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Ein neuer, unbekannter weg liegt vor mir.

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit

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joschi018
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Beitrag von joschi018 » 10.02.2014, 13:13

Nicht aushaltend, begrenzt oder in irgendeiner anderen Form limitiert, sondern frei gewählt, geniessend und einfach lebendig.
Damit kann man es ganz gut umschreiben.
Aushaltend habe ich oft versucht; auch dieses eine Jahr der Abstinenz war ein "aushalten", bis die Zeit um ist.

Es ist der Gedanke an das "nie mehr trinken", welches mich umtreibt.
Da kommen Sätze im Kopf hoch, wie z.B.

- Jetzt darf ich nie mehr Bier trinken
- Wie gestalte ich jetzt meine Abende sinnvoll?
- was mache ich in der Zeit, wo ich nicht trinke?

Dass diese Sätze kompletter Blödsinn sind, weiss ich selbst. Ich weiss auch, daß ich meine Abende anders verbringen kann (mache es ja auch) und langweilig ist mir auch nicht.
Durch 10 Jahre Nichtrauchen weiss ich, daß dieses Denken irgendwann verschwindet.

Aber trotzdem spuken die Sätze im Kopf herum.
Im Moment mache ich es so, daß ich abends früher ins Bett gehe und lese. Habs ja schon geschrieben; der Entspannungsfaktor ist extrem hoch!

Wir hatten in der letzten Sitzung ein Thema aus meiner Jugend, daß ich etwas verdrängt hatte:
Abhauen!

In meiner Jugend bin ich sehr oft von zu Hause abgehauen. Und das nicht nur einmal, sondern teilweise 2-3x/Jahr. Und dann auch richtig weg, weit weg:
- mit 12 aus der Provinz in eine Großstadt und dort mehere Tage ohne Geld, Essen + Schlafsack im Park übernachtet (2x)
- weitere Eskapaden, wo ich immer mehrere Tage weg war.

Hauptgrund für dieses Abhauen war die tatsache, daß ich mit ca. 12 Jahren von Fremden erfuhr, daß ich adoptiert bin.
Ausserdem gab es ein Ereignis 1-2 Jahre später, daß mir den Boden komplett weggezogen hatte:
- meine Adoptivmutter erwähnte in einem Streit, daß sie mich gerne wieder ins Heim zurückschicken würde und statt dessen ein anderes Kind adoptieren können.

Seit diesem Zeitpunkt waren meine Adoptiveltern Fremde für mich und habe alles unternommen, ihnen das leben richtig schwer zu machen.
Das Abhauen war so eine Art "Befreiung"- kurz vor einer Tour war ich immer extrem gestresst, hatte Angst, Panik und kam mir vor wie ein flüchtender Sträfling, der jeden Augenblick entdeckt wird. Das ging sogar soweit, daß ich Angst hatte, solche Gedanken (an abhauen) zu haben, es könnte ja jemand mitbekommen!!

Die "Flucht" ging dann immer sehr schnell und unvorbereitet von statten. Das kam teilweise sehr heftig und plötzlich. Ich setzte mich dann in Züge (ohne Fahrkarte), klaute Moppeds oder ging einfach zu Fuss.
Geld hatte ich meist nicht oder nur wenig dabei - Hauptsache weg!
- Das ich niemandem Bescheid sagte, war mir egal.
- Daß "die" sich Sorgen machen könnten, war mir egal
- Daß mir etwas passieren könnte, war mir egal

Und dann kommt ein interessantes Phänomen:
Wenn ich wieder zurück war, brachte man mir plötzlich so etwas wie Zuneigung oder Liebe entgegen. Ich badete förmlich darin, daß sich alle um mich Sorgen gemacht hatten. Für mich fühlte sich das alles aber nur "Gespielt" an.

Diese "Sucht" abhauen setzte sich bis in spätere Jahre fort und erst, als ich einen aktiven Schnitt mit meinen Adoptiveltern machte und den Kontakt komplett abbrach, war das Thema vorbei.
Alkohol kam erst später ins Spiel; er versetzte mich in einen Zustand ohne Gedanken; ich konnte ins Bett gehen, ohne das Chaos im Kopf.
Und da Bier immer am leichtesten greifbar war, wurde es das Getränk der Wahl.

Manchmal habe ich so einen flüchtigen Gedanken:
"Jetzt bist du bald 52, hör endlich auf mit den ollen Kamellen wie Adoption usw. Ist doch alles schon lange vorbei."
Und wenn ich dann mit jemandem darüber rede, komm ich mir vor wie ein "Heulbubi", der die ollen Kamellen immer wieder ausgräbt.

Fakt ist aber: Die Geschichten haben mich mein Leben lang begleitet. Die Suche nach meinen leiblichen Eltern half mir sehr dabei, das zu verarbeiten. Der Kreis schließt sich aber erst, wenn ich weiss, wer mein leiblicher Vater ist. Hier stehe ich kurz vor einem Ergebnis.

