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Man stolpert nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel

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Calida78
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Re: Man stolpert nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel

Beitrag von Calida78 » 03.02.2019, 18:55

Hallo!
Da möchte ich unbedingt etwas schreiben:
Für mich gibt es beim nassen Denken noch eine andere Dimension, die erstmal gar nichts damit zu tun hat, ob ich an Alkohol denke oder nicht.
Wenn ich mich klein mache z.B.. Wenn ich mich dabei ertappe, dass ich in die Ich-armes-Schwein-Rolle verfalle. Oder wenn ich merke, dass ich mich von allen zurückziehe. Oder nur den Gedanken habe, dies zu tun. Das ist für mich persönlich nasses Denken. Denn als ich trank, war das so. Und die armes-Schwein-Rolle verführt gerade dazu zu trinken, weil ich ja eh ein armes Schwein bin. Nun hab ich aber gelernt, dass ich entscheide, in welcher Rolle ich bin. Ich allein bin es, die entscheidet, ob sie wieder die Ärmel hochkrempelt und weitermacht.
Deshalb ist für mich ein Gedanke wie: aus mir wird ja eh nichts oder mich mag halt doch keiner ein nasser Gedanke und ein Alarmzeichen. Und tatsächlich: wenn so ein Gedanke mal kommt, kann es auch sein, dass ich mich auch an die Flasche Wein erinnere.
Solche Gedanken kommen und zu denken, die dürfen nie wieder kommen, ist für mich illusorisch. Denn sie haben mich mein Leben lang geprägt. Aber: ich nehme sie bewusst wahr und kann entscheiden, ob ich Ihnen Raum gebe oder nicht. Das ist für mich entscheidend.
Viele Grüße
Calida

kamarasow
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Re: Man stolpert nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel

Beitrag von kamarasow » 04.02.2019, 10:07

Guten Morgen Calida,
ich denke mit nassem Gedanken ist nicht der "armes Schwein" - Gedanke (oder ähnliches) gemeint, sondern die gedankliche Schlussfolgerung zur Flasche zu greifen. Jeder von uns wird seine Gründe haben, weshalb man trank. Das Entscheidende für uns ist, andere Lösungen/Maßnahmen für die entsprechenden Trink-Situationen zu finden.
Ich war ein Entspannungstrinker nach einem anstrengenden Tag. Heute sind die Tage genauso anstrengend, mit dem Unterschied, dass ich es schaffe, andere Entspannungsmöglichkeiten zu nutzen. Das muss man erstmal lernen. Zur Flasche zu greifen war einfach.

Grüße
Karamasow

Karsten
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Re: Man stolpert nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel

Beitrag von Karsten » 04.02.2019, 10:17

Hallo Karamasow,

das ist ein wichtiger Schritt.
Das Leben wird ja nicht sorgenfrei, wenn man nicht mehr trinkt, aber wenn man aus den Erfahrungen anderer Menschen lernen kann, wie man diese Sorgen begegnen kann, bekommt der Alkohol immer weniger Gewicht in seinem Leben.

Gruß
Karsten

Hartmut
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Re: Man stolpert nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel

Beitrag von Hartmut » 04.02.2019, 10:57

Hallo Kamarasow,
Ich war ein Entspannungstrinker nach einem anstrengenden Tag.
hilft es dir dich zu katalogisieren warum du gesoffen hast?

nun mag es immer Gründe gegeben haben warum ich gesoffen habe aber war nicht der alleinige Grund die Sucht? Nun bin ich ja schon ein paar Tage trocken und jeder Gedanke der aufkommt und mich zum Saufen bringen könnte, breche ich auf die Sucht herunter. Damit habe ich alle Türchen geschlossen.

Gruß Hartmut

kamarasow
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Re: Man stolpert nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel

Beitrag von kamarasow » 04.02.2019, 13:11

Hallo Hartmut,
hilft es dir dich zu katalogisieren warum du gesoffen hast?
Im Grunde ist die Katalogisierung eigentlich zu plump, aber sie vereinfacht die Erklärung für Außenstehende. Es hilft etwas, sich selbst zu verstehen und weshalb man überhaupt mit trinken anfing.
Zu deinem Gedankengang, dass doch die Sucht der Grund fürs Trinken sei: Nun, dies gilt nicht für die Anfangsphase, als man noch nicht süchtig war. Für spätere Alkoholikerphasen stimme ich dir zu. Selbstbelügende Gründe fürs Trinken fand man dann ja ohne Probleme. Gern wurde auch der Umstand aufgegriffen, dass der heutige Tag doch ganz schön anstrengend war. Aber das waren keine Gedanken meines Ichs, sondern des Suff-Ichs.

Den Punkt des Suff-Ichs (aka Suchtgedächtnis) würde ich gern nochmal aufgreifen. Heute, also nach über 2 Jahren Abstinenz, fällt es mir immer noch schwer, Sachverhalte zweifelsfrei zu bewerten. Damit meine ich nicht Probleme auf Arbeit, sondern persönliche Belange. Bevor ich Entscheidungen treffe, fahre ich meistens gedankliche Extrarunden und muss mindestens einmal drüber schlafen. Warum? Ich erwische mich dabei, wie ich im Verlaufe eines Tages den gleichen Sachverhalt unterschiedlich bewerte. Ich vertraue meinen Rückschlüssen nicht. Quatscht da das Suff-Ich rein? Das Haupthirn hat mir schon zu viele Lügen aufgetischt, warum soll es diesmal stimmen? Ich glaube vor dem Suff war ich nicht so unentschlossen und wankelmütig. Ein Gedanke und zack die Entscheidung. Das geht nicht mehr. Oder war ich schon immer so und der Suff hat die Erinnerung umgeschrieben? Fragen über Fragen :D. Nuja, im Grunde ist es auch nicht so wichtig. Vielleicht hat aber jemand ähnliche Erfahrungen machen müssen.

