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Gefangen im Chaos der Emotionen

Hilfe für Co-Abhängige, Partner und Angehörige von Alkoholikern bei der Coabhängigkeit

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dionysos
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Re: Gefangen im Chaos der Emotionen

Beitrag von dionysos » 17.11.2020, 10:44

UPDATE
Seit meinem letzten Statusbericht, der schon über 5 Monate (!) her ist, ist so viel passiert, mein Leben steht vergleichsweise Kopf seitdem.

Meine Frau hatte mehrere starke Trinkanfälle, musste mit der Rettung (1x mit Polizeieinsatz wg. Suizidandrohung) aus der gemeinsamen Wohnung abgeholt werden.
Nachdem sie von unserer vereinbarten 3-monatigen Trennung zurückkehrte und ich ihr gebeichtet habe, dass ich eine Freundin kennengelernt habe, hatten wir ja abgemacht, dass wir eine Art WG bilden, bis sie eine Wohnung findet.
Letztendlich hat sie das alles emotional nicht verkraftet, den endgültigen Bruch mit mir, die geliebte gemeinsame Wohnung zu verlassen etc.
Sie hatte im August 3 kürzere Klinikaufenthalte, verbrachte die Zeit bei Verwandten bzw. in einer kleinen Wohnung, die sie kurzfristig gefunden hatte.
Ihre dringendsten Habseligkeiten (Kleidung, Schuhe, Dekoartikel etc.) in Kisten zu verpacken und wegzuschaffen bescherte mir an einem Tag 2 Nervenzusammenbrüche, zumindest denke ich dass es welche waren, ich habe körperlich noch nie so heftig reagiert. Neben Heulkrämpfen hat mein ganzer Körper gekrampft und ich war kurz vorm durchdrehen - auch für mich war klar: "jetzt ist es wohl endgültig".

Auch wenn die Liebe zu meiner Freundin groß war, ich zu dem Zeitpunkt auch bereits ihren Sohn und ihre Eltern kennen gelernt habe und mir eine alternative Zukunft ausgemalt habe, fiel mir alles extrem schwer, aber die letzten Alkohol-Eskapaden und ihr körperlicher und psychischer Zustand zeigten mir auch, erst JETZT wurde es mir klar, wie gravierend und ernst ihre Alkoholsucht ist. Sie bekämpfte nicht "nur" ihre psychischen Probleme (vor allem: geringes Selbstwertgefühl), nein, sie war ABHÄNGIG.
Ich musste als Ehemann sogar behördliche Schritte (Entmündigung) einleiten, um sie zu retten - zwar wurden ihr nicht alle Rechte zu entscheiden, genommen, aber zumindest sah man von Seiten der Behörden ein, dass es zu gefährlich ist, sie alleine zu lassen, denn in Deutschland kann man sich ja 1 Tag nach der Einlieferung wieder selbst entlassen - zumindest kurzfristig wurde ihr dieses Recht entzogen und sie hat mir später bestätigt, so hart es war für sie, ich habe sie somit gerettet und den Weg eröffnet für die Vollzeit-Therapie, die sie derzeit macht.

Nach 1 Monat in einem Klinikum für Suchtkranke bekam sie eine gezielte mehrmonatige Alkoholtherapie in einer renommierten Spezialklinik, was ihr augenscheinlich sehr gut tut. Sie entwickelt sowas wie "Selbstliebe", hat ihren Humor wieder gefunden und sieht wieder sehr viel besser aus - der Alkohol hatte sie natürlich schon aufgeschwemmt etc. (mir wurde das erst bewusst, als ich mir ein paar Fotos aus den letzten Jahren angesehen habe, wie sehr sie sich optisch "entwickelt" hat). Wir haben formuliert, für immer beste Freunde zu bleiben, ich denke es gibt gute Chancen, das zu schaffen, wir gehen sehr, sehr respektvoll und verständnisvoll miteinander um. Manchmal deute ich an, dass ich das alles nicht so wollte, alles so kam wegen ihrer Trinksucht, manchmal fängt sie an, dass sie es nicht verstehen kann, dass ich sie "betrogen" und nicht zu ihr gehalten habe, aber wir erinnern uns in diesen Momenten daran, dass das alles zu nichts führt und wir uns keine Vorwürfe machen wollen, sondern beide nur nach vorne blicken wollen. Ich habe ihr versichert, ihr immer helfen zu wollen, weil sie mir immer sehr viel Wert, ein Teil meines Lebens sein wird. Ich habe ihr auch etwas bei der Einrichtung ihrer kleinen Wohnung geholfen und sie hat mich einmal (in der kurzen Phase bevor sie die Therapie anfing) bei sich zum Essen eingeladen. Sie hat sich vielleicht noch etwas zuviel Hoffnung gemacht, dass es zwischen uns nochmal eine Beziehung geben könnte, ich habe das letztens aber klar gestellt, dass ich nicht zweigleisig fahren kann und werde und das für mich keine Option mehr ist. Es schmerzt sie sehr, dass sie "alleine" ist und sagt immer "du bist ja nicht alleine" zu mir.

