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Sozialer ungesunder Rückzug oder vernünftiges Verhalten?

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit

Moderator: Moderatoren

hoppegarten
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Sozialer ungesunder Rückzug oder vernünftiges Verhalten?

Beitrag von hoppegarten » 21.07.2009, 12:25

Hallo,

ich trinke jetzt seit ca. 4 Wochen nichts mehr und fühle mich sehr unwohl.

Mein Alkoholkonsum hat sich seit meinem 21 Lebensjahr kontinuierlich gesteigert bis der Übergang vollzogen war und mein Körper sich vollkommen an den Alkohol gewöhnt hat (beginnende und häufiger auftretende Blackouts, keine Katererscheinungen am nächsten Tag, kein Übergeben, lediglich depressive Verstimmungen, die im Endeffekt immer stärker wurden) - im Endeffekt die Anzeichen einer bereits vorhandenen Sucht.
Ich möchte nun niemanden mit meiner bisherigen Lebensgeschichte zutexten, sondern nur anmerken, dass ich in der Folge (aufgrund privater Problematiken) von Januar 2008 bis September 2008 absolut abstinent war. Daraufhin aber fing ich wieder an, 2-3 Biere am Tag zu trinken, wobei ich erschreckend schnell wieder bei 6 Bieren und auch hartem Alkohol war. Die Begründung des erneuten Trinkens war die oft zitierte "Belohnungsverknüpfung". Zu dem damaligen Zeitpunkt hatte ich einige Prüfungen an der Uni erfolgreich abgeschlossen und die besagte Konsequenz war, wie zu erwarten, fatal.
Wieder gelang ich vor ungefähr 4 Wochen zu dem Punkt, mir einzugestehen, dass es nicht so weitergehen könne. Ich zog einen kalten Entzug (mir ist schon klar, dass dies nicht der vernünftigste Weg ist) durch und bin bis heute nicht rückfällig geworden.

Allerdings plagt mich besonders abends permanentes Grübeln, ein Gefühlswechsel von Scham zu Euphorie, Schlaflosigkeit (ich kann vor 2-3Uhr morgens nicht einschlafen), Aufkommen von alten, an sich längst verdrängten Ereignissen aus der Vergangenheit und ein gewisser sozialer Rückzug.

Problematisch ist, dass ich mich auf der einen Seite gut dabei fühle, auf meine innere Stimme zu hören, mich keinen Situationen auszusetzen, die mich stressen würden und in mich zu gehen. Sprich auf die "innere Achtsamkeit" Rücksicht zu nehmen

Auf der anderen Seite aber bin ich irgendwie sehr kalt geworden, habe heute meinem Onkel, der mich in meiner Stadt besuchen wollte, abgesagt, da ich momentan keine Energie für einen derartigen Kontakt habe. ICh denke, dass es besser so ist, aber ich denke auch, weil ich ihn sehr mag, dass es vielleicht gut gewesen wäre. Er weiß allerdings nicht alles über mein Alkoholproblem.

Zudem stehen im August zwei sehr große, sagen wir mal einmalige Familienfeiern an. Ich überlege immer noch, ob ich zu diesen fahren soll, oder darauf verzichten soll. Zwei Moderatoren in diesem Forum haben mir bereits davon abgeraten.
Ich bin mir darüber bewusst, dass ich definitiv nicht entspannt an den Feiern teilnehmen könnte und dass das Gefühl aufkommen würde, im Rahmen meiner Familie und in Erinnerung an die alten Zeiten zu trinken. Dazu kommt natürlich, dass auf diesen Feiern sicherlich einiges an Alkohol fließen wird.
Dennoch erwartet meine Familie sozusagen meine Anwesenheit.

Wäre es nun vernünftig nicht zu fahren, oder wäre es vernünftig zu fahren, mich meinen Ängsten zu stellen und mich zu bewähren, um stark und immer noch trocken aus diesen Veranstaltungn herauszugehen?

Im Fazit habe ich mich in den letzten beiden Tagen dabei erwischt, darüber nachzudenken, dass ein bis zwei kalte Biere am Abend doch ok sein würden.
Ich merke wieder den Gedanken aufkommen, meinen momentanen Gemütszustand mit Alkohol zu kompensieren.

Über Antworten würde ich mich sehr freuen.

Beste Grüße

caro1969
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Beitrag von caro1969 » 21.07.2009, 12:59

hallo hoppegarten!

mag dir gern aus der sicht eines erwachsenen kindes von alkoholikereltern antworten

beim lesen deines postes hab ich SOFORT gedacht:

deine verwanten wollen dich ganz bestimmt dabei haben bei den feierlichkeiten,klar...ist ja auch ne familienfeier

jedoch kann ich mir nicht vorstellen das SIE KEIN VERSTÄNDNIS FÜR DEINE KRANKHEIT HABEN.es sei denn,sie wollen DIR nicht zuhören.wollen sie dies nicht kannst DU sie "sowieso vergessen

offen und ehrlich sein,wird DIR antwort auf deine frage geben

ich wünsche DIR trockene 24 stunden

liebe grüsse caro :wink:

Randy

Beitrag von Randy » 21.07.2009, 13:35

Liebe Hoppegarten,

die Zustände die Du beschreibst, kenne ich selbst sehr gut. Ich habe bei mir gemerkt, dass wenn ich nicht mehr benebelt bin, viele schmerzhafte Emotionen hochkommen, oft bin ich auch unendlich müde und erschöpft.
Mein Gang führte mich zur Psychiaterin, die mir ein Antidepressivum verschrieb. Ich habe mich jahrelang dagegen gewehrt Medikamente einzunehmen, muss jetzt aber sagen, dass ich fast zu lange gewartet habe...
Ich kann Dir nur dringend davon abraten, zu Deinen Familienfeiern zu fahren. Die Gefahr, dass es Dich antriggert ist riesig.
Suche Dir Kontakte, die Dich nähren.
Wie sieht es denn mit Freunden aus?

