Startseite - PortalHilfsangebote der SuchthilfeSelbsthilfeforumInformationen zur Suchthilfe

Nicht mehr (mich) aufgeben wollen

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit
Gotti
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 3513
Registriert: 04.02.2008, 20:01

Re: Nicht mehr (mich) aufgeben wollen

Beitrag von Gotti » 26.05.2018, 07:21

Hallo Mala!
Unruhige Zeiten hatte ich auch in "meiner ersten eigenen Wohnung allein"! Nach meinem Auszug nach über 34 Jahren Ehegemeinschaft. :roll: Da half mir mein Hund, und dann entdeckte ich wieder meine Kreativität. Unruhe am Abend oder zwischendurch - gab es nicht, da ich ständig etwas zum Häkeln, Stricken, Filzen.... hatte. Einmal die Woche ging ich in einen Aquafitnesskurs. Fest angemeldet! Ohne zu Schwänzen. Struktur. Dazu gehört immer noch der Besuch meiner SHG, einmal im Monat. Und mit der Ältesten daraus ( es war auch meine erste Ansprechpartnerin) hält mich eine gute Freundschaft, und wir unternehmen öfter etwas zusammen.
Es ist wirklich etwas Anderes, sich gegenüber zu sitzen, und von seinen eigenen Problemen zu reden. Seine eigenen Fehler auch einmal vor anderen hinzulegen, damit rechnen zu müssen, dass sie zerpflückt und erkannt werden. Aber mir war es auch immer wieder eine Hilfe, die anderen Meinungen zu durchdenken, und mir das Wertvolle herauszuholen, das andere sahen ! Andere Perspektiven sind sehr oft wichtig!
Manchmal empfand ich diese "Einmischungen" sicherlich schmerzhaft! Ärgerte mich, "die haben ja keine Ahnung..", aber ich habe gelernt, Kritik zu durchleuchten und für mich Teile als Hilfe herauszukristallisieren.. So oder so.
Aber das Aussprechen und die lange Zeit, die wir miteinander verbringen, hat uns zu einer festen Gruppe geschweisst, in der Menschen sind, die ich im Notfall anrufen kann, die mir Soforthilfe geben können. Und natürlich umgekehrt auch!
Ich möchte sie nicht missen!
Jetzt - nach 1 1/2 Jahren - fühle ich mich frei, auch mal etwas völlig Sinnloses zu machen. Oder neue Wege zu gehen.
Habe auch nach langer Abstinenz wieder eine Häkelarbeit begonnen. :D
Der alte Spruch ist immer noch gültig: Wer will findet Wege - wer nicht will findet Gründe.
LG Gotti

kabut
neuer Teilnehmer
Beiträge: 5
Registriert: 21.05.2018, 13:28

Re: Nicht mehr (mich) aufgeben wollen

Beitrag von kabut » 06.06.2018, 22:33

Du hast es für mich genau auf den Punkt gebracht, Mala. Gerade das mit dem nicht mehr schlafen können, habe ich auch so empfunden. Ich wünsche dir alles Gute, Mala.

Mala14
neuer Teilnehmer
Beiträge: 26
Registriert: 20.04.2018, 11:06

Re: Nicht mehr (mich) aufgeben wollen

Beitrag von Mala14 » 08.06.2018, 23:11

Hallo liebes Forum!
Es waren bewegte Wochen, die hinter mir liegen. Ganz viel Neues, viel Altes, viel Stress und vor allem das Erleben, wie ich damit jetzt so umgehe.
Ich habe hier wenig geschrieben und kaum gelesen, weil mir die Zeit fehlte und ich habe mich darauf gefreut, heute Abend endlich mal wieder Zeit für mich zu haben und wieder zu schreiben.

Gotti, wie wahr. Vielen Dank für Deine Worte! Das hört sich großartig an. Ja, es ist wichtig, jemanden zu haben, bei dem man aufrichtig sein kann und der versteht, was los ist. Das fehlt mir ein bisschen. Das habe ich aktuell hauptsächlich hier. Das mit einer realen Gruppe habe ich auch noch auf meinem Zettel...

Kabut, ich muss bald mal bei Dir lesen! Ich wünsche Dir auch alles Gute!

