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Tausendmal probiert...

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit

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Correns
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Re: Tausendmal probiert...

Beitrag von Correns » 22.07.2020, 18:52

Karsten hat geschrieben:
25.03.2020, 16:39
...Es gibt wichtigere Dinge...
Hallo Karsten,

im Februar diesen Jahres bist Du mich in meinem Thread ziemlich ruppig angegangen. Der Grund dafür ist mir bis heute nicht klar geworden. Mit der Bemerkung, es gäbe wichtigere Dinge, hast Du das Ganze dann abgebrochen.

Karsten, Du hast recht. Es gibt wirklich wichtigere Dinge. Über meinen individuellen Weg habe ich immer mal wieder in meinem Thread geschrieben. Eine Zusammenfassung möchte ich nicht schreiben, weil dies erstens sehr viel Zeit kosten würde und dies zum Zweiten auch meine Wiedererkennbarkeit deutlich steigern würde. Dafür ist mir der offene Bereich zu heikel. Ich hoffe, Du verstehst dies.

Im Übrigen ist es immer recht schwierig mit einer schriftlichen Kommunikation.
Ich denke etwas und schreibe darüber.
Du liest etwas und denkst darüber.
D.h. zwei unterschiedliche Leute habe über dasselbe Geschriebene nachgedacht.
Vorsicht Falle! Die Gedanken von Dir und mir müssen dabei nicht dieselben sein.
Manchmal vermute ich, dass Du hinter meinem Geschriebenen irgendwelches Unheil siehst. Das ist von mir so nicht beabsichtigt.

Viele Grüße
Correns

Correns
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Re: Tausendmal probiert...

Beitrag von Correns » 28.07.2020, 14:09

Hallo Forum,

die Nachfragen von Karsten habe in mir etwas weitergearbeitet. Beim Laufen kann ich ja meine Gedanken sehr ungestört fließen lassen. Und deswegen werde ich einmal mit einem ersten Beispiel beginnen. Ein Beispiel meines "individuellen Weges", von dem ich ja behauptet habe, dass er gesund und normal wäre.

Correns' individueller Weg (Beispiel 1):
Bei Besprechungen im Büro geht es oft ziemlich wild hin und her. Da werden Argumente ausgetauscht, Fragen gestellt und zum Teil auch üble Kommunikationstricks angewendet. Hier treffe ich sehr oft auf Kollegen, die sich lieber auf die Zunge beißen, als einen Fehler zuzugeben. Auf Fragen höre ich oft einen regelrechten Wortschwall, der nichts von der Frage beantwortet und ausschließlich dazu dient, davon abzulenken, dass der Betreffende die Antwort einfach nicht weiß. Während meinem Berufsanfang war ich teilweise auch so unterwegs. Teilweise auch weil ich noch unsicher war. Im Lauf der Jahre habe ich aber hierzu eine persönliche Stärke entwickelt: Wenn mir eine Frage gestellt wird, die ich nicht beantworten kann, sage ich einfach: Das weiß ich nicht! Das mag für die eine oder den anderen von Euch ziemlich banal klingen. Aber mit dieser "Strategie" bin ich in unserer Firma noch sehr stark in einer Minderheit. Trotzdem gefällt mir diese kleine Individualität.

Wie steht Ihr zu dieser Sache? Ihr könnt mir ja gerne Eure Meinung hier reinschreiben...

Viele Grüße
Correns

Eule89
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Re: Tausendmal probiert...

Beitrag von Eule89 » 28.07.2020, 14:55

Hallo Correns,
super Thema. Ich finde deine Strategie da echt klasse. Ich mache es genauso. Wenn ich etwas nicht weiß, dann weiß ich es eben nicht. Was ist denn schlimm daran?!
Ich persönlich finde es auch besser, wenn andere mir gegenüber "zugeben", dass sie etwas bestimmtes nicht wissen. Gerade so Leute wie Ärzte, Richter, Lehrer usw.
Das macht einen Menschen für mich erst echt und vertrauenswürdig. Ich vertraue niemanden, der auf alles eine Antwort hat oder vorgibt alles zu wissen. Niemand weiß alles. Und niemand weiß mehr, als jemand anderes. Hat nur vielleicht andere Spezialgebiete. Und das ist auch vollkommen unabhängig vom Bildungsstand, Berufsstand oä. Jeder weiß viel und kann viel. Nur jeder kann eben was anderes besonders gut.

