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Vom Wochenendalkoholiker zur Nüchternheit

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit

Moderator: Moderatoren

Hull

Vom Wochenendalkoholiker zur Nüchternheit

Beitrag von Hull » 06.04.2017, 21:46

Guten Tag werte Forenteilnehmer,

um einige Sichtweisen, die sicherlich Verwunderung auslösen würden, gleich zu Beginn in eine realistische und nüchterne Richtung zu leiten, muss ich zwei Dinge vorab ausführen. Dies betrifft seltene (<1 %) Systemeigenschaften, die der Neurobiologie angehören und mir bei der Geburt ohne meinen Einfluss auf den Lebensweg mitgegeben wurden.

Der erste Punkt ist die Hochsensivität, die hauptsächlich auf akustischer und visueller Ebene in Erscheinung tritt. Kurzum nerven bestimmte Geräusche und visuelle Reize deutlich energischer, als dies bei anderen Menschen der Fall ist. Reizbarkeit ist gewöhnlich, allerdings erregen einige Reize mein Nervensystem in einem Maße, dass sich eine schwer beschreibbare Wut erhebt und dann - dem Ersticken ähnlich - unverzüglich zur Entladung gebracht werden muss. So gestaltete ich mein Umfeld - in meiner Kindheit noch unbewusst - dementsprechend reizarm, bin aber dennoch kein sozialempfindlicher Mensch und befand mich sonach stets in einer Zwickmühle aus energieraubenden Reizen und Isolation. In Sachen Reizbekämpfung leistete dann der Alkohol seine ersten Dienste und blendete die Störfaktoren großflächig aus. Mit der Hochsensivität ergab sich eine überdurchschnittlich hoch ausgeprägte Auffassungsgabe sowie eine Art Röntgenblick, der Stimmungen und Charakterzüge der Mitmenschen einfängt, automatisch konvertiert sowie ein ausgeprägtes Gedächtnis, das (zu) viele Kleinigkeiten einer Situation über Jahre abspeichert. Erlebnisse werden folglich intensiver wahrgenommen und ständig, sogar im Schlaf selbständig in alle Teile aufgespaltet. Dies ergibt scharfe Sachverhalte zu trivialen Themen, die andere Menschen nur Müde zur Kenntnis nehmen.

Der zweite Punkt ist eine diagnostizierte dissoziale Persönlichkeitsstörung (Psychopathie) und auch diese ist unbehandelbar. Hieraus ergeben sich niedrige Neurotizismuswerte sowie veränderte Dopamin- und Serotoninspiegel. Kurzum empfinde ich Angst, Reue, Verantwortung und Mitleid nicht wie "normale" Menschen, sondern nur spezifisch oder situationsabhängig in schwacher Ausprägung. Dies bringt eine relative Emotionslosigkeit mit sich - hier besteht übrigens kein Widerspruch zu den obigen oberflächlichen Wutanfällen. Auch erfreue ich mich an einer Abwesenheit von allgemeinen Lebensängsten oder Depressionen. Auf der für meine Mitmenschen verheerenden Schattenseite verursacht dies eine gewisse Monotonie, der ein schwer zu bändigendes Verlangen innewohnt, in sozialen Interaktionen alles auf die Spitze zu treiben. So ist z. B. alles, was für "normale" Menschen bereits grenzwertig ist, für mich noch kaum der Rede wert und eher ein Ansporn, um übertrumpft zu werden. Dies geschieht - wie gerne angenommen - nicht aus Arroganz oder Narzissmus, sondern aus Emotionslos- und Rastlosigkeit, welche unter Alkoholeinfluss an Ausprägung gewinnen. Aufgrund dieser - für das rücksichtslose Berufsleben - geeigneten Umstände ergab sich früh finanzielle Unabhängigkeit. Dies erwähne ich der Vollständigkeit und vorrangig deshalb, da ich mich aufgrund meines Alkoholmissbrauchs in keiner finanziellen Notsituation befinde und die Pflicht zum Alkoholausstieg meinem eigenen Willen folgt, nicht aus einem Zwang oder Herbeiführung Dritter. Zudem spüre ich aber natürlich auch die Gefahr der groben Fahrlässigkeit, die sich bei den Kontrollverlusten ergibt, hierauf komme ich später.



Alkoholkarriere:
Mit acht Jahren trank ich eines Nachts heimlich einige kleine Fläschchen Sekt, die nach einer Familienfeier frei herumstanden. Die Wirkung war angenehm, allerdings maß ich diesem Ereignis kaum Bedeutung bei oder ich vergaß es schlichtweg, um meiner allgemeinen Unterforderung und Langeweile dann allerdings im Jugendalter die ersehnte Abwechslung desto extremer beizufügen. Schnell tranken wir an jedem Wochenende bis zur Besinnungslosigkeit, es ergab sich klassische Jugendkriminalität, die für einige Bierbankgenossen im Jugendknast ihre Fortsetzung und schließlich ihren Niedergang fand. Ich kam in allen Bemühungen stets mit blauen Augen davon, dennoch wusste ich mit 18 Jahren, dass es sich hierbei um Alkoholismus handeln musste, doch dies ließ mich kalt, es war nur ein Wort, dem ich in gewohnter Emotionslosigkeit einen bestimmten Sinn zuordnete.

