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Ein neuer, unbekannter weg liegt vor mir.

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit

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joschi018
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Gedanken zum Sonntag

Beitrag von joschi018 » 03.08.2014, 15:49

Jetzt bin ich seit dem 2.7. alkoholfrei/trocken unterwegs - Hurra!
Die ersten Tage zu Hause haben mich mit so einigen Gedanken konfrontiert, deshalb will ich die hier mal dokumentieren.

Tagesstruktur und "nasses Verhalten"
Als ich aus der Klinik kam, war ich natürlich hochmotiviert und geradezu euphorisch, jetzt so lange schon trocken zu sein, daß ich die grandiose Idee hatte, meine Tagesstruktur komplett umzukrempeln und ein komplett neues Leben zu Hause einzuführen.

Freitag hatte ich dann einen entspannenden Video-Abend gemacht und dazu was leckeres gekocht. Essenszeit: 21:00 Uhr
An diesem Abend habe ich mir gar keine großen gedanken gemacht, aber am nächsten Morgen traf mich doch eine erschreckende Erkenntnis:
Ich habe am Vorabend zwar keinen Alkohol getrunken, mich ansonsten aber exakt genauso verhalten, wie zu Trinkzeiten!!
Also alles wie vorher, nur ohne Alk!

Das hat mich sehr erschreckt, denn zu Trinkzeiten habe ich nur am PC gesessen, habe blödsinnige Filme, Dokus und melancholischen Mist angeschaut und dabei literweise Bier gesoffen.
Ich habe mir dann am Samstag mal 3 Gedanken dazu gemacht und festgestellt:
- Ich bin zu unaufmerksam: Bin doch glatt wieder ins alte Muster reingerutscht, also besser aufpassen!!

- Ich bin immer noch zu schnell, will zuviel auf einmal: In der Klinik habe ich ja ein persönliches Sportprogramm zusammengestellt, was auf meine momentane Physis passt (z.B. 5km walken oder 30min Ergometer oder 1h Schwimmen). Jetzt wollte ich zu Hause schon den ultimativen Plan erstellen, in welcher Zeit ich welches Ziel erreichen kann.
Aber Vorsicht: Mir wurde in der Klinik mein überschießendes Verhalten gezeigt (alles zu schnell....zu viel auf einmal....zackzack...) und auch hier liegt eine große Gefahr!
In der letzten "Saufphase" war ich so hochgradig depressiv, daß ich keinen Finger mehr krumm gemacht habe (ausser Arbeit unter einer mächtigen Fassade). Und jetzt, frisch motiviert, solls auf einmal losgehen?

Das Veränderungen her müssen - gar keine Frage. Aber wenn ich jetzt dieses "ZackZack-Verhalten" wieder durchlasse, bin ich auch wieder auf dem alten Weg. Das wäre dann ungemein frustrierend, wenn irgendwas nicht klappt und die Gefahr, dann unter Frust wieder zu trinken, ist mir zu groß!!

Ich habe meine Tagesstruktur so eingerichtet, daß sie sich an drei Uhrzeiten ausrichtet:
7:00, 12:00, 18:00 (+/- 1h)
Dieses ist grob die Struktur in der Klinik, ausgerichtet an den dortigen Essenszeiten. Diese Struktur, insbesondere auch die festen mahlzeiten, haben mir sehr geholfen und mir einen festen Bezugsrahmen gegeben. Deshalb übernehme ich sie jetzt einfach mal nach zu Hause.

7 Uhr aufstehen ist Klasse! Eigentlich war ich schon immer gerne früh auf und vor allem früh draussen. Die Morgenstunden haben irgendwas besonderes!
In der Klinik war es anfangs ungewohnt, um 7:30 schon zu frühstücken, aber es hat einen Effekt gezeigt. Da ich auch im Bezug auf Essen überschießend reagiert habe, hat mir dies sehr geholfen.
Dazu muss ich eines anmerken: Ich hatte zu Saufzeiten öfters meinen sogenannten "Flash", schlagartiges Schwitzen, zittern der Hände, innere Unruhe, hoher Puls.
Das habe ich immer fehlgedeutet und dachte, es sei eine Unterzuckerung und ich müsse mit Essen gegensteuern.
Erst in der Klinik hat man mir klargemacht, daß ich Entzugserscheinungen habe!!
Und so hat sich die Essensmenge in den 4 Wochen deutlich normalisiert; wichtig vor allem, abends nach 19 Uhr nix warmes mehr zu essen!!