Liebe Grüße
Eule

Cadda
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Re: Tausendmal probiert...

Beitrag von Cadda » 28.07.2020, 21:02

Hallo Correns,

ich finde diese Art und Weise gut und handhabe es auch so. Einen kleinen Unterschied mache ich dabei, ob Kunden oder Kollegen. Bei Kunden versuche ich natürlich, schon Wissen „an den Mann“ zu bringen, aber wenn ich wirklich nicht weiter weiß, sage ich das. Ich hole bei Dingen, die ich nicht gut weiß, auch gern meinen Kollegen dazu, der zu manchen Dingen vielleicht mehr sagen kann.

Bei Kollegen sage ich direkt, wenn ich null Ahnung habe und versuche das auch gar nicht zu umschreiben. Da muss ich nicht professionell wirken. Im übrigen ist es auch viel sympathischer, auch mal Schwächen zuzugeben.

Wenn ich mal einen Fehler gemacht habe, gehe ich auch direkt in die Offensive. Ich warte nicht, ob es auffällt, sondern haue es raus. Das erwarte ich allerdings auch von Anderen.

Ich finde diese Vorgehensweise sehr gesund :-)

Ingrid2012
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Re: Tausendmal probiert...

Beitrag von Ingrid2012 » 28.07.2020, 23:55

Hallo,

als Berufsanfängerin hätte ich mir wohl eher die Zunge abgebissen, als einen Fehler zuzugeben. Dafür war ich da noch viel zu unsicher. Lieber habe ich mir Nächte um die Ohren geschlagen, um heraus zu finden, was ich tun mußte, um die Fehler zu beheben oder wieder auszumerzen.

Mit wachsender Berufserfahrung ist es mir zunehmend leichter gefallen, Unwissenheit zuzugeben. Leider habe ich da allzuoft die Erfahrung gemacht, dass ich beim Eingestehen einer Schwäche ziemlich komisch bis hin zu abfällig von oben herunter angeguckt wurde.

Für mich ist klar, dass ich ziemlich genau gucken muß, in welcher Situation und bei wem, ich Unwissenheit zugeben kann (kann natürlich auch sein, dass ich manchmal arrogant rüberkomme, und man dann schadenfreudig ist, dass ich was nicht weiß).

Ich finde es schwierig, und muß in jeder Situation neu entscheiden, wie ich mich verhalte.

Correns
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Re: Tausendmal probiert...

Beitrag von Correns » 01.08.2020, 07:08

Hallo Eule,

dass Andere dies auch so machen, kann ich nicht erwarten. Es ist zwar schön, wenn es so ist, aber wie Andere ticken, könnte ich nur schwer beeinflussen. Deswegen lasse ich es lieber gleich.

Hallo Cadda,

ich mache mittlerweile keine Unterschiede mehr, um wen es sich auf der anderen Seite handelt. In meinem früheren Berufsleben habe ich es jedoch auch so gehandhabt, wie Du. Schließlich leben wir immer auch in einer gewissen Abhängigkeit. Diese Abhängigkeit wird jedoch bei mir kleiner, je älter ich werde.

Hallo Ingrid,

wie Andere reagieren, ist mir ziemlich egal. Manchmal sind die Reaktionen sogar erhellend. Sagen sie doch mehr über mein Gegenüber aus als über mich. Dass ich offen sage, wenn ich etwas nicht weiß, hat sich in meinem Bekannten- und Kollegenkreis mittlerweile herumgesprochen. Die meisten halten dies für etwas Positives, wenn auch oft ein "das würde ich mich nicht trauen" kommt. Wenn Du noch unsicher bist, würde ich nichts erzwingen.

Hallo Forum,

für das nächste Beispiel werde ich auf mein "alkoholfreies Zuhause" eingehen. Auch hier habe ich einen individuellen Weg gewählt. Aber das schreibe ich beim nächsten Mal auf. Ich habe noch einiges im Offline zu tun. Bis bald...