Mitte zwanzig ergaben sich berufliche Chancen und so spielte ich unter der Woche eine Rolle, schuf finanzielle Unabhängigkeit und soff an den Wochenenden zumeist 8 - 10 halbe Bier pro Abend, die meine gern gesehenen Unterhaltungskünste zu Höchstleistungen führten. Am Montag war mir dieses Verhalten stets fremd, meist machte ich am Abend unter der Woche noch Ausgleichssport, spielte Tennis, fuhr Rennrad oder fuhr mit meinen Sportgenossen zu irgendwelchen Veranstaltungen, die nichtmal im Ansatz mit Alkohol in Verbindung gebracht werden konnten. Ein klassisches Doppel- bzw. Dreifach- oder Mehrleben war (und ist) mein Normalzustand.

Mit Ende Zwanzig trank ich eher 10 - 15 halbe Bier und stellte "nüchtern" fest, dass die Eskalationen in wirklich lebensbedrohliche und vor allen Dingen von mir nicht mehr beeinflussbare Situationen führten; Autounfälle, Massenschlägereien, Hausverbote und ähnliches waren nicht ungewöhnlich. Auch stürzte ich den Alkohol mittlerweile nur noch hinunter, gerade an einem Freitag (die Exzesse wurden weniger, dafür intensiver) war nach mehrwöchiger Pause ein kaum zu bändigender Eskalationsdruck verspürbar, die Gier wurde mit jedem Schluck in stärkerem Maße entfacht. Oft stürzten wir die ersten fünf halbe Bier in einer Stunde hinunter, um dann natürlich im Verlaufe des Abends nur noch etwas hinterherzurennen, das niemand zu defnieren wusste. Ein Ende gab es nur, wenn nichts mehr getrunken werden konnte oder man mit einem Filmriss am nächsten Morgen - teilweise bei fremden Personen oder sonstwo in der eigenen Wohnung - aufwachte. Wie erwähnt bescherte mir dies aber noch lange keinen Leidensdruck, ich sah, dass einige Bierbankgenossen ein schlechtes Gewissen oder Depressionen bekamen, dies blieb mir vergönnt.

Mit dreißig Jahren legte sich der Schalter dann langsam um, der Sonntag war oft kaum mehr genießbar, auch am Montag hingen die Alkoholstrapazen tief in den Knochen, leichtes Zittern machte sich bemerkbar und körperliche Untauglichkeit schränkte meine Sportaktivitäten ein. Warum ich niemals in einem Krankenhaus landete, begründet sich darin, dass ich tatsächlich nur in Gesellschaft trank und dies "nur" an Wochenenden. Es fand sich wohl auch meist eine Person in unseren Reihen, die noch nicht vollumfänglich einem Suizidkommando gleichend, die Übersicht behielt. Der Gedanke, alleine oder in den eigenen vier Wänden zu trinken, kam mir nie. Der Preis der erkauften Glückseligkeit erhöhte sich dennoch mit jedem Jahr. Aufgrund des Katers fing ich an, die Exzesse mit jedem Jahr zu dezimieren. An Intensität änderte sich bislang nichts, eher stieg diese an. Dies ist aber auch eine meiner mir derzeit möglichen Wege, dem Alkohol einen endgültigen Abschied zu bereiten. Die Möglichkeit, aufgrund Fahrlässigkeit im Gefängnis zu landen oder aufgrund eines Unfalls unter körperlichen Einschränkungen das Leben zu entwerten, scheint mir doch nicht zu fern und in jedem Falle für nicht erstrebenswert, als dass es ein Rausch, der im Grunde nur die Monotonie auf stumpfe Weise unterbricht, wert wäre.

Das letzte Weihnachten sowie Silvester erlebte ich seit einer gefühlten Unendlichkeit nüchtern, ansonsten gab es im Jahre 2017 zwei Exzesse. Gäbe es geeignete Sozialkontakte, die mich in der Nüchternheit keiner Langeweile aussetzten, wäre die Entscheidung keine Entscheidung, sondern längst unverrückbare Tatsache.

Mich interessieren übrigens auch Erfahrungen von ähnlichen Wochenendalkoholikern.

