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called for freedom

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit

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Motek
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called for freedom

Beitrag von Motek » 13.02.2016, 23:24

Hallo zusammen!

Meinen folgenden Vorstellungstext habe ich aus meinem (geschlossenen) Threat leicht anonymisiert übernommen, der Text ist von vergangenen Mittwoch:

Heute ist Tag 1, ich bin alkoholkrank.

Für den Satz habe ich jetzt 5 Minuten gebraucht. Die Erkenntnis ist schon eine Weile da, ich wollte es in dieser Konsequenz aber nicht einsehen- mein (Bier-)konsum ist in meiner Studienzeit nach oben gegangen. Mit sinkender Motivation für den angestrebten Beruf stieg das schneller an, zum Ende eines Auslandsjahrs ohne soziale Kontrolle habe ich mir das erste Mal Gedanken gemacht, als ich mein Zimmer wegen der leeren Dosen kaum noch durchqueren konnte. Außerdem gab es einen Vorfall im Suff... das ist mir hier (noch) zu privat, mir ist aber erst jetzt aufgegangen, dass dieser Traum keiner war.
Vor --- knapp 7 Jahren (2009) hatte ich eine gute Idee und hab das Studium für eine Ausbildung im Einzelhandel aufgegeben. Das hat mich ausgefüllt und glücklich gemacht. Mit einer eigenen Wohnung habe ich trotzdem zeitnah angefangen, unter der Woche Bier zu trinken und mich bei passenden Gelegenheiten (viele Feiern) abzuschießen (2010). Bald die erste Abmahnung wegen deutlichem Zuspät mit Fahne (Laden war nicht geöffnet, ich hätte aufschließen müssen). 2011: Im Schulblock lauter Studienabbrecher in meinem Alter in der Diaspora...Exzess.
Vorgespult. 2013 ändern wir die Öffnungszeiten und die Anwesenheit im Geschäft auf Schichtsystem, ich bin an 3 Tagen unter der Woche erst um 12 Uhr im Laden. Wahrscheinlich eher, aber spätestens hier habe ich angefangen, neben dem Wochenende auch unter der Woche 1-2x vor solchen Spätdiensten die halbe Nacht zu trinken.
Weihnachten 2013 macht sich mein ganzes Umfeld Sorgen, man kennt die Story (missbräuchlicher Alkoholkonsum und Abhängigkeit) von anderen schon. Ich auch. Trotzdem vereinbare ich (erst im Sommer 14) mit meinem besten Freund eine Kontrolliert-Drinken-mit-absoluter-Ehrlichkeit-Story aus Angst vor der Konsequenz 0% für immer. Über das Jahr habe ich Phasen mit 2-6 Wochen trocken, dann 4 Tage saufen-Kater-saufen-... Ich kann nach dem 2. Bier nicht mehr aufhören. Nach Trinkphasen bin ich depressiv und beginne Katerselbsthass zu entwickeln, obwohl ich kopfmäßig genau weiß, dass die negativen Gefühle sprichwörtlich aus der Flasche kommen.
Die Vereinbarung mit dem Mentor lautete auf: schick mich zu den Profis, wenn es nicht klappt. Das war Dienstag abend soweit. Die Wohnung ist die eines Alkoholikers, das waren seine Worte- traurig, nicht wütend. Das tat weh.
Der Aschermittwoch 10.02.16 ist also Tag eins. Offenes Gespräch mit dem Kollegen, danach zum Blauen Kreuz. Nach der Arbeit habe ich die Wohnung von 132 Bierflaschen und 18 Weinflaschen geräumt, Katharsis. Gruppengespräch am Abend, danach Forum. Als ich mich endlich anmelden will, zweifelt der Einflüsterer am Ernst der Lage. Es tat mir grad gut, das alles mal aufzuschreiben und zu sortieren- sry für den Roman.

Was eigentlich in einer Vorstellung steht: ich bin 34, seit Oktober selbstständig, Single, in Kirchgemeinde und Hobbies stark eingebunden. Ich erhoffe mir ... wohl vor allem eine Richtung zu finden, in die ich weitergehen kann. Die Entwicklung in einem Faden aufzuschreiben wird mir helfen, Entscheidungen zu treffen. Momentan ist meine Entscheidung ("Tag 1") rein vernunftgesteuert, mein Herz kommt grad noch nicht mit. Der Gruppenleiter am Abend hat das nach 10 Minuten gecheckt und gefragt, inwieweit mein Entschluss fremdimpliziert ist. Dazu hab ich noch keine Meinung. Allerdings lasse ich mir von einer Sucht nicht meine eben gewonnene Existenz platt machen, danach habe ich seit faktisch 10 Jahren gesucht. Ja, ich bin noch nicht ganz unten angekommen, und gerade das macht mir Angst. Allerdings kann ich darauf warten, dass aus dem Quartalstypen der Pegelsäufer wird, wenn nix passiert.

