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Ein neuer, unbekannter weg liegt vor mir.

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit

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joschi018
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Achtsamkeit

Beitrag von joschi018 » 07.09.2014, 10:17

Immer wieder begegnet mir hier in der Klinik ein kleines, unscheinbares Wort:
Achtsamkeit !
Dies höre ich auch nicht von den Therapeuten, sondern von meinen "Klinik-Kollegen" - sehr bedeutsam.

Trocken sein ist die eine Sache - ich muss einfach nichts mehr trinken.
Aber nüchtern sein, nüchtern denken, nüchtern handeln; dies erfordert ein hohes Maß an Achtsamkeit.
Hört sich erst mal so an, als ob man " ab und zu mal achtsam sein sollte". ich stelle allerdings sehr schnell fest, daß ich permanent achtsam sein muss - auch in meinem Denken und Handeln.

Gestern regulärer erster Ausgang und im Ort findet ein Weinfest statt !!

Wir sind zu zweit runter, ein paar Sachen einkaufen. Soweit auch ok. Im Gespräch mit dem Kollegen, der auch mein Zimmernachbar ist, ging es dann um die veränderungen, die wir in unserem Leben machen müssen, damit wir auf der trocken/nüchternen Spur bleiben.

Dazu muss man eben auch einmal tiefer graben und die veränderung kann auch mal weh tun.
Er meinte dazu, er habe keine Lust auf diese Mühe, er trinke einfach nicht mehr, das reicht. Ihm wäre es zu mühsam, sein Leben komplett umzukrempeln.

Also geht es nicht nur um Achtsamkeit, sondern auch um die Fähigkeit, sich zu bemühen. Es zu wollen, sich dessen bewusst zu sein und es dann auch umsetzen zu können.
Meinen Zimmernachbar sehe ich (im ungünstigsten Fall) in absehbarer Zeit als Wiederholer in der Klinik - schade!!

Karsten
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Beitrag von Karsten » 07.09.2014, 10:25

Hallo Joschi,

wir erleben es hier ja hier auch jeden Tag, dass manche die Nüchternheit oder wie das Leben ohne Alkohol auch immer zu bezeichnen ist, als etwas Selbstverständliches ansehen und glauben, über den Willen auch nüchtern bleiben zu können.

Mir stellt sich dann immer die Frage, wenn es denn so leicht wäre, warum saufen dann die meisten Betroffenen wieder.

Angst ist immer ein schlechter Ratgeber, aber Achtsamkeit finde ich sehr wichtig.

Gruß
Karsten

juergenbausf
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Beitrag von juergenbausf » 07.09.2014, 10:31

Moin,

richtig, Achtsamkeit ist wichtig!
Achte auf Dich und Deinen Weg.
Ob er da wieder landen wird, wirst Du nur wissen, wenn Du selbst dort landest oder seinen Weg verfolgst, um Dich "an seinem Elend hochzuziehen".

Menschlich, aber Energieverschwendung.
Warte doch einfach ab, wen Du wann, wo, auf Deinem trockenen Weg wiedertriffst.
Interessier' Dich einfach nicht mehr für den nassen Weg.
Raubt nur positive Energie.

Gruss Jürgen

joschi018
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Der Weg wird immer klarer

Beitrag von joschi018 » 30.09.2014, 23:46

Hallo Leute!

Ich melde mich mal wieder mit einem Zwischenbericht aus meiner Therapie.
Morgen beginne ich meine 7. Woche hier.
War am Anfang der Therapie noch alles sehr wackelig und unklar, so bin ich mittlerweile an einem Punkt angelangt, wo ich meine Zukunft mit komplett anderen Augen sehe.

Heute, nach 6 Wochen und 90 Tagen Trockenheit ( die ich mir ehrlich, ohne Selbstbetrug erarbeitet habe) sehe ich plötzlich Perspektiven für mich, die mir im versoffenen Hirn nie möglich gewesen wären.
Die ständige Interaktion mit Menschen, denen ich nichts mehr vorspielen kann, weil sie alle dunklen Ecken eines Suchthirns kennen, lässt mich ehrlicher zu mir selbst werden und lässt mich vieles realistischer einschätzen.

Sehr viele Neuankömmlinge haben noch ihre "nassen" Vorstellungen von einer Zukunft, die sie sich im vernebelten Hirn schön gesoffen haben. Nach einigen Gruppensitzungen und teils heftigen Feedbacks ( nicht immer lustig; aber hilfreich ) kommen sie dann auch langsam am Boden der Tatsachen an.