In diesem Sinne wünsche ich eine trockene Zeit, gerne beteilige ich mich an einer von mir ausdrücklich gewollten Diskussion, stelle mich gegenüber Fragen zur Verfügung und scheue mich nicht vor - wenn nötig - harten Worten
Hull

Martin

Beitrag von Martin » 08.04.2017, 11:13

Hallo Hull,
Gäbe es geeignete Sozialkontakte, die mich in der Nüchternheit keiner Langeweile aussetzten, wäre die Entscheidung keine Entscheidung, sondern längst unverrückbare Tatsache.
ein trockenes Leben wird uns nicht geschenkt, daran müssen wir arbeiten wenn wir Erfolg haben wollen.

Wie sieht das bei dir aus, hast du Hobbys die auch ohne Alkohol Spaß machen ?

An was hast du Spaß gehabt bevor du getrunken hast, kannst du daran anknüpfen ?

LG Martin

Hull

Beitrag von Hull » 08.04.2017, 13:17

Martin hat geschrieben:Hallo Hull,
Gäbe es geeignete Sozialkontakte, die mich in der Nüchternheit keiner Langeweile aussetzten, wäre die Entscheidung keine Entscheidung, sondern längst unverrückbare Tatsache.
ein trockenes Leben wird uns nicht geschenkt, daran müssen wir arbeiten wenn wir Erfolg haben wollen.

Wie sieht das bei dir aus, hast du Hobbys die auch ohne Alkohol Spaß machen ?

An was hast du Spaß gehabt bevor du getrunken hast, kannst du daran anknüpfen ?

LG Martin
Hallo Martin,

die Hobbys (hauptsächlich Sport) sind natürlich ein Grund, für den in den letzten Jahren stärker in Erscheinung tretenden Willen, dem Alkohol endgültig den Rücken zuzukehren.

Gerade unter der Woche sehe ich Alkoholmissbrauch als verachtenswert. Im Prinzip verachte ich in der Nüchternheit nahezu alles am Alkohol: ich verachte den Charakter alkoholisierter Menschen, ihre scheinbare Selbstsicherheit, die nur durch ihre Stumpfsinnigkeit möglich wird, ich verachte die dumpfen Gespräche, den Geruch, die Schwäche, die sich den alkoholisierten Personen bei allmählichen Vorwürfen offenbart, ihre Überraschung beim Zusammenfall des Kartenhauses und eben genau dies ist auch der Grund, weshalb ich von Zeit zu Zeit in diese stumpfe, aber für einige Stunden unschuldige Welt flüchte. Es ist, als flüchte man bei einem Wochenendbesäufnis in einen Traum, den man euphorisiert für einige Stunden in die gewünschten Richtungen lenken kann. Ich trank vollumfänglich wissend, dass dies ein gefährlicher Weg ist.

Martin

Beitrag von Martin » 08.04.2017, 14:23

Hallo Hull,
Im Prinzip verachte ich in der Nüchternheit nahezu alles am Alkohol
das ist bei mir anders, der Alkohol hat mich ja nicht gezwungen ihn zu trinken.

Ich habe selbst damit begonnen und als ich dann trinken musste lag es an der Sucht.

Mir ist es auch egal wenn andere Menschen Alkohol trinken, viele Menschen können das und hören rechtzeitig auf.

Ich konnte nicht aufhören und hatte immer mein Level, 24 Stunden/Tag, 365 Tage/Jahr.

Jetzt bin ich 13 Jahre trocken, dadurch sehe ich manches anders wie Leute die am Anfang stehen.

LG Martin

Hull

Beitrag von Hull » 08.04.2017, 15:32

Martin hat geschrieben:Hallo Hull,
Im Prinzip verachte ich in der Nüchternheit nahezu alles am Alkohol
das ist bei mir anders, der Alkohol hat mich ja nicht gezwungen ihn zu trinken.

Ich habe selbst damit begonnen und als ich dann trinken musste lag es an der Sucht.

Mir ist es auch egal wenn andere Menschen Alkohol trinken, viele Menschen können das und hören rechtzeitig auf.

Ich konnte nicht aufhören und hatte immer mein Level, 24 Stunden/Tag, 365 Tage/Jahr.

Jetzt bin ich 13 Jahre trocken, dadurch sehe ich manches anders wie Leute die am Anfang stehen.

LG Martin
Wenn ich es richtig einschätze, handelt es sich bei den meisten hier beitragenden Forenbenutzern um Spiegeltrinker, auf mich trifft eher der Quartals- oder Eventalkoholiker zu, dies zieht sich allerdings seit nunmehr 20 Jahren wie ein roter Faden durch das Leben.

Bitte beschreibe deine Einschätzung näher, die deinen genannten "Anfang" betreffen. Man muss sich mir gegenüber nicht zurückhalten, eine im schlechtesten Falle falsche Einschätzung ist besser als keine Einschätzung.

Martin

Beitrag von Martin » 08.04.2017, 16:10

Hallo Hull,

mein Anfang war wie der von fast allen Alkoholikerrn.

Mal ein Bier zum Essen, 1-2 auf einer Feier, immer mit Tagen oder Wochen ohne Alkohol.