Lieben Gruß

Randy

Maria
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Beitrag von Maria » 21.07.2009, 13:38

Hallo Hoppegarten,

dein Bericht erinnert mich an meine eigenen Trinkpausen, die ich einlegte, als ich schon wußte, daß ich ein großes Problem mit Alkohol habe und die Kontrolle verloren habe. Es aber einfach noch nicht wahrhaben wollte. Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch nicht die Erkenntnis oder die Einsicht, daß ich aus diesem Teufelskreis nur aussteigen kann, wenn ich vollkommen neu und anders beginne.

Für mich begann es dann so: Ich ging zu meiner Hausärztin und sprach mit ihr. Ich ging zur Suchtberatung und informierte mich genauestens drüber, wie Alkohol überhaupt arbeitet. Warum es nicht mehr geht, den Konsum "einfach" herunterzuschrauben und sich ernsthaft mal am Riemen zu reißen.

Mit dem was ich darüber erfuhr, versuche ich nun mein Leben zu gestalten. Es anzunehmen, daß es keine Frage des Willens ist dabeizusein, wenn sich alle anderen genüsslich oder weniger genüsslich, Alkohol zuführen. Sondern das solche Dinge mich hindern, mir ein trockenes Leben aufzubauen.

Du gibst dir eigentlich die Antwort selbst, ob du da gefahrlos hingehen kannst. Du musst sie nur annehmen und sie nicht wieder in Frage stellen,

meine Gedanken dazu

lg Mieken

claro
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Beitrag von claro » 22.07.2009, 08:04

Hallo, ich empfand gerade die allerersten Wochen als einen Eiertanz der Gefuehle und fühlte mich nach den ersten 4 Wochen ziemlich mies, ich glaube ich wurde einfach nüchtern. Und dies ist nicht nur angenehm. Halt bloss unbedingt durch, deine Sicht der Dinge wird nach einer Weile klarer. Man beginnt, sich in seiner Nüchternheit wohl zu fühlen. Und wenn Du jetzt eine Famlienfeier ausläst, weil Du unsicher bist, laß sie einfach sausen, es kommen andere schöne Gelegenheiten. Ich machs derzeit so, daß ich kurz aufkreuze und der erste bin, der verschwindet. Aber die ersten Wochen bin ich nirgends hingegangen. Und mochte das auch niemandem erklären. Das legt sich aber mit einiger Zeit. Hör auf dein Innerstes. Gruss Claro

claro
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Beitrag von claro » 23.07.2009, 07:56

Hallo Hoppegarten, schreib doch mal wieder, wie fühlst Du dich.
Claro

hoppegarten
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Beitrag von hoppegarten » 22.09.2009, 22:50

Hallo zusammen,

mir geht es momentan gut, habe Energie und mache wieder regelmäßig Sport.

Ich bin nicht zur Hochzeit meines Onkels gegangen und bereue es nicht.

Heute habe ich es angepackt und war zum ersten Mal bei den anonymen Alkoholikern.
Schon ein komisches Gefühl. Ich wurde aber sofort sehr nett aufgenommen und im Endeffekt waren wir dann eine 6-köpfige bunt gemischte Truppe.
Wirklich interessante Leute und teilweise sehr traurige Geschichten.

Das Treffen ging insgesamt 2 Stunden und auch ich habe mich kurz vorgestellt und meine Situation dargestellt.

Am Ende wurde mir dann eine Liste mit Zeiten für die anderen Treffen in meiner Stadt gegeben. So besteht jeden Tag der Woche die Option, ein Treffen der AAs aufzusuchen, wenn ich es möchte.
Auch wurden mir Notfallnummern gegeben, bei denen ich - so wurde mir gesagt - Tag und Nacht anrufen kann, wenn etwas vorfallen sollte.

Ansonsten bin ich tagsüber schon sehr gereizt, was dann von euphorischen Momenten abgelöst wird, um dann wieder unruhig und angespannt zu werden.

Wie gesagt, das Joggen am Abend hilft mir.

Ich schaue Menschen wieder öfter in die Augen und nehme meine Umgebung und das Geschehen bewusster wahr.


Viele Grüße

hoppegarten
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Beitrag von hoppegarten » 22.09.2009, 23:33

Hallo,

das stimmt.

Hauptproblem sind diese leidigen Verknüpfungen, die sich durch jahrelanges "Training" gebildet und verfestigt haben.

Ausgehen/Spass haben: nur mit Alkohol.

Entspannen/Abend: nur mit Alkohol.

bevorstehende Stress-Situation: Alkohol zum Herunterkommen.

Zugehen auf Frauen: nur mit Alkohol.

...


Bewusst wird mir aber langsam auch:

Freunde verlieren: durch den Alkohol.

Freundin verlieren: durch den Alkohol.

Depressionen: durch den Alkohol.

körperliches Gehenlassen: egal, der Alkohol ist ja da.

Nachdenken über den Tod als gesunder Mitzwanziger: durch den Alkohol.

Es ist schon krass, wie sich der Nebel über den Emotionen nach einiger Zeit Abstinenz lichtet.

Beste Grüße!

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