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Clara - nur nicht trinken geht nicht

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clara nocte
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Clara - nur nicht trinken geht nicht

Beitrag von clara nocte » 04.07.2011, 16:16

Hallo liebe Forumsteilnehmer,


Ich bin Clara, bald 27 und seit 3 Monaten trockene Alkoholikerin.

Ich weiß nicht recht, wie und wo ich anfangen soll, und diese Tatsache ist auch exemplarisch für meinen gegenwärtigen Trockenheitszustand - ich habe 3 Monate geschafft und sehe eigentlich überall Probleme, die nach Bearbeitung fordern. Die letzten 10 Jahre, in denen ich getrunken habe, die ja auch gleichzeitig eine ohnehin schwierige Zeit in der Entwicklung darstellen, haben einen Lebensstil bewirkt, in dem ich nur weggerannt bin, ich habe mein Leben nicht gestaltet, sondern war in jeder erdenklichen Art abhängig: von Drogen, Alkohol, anderen Menschen...

Vielleicht versuche ich kurz, meinen "Werdegang" zu umreißen:

- aufgewachsen bei meinen Großeltern in einem vollkommen alkfreien Zuhause (Wegen Trennung und Vater Alk- und drogenabhängig - bin also supertolles Exempel für die Verfechter der genetischen Bedingtheit unserer Krankheit)
- Mit 15 erster Kontakt zu Alk (relativ spät und wirkte bei mir fast psychedelisch)
- Bis 18 das für das Alter typische, grenzwertige Missbrauchstrinken am Wochenende, Parties, etc.
- Ab 18: eigene Wohnung, andere Drogen, destruktive Beziehung mit Co-Struktur, Synchrontrinken. Jeden zweiten Tag eine Flasche Whisky, was ich mit selbstgewähltem Lebensstil rechtfertigte: Ich werde Rockstar und bin außerdem trotzdem hochfunktional
- die nächsten Jahre: schwankender Konsum, bereits mit einigen Versuchen des Aufhörens, aber null Krankheitseinsicht.
- mit Kennenlernen des Vaters meiner Kinder (erneute Alkbeziehung, wüsste eigtl nicht, mal mit jemanden zusammengewesen zu sein, der nicht trank) zementierte sich eine neue Trinkstruktur, die einerseits meinen Tiefpunkt darstellt und dadurch aber später auch endlich Krankheitseinsicht produzieren konnte: Tägliches Trinken, mit Ausnahme der Schwangerschaft, erneuter Trinkbeginn nach der Geburt mit der "Entschuldigung": Ich muss saufen, weil ich sonst nicht funktioniere, und nicht aushaltbar bin, und es auch alles nicht aushalte.

Irgendwann begann ich hier im Forum zu lesen, damals noch unter Einfluss der allabendlichen Flasche Rotwein, und mit der Einstellung, alles und jeder, aber auch wirklich jeder, sei schuld an meinem Trinken und den Verfehlungen meines Lebens.

Nach einigen gescheiterten Versuchen des Nichtrinkens habe ich dann vor drei Monaten den ehrlichen Weg gewählt, bin zu meinem Hausarzt und habe auch endlich mal einen Termin bei der Suchtberatung gemacht.

Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, eigtl nach wie vor nicht ehrlich genug zu sein. Ich habe relativ schleppend den Menschen meines Umfeldes gesagt, dass ich nicht mehr trinke. Dass ich nicht "mal eine Zeitlang aufhöre", sondern nie mehr trinken werde. Einigen habe ich es aber immer noch nicht gesagt, teils, weil ich Angst habe, in Diskussionen über deren eigenes Trinkverhalten verwickelt zu werden, und deren eigene Widerstände zu spüren: "Wenn sie (ich) Alkoholikerin sein sollte, dann bin ich es doch auch?!" - Hier merke ich zB, dass ich mich viel zu viel um andere und deren Leben kümmere, anstatt endlich vor meiner eigenen Tür zu kehren, und ich habe weiß Gott genügend eigene Baustellen.

Ich habe das Gefühl, seit meinem Saufstopp bin ich mit voller Wucht mit der Realität konfrontiert, keine besonders geistreiche Einsicht, wenn man bedenkt, dass es in dieser Situation wohl kaum jemandem anders geht.

Auch wenn drei Monate bereits eine längere Zeit sind, habe ich das Gefühl, noch ganz am Anfang zu stehen.
Ich habe hier schon öfter den Satz gelesen, "nur nicht trinken reicht nicht", ich formuliere ihn für mich so: nur nicht trinken geht auch nicht.
Wenn ich mit einer Situation konfrontiert bin, in der ich früher einfach klein bei gegeben hätte, weiß ich sofort, ich hätte damals mit Saufen meinen Frust kompensiert. Diese Option fällt nun weg, allerdings gibt es ja 100erte von Wegen, erneut wegzurennen, zu verdrängen. Diese Wege möchte ich mir nicht erlauben, und scheitere dennoch immer wieder daran, weil die Fülle an Verdrängtem und zu Erledigendem einfach zu groß ist.
Ich sage mir dann: Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut, also brauche Geduld mit mir selber, und muss der Nüchternheit Priorität geben, das ist etwas, was ich aus der Lektüre des Forums bereits gelernt habe.