Viele Grüße

Motek
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Beitrag von Motek » 14.02.2016, 00:07

Hallo Forum!

Fortsetzung:

Es ist Samstag Nacht, Tag 4 ist trocken durch.
Bisher hatte ich außer gelegentlichen Gedanken an den Stoff keine körperlichen Entzugserscheinungen, dafür bin ich dankbar. Und ängstlich: was bedeutet das für meine Motivation, wenn die ersten Tage zu leicht sind? o-o
Nach einigem Rumgeeier (Feigheit) war ich endlich bei einer Ärztin, unsere Mods haben mir entscheidende Anstöße gegeben, die Frage nach dem Kalten Entzug (siehe Grundbausteine und andere Themen) ernst zu nehmen.
Eigentlich wußte ich ja, dass die meisten Menschen sehr freundlich bei Hilfesuchenden sind und habe die Zeit im Wartezimmer mit einem Buch über die Sucht verbracht, in dem Ärzte usw auch dazu angehalten werden. Und doch war ich über den das sehr warme und freundliche Gespräch überrascht. Die größte Hemmschwelle war, vor vollem Wartezimmer der Rezeptionsschwester zu erklären, dass ich Alkoholiker bin und wegen des Entzugs Antworten und Hilfe suche. Und die Medikamente in der Apotheke entgegen zu nehmen. Immerhin steht auf dem Rezept in verklausulierter Medizinersprache: das braucht einer, der im Entzug ist. Mir kommt es noch ein wenig ... falsch vor, Chemikalien einzunehmen, die ähnliche Wirkung wie der Stoff entfalten können und potentiell abhängig machen können. Ich bin halt noch voll euphorisch und habe keinen Bock, meinen Körper mit der nächsten Dröhnung zu quälen. Es fühlt sich grad so gut an, nüchtern zu sein. Aber hier muss ich einfach mal die Selbstbestimmung aufgeben und auf die Leute mit Erfahrung vertrauen.
Für das restliche Wochendende habe ich Workshops in geschützter Umgebung und einen Besuch (mit outing) bei meiner Familie geplant. Im Grunde warten die (wahrscheinlich) schon darauf, dass ich mir endlich helfen lasse, trotzdem bin ich ein wenig nervös.
Nach dem Arztbesuch musste ich mich einem Trigger stellen: tanken. Ich hab einen Blick auf das Getränkeregal geworfen und dann fix meine Umhängetasche mit 2 Colas gefüllt _ im Sinne von blockierend _ voll gemacht. Nächstes Mal nehme ich gar keine Tasche mit (Erklärung: ich fahre Motorrad).
Jetzt wird es spät... ich vagabundier noch im Forum und schreib morgen weiter.

Gute Nacht den Eulen
brass

condiciosinequanon
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Beitrag von condiciosinequanon » 14.02.2016, 08:27

Guten Morgen brass,

gut, dass Du Dich hier angemeldet hast, Deine Trinkgeschichte kenne ich irgendwoher, da sind Parallen vorhanden. Du konntest einige Dinge sehr gut verbalisieren, für die mir die Worte fehlen, zB Katerselbsthass, als ich dieses Wort las, dachte ich, das ist genau das, was ich auch immer durchgemacht habe.

Zieh es weiter durch und hab noch einen schönen Sonntag.

Liebe Grüße

Kussi73
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Beitrag von Kussi73 » 14.02.2016, 10:18

Hallo Brass , Willkommen

die ersten Schritte hast du ja schon unternommen , auch wenn die Selbsterkenntnis immer schwer zu akzeptieren ist .
Heute sagst du " ich bin Alkoholiker " und dann ,wenn du den richtigen Weg gegangen bist kannst du sagen " ich bin trockener Alkoholiker!"