So einfach ist es aber auch bei mir nicht. Ich bin mit meiner Freundin bis hoch zu Wolke 7 und runter in die Hölle und wieder auf Wolke 7 und momentan ist es weiter kompliziert.
Wir haben nachdem ich ihren Sohn kennengelernt habe, sehr viel zu dritt unternommen, zum Glück mag und akzeptiert mich der 14-jährige Sohn sehr. Wir waren auch gemeinsam 1 Woche Urlaub im Süden, da war alles sehr, sehr harmonisch - bis kurz vor Ende des Urlaubs sich der Noch-Ehemann meiner Freundin per Telefon meldete. Es gipfelte darin, dass sie nach der Rückkehr vom Urlaub ihr Verhalten mir gegenüber abkühlte und mehr Zeit für sich forderte.
Ich tat mich nach der wundervollen gemeinsamen Zeit miteinander schwer, mit Entzug von ihr zu leben und begann (was ja auch stimmte) die Schuld bei ihrem Noch-Ehemann zu suchen. Irgendwann wurde es ihr zuviel und sie bat mich meine Sachen aus ihrem Haus zu holen und beendete die Beziehung - allerdings kam mir alles sehr halbherzig vor, weshalb ich in der Folge in der "Luft hing". Ich verordnete mir selbst ein Kontaktverbot von 3 Tagen, in denen ich fast gestorben bin vor Gram, ich nahm Tabletten um alles durchzustehen und plötzlich meldete sie sich, sie wollte mit mir zum Essen gehen. Soweit kam es aber nicht, denn sie musste sich ganz kurfristig einer Unterleibs-OP unterziehen. Eine Zeit, die für sie logischerweise schwierig war und für mich auch, da ich immer noch nicht wusste, woran ich war. Ich war völlig am Boden, konnte nicht mehr essen, wollte sie nicht zu sehr mit WhatsApp traktieren und nahm mich ziemlich zurück, so weh es auch tat. Ich hatte vor, sie an einem Sonntag Abend zu kontaktieren / konfrontieren wie es weiter geht, aber sie kam mir zuvor. Ich hatte nicht DAMIT gerechnet: sie entschuldigte sich weinend für alles und sie braucht mich etc. Wir trafen uns also am Dienstag darauf zum Essen und verabredeten einen zweiten Anlauf der Beziehung, allerdings wollten wir es langsamer angehen lassen. Erst vor kurzem hat sie mir gebeichtet, dass sie sich eigentlich WIRKLICH von mir trennen wollte, in der Zeit ihrem Noch-Ehemann Zukunftschancen einräumte und auch mit ihm schlief. Rational schien ihr das sinnvoller (mir ging es ja Monate zuvor mit meiner Ehe genauso), jedoch war ihr Herz stärker und kehrte zu mir zurück.
In den folgenden Tagen gingen wir es aber wieder nicht langsamer an, im Gegenteil sie wollte mich ständig um sich haben, sie wollte die Scheidung forcieren etc.
Ich bin voll im Ausbau des erst vor kurzem fertig gestellten Haus integriert (ich weiß mir handwerklich zu helfen), sie eröffnete mir, dass sie mich so schnell wie möglich für immer im Haus haben will, auch ihr Sohn sagte mir, ich gehöre "zur Familie".
Ich war mehr verliebt als je zuvor und war bereit, meinen Lebensmittelpunkt inkl. Jobwechsel zu verlegen.
Leider kommen von ihrem Noch-Ehemann immer wieder massive Störfeuer (er scheint narzisstische Züge zu haben, zudem psychische Probleme inkl. Psychopharmaka und er trinkt auch viel), was unsere Beziehung massiv belastet. Sie ist immer extrem verstört, wenn er seine "Ausbrüche" hat und fühlt sich schuldig an seinem seelischen Schmerz. Ich sage ihr immer wieder - sogar der Sohn tut das - dass er sie nur manipuliert, rational versteht sie das auch, aber sie sagt sie kann nichts dagegen machen, es geht ihr so schlecht mit der Situation, dem Trennungsprozess.
Sie verschließt sich dann immer emotional, d. h. in einer Woche überschüttet sie mich mit Liebesbekundungen, dann (wie letzte Woche) ist sie total kühl zu mir. Es kommen da zwei Dinge zusammen: zum Einen würde sie jemanden brauchen, der total "cool" mit der Situation umgehen kann, aber auf der anderen Seite bin da ich, der eine massive Angst hat, dass die Beziehung keine Zukunft haben könnte, sie wieder mit ihrem Noch-Ehemann zusammen kommen könnte.
Zur Erklärung: das Haus ist neu gebaut, ich habe beim Einzug geholfen, er hatte nie etwas mit dem Bau / Ausbau / Einzug zu tun, er hat seit Juni eine eigene Wohnung und auch eine Freundin, der Sohn hat ein gestörtes Verhältnis zum leiblichen Vater (warum weiß nicht mal die Mutter). Es gibt neben der Scheidung ziemlich massive finanzielle Dinge (Grundstück, Hauskredit) zu regeln, was der Noch-Ehemann als Machtmittel benutzt, sie immer wieder zu kontaktieren und ärgern und drohen. Der Scheidung stimmt er keinesfalls zu. Er stalkt den Sohn und die Mutter, ich bin ein Dorn im Auge (er hasst mich angeblich, obwohl er mich nicht kennt).
Letztes Wochenende war wieder so eine Phase, in der sie recht kühl zu mir war und ich habe sie am Sonntag konkret zur Rede gestellt. Sie meinte, es tut ihr leid, wenn sie sich emotional so verschließt, aber ich solle aufhören, mir ständig einzureden, dass sie es nicht ernst mit mir meinen würde.
Ich bin also seit 2 Monaten auf extremer emotionaler Achterbahnfahrt und ironischerweise denke ich momentan sehr oft an die ruhige Zeit mit meiner Noch-Frau, bevor sie stark alkoholabhängig war. Mein Leben ist also alles andere als entspannt, ich fühle mich völlig entwurzelt.
So schön die schönen Phasen mit der Freundin sind, so stark setzt mir zu, wie kompliziert alles ist. Ich habe ihr gesagt, dass ich es verstehe, dass sie emotional mit der Trennung kämpft, ich mich auch gerne zurück nehme (was ich derzeit tue und es fällt mir sehr schwer), aber es muss eine Zeit kommen, in der ER nicht mehr Macht auf uns ausübt und die Dinge mit ihrem Noch-Mann mehr geklärt sind, sonst gehe ich kaputt.
Ich hoffe wirklich, dass mein Zukunftsplan mit ihr aufgeht, parallel dazu muss ich aber aufpassen, mich nicht zu sehr zu verrennen. Die Beziehungssicherheit, die ich mit meiner Noch-Frau hatte, habe ich mit meiner Freundin noch lange nicht, auch wenn wir konkrete Zukunftspläne schmieden. Sie scheint sehr sprunghaft zu sein und auf andere Art komplizierter als meine Noch-Frau.
Auf Anraten meiner Therapeutin (für Co-Abhängige) soll ich mich einer psychologischen Therapie unterziehen, in der ich an meinen tiefsitzenden Problemen arbeite: ich räume dem Thema "Beziehung" in meinem Leben (neben, Job, Umfeld, Freunden, Freizeit etc.) einen massiv überhöhten Stellenwert ein, als hänge mein Leben davon ab. Sie sagt aber auch, es ist ein Stück weit verständlich, denn im Endeffekt bin ich in kürzester Zeit 2x allein gelassen worden - 1x indirekt durch die Trinksucht meiner Frau, 1x nach der zwischenzeitlichen Trennung der Freundin von mir. Das hat mir nicht nur seelisch, sondern auch körperlich massiv zugesetzt (kein Appetit, Schlaf- u. Antriebslosigkeit). Ich MUSS daran arbeiten, mit solchen Unsicherheiten zurecht zu kommen, auch alleine "lebensfähig" zu sein, was schwierig ist, da ich ja meine Frau mit 19 kennen gelernt habe und sowas wie "Junggesellendasein" nie kannte.

Wir der Titel des Threads sagt, bin ich nach wie vor Gefangen im Chaos der Emotionen, auch wenn sich nun alles in eine andere Richtung verlagert hat.

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