Daß eine Zukunft ohne Veränderungen nicht funktioniert, kann ich dann immer an den " Rückfall-Kandidaten" sehen.
Auch ohne Rückfall gibt es Kandidaten, die nach 3-4 Monaten Aufenthalt anscheinend nichts gelernt haben und sich dann z.B. mit Sätzen verabschieden wie:
"Ich denke, die nächste Woche bleibe ich trocken, danach muss ich mal schauen"

So etwas ist für mich Motivation, auf dem eingeschlagenen Weg zu bleiben. Dafür bin ich sehr dankbar.
Eine überaus nette Begleiterscheinung ist mein stetig sinkendes Körpergewicht und die parallel dazu steigende Kondition und Kraft. Mit 141 kg bin ich hier angekommen und durch die ständigen Sportangebote, die Hartnäckigkeit unserer Sporttherapeuten und die gegenseitige Motivation sind bereits satte 10 kg runter.

Als ich im Mai den entscheidenden Schritt zum Arzt gemacht habe, hätte ich es nicht für möglich gehalten, daß ich mal 1 Std Schwimmen oder 30 km Radfahren locker bewältigen würde
Auch dafür bin ich sehr dankbar!

Wie gehts nun weiter?
Eigentlich müsste ich den Threadtitel korrigieren in:
Ein Neuer Weg kristallisiert sich heraus
Aber dafür ist es doch noch zu früh - Alkoholiker, bleib realistisch 👺

Demnächst steht die Zwischenbilanz an und sehr wahrscheinlich werde ich nochmal verlängern; die Option wurde in Aussicht gestellt. Rechne ich nun die gesamte Zeit meiner Krankheit vom ersten Besuch im Mai zusammen, so werde ich ca. 7 Monate Genesungszeit genutzt haben.
Das sieht erstmal viel aus, wenn ich aber die aktive Saufzeit dagegen setze, sind das Peanuts.

Trotzdem: schon jetzt bereue ich keinen einzigen Tag diese Entscheidung und kann nurjedem, der unsicher in seiner Abstinenzabsicht ist, einen solchen Schritt zu gehen.

So, genug auf der Handytastatur geklimpert - muss morgen früh raus....8:30 Wassergymnastik 🐳🐳🐳

Allen Anwesenden wünsche ich weiterhin trockene 24 Stunden.....

step-by-step
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Beitrag von step-by-step » 06.10.2014, 21:55

Wow Joshi,
das hört sich gut an! - Weiter so!

Danke fürs ausführliche Handytastenklimpern, ist echt hilfreich. :)

LG
step

silberkralle
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Re: Der Weg wird immer klarer

Beitrag von silberkralle » 07.10.2014, 10:44

glück auf joschi
joschi018 hat geschrieben: sehr wahrscheinlich werde ich nochmal verlängern
gute idee

schöne zeit

:D
matthias

joschi018
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Beitrag von joschi018 » 17.10.2014, 21:42

So, bin mal wieder auf WE-Urlaub mit neuen News.

Zu meinem Aufenthalt: ich verlängere definitiv! Man fragte mich nach meinem Wunsch und ich sagte bis Ende des Jahres.
So wie es aussieht, steht dem nichts im Weg, genaueres erfahre ich aber in den nächsten Tagen.

Themen habe ich auch mitgebracht, welche gerade aktuell sind. Zum einen das Thema " Umgang mit meiner Krankheit in der Öffentlichkeit", zum anderen das Thema "geträumte Rückfälle".
Ich werde dazu aber separate Threads eröffnen.

Ansonsten läuft mein Genesungsprozess weiter sehr gut, ich fühle mich wohl und sehe der Zukunft sehr positiv in die Augen.
Klarheit macht sich mittlerweile immer mehr breit und wenn ich überlege, wie "verstrahlt" ich zu Anfang meines Genesungsprozesses rumgelaufen bin - Oh Mann - glaube ich fast selbst nicht.

Ok, bin heute abend zu müde und haue mich jetzt ins Bett. Morgen gehts weiter.

step-by-step
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Beitrag von step-by-step » 17.10.2014, 23:29

Schlaf gut.
Bin gespannt auf Deine Erfahrungen.
Gruß
step

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