Für diesen Weg wünsche ich dir viel Kraft und Durchhaltevermögen bis ans Ende deiner Tage ! - Klingt nicht grade schön , aber es ist nun mal so!-

Weißt du was ich mir immer vor Augen halte ?
Ich seh mich als Kind . Was habe ich da alles zu Stande gebracht , alles ohne Alkohol . Ich habe laufen und sprechen gelernt , bin hingefallen und wieder aufgestanden , habe Freunde gefunden und wieder verloren , habe habe in der Schule Höhen und Tiefen ausgestanden , habe sehr viele schöne Tage erlebt und genau so viele schreckliche .... alles ohne Alkohol ... und so werde ich jetzt auch den Rest meines Lebens gehen ( das ist mein Wille )..... und das ganz bewusst ohne Nebel !!

schönen Valentins- Sonntag

de Dani

michi80
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Beitrag von michi80 » 14.02.2016, 16:13

Hallo Brass!

Da haben wir was gemeinsam: nämlich das gleiche Tag 1 Datum .
wir sind auch ca. gleich alt.
Außerdem habe ich auch immer wieder trinkfreie Phasen gehabt.

Alles gute beim outen in der Familie. Meine wollte es nicht wahrhaben. Haben ja auch nichts mitbekommen.
Sind jetzt aber alle für mich da, wenn ich sie um Unterstützung bitte. Das ist schön und hilft ungemein.

Ich wünsch dir alles Gute, und werde deine Geschichte aufmerksam verfolgen.
Mit lieben Grüßen,
michi

Motek
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Beitrag von Motek » 14.02.2016, 19:59

Hallo Forum,

Tag 5 lief wie geplant. Außer dass mit dem Motorrad anschieben :evil: . Rauchen kann zu .... Ich seh das mal als außerplanmäßige Fitnessübung, es ging an, kurz bevor ich nicht mehr konnte.
Durch die Medi (nach dem Essen) habe ich nun auch wieder einen Grund, regulär zu frühstücken- passt, die Kaffe_ist_kein_Frühstück_ist_mir_egal_Schiene habe ich lang genug (zu lang) gemacht.
Familienbesuch war gut. Es kam zwar auch die Zielvorstellung 'als Trockener auch locker zu Feiern gehen zu können ohne zu Saufen', aber das kommt für mich auch mittelfristig nicht in Frage. Kaffee reicht, man wird sich schon dran gewöhnen. Und wie du, Kussi, schön sagst: trocken sein ist schon noch etwas ganz anderes, als die ersten Schrittchen zu gehen.

@Michi und csqn Ich habe eure Beiträge auch mit höchstem Interesse verfolg :-) und ich werde das auch weiterhin tun.

Viele Grüße
Matthias

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Beitrag von Motek » 15.02.2016, 21:33

Hallo Forum,

heute war Montag, Tag 6 in Abstinenz. <- diese Aussage fasst den Tag recht umfassend zusammen. Aber vielleicht ist das ganz gut so. Neben den üblichen kurzen Gedanken an das Zeuch ist nix weiter passiert. Ich versuche, neue Rituale für mich einzuführen. Momentan schleppe ich einen Liedzettel mit mir rum und singe das Lied mit Gitarre, bevor ich morgens was Produktives tue- ein Segenslied für den Tag für Kinder :D Wenn ich dran denke, bekomme ich gleich wieder gute Laune :wink:

Aussage oben: hab heute in einen Beitrag gelesen, dass sich jemand in der ersten Zeit nicht als trocken, sondern abstinent bezeichnete, kann es leider nicht mehr zuordnen. Den Gedanken finde ich gut, trocken ist jemand, wenn er/sie es schon eine Weile ist. Da will ich hin... schönen Abend euch!

Brass

Karsten
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Beitrag von Karsten » 15.02.2016, 22:12

Hallo Brass,

ich mache da auch einen gedanklichen Unterscheid zwischen "nicht trinken" und "trocken sein"

Ist aber für mich auch keine Abwertung oder so.
Zum trocken zu sein, gehört für mich die körperliche und geistige Distanz zum Alkohol.
Körperlich ist ja recht schnell erledigt:

- nicht trinken
- alkoholfreie Wohnung und alkoholfreies Umfeld

Geistig, also gedanklich ist schon schwieriger, wenn man nur mal die Stichworte nimmt:

- Verzicht
- Kompromisslosigkeit
- Ansprüche an die Nüchternheit ( ich will ja, aber...... )

Wie gesagt ist keine Abwertung, denn wer ein alkoholfreies Leben nicht kennt, hängt natürlich gedanklich immer am alten Leben, das man ja gelebt hat.

Gruß
Karsten

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