reicht diese Menge Alkohol, um so deutliche Persönlichkeitsveränderungen zu bewirken? Ich habe es ausgerechnet, er bewegt sich zwischen 50 und 90g reinem Alkohol. Er hält diese Menge auch schon relativ lange. Ich zweifle NICHT daran, dass er abhängig ist! Mist, ich weiß eh, dass diese Verunsicherung eine CO-Geschichte ist!

Lovis
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Re: Persönlichkeitsveränderung

Beitrag von Lovis » 01.01.2020, 22:54

Hi,
zur Menge kann ich dir nichts sagen. Der Zustand deines Mannes und die Probleme im Zusammenleben erinnern mich an mich selbst. Ich dachte lange, mein Mann gerate in dissoziative Zustände und sei gar nicht betrunken. Ich weiß im Grunde noch immer nicht, was bei ihm eigentlich Sache ist und will es gerade auch gar nicht mehr wissen. Ich kann es ihm eh nicht recht machen und will nichts mehr seinem Alkoholismus zu tun haben und das bedeutet auch nichts mit ihm, zumindest solange wie er noch nicht trocken ist. Blöderweise wohnt er noch hier und ich habe keine Ahnung, wie ich ihn aus dem Haus bekomme.
Ich habe gerade in der Sektion Hilfe bei Alkohol durch Schulmedizin einen Beitrag zu Trauma und EMDR geschrieben. Vielleicht interessiert dich das:
viewtopic.php?f=4&t=36150
Liebe Grüße,
Lovis

Anna Nüm
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Re: Persönlichkeitsveränderung

Beitrag von Anna Nüm » 01.01.2020, 23:21

Vielen Dank für den Link. EMDR setzt man hauptsächlich bei PTBS ein. Für Entwicklungstrauma gibt es andere Therapien, z.B. NARM. Ich wundere mich, dass in diesem Forum diese Thematik noch kaum besprochen wird. Man weiß inzwischen, dass durch Entwicklungstraumata (d.h. fortwährende negative Einflüsse in der Kindheit) das autonome Nervensystem dauerhaft dysreguliert wird. Eine Möglichkeit, es zu regulieren, ist Alkohol bzw. alle anderen Süchte. Deshalb sollte man dem Alkoholiker nicht den Alkohol wegnehmen, bevor man das Nervensystem stabilisiert hat. Denn der Alkohol hilft ihm, unerträgliche Gefühle nicht spüren zu müssen. Wenn der Körper betäubt ist, kann er nicht fühlen. Das läuft natürlich alles unbewusst über das Stammhirn und ist für den Verstand nicht zugänglich. Deshalb gibt es für Entwicklungstraumen spezielle Therapien, die sich gravierend von den üblichen Psychotherapien unterscheiden. Da die CO-Abhängigkeit auch eine Form von Sucht ist, habe jetzt halt ich mit der Therapie angefangen, da ich ohnehin nur was für mich machen kann. Da Traumatherapien an der Regulierung des autonomen NS arbeiten, kann man sehr schnell Veränderungen herbeiführen. Ich hab nach der ersten Sitzung eine unglaubliche Entspannung erlebt. Das ist ein unglaublich interessantes Gebiet.

Dass du mit dem Alkoholismus deines Mannes nichts mehr zu tun haben willst, verstehe ich gut. Geht mir auch so, vor allem weil er nicht kooperativ ist. Ich habe jetzt jahrelang versucht, das irgendwie in Ordnung zu bringen. Jetzt schaue ich auf mich, das müssen wir CO's alle tun ;-)

Lovis
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Re: Persönlichkeitsveränderung

Beitrag von Lovis » 02.01.2020, 13:36

Das ist ja super interessant. Den Begriff "Entwicklungstrauma" habe ich noch nie gehört. Ich hatte im Rahmen meiner Psychotherapie immer wieder mal EMDR-Sitzungen. Insgesamt hat mich die Therapie weitergebracht. Ich konnte mich mit der Diagnose PTBS nie so recht anfreunden, weil ich zwar durchaus ein paar heftige Erlebnisse u.a. als Kind hatte und gleichzeitig war für mich der permanente Stress mit einer psychisch kranken Mutter viel schlimmer und er erscheint mir auch gravierender. Beim googeln habe ich jetzt auf die Schnell nicht wirklich viel zu dem Thema gefunden. Falls du ein paar gute Links hast, würde ich mich freuen.