Grüße
Karamasow

Rattenschwanz
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Re: Man stolpert nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel

Beitrag von Rattenschwanz » 04.02.2019, 13:37

Karsten hat geschrieben:
04.02.2019, 10:17

Das Leben wird ja nicht sorgenfrei, wenn man nicht mehr trinkt, ...
Aber erheblich sorgenfreier wird es, denke ich mal.

Ich dachte immer, dass ich gesoffen habe weil ich Sorgen hatte.

Nee, erst hab ich mit dem Saufen angefangen und dann kamen die meisten Sorgen.

Sachen, die für mich in Saufzeiten unlösbare Probleme waren, sind jetzt nur noch lächerlich und kein Problem mehr.

Thalia1913
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Re: Man stolpert nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel

Beitrag von Thalia1913 » 04.02.2019, 17:29

Hallo Karamasow,
„Karamasow“ hat geschrieben:Heute, also nach über 2 Jahren Abstinenz, fällt es mir immer noch schwer, Sachverhalte zweifelsfrei zu bewerten. Damit meine ich nicht Probleme auf Arbeit, sondern persönliche Belange. Bevor ich Entscheidungen treffe, fahre ich meistens gedankliche Extrarunden und muss mindestens einmal drüber schlafen. Warum? Ich erwische mich dabei, wie ich im Verlaufe eines Tages den gleichen Sachverhalt unterschiedlich bewerte. Ich vertraue meinen Rückschlüssen nicht.
Ich kenne das. Diese Extrarunden habe ich, denke ich, schon immer gedreht, auch vor der Trinkerei, aber ich hab es mir nicht so bewusst gemacht, war nicht so achtsam (mir selbst gegenüber aufmerksam) wie heute.
Ich sag mir heute, dass es zwar oft nervig ist, so ambivalent zu sein, aber andererseits auch eine Stärke sein kann, wenn ich dadurch zum Beispiel nicht so schnell Urteile fälle und offener bleibe für die Welt außerhalb meiner selbst.

Viele Grüße!

Thalia

kamarasow
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Re: Man stolpert nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel

Beitrag von kamarasow » 20.03.2019, 10:45

Hallo Forum,
hier mal ein paar offene Zeilen von mir. Seit ca. 2,5 Jahren trinke ich keinen Alkohol. Bin ich stabil? Hm, um ehrlich zu sein, nein. Ich glaube, ernsthaft 100% stabil ist man erst, wenn man tot ist. Bis dahin sitzt die Sucht immer im Nacken. Manchmal spielt sich bei mir noch der Sehnsuchtsgedanke des Berauschtseins in den Vordergrund. Manchmal läuft mir bei visuellen oder gedanklichen Bildern die Spucke in den Mund. Das setze ich dann aus oder gehe dem aus den Weg. Manchmal kreiselt der Gedanke noch etwas, aber die Zeit ist stets mein Freund.
Im Sportverein gehe ich nicht jedem Alkohol aus dem Weg. Das gesellschaftliche Zusammensein nach dem Sport benötige ich für die innere Zufriedenheit. Es ist ein Risiko, dass ich eingehen muss, um innerlich nicht zu verkümmern. So auch bei Pokerabenden. Wenn ca. 50% der Anwesenden Bier trinken (was mich nicht so sehr triggert wie Wein), dann ist es so. Ich schlürfe gut gekühlte Cola. Falls jetzt bei einigen Lesern, die reflexartigen Gefahrenzonen im Gehirn anspringen, dann sage ich: Ja, ich weiß. Ohne Gesellschaft ist aber auch keine Option. Das Risiko trage ich.

Vor einigen Monaten war eines meiner Hauptthemen Gelassenheit zu erreichen. Das funktioniert mittlerweile meistens. Ich muss aber aufpassen, dass es nicht in Gleichgültigkeit abdriftet. Aber vielleicht ist es genau der Preis den man zahlen muss.

Die Werke von Dostojewski habe ich nun fast alle durch. Kennt ihr das, wenn man ein Buch gekauft hat und es sich voller Vorfreude, wie einen kleinen Schatz, neben das Bett legt? Das Lesen erfüllt mich. Überhaupt, Freude am Leben ist irgendwie ein Hauptthema geworden. Menschen, die ständig über etwas lamentieren - über ihre Situation, über zu wenig Geld, zu wenig dies und das -, werden im Inneren selbst zu einem Miesepeter. Alt werden ist keine Schande. Aber alt und griesgrämig zu sein, das ist Sche***. Das sage ich als 39jähriger. Da muss meine lebensfrohe Mitte-50er Kollegin immer grinsen. Wie vermutlich so mancher Leser.

Soweit erstmal von mir.

Sonnige Grüße

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