Es sind nun fast 1,5 Monate, die ich frei leben kann.
Ich hatte auch seltene Momente, in denen ich wieder etwas trinken wollte. Vor allem in den letzten Tagen. Ich habe gemerkt, an was es lag. Es war Überforderung.
Und mein Wunsch, einfach tatsächlich ganz abzuschalten.
Da half mir wieder, den Gedanken zu Ende zu denken. Dass ich nicht abschalten werde; zumindest nicht so, wie ich mir das wünsche. Ich kann ja keinen kurzzeitigen Hirntod einleiten. Ich bin dann nur betrunken. Und am nächsten Tag wieder verkatert und das Spiel geht dann ziemlich sicher wieder weiter.

Ich merke auch, dass Ihr hier mit der Risikominimierung goldrichtig liegt.
Es macht mir im ersten Moment nichts aus, an all den Straßencafés in der Stadt vorbeizugehen; sämtliche Leute beim Feierabend-Bier zu sehen. Beim Chillen/Grillen im Park. Im ersten Moment. Und dann schleicht sich etwas Kleines in mein Hirn. Ich habe dann Gottseidank keinen Saufdruck, aber es ist etwas da, was ich mit Darüber-Nachdenken wieder verbannen muss. Und das wäre ohne diese Impulse von Außen gar nicht da. Gerade jetzt in der Sommerzeit kann ich gar nicht vermeiden, ständig an Alkohol und alkoholtrinkenden Menschen vorbeizukommen. Tja, unglaublich, wo und wieviel in so einer großen Stadt überall ständig getrunken wird.
Es ist für mich nicht zu vermeiden. Ich fänd es aber netter für mich, wenn ich nicht unnötig mehr Arbeit leisten müsste und die Impulse einfach per se weniger wären. Aber gut.

Sonst läuft es wirklich ganz gut. Außer, dass ich im Moment ständig müde bin. Ich würde so gerne sooooo viel schlafen. Schlafen schlafen schlafen. Der Schlaf ist auch mega-toll. Ich schlafe wie ein Stein. Und kuschelig.
Ja, ich weiß - ich schreibe so oft vom Schlafen. Es ist halt einfach immer noch so mega-gut, ich feiere das immer noch! :-)

Ich merke, dass ich insgesamt besser auf mich achte. Ich nehme mehr wahr, wann mich etwas nervt und kann mich auch mal abgrenzen. Ich sage auch öfter, wenn ich etwas nicht möchte. Bisher habe ich einfach funktioniert. Es durchgezogen. Gar nicht wirklich darüber nachgedacht, warum ich mich jetzt so abhetzen sollte für etwas, was mir persönlich vielleicht gar nichts bringt.
Und ich mache mich auch aktuell nicht mehr so verrückt-- ja mein Gott -- dann wasch ich halt morgen Wäsche. Und? Und putzen kann ich auch wenn ich tot bin. Keine Sorge, sieht alles noch schick aus bei mir... :-) Aber wenn ich mal keine Lust habe, dann mach ich halt einfach nichts.

Vorhin saß ich auf der Couch und dachte: man, ist das Leben gerade schön!

Wie oft habe ich das das letzte Jahr gedacht? Die letzten Jahre? Nicht so arg oft. Nicht aus tiefster Überzeugung. Und ich kann es wieder fühlen.

Gleichzeitig bin ich öfter genervt. Ich entwickle gerade Widerwillen gegen das Arbeiten an sich... lol... Warum bei diesem Traumwetter im Büro sitzen? Wozu?
Es macht mir etwas Sorgen, dass sich langsam wieder diese Sinn-Fragen stellen.
Wenn ich ehrlich bin, habe ich diese lange vermieden. Und musste sie mir in all den Jahren des Zudröhnens auch nicht mehr stellen. Ich habe funktioniert. Und mich danach weggeschossen. Kein Platz, keine Zeit für Sinn.
Jetzt fange ich an, mir Fragen zu stellen, auf die ich aktuell noch keine Antworten weiß.
Ich weiß nur, dass ich viel zu sicherheitsbewusst bin, was Finanzen etc. angeht, um jetzt einfach das machen zu können, wozu ich Lust habe. Deshalb machen mir diese Gedanken etwas Sorgen.
Ich versuche, sie einfach ganz leicht auf mich zukommen zu lassen. Nicht voreingenommen zu sein und nicht gleich Panik zu kriegen. Muss ja morgen nicht Aussteiger werden und in den Himalaya zur Sinnsuche steigen...
Aber klar-- wenn ich das mit dem Büro-Gehocke eigentlich vielleicht nicht so gut finde.... Dann muss ich, wenn ich mir ein schönes Leben machen will, vielleicht auch über einen anderen Weg nachdenken.
Aber noch nicht heute. Gemach, gemach.... :-) Gottseidank. :-)