Prekär ist nur, dass es Lebensentscheidungen gibt, die sich nicht ewig nach hinten verschieben lassen, und allein die Priorisierung von zu Bearbeitendem ist eine Sache für sich.

Ich möchte bald noch etwas detaillierte auf meine eigene Geschichte eingehen, das wahrscheinlich dann aber im geschlossenen Bereich.

Ansonsten werde ich jetzt mal schließen und vielleicht das ein oder andere zu anderen Beiträgen schreiben - die Balance zwischen der eigenen Problemwälzerei und der Notwendigkeit, auch mal bewusst von mir selbst abzusehen - auch so eine Schwierigkeit von mir...

Liebe Grüße,
Clara.

mutig

Beitrag von mutig » 04.07.2011, 16:54

Hallo Clara,

ich kann dir nur sagen was MIR geholfen hat ( nach 3 Monaten ):

1. Mach das Wichtigste zuerst = ich nehme keinesfall ein Glas Alkohol in die Hand.
2. Ich nehme mir nicht zuviel aufeinmal vor = ich arbeite an meiner geistigen und körperlichen Gesundung.
3. Dinge die erledigt werden müssen, reduziere ich auf 3 Erledigungen pro Woche = zwei mach ich eh ganz gerne, die Dritte kommt dann leichter daher und klopft an.

Ich wünsche dir alles Gute

KaffeeTasse
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Beitrag von KaffeeTasse » 04.07.2011, 18:26

Liebe clara nocte,

da ich selbst erst am Anfang stehe, kann ich Dir leider keine Tipps zum Thema trockenwerden geben.

Mit Depressionen (und Du klingst schon recht depressiv) kenne ich mich allerdings aufgrund langjähriger Erfahrung ganz gut aus. Und da kann ich Nutzer(in) mutig nur bestätigen, nimm Dir nicht zuviel auf einmal vor!
weil die Fülle an Verdrängtem und zu Erledigendem einfach zu groß ist.
Ich kenne das nur zu gut, wenn "die Baustellen sich türmen", ich gar nicht weiß wo ich anfangen soll, und mich womöglich dabei noch selbst die ganze Zeit mit Vorwürfen bombardiere, mich selber runtermache, mein eigener Feind bin - was ja nur Energie kostet und sowieso Quatsch ist. Das Leben ist schon schwer genug.

In solchen Situationen mache ich mir immer ToDo-Listen, die nicht zu umfangreich sein dürfen. Und ich versuche dabei, einzelne Projekte in viele kleinere Aufgaben zu zerlegen. Also nicht:
- Wohnung aufräumen
sondern
- schmutzige Wäsche zusammensammeln
- Wäsche waschen
- Wäsche aufhängen
- Altpapier aussortieren
- Altpapier runterbringen
- Regal x freiräumen
- Regal x abstauben
- Regal x einräumen
und so weiter (nur mal so als Beispiel, um das Prinzip klar zu machen. Das es schwerere Aufgaben gibt als die Wohnung aufzuräumen versteht sich - obwohl, das kommt auf die Wohnung an ;) )

Da kann ich dann schon nach einer Stunde zehn Sachen auf meiner Liste abhaken. Kleine Erfolgserlebnisse machen Mut und geben Kraft für die nächsten Schritte. So kann man eine Aufwärtsspirale in Gang setzen.
Ich sage mir dann: Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut, also brauche Geduld mit mir selber, und muss der Nüchternheit Priorität geben

genau!

Mach Dir bitte klar: Deine Entscheidng trocken zu sein und zu bleiben ist wichtiger und weitreichender als alles andere - und überhaupt die Bedingung dafür, dass Du alles weitere hinbekommst!

Sei bitte nicht zu hart zu Dir selbst, Du hast 3 Monate nicht getrunken, da kannst Du doch stolz auf Dich sein!

es grüßt herzlich

KaffeeTasse

claro
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Beitrag von claro » 05.07.2011, 08:00

Hallo Clara,
herzlich willkommen hier,
ich kann es Dir nur herzlich empfehlen und möchte Dich einladen, es mal mit dem geschlossenen Teil zu probieren.
Dort wird es etwas persönlicher, weil man nicht die Angst haben muß, daß das ganze WWW mitliest.

Ich jedenfalls konnte mir dort vieles von der Seele schreiben und habe von den Kommentaren der anderen pofitiert.