Gleiches gilt für Mittag- und Abendessen.

Meine Tagesstruktur hat sich also schonmal auf diese drei Uhrzeiten eingependelt. Ins Bett gehe ich allerspätestens um 23:00 Uhr (zu Saufzeiten nie vor 1:00 Uhr).
So lasse ich es erst mal laufen und versuche so, die alten "nassen" Verhaltensweisen langsam, aber sicher zu ändern.

Ich merke es z.B. auch beim Sport. Auch hier falle ich blitzschnell in ein "nasses" Verhalten hinein, nach dem Muster:
"Schnell-schnell, große Strecke/große Leistung". Hier schreit förmlich alles nach "Belohnung" !!!!
Deshalb habe ich heute früh um acht auch einen gemütlichen Walk am Rheinufer gemacht, 8km in leicht flotterem Wandertempo. Zu Anfang wollte sich ein Gedanke einschleichen (du bist zu langsam.....schau dir die anderen an). Diesen Gedanken habe ich aber schnell wieder losgelassen und bin schön soft gewalkt und habe mich an meiner Umgebung gefreut.
Ich kann ja nicht erwarten, daß ich nach >15 "Saufjahren" plötzlich wieder "Mr. Superman" werde :-)

Meine Konzentrationspunkte sind nun:
- Loslassen können (altes Verhalten)
- langsam in kleinen, vorsichtigen Schritten voran gehen (wobei das walken sehr hilft..)

In diesem Sinne.....(Omas Kaffee + Kuchen ruft...)
:) :)

Linde66
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Beitrag von Linde66 » 03.08.2014, 16:00

Hallo Joschi,

viel Freude bei Kaffee und Kuchen! Bei uns gab es gerade Omas Nußkuchen, lecker! :lol:

Ich finde es prima wie du reflektierst.

Grüße, Linde

joschi018
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Beitrag von joschi018 » 05.08.2014, 13:50

Es gibt Neuigkeiten:
Passend zu meinem morgigen Geburtstag ruft mich vorhin die Klinik an, wo ich zur LZT angemeldet bin.
Die Kostenzusage wurde Ihnen heute gefaxt. Somit ist es amtlich und ich werde am 13.8. meine LZT antreten!

Für heute Abend habe ich mich entschieden, ein AA-Meeting zu besuchen.
Als ich 2010 mein "trockenes Jahr" durchgezogen hatte, war ich mal auf einem AA-Meeting; da ich aber damals dachte, alles im Griff zu haben, beschloß ich, daß ich solche "seltsamen Leute" nicht brauche.

Warum ich dort heute hingehe? Hab ein bischen darüber gelesen und möchte mir für diese Gruppe nocheinmal eine Chance geben, denn im Prinzip hatten alle Anwesenden damals recht.

Meine momentane SHG ist gut und richtig, ab und zu artet ein Meeting jedoch in eine "Quatschstunde" aus und es passierte schon öfters, daß dadurch die Zeit plötzlich rum war und 1-2 Teilnehmer nicht zu Wort kamen.
Ich habs einfach mal so akzeptiert, fand es aber nicht gut - irgendwie war die "Gruppenenergie" flöten....

Na, mal schauen...

joschi018
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Beitrag von joschi018 » 06.08.2014, 10:14

Hier mal ein kleines Feedback zur gestrigen, ersten AA-Runde:

Was positiv auffällt, ist die Tatsache, daß man mich vorbehaltlos in die Gruppe aufgenommen hat, ohne wenn und aber. Das geschieht in den anderen SHGs zwar genauso, hier ist es aber so, daß ich nicht vorher noch in eine "Infogruppe" muss, um dann erst in eine "feste Gruppe" zu gehen.

In den Caritas-Gruppen gibt es abgeschlossene Gruppen, wo nur Mitglieder sind, die schon xy Jahre trocken sind. Das macht bestimmt irgendwo Sinn, ich frage mich aber: Was macht diese "geschlossene" gemeinschaft mit jemandem, der rückfällig wird? Darf er dann nicht mehr in die Gruppe hinein?