Mir ist noch etwas klar geworden: ich könnte jederzeit genauso weitermachen, wie ich aufgehört habe. Ich könnte morgens trinken, wenn ich nicht zur Arbeit muss, ich könnte den ganzen Tag trinken, ich könnte nach einem Kater direkt weitertrinken.
Das, was mich hält, ist meine Haltung, dass ich nicht trinken will und dass ich so nicht mehr leben will. Und der Gedanke, wie es mir damit ging und gehen wird.

Ich bin sowas von am Anfang; es wird dauern, bis ich Distanz zwischen mich und dieses alte Muster gebracht haben werde. Auch wenn ich mich schon manchmal so fühle, als sei das eine Millionen Jahre von mir entfernt, dieses besoffene Leben.

Noch was: ich seh noch besser aus... :-))) Guck mich wieder bewusster im Spiegel an. Und die Sommerfarbe ist auch nicht hinderlich. Gott - ich habe noch vor 1,5 Monaten gar nicht mehr richtig hingeguckt, wenn ein Spiegel vor meiner Nase war.

Ich sehe langsam wieder mich!

Euch allen einen wunderschönen lauen Sommerabend,
liebe Grüße

Mala

Cadda
aktiver Teilnehmer
Beiträge: 691
Registriert: 04.09.2017, 20:53

Re: Nicht mehr (mich) aufgeben wollen

Beitrag von Cadda » 09.06.2018, 05:39

Mala, nur kurz, da vom Handy:

Danke für Deinen erfrischenden Bericht gestern Abend :-
Ich habe das Gefühl, Du schreibst einfach drauf los und viele Gedanken kommen mir bekannt vor. Du wirkst auf mich wirklich unglaublich sympathisch, das wollte ich mal kurz loswerden :-)

„Man ist das Leben gerade schön“.... Ja!!! Das denke ich auch erst jetzt wieder, zu Saufzeiten nicht mehr so bewusst.

Das Leben ist wirklich schön. Und wenn man so gut aussieht, lässt Dich auch das „Büro-Gehocke“ leichter ertragen :-D

Aber nun erstmal ein schönes Wochenende....

Cadda
aktiver Teilnehmer
Beiträge: 691
Registriert: 04.09.2017, 20:53

Re: Nicht mehr (mich) aufgeben wollen

Beitrag von Cadda » 09.06.2018, 05:40

Lässt SICH meinte ich natürlich ;-)

MieLa
neuer Teilnehmer
Beiträge: 97
Registriert: 23.01.2018, 11:46
Geschlecht: Weiblich

Re: Nicht mehr (mich) aufgeben wollen

Beitrag von MieLa » 09.06.2018, 18:10

Liebe Mala,

wie schön, wieder von dir zu lesen. Ja, so wie Cadda geht es mir auch. Ich lese dich gerne und erkenne mich in sehr vielem wieder. Ich bin ja auch nur wenige Wochen länger im trockenen Leben dabei als du.

" Sonst läuft es wirklich ganz gut. Außer, dass ich im Moment ständig müde bin. Ich würde so gerne sooooo viel schlafen. Schlafen schlafen schlafen. Der Schlaf ist auch mega-toll. Ich schlafe wie ein Stein. Und kuschelig.
Ja, ich weiß - ich schreibe so oft vom Schlafen. Es ist halt einfach immer noch so mega-gut, ich feiere das immer noch! :-)"


