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Man stolpert nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel

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Thalia1913
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Re: Man stolpert nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel

Beitrag von Thalia1913 » 22.06.2018, 09:46

Hallo Karamasow,

das ist eine interessante Beobachtung, die du da gemacht hast. Ich hab mich mal da hineinversetzt und mir eine ähnliche Frage gestellt. Und festgestellt, dass es bei mir tatsächlich das Suchtgedächtnis ist, das mir eine solche Lebensrealität („gegen Ende des Lebens, ohne große Verantwortung für andere, ein Glas Wein trinken“) als wünschenswert erscheinen lässt. Denn ich WEISS ja, dass das bei mir aufgrund meiner Suchterkrankung so nicht funktionieren würde. Ich würde auf jeden Fall wieder abhängig trinken, mit allen Konsequenzen inklusive Verlust der Selbstachtung, was ich als besonders belastend erlebt habe. Und ich würde auf jeden Fall wieder in den Zustand kommen, dass ich mich alkoholgetränkt innerlich aus dem Leben ausklinken würde.

Aus meiner heutigen Sicht käme das einem Abschied vom Leben gleich.

Aber trotzdem ist da etwas in mir, das darauf anspringt. Dieser Wunsch, „einfach durchatmen“ zu können. Last abwerfen, zur Ruhe kommen, keine Sorgen mehr zu haben. Und das ist das Wertvolle für mich an dieser Fantasie: Sie zeigt mir, was ich jetzt, heute, nüchtern, für mich tun kann. Was ich ersehne. Und jetzt, nüchtern, kann ich täglich meine Prioritäten überprüfen, ob ich mir genügend Raum zum durchatmen und Last absetzen einräume. Und wenn nicht, daran was ändern.

Danke für deinen Bericht, der mir Anstoß war. So gefällt mir Austausch in der Selbsthilfegruppe.

Dir ein schönes Wochenende, und danke für deinen Gruß in meinem Tagebuch.

Thalia

Pellebär
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Re: Man stolpert nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel

Beitrag von Pellebär » 22.06.2018, 10:32

Moin Karamasow,

ich bin 70 Jahre alt und glaube mir, die Verantwortung hört nie auf. Sicher, es wird leichter, das Berufsleben ist vorbei, das Einkommen ist gesichert, aber die Kinder sind da, sie bleiben Kinder, auch erwachsen, ich sorge mich um sie und nicht nur um sie, bis ich die Augen endgültig schließe.

Ich habe nicht aus Verantwortung für andere aufgehört zu trinken, sondern aus Verantwortung für mich. Ich habe mir mein Leben zurück geholt, lebe es so, wie es sich für mich gut und richtig anfühlt. Eine Bierflasche brauche ich dafür nicht.

LG PB

kamarasow
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Re: Man stolpert nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel

Beitrag von kamarasow » 29.06.2018, 10:27

Hallo Ihr Beiden,
ich komme bei dem oben beschriebenen Gedankengang nachwievor nicht richtig weiter. Was ich nicht als schlimm empfinde. Es gibt Tage da bewerte ich den Gedanken mit Gleichgüligkeit und es gibt Tage da bin ich die Fliege, die im süßen Leim klebt. Mir hilft für Klarheit wahrscheinlich nur die Zeit.

Grüße
Karamasow

Sunshine_33
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Re: Man stolpert nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel

Beitrag von Sunshine_33 » 29.06.2018, 11:26

vor ein paar Tagen sah ich einen alten Mann (ca. 70 Jahre), der mit einem Bier in der Hand ein Fußballspiel am Beamer verfolgte.
Er sah zufrieden aus. Drogenweichgespühlt. Ich fragte mich, ob ich das sein könnte.
Wenn ich nach einem langem Leben keine Verantwortung mehr für jemandem habe und in gewisser Weise nur auf den Tod warte.
Ich konnte in dem Moment die Frage nicht klar beantworten. Das Suchtgedächtnis meldete sich jedenfalls deutlich.
Meinst Du diesen Gedankengang?
Hmmm... mit 70 Jahren schon auf den Tod warten :shock: ... und wieder zu saufen? :(
Und was, wenn man nun doch nicht gleich stirbt, sondern für Jahre in die Abhängigkeit zurück rutscht?
Ich würde nicht mal mehr am letzten Tag meines Lebens trinken wollen, selbst wenn ich wüßte, das es der letzte ist.