Sehr positiv während der AA-Runde empfand ich diese starke Konzentration jedes einzelnen Mitgliedes auf den jeweiligen Redner. Und noch positiver die simple Tatsache, daß dieser nicht unterbrochen wurde.
Er hat die Dinge aus seiner Sicht geschildert und fertig.
Insgesamt war eine sehr konzentrierte, aber doch entspannende Atmosphäre im Raum, was ich sehr genossen habe.

Auf jeden Fall stelle ich fest, daß ich reale SHG-Besuche unbedingt brauche; den direkten Live-Kontakt zu anderen, deren Reaktionen erleben usw.
AA werde ich auf jeden Fall noch ein paar Mal besuchen, da mich das Konzept der Disziplin innerhalb der Runde sehr anspricht.

So, und jetzt muss ich noch tausend Sachen erledigen, da es ja Mittwoch schon losgeht - und ich bin sehr aufgeregt im positiven Sinne!!!

Hartmut
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Beitrag von Hartmut » 06.08.2014, 10:55

Hallo Joschi

es ist gut das du für dich etwas gefunden hast was dir weiter hilft. Achte bitte darauf das du keine Internas aus anderen Gruppen hier rein trägst.

Danke Hartmut

Katharsis
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Beitrag von Katharsis » 06.08.2014, 16:42

Hallo Joschi,

herzlichen Glückwunsch zu Deinem Geburtstag! :-)
Ich wünsche Dir, dass Du deinen Weg findest und weiterhin ein paar Dosen Motivation in Reserve halten kannst.
Du bist so verdammt straight unterwegs und es klingt gut, was Du schreibst.

Dir alles Gute und einen schönen Abend.

Viele Grüße
Katha

joschi018
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Beitrag von joschi018 » 06.08.2014, 18:57

Katharsis hat geschrieben:Hallo Joschi,

herzlichen Glückwunsch zu Deinem Geburtstag! :-)
Ich wünsche Dir, dass Du deinen Weg findest und weiterhin ein paar Dosen Motivation in Reserve halten kannst.
Du bist so verdammt straight unterwegs und es klingt gut, was Du schreibst.

Dir alles Gute und einen schönen Abend.

Viele Grüße
Katha
Danke für den Glückwunsch, aber die Motivation bitte nicht in Dosen - davon habe ich in den letzten Jahren genug konsumiert!!!

Es mag den Anschein haben, daß ich "straight" unterwegs bin, aber in Wirklichkeit sehe ich ein hartes Stück Arbeit vor mir.
Die eine Seite ist das "nicht mehr trinken", das trocken sein.

Die weitaus schwierigere Seite ist jedoch das "nüchtern leben". Dazu gehört mein gesamtes Umfeld, meine Lebensweise, mein Denken.
Meine momentane Baustelle, solange ich noch zu Hause bin, ist meine Ungeduld, meine Hektik, mein "schnell-schnell-zack-zack".
Alleine die Tatsache, einen oder mehrere Gänge runterzuschalten ist für mich harte Arbeit, denn so habe ich die letzten Jahre gelebt.

Ich habe z.B. in den 4 Wochen Klinikaufenthalt wieder mit Sport angefangen. Soweit ganz schön, aber nun muss ich mich bremsen, damit ich nicht wieder über das Ziel hinausschieße. Lasse ich mich selbst jetzt von der Leine, dann trainiere ich so lange und hart, bis nix mehr geht und ich in der Ecke liege.
Das Risiko, das dann was passiert, ist mir zu groß. Ausserdem ist diese Verhaltensweise ein Relikt meiner nassen Zeit.

Also, slowly, und einen Schritt nach dem anderen..... 8) 8)

Linde66
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Beitrag von Linde66 » 06.08.2014, 19:02

Hallo Joschi,

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Von mir bekommst du eine Tüte Langsamkeit geschenkt. :lol:

Falls du mal etwas in der Richtung lesen möchtest, empfehle ich dir "Die Entdeckung der Langsamkeit" von Sten Nadolny. Es geht um einen Kapitän und Polarforscher.

Lieber Gruß, Linde

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