Wut?
Ist immer noch da:
- auf meine Adoptiveltern
- auf meine leibliche Mutter
- auf alle Personen, die damals die Klappe gehalten haben
Aber damit kann ich mittlerweile auch umgehen und habe hie und da auch Anwandlungen, zu verzeihen.

Ergebnis eines letzten Therapiegespräches ist somit:
Mein treuester Begleiter seit meiner späten Jugend (ab 15/16) ist das Bierchen zur Entspannung.......

Skyline

Beitrag von Skyline » 10.02.2014, 15:49

joschi018 hat geschrieben: Auf einen Punkt sind wir noch nicht konkret eingegangen, weil ich mich davor drücke:
Was tun, wenns dochmal juckt und das Verlangen nach dem Abendbier kommt?
Aufstehen und spazieren gehen hilft da gar nicht, da komme ich an mindestens 3 Kiosken vorbei! Hierfür muss ich noch ein Ritual finden, welches diesen Zeitpunkt überbrücken hilft....

So long....
Hallo Joschi,

ich finde das ist ein sehr wichtiger Punkt auf den man eingehen muss um es zu schaffen auch trocken zu bleiben.
Es gibt leider kein Patentrezept dafür, weil jeder einen Weg für sich finden muss. Die einen laufen im Wald bis sie nicht mehr können, andere trinken Wasser bis es ihnen aus den Ohren kommt und sie keinen Suchtdruck mehr verspüren, manche basteln, manche malen, manche hören laut Musik, es ist halt sehr individuell.
Wenn jetzt zum Beispiel das Spazierengehen dein Ding wäre könntest du auch woanders hinfahren, zum einem See oder zu einem Wald. Es muss ja nicht zu Hause vor der Tür sein.
Du musst auf jeden Fall für dich persönlich einen Weg finden der dich ablenkt. Ich kenne leider dein Interessengebiet nicht sonst könnte ich dir eventuell noch Wege aufzeigen.


Gruß Skyline

joschi018
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Beitrag von joschi018 » 08.07.2014, 21:00

So, jetzt bin ich wieder im offenen Bereich.
Zuerst hatte ich überlegt, einen komplett neuen Thread zu starten,ich finde jedoch daß mein "professioneller Neuanfang" gut hierher passt.

Im Vorstellungsbereich habe ich in meinen letzten Postings ja den jetzigen Verlauf gedchildert, insbesondere meine Entscheidung, stationär zu entgiften. Deshalb wiederhole ich das hier nicht nocheinmal.

Heute war Visite und man hat hier novh einmal deutlich herausgestellt, daß ich vom Tag der Entlassung bis zum Beginn der LZT genügend Termine bei Psychotherapeuten, SHG-Treffen und bewegungstherapie ( im Rahmen der hiesigen Tagesklinik) haben werde,damit die Lücke bis zur LZT möglichst klein gehalten wird.

Beim Treffen unserer QAE-Gruppe (QAE = Qualifizierter Alkohol Entzug ) wurde den Leuten, die nach Hause gehen, niemals auf die Idee zu kommen, einen Entzug in Eigenregie zu unternehmen!

Ich merke es an den Reaktionen meines Körpers:
- deutlich erhöhter Blutdruck
- sehr erhöhter Puls, der sich nur sehr langsam normalisiert
- Kopfschmerzen
- zeitweise Schwindel
- Konzentrationsstörungen,welche zeitweise jegliches Lesen unmöglich machen
Nun stelle ich mir vor, das ich diese Symptome zu Hause permanent hatte, diese aber durch Alkohol nicht registriert habe.
Um es mit den Worten der Ärztin auszudrücken:
Früher oder später wäre das schief gegangen!
Soweit für heute.
Joschi

Eniba
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Beitrag von Eniba » 09.07.2014, 07:15

Guten Morgen Josch,

schön dass Du wieder offen schreibst. Dein klarer Schreibstil gefällt mir. Ich habe erst beim 3. Posting gemerkt, als der Nikolaus auftauchte, dass Du seit 2010 angemeldet bist. In der Beschreibung Deiner Trinkgewohnheiten finde ich mich voll wieder, außer dass es bei mir mit Flachengeklimper war ;).

Da ich nur eingeschränkt lesen kann, weiß ich nicht, wie es zu Deinem „professionellen Neuanfang“ kam. Du hast es erneut angepackt und Dir Unterstützung geholt, dich abgesichert. Gut dass Du eine stationäre Entgiftung machst und Dein Weg zur LZT engmaschig eskortiert wird !!!

Ich habe einen vorläufigen Termin Ende September für die LZT und eiere momentan ziemlich rum und die Emotionsachterbahn lässt kein Looping aus.