Ich glaube, jeder hat solche Gedankenspielchen schon mal gehabt?
Da sucht sich vielleicht das Suchtgedächnis mal wieder ne Lücke, um sich wieder wichtig tun zu können ? :roll:
Bei mir war es immer so, das ich solche Gedanken dann auch gedanklich zu Ende brachte.
Was passiert, wenn ich wieder saufen würde ?... und ich weiß doch, was wieder passieren würde.
Ich möchte einfach nie wieder in diesen Sumpf zurück, in dem ich nicht mehr richtig gelebt, sondern nur noch
irgendwie existiert habe.
Ich möchte nicht mehr dieses mir heute unangenehme Gefühl der Benommenheit haben (drogenweichgespült eben),
mich ekelt sogar der Gedanke daran irgendwie an.
Ich kann daran gar nichts mehr positives finden.

Ja, vielleicht ist es wirklich eine Entwicklung, die auch die Zeit mit sich bringt.
Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, wohin ich nie wieder zurück möchte.
Denn ich habe nie vergessen, was auch alles schlimmes passiert ist... da war bei mir nicht nur das "tolle"
Gefühl der Erleichterung und blabla... da war doch am Ende nur noch ganz schreckliches Leid !
Das möchte ich nie wieder erleben müssen... an keinem Tag meines Lebens, weder mit 70 noch sonst irgendwann.
Das wohlige Gefühl... das war doch wohl vor unserem abhängigen Saufen, oder?
Vergiss nicht, was danach kam.... oder hast Du aufgehört, als alles noch toll und unproblematisch war?
Es gab doch Gründe, aufzuhören, oder?
Es ist darum etwas kurz gedacht, sich so ein Gefühl nochmals verschaffen zu wollen, denn wir hatten doch die Missbrauchsschwelle
längst überschritten... und wir können da auch nicht wieder hin zurück, als alles noch lustich und entspannt war mit der Sauferei.

Bei solchen Gedanken wie Deinen half mir immer die schonungslose Auseinandersetzung mit mir selbst, halt hinzuschauen, wie es WIRKLICH war.
Und da absolut nix mehr schönen zu wollen.

LG Sunshine

kamarasow
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Re: Man stolpert nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel

Beitrag von kamarasow » 29.06.2018, 16:32

Hallo sunshine,
ja, den Gedanken meinte ich.

Mit den 70 Jahren wollte ich eigentlich keinem vor den Kopf stoßen. Die Zahl kommt mir aber deshalb so hoch vor, weil es fast meinem doppelten Alter entspricht. Meine Kinder nennen mich auch "alt". Nunja. Alter liegt wohl immer im Blickwinkel des Betrachters.
Im Prinzip beschreibt Thalia sehr gut das Gefühl, welches ich bei diesem Gedankengang auch empfinde. Aber wie du wahrscheinlich richtig feststellst, ist dies nur eine Lücke des Suchtgedächtnisses.
oder hast Du aufgehört, als alles noch toll und unproblematisch war?
Schlussendlich, ja. Ich verlor nie komplett die Kontrolle über Leben, Familie und Arbeit. Ich hoffe, dass ist nicht meine Achillesferse bei der Trockenarbeit. Der Grund, oder besser die Initialzündung um aufzuhören, waren die Kinder. Darauf fußt wahrscheinlich auch die Lücke des Suchtgedächtnisses. Pellebärs Einwurf, dass man immer Verantwortung hätte, tröstet erstmal und schafft Zeit. Ich denke, am Ende wird es auch nur die Zeit zeigen.

Grüße
Karamasow

kamarasow
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Re: Man stolpert nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel

Beitrag von kamarasow » 14.08.2018, 15:39

Hallo Forum,
hier mal wieder ein paar Zeilen von mir.
Vor kurzem war mein zweiter alkfreier Jahres-Sommerurlaub. Ich war etwas überrascht, dass die visuellen Trigger am Abend z.T. recht deutlich waren. So deutlich wie lange nicht. Deutlicher als im Alltag und der gewohnten Umgebung. Dies führte zu kurzen Stimmungsschwankungen, die sich aber schnell legten. Insgesamt war der Urlaub wunderschön und notwendig. Schöne Momente sind nicht aufgrund des Alkohols schön, sondern aufgrund des Moments und der Personen mit denen man den Moment verbringt.