Viele Grüße
Correns

Cadda
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Re: Tausendmal probiert...

Beitrag von Cadda » 02.08.2020, 07:30

Guten Morgen Correns,

darauf bin ich wirklich gespannt!!

Hab einen schönen Sonntag.

Cadda

Correns
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Re: Tausendmal probiert...

Beitrag von Correns » 03.08.2020, 11:21

In den Grundbausteinen findet man zum Thema "Alkoholfreies Umfeld" diesen Text:

Als wichtiger Grundbaustein für eine solide, glückliche und zufriedene Trockenheit zählt das alkoholfreie Umfeld.
Ein alkoholfreies Umfeld bedeutet zum einen ein alkoholfreies Zuhause, dass sich in diesen 4 Wänden wirklich kein Tropfen Alkohol befindet, selbst nicht in einer Flasche hinter verschlossener Vitrine oder im Keller.
Der Alkohol darf einem nicht mehr im entferntesten Sinne körperlich zugegen sein.
Das alkoholfreie Umfeld bezieht sich zum anderen weiter auf die Menschen, mit denen man sein Leben teilt, ob es im Beruf oder im Privaten ist.
Letztlich gehört auch zu diesem neuen alkoholfreien Umfeld, jene Plätze zu meiden, an denen man Alkohol getrunken hat, diese Orte mit dem Konsum von Alkohol verbindet.
Den häufigsten und größten Fehler, den die Menschen machen, ist alles in seinem Leben zu belassen wie es war, nur eben nichts mehr trinken zu wollen.
Man kann seine Abstinenz und angestrebte Trockenheit nie erreichen, wenn der Alkohol Bestandteil seines Lebens bleibt, auch ohne dass man ihn trinkt.
Man kann sich von ihm nur geistig lösen, ihn wirklich aus seinem Gedankengut streichen, wenn man dies erkennt und danach handelt.
Mit den Jahren der stabilen Trockenheit vergrößert man zwar wieder seinen Bewegungsfreiraum, wägt aber in anderer Wertstellung ab, weil sich die Interessen durch eine Loslösung vom Alkohol generell geändert haben.


Hallo Forum,

ich halte diesen Grundbaustein für sehr wichtig. Mir persönlich hat vor allem dieser Baustein geholfen, meinen trockenen Weg zu beginnen. Meine Familie hat mich dabei unterstützt: das gesamte Haus wurde alkoholfrei. Nach etwa zwei Jahren hat sich meine Frau wieder etwas Alkohol gekauft. Wo dieser gelagert wurde weiß ich nicht. Wann sie etwas getrunken hat, weiß ich auch nicht. Wir hatten die Abmachung, dass der Alkohol vor mir ferngehalten wird.

Nach einer weiteren Zeit, habe wir das heimliche Trinken abgeschafft. Mir machte es nichts mehr aus, wenn meine Frau ab und zu ein Viertel Rotwein getrunken hat. Im Gegensatz zu mir hatte sie nie Probleme mit Alkohol. Als dann mein Vater immer mehr auf meine Hilfe angewiesen war und ich mit ihm zum Einkaufen gefahren bin, habe ich ihn bei der Auswahl der Weine unterstützt, da seine Augen ziemlich nachgelassen haben. Auch mein Vater hatte kein Alkoholproblem. Vor über zwei Jahren ist mein Vater gestorben, damit war das Kapitel Hilfe beim Alkoholkauf zu Ende. Und wenn ich mit meiner Frau zusammen esse, erheben wir oft unsere Gläser. Ihrs mit Bio-Rotwein, meins mit Cola. Lust auf Alkohol verspüre ich keinen.

Wie Ihr an diesem zweiten Beispiel seht, habe ich auch hier einen individuellen Weg gewählt. Dass ich meine Abstinenz auch so erreichen kann, lebe ich mir Tag für Tag vor. Dass sich meine Interessen durch die Loslösung vom Alkohol generell geändert haben, kann ich nicht bestätigen. Ich sehe aber, dass ich Probleme im Leben offener angehe. Und das ist sehr viel wert.

Dennoch: Wenn ich einem Neuling nur einen Grundbaustein nahelegen könnte, wäre es dieser.

Viele Grüße
Correns

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