Anna Nüm
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Re: Persönlichkeitsveränderung

Beitrag von Anna Nüm » 02.01.2020, 23:53

Ja, das ist eines der interessantesten Themen, das mir seit langer Zeit untergekommen ist. Ich beschäftige mich damit seit einem halben Jahr sehr intensiv und es ist unglaublich komplex.
Hier ein gutes Video von Dami Charf, einer deutschen Traumatherapeutin, von der gibt es noch ganz viele Videos auf YT:
*bitte keine Fremdlinks posten, die von Amazon können gerne stehen bleiben, danke. Morgenrot*

Es gibt einige moderne Traumatherapien, die alle mit dem Körper arbeiten, da ja das autonome Nervensystem entladen und neu verschaltet werden muss. Die neueste und beste Traumatherapie ist NARM (Neuroaffektives Beziehungsmodell), hier das Standardwerk, in dem alles steht, was man wissen muss. Da geht es besonders um die Bindungsstörungen, die aufgrund von Entwicklungstrauma entstehen: https://www.amazon.de/s?k=laurence+hell ... _ss_i_3_15

Gut ist auch SE (Somatic Experiencing), wobei es da etwas mehr um PTBS geht, aber nicht nur: https://www.amazon.de/Trauma-Ged%C3%A4c ... 202&sr=8-5
Auch sehr gut, mit Körperübungen, die man selbst machen kann: https://www.amazon.de/Vom-Trauma-befrei ... 202&sr=8-1

Ich hoffe, dass die Links nicht gelöscht werden (falls ja, sorry ,falls ich mich täusche, liebe Admins, ich bin überzeugt, dass die Links im Sinne des Forums sind!), ansonsten schau nach unter Laurence Heller und Peter A. Levine. Ich habe bis jetzt zwei SE-Sitzungen hinter mir, hab mit den Übungen von Peter Levine angefangen und werde im Jänner eine NARM-Therapeutin aufsuchen. Von letzteren gibt es noch nicht sehr viele, SE findet man leichter. Das NARM Buch ist der absolute Hammer, kann ich dir nur wärmstens ans Herz legen. Ach ja, eines der wichtigsten Stichworte ist die Polyvagaltheorie von Steven Porges. Diese hat die neuen Traumatherpien erst möglich gemacht.

Anna Nüm
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Re: Persönlichkeitsveränderung

Beitrag von Anna Nüm » 02.01.2020, 23:57

Gibt es hier wirklich niemanden, der meine Fragen beantworten kann? Niemand, der mit einem Alkoholiker zusammen ist, der nicht von in der Früh weg den ganzen Tag trinkt, sondern mit einem "gemäßigten"? Oder macht das für euch keinen Unterschied?

ideja
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Re: Persönlichkeitsveränderung

Beitrag von ideja » 03.01.2020, 09:40

Hallo Anna Nüm,

ich glaube es is gibt es da kein grösser Unterschied, besonders was die Persöhnlichkeitsveränderung betrifft.

Mein Mann trinkt nicht jeden Tag, es sind meistens Wochenenden. Nach jahrelangem Konsum, die letzten 3 Jahre, merkte ich immer wieder Veränderungen. Auch im betrunkenen Zustand, aber besonderes wenn er nichts mehr trinkt. Wenn ich das Forum nicht entdeckt hätte, würde ich, glaube ich, selber denken dass ich Einweisung in die Psychiatrie brauche.

Glaube an dass was du fühlst, und versuche für dich, Schritt für Schritt, etwas zu machen.
Als erstes, rate ich dir, ließ hier die vielen(auch ältere) Beiträge von CO- Abhängigen.

Du wirst sicher Antworten auf deine Fragen finden.

lG ideja

Morgenrot
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Re: Persönlichkeitsveränderung

Beitrag von Morgenrot » 03.01.2020, 11:18

Hallo Anna,
Oder macht das für euch keinen Unterschied?
entweder ist er Alkoholiker oder nicht.
Wichtig ist, das du deinen Wahrnehmungen vertraust. Dich stört derAlkoholkonsum und du hast Probleme damit.
Das ist Fakt.
Du kannst davon ausgehen, das du bei einem nassen Alkoholiker die wahre Trinkmenge nicht kennst, weil die gekonnt und mit allen Tricks verschleiert wird.
So war es bei mir, wenn es nur die Mengen des sichtbaren Konsums gewesen wären, hätte ich auch gesagt, er trinkt gemäßigt.
Es hat sehr lange gedauert, bis ich der Wirklichkeit ins Auge sehen konnte.

lg Morgenrot

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