Das hiesige Lesen triggert mich auch noch zum Teil und treibt mir manchmal die Spucke in den Mund. Das erinnert einen immer wieder wachsam zu sein. Dennoch bin ich etwas schreibfaul, da ich denke, hier nichts Neues beitragen zu können. Der Drang etwas niederzuschreiben ist nicht so stark wie am Anfang der Abstinenz.

Insgesamt steht bei mir immer noch der Fokus auf den Themen Gelassenheit und Entspannung. Mein Ziel ist es, soweit auf mich aufzupassen, dass der kritische Erschöpfungszustand gar nicht erst eintritt. Nein-Sagen, Keine-Zeit-Sagen, Whatsapp- und Informationsflit minimieren. Diese Flut wurde besonders deutlich als man aus dem Urlaub wiederkam. Alle zerrten mit ihren Anrufen und Mitteilungen an einem. Da habe ich mich erstmal bewusst rausgenommen und nicht geantwortet. Wie schön entspannt muss die Welt damals nur mit Briefen gewesen sein :)

Grüße
Kamarasow

Carl Friedrich
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Re: Man stolpert nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel

Beitrag von Carl Friedrich » 14.08.2018, 19:22

kamarasow hat geschrieben:
14.08.2018, 15:39
Da habe ich mich erstmal bewusst rausgenommen und nicht geantwortet. Wie schön entspannt muss die Welt damals nur mit Briefen gewesen sein :)
Hallo Karamasow!

Schön, mal wieder was von dir zu hören. Du bist weiterhin abstinent, allein das ist wichtig.

Ja, ja, die gute alte Zeit. Unlängst habe ich doch glatt mal an einem Wochenendausflug mein Handy zu Hause liegen lassen und das Teil von meiner Frau war leer. Es war ein richtig erholsamer Sonntag. Und gefehlt hat uns absolut nichts. Es war eigentlich so wie früher vor sehr langer Zeit. Ansonsten hätte ich schon das eine oder andere mal im Netz gesurft u.ä.

Ich habe beschlossen, in unserem Septemberurlaub das Smartphone öfter mal im Safe zu lassen, wenn's z.B. an den Strand geht. Und für den Notfall, es könnte ja mal was am Mietwagen o.a. sein, stecke ich ein altes Tastenhandy in den Rucksack.

Ich sage ja immer: Ich will und werde mein Leben entschleunigen. Warum? Es tut mir mental einfach unheimlich gut.

Gruß
Carl Friedrich

kamarasow
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Re: Man stolpert nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel

Beitrag von kamarasow » 15.10.2018, 11:32

Hallo Forum,
mit dem gestrigen Tag habe ich seit 2 Jahren keinen Alkohol mehr getrunken. Ursprünglich wollten wir es als Familie am Nachmittag etwas feiern, indem wir uns bei diesem schönen Wetter in einen Biergarten oder zum Italiener setzen. Das haben wir dann nicht gemacht, da wir alle etwas erschöpft waren. So hatte ich Zeit, um mit der Kleinsten Bausteine und Männlein zu spielen. Die anderen wuselten im Garten, gossen Blumen, oder hingen bei den Zwergkanichen rum. Es war sehr entspannt. Die Sonne schien und der Wind trieb die Blätter von den Ästen. Danach schlief ich kurz auf dem Sofa ein.

Ich schildere das, weil es eigentlich genau auf den Punkt bringt, was sich verändert hat. Ich passe auf mich auf und versuche mich nicht mehr zu übernehmen. Kein höher, schneller, weiter. Außerdem gibt mir die Zeit mit der Familie Kraft. Kraft für die anstehenden Aufgaben in der Woche. Vor 2 Jahren wäre ich am Sonntag Nachmittag mit mindestens einer halben Flasche Wein schon gut unterwegs und irgendwo allein im Haus. Jetzt kommen Gedanken wie: Was machen wir heute mal schönes zusammen.

Passt auf euch auf,
Karamasow

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