Dir alles Gute!

Einen Gruß
Eniba

Linde66
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Beitrag von Linde66 » 09.07.2014, 19:35

Hallo Joschi,

wie war dein Tag?

Der Vorstellungsbereich ist nicht öffentlich. Wenn du magst, kannst du für die Leser hier im offenen Forum deine Texte rauskopieren oder kurz nochmal schreiben, wie alles angefangen hat.

Liebe Grüße, Linde :)

joschi018
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Beitrag von joschi018 » 09.07.2014, 21:30

Linde66 hat geschrieben:Hallo Joschi,

wie war dein Tag?

Der Vorstellungsbereich ist nicht öffentlich. Wenn du magst, kannst du für die Leser hier im offenen Forum deine Texte rauskopieren oder kurz nochmal schreiben, wie alles angefangen hat.

Liebe Grüße, Linde :)
Hallo!
Mein Tag war sehr gut. Danke für die Nachfrage.
Hier wird gleich zu Anfang Bewegung gefördert, was ja durchaus Sinn macht. Ich habe mich hier seit Donnerstag mehr bewegt, als in den letzten 12 Monaten.

Das rumkopieren der Texte kann ich im Moment nicht machen, da ich hier nur auf dem Smartphone klimpere.
Ich dachte jedoch, daßman von hier aus die Texte im Vorstellungsbereich lesen könnte.

Wir beschließen unseren Abend hier in der Gruppe mit Fußball....

Bis dann...

joschi018
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Beitrag von joschi018 » 11.07.2014, 21:25

Hallo in die Runde!
Mal ein paar kurze News aus der Klinik.

Ich fühle mich gut, bin mir aber bewusst, das dies erst ein kleiner Schritt ist. Obwohl ich für das kommende WE Tagesurlaub habe, werde ich nicht in meine Wohnung gehen.
Zuviele Angriffspunkte, die dort auf mich lauern.

Eine gute Freundin hat nach meiner Wohnung geschaut,daher muss ich mir da keine Gedanken machen. Morgen werde ich einen Stadtbummel machen ( habe ich fast 2 Jahre komplett vermieden, trinken ging vor).
Danach treffen wir uns zum Kaffee und zum quatschen.

Montag habe ich Termin bei der Suchtberatung und bekomme dort den Antrag auf LZT.

Insgesamt gesehen ist die Situation entspannt, was aber nicht darüber hinweg täuschen soll,das Meister Alkohol mir weiterhin auf der Schulter sitzt und nur auf Gelegenheiten wartet.
Daher war auch das heutige QAE- Thema passend:
Der Notfall !

Was tun, wenn mir der Alkohol plötzlich ins Ohr säuselt oder mir auf einer Feier Alkohol angeboten wird.
Wir haben uns eine individuelle "Notfall-Karte" erstellt, damit ich im Ernstfall einen Retungsanker habe.
Ein Punkt in meinem Notfallplan ist das Tagebuch. Ich hatte es kurz nach meiner Aufnahme begonnen und wenn ich in kritische Situationen komme, dann kan ich dort nachlesen.

Da ich Alkohol dazu benutzt habe, meine Unruhe zu dämpfen, den Stress der Arbeit zu kompensieren und meine Depressionen zu lindern, habe ich bei der Visite darum gebeten, mir Techniken zu zeigen, wie ich aktiv Entspannung erreichen kann.
Auch hier war wieder der innere Leitsatz:
"Helft mir, ich kann es nicht alleine !"

Als Schlußbemerkung kann ich daher nur allen, die nicht mehr weiter wissen, raten:
Lasst euch helfen. Seht ein, dass ihr es nicht mehr alleine schafft und sucht euch sofort Hilfe.
Und wenn es der nächtliche Gang in die nächste Notaufnahme ist. Denn hier muss ich feststellen:
Niemand wird abgewiesen, der Hilfe sucht.

In diesem sinne wünsche ich euch allen gute Tage !

Hartmut
Moderator
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Beitrag von Hartmut » 11.07.2014, 21:44

Hallo Joschi,

danke das du vom Tagesablauf berichtest.
was aber nicht darüber hinweg täuschen soll,das Meister Alkohol mir weiterhin auf der Schulter sitzt und nur auf Gelegenheiten wartet.
solange ich noch so gedacht hatte befand ich mich noch im Kampf mit dem Alkohol. Dabei macht er ja nichts. Er lauft nicht auf mich zu , er schüttet sich nicht in mich herein oder schleicht sich in meine Wohnung. Also kann ich ihm auch weitgehendst aus dem Weg gehen.

Den Kampf aufgeben und kapitulieren war da die Lösung. Ich musste mich "nur", mit der Sucht auseinandersetzen und meinem trocken Leben anpassen.

Gruß Hartmut

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