Alles Gute für die nächste Zeit,

LG Frank

clara nocte
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Beitrag von clara nocte » 07.07.2011, 10:30

Hallo mutig,

danke für deine antwort, du schreibst, diese dinge haben dir nach 3 monaten geholfen. wie lange hast du denn mittlerweile geschafft?
mutig hat geschrieben: 3. Dinge die erledigt werden müssen, reduziere ich auf 3 Erledigungen pro Woche
mit dem reduzieren der erledigungen klappt es momentan.. so mittelprächtig.
ich schwanke immer so hin und her zwischen der sichtweise: es ist alles gar nicht so schlimm, und gar nicht so viel, doch wenn ich irgendetwas anpacke, habe ich sofort das gefühl, da kommt ein ganzer rattenschwanz hinterher. ungefähr so, wie wenn man alles in einen schrank gestopft und nun angst hat, die tür aufzumachen, weil man sonst unter einer lawine begraben wird. ;)

einen schönen tag noch,

clara.

clara nocte
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Beitrag von clara nocte » 07.07.2011, 10:42

Hallo KaffeeTasse

Danke für deine ausführliche Antwort. Wenn ich fragen darf, ist das bei dir denn eine diagnostizierte Depression, oder eher so eine Niedergeschlagenheit, die auf einer Skala auch mal variiert? Ich beschäftige mich im moment immer mal wieder mit der Fragestellung, ob meine ganze psychische Kiste eher durch den Alkohol erst ausgelöst wurde oder ob es anders herum war. Quasi die Frage nach Henne und Ei. Irgendwie erscheint mir die Beschäftigung mit der Frage dann auch wieder wie eine willkommene Ablenkung von der konkreten Ausarbeitung meiner Nüchternheit.
KaffeeTasse hat geschrieben: Mit Depressionen (und Du klingst schon recht depressiv) kenne ich mich allerdings aufgrund langjähriger Erfahrung ganz gut aus. Und da kann ich Nutzer(in) mutig nur bestätigen, nimm Dir nicht zuviel auf einmal vor!
Seltsam, dass es mir gar nicht aufgefallen ist, dass ich relativ depressiv war. Gestern und heute war ich wieder etwas aktiver und nicht mehr so ganz unfähig, irgendetwas anzupacken.

Liebe Grüße,

clara.

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Beitrag von clara nocte » 07.07.2011, 10:45

Hallo Frank,

ja, ich denke, ich werde es tatsächlich machen mit dem geschlossenen Bereich. Dort eine Art Tagebuch zu führen erscheint mir sehr nützlich, hoffe, dass ich die Kontinuität aufbringe, da dann auch regelmäßig zu schreiben.

LG

Clara

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Beitrag von clara nocte » 07.07.2011, 11:19

Hallo an alle,

heute Nachmittag habe ich meinen zweiten Termin mit einem Psychologen bei der Suchtberatung und meine Gedanken rasen mal wieder... was soll ich alles ansprechen? was ist eigentlich momentan am wichtigsten, bzw. welche Baustellen könnten meine Nüchternheit am ehesten gefährden?
ICh bin mal gespannt, wie es laufen wird.
Beim letzten mal war es etwas komisch, da ich meinen Berater direkt und sehr überstürzt mit allem möglichen überschüttet habe, und auf diese art etwas verwirrung gestiftet habe. heute muss ich versuchen, etwas gelassener an die Sache ran zu gehen. Schwierig, ich habe nur 4 stunden geschlafen, hab noch eine menge zu tun, und bin alles andere als ruhig.

Letzte woche habe ich meiner besten Freundin abgesagt, die mich am Wochenende zu einer Party eingeladen hatte. Wir haben uns monatelang nicht gesehen, und obwohl es DIE gelegenheit gewesen wäre, werde ich nicht hingehen. Ihre Reaktion war sehr schwierig für mich, da sie zwar verständnisvoll reagierte, ich aber raushörte, dass sie eigentlich auf der Zunge hatte: Wieso kannst du nicht dafür eine Ausnahme machen?
Ich denke in meiner Altersgruppe ist es schwer, überhaupt jemandem klarzumachen, dass man ein WIRKLICHES problem hat. Ein Alkoholproblem unter 30 zu haben, ist scheinbar irgendwie nicht schicklich.. Solange man doch noch auf der Welle des Studentlebens surft, ist doch noch nichts wirklich problematisch, mit den Konsequenzen kann man sich doch später auseinadersetzen, sofern notwendig *ironie off*
Natürlich ist es schwierig, Krankheitseinsicht zu haben und auch zu behalten, wenn alle um einen herum nur auf dem Legititmationstrip sind und auch (scheinbar) gut damit fahren. Ich denke, im Endeffekt ist sich jedoch jeder selbst der nächste, und ich habe keine Lust mehr, bei dem Legitimationsspiel mitzuspielen.
Ich verstehe auch besser, warum hier im Forum oft so kategorisch darauf hingewiesen wird, dass ein Wechsel des Freundeskreises bzw eine Aussortierung notwendig ist. Irgendwie ist doch unter nassen Alkoholikern auch jeder jedermanns Co, ich merke jedenfalls ganz deutlich, wie mein Entschluss zwar begrüßt wird, aber gleichzeitig eine Abgrenzung stattfindet: "nun, wenn sie ein Problem damit hat.. Klar, dann ist es gut, dass sie nicht mehr trinkt. Aber wir/ich haben keins."

Naja, durchatmen, und bei mir selbst bleiben.


Liebe Grüße,
clara.

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