Das kann ich so wahnsinnig gut nachvollziehen. Mir ging es fast die ersten 4 Monate so. Auf der einen Seite war ich wacher, aber auf der anderen Seite hatte ich ein viel größeres Schlafbedürfnis. Ich habe bereits nach den ersten Tagen Abstinenz den Wecker morgens weitergestellt und mir regelhaft eine Stunde mehr Schlaf gegönnt. Außerdem bin ich abends todmüde ins Bett gefallen. Nach meinem Urlaub jetzt im Mai habe ich festgestellt, dass ich aus dieser Phase raus bin.
Ich glaube, dass der Körper sich regenerieren muss. Immerhin ist er in der Zeit des Alkohols auf Hochtouren gelaufen und stand unter starkem Stress. Er musste den Alkohol abbauen und aus Wein Wasser machen. Was für eine Arbeit! In der Abstinenz hört diese Art von Stress auf und die Reparatur- und Erholungsarbeiten beginnen :wink:

Über die Qualität des Schlafes freue ich mich auch jeden Tag. Es macht mich glücklich, auf diese Weise einschlafen zu können, durchzuschlafen und erholt aufzuwachen. Ja, feiern, das ist das richtige Wort!

Aber auch in nassen Zeiten war Schlaf ein Thema für mich. Jedenfalls das, was ich dafür hielt. Denn der komatöse Zustand war kein ordentlicher Schlaf. Er war ein Thema, weil er schlecht war, nach wenigen Stunden vorbei war, wenn ich schwitzend und mit Herzklopfen nachts um 2.30 Uhr aufgewacht bin. Und ich bin auch immer dem Irrtum erlegen, dass ich ohne Rotwein gar nicht einschlafen kann. Das ist, glaube ich, eine Angst, die viele haben. Jedenfalls ist es schon öfter im Vorstellungsbereich aufgetaucht.

Ich habe inzwischen ein Gefühl, dass ich so viele Jahre nicht mehr hatte: Vertrauen
Ich habe Vertrauen zu mir und "meinem" Schlafvermögen. Ich gehe entspannt zu Bett und habe Vertrauen, dass ich einschlafen kann. Ich warte nicht mehr auf einen todmüden oder komatösen Zustand. Dieses Bewusstwerden des Vertrauens ist für mich sehr schön. Denn das Vertrauen bezieht sich auch auf andere Bereiche meines trockenen Lebens.

Auch von mir viele Worte zum Thema Schlaf :D

Ach ja, was mir gerade dabei durch den Kopf geht: In einem anderen Thread war letztens darüber gesprochen worden, dass es in der Trockenheit nicht mehr möglich ist, das besondere Gefühl der ersten Alkoholanflutung zu erleben. Ja, das stimmt. Dieses Gefühl ist allein durch die Sucht bedingt und ist weg, wenn der Sucht nicht mehr nachgegeben wird. Aber dafür gibt es so viele andere "berauschende" Dinge, die die Trockenheit mit sich bringt. Und eines davon ist der glücklich machende Schlaf

Alles Gute,
MieLa

Taxi
neuer Teilnehmer
Beiträge: 89
Registriert: 15.05.2018, 21:47

Re: Nicht mehr (mich) aufgeben wollen

Beitrag von Taxi » 10.06.2018, 22:43

Hallo Mala14,
Glückwunsch zu deinen ersten 1 1/2 Monaten und dass du dich damit gut fühlst.
Ich habe mir damals nur einen ernsthaften Versuch gegeben, weil ich wusste dass es anders keinen Sinn macht.
'Es wird nie wieder so einfach wie beim ersten Mal'
Sätze sammeln--
das wurde in den nächsten Wochen und Monaten zu meinem ersten Rüstzeug.
Nach und nach kamen Erlebnisse und Gefühle dazu, durch die ich diese Sätze erst umfassend verstand.
Manche sofort, andere flackerten mir nach 2 Jahren durch den Kopf.

Und nochwas: " ich bin sowas von am Anfang"
Diesen Satz habe ich selber umso intensiver erlebt, als mir klar wurde, dass es funktioniert und so weiter gehen soll.
Komme was da wolle.
Weiterhin viel Erfolg, wir lesen uns "drinnen".
Gruß taxi

kabut
neuer Teilnehmer
Beiträge: 5
Registriert: 21.05.2018, 13:28

Re: Nicht mehr (mich) aufgeben wollen

Beitrag von kabut » 13.06.2018, 22:09

@mala: Ich werde bald auch mehr schreiben. Aber im Moment bin ich zeitlich sehr eingespannt. Das wird sich jedoch in der nächsten Zeithoffentlich bessern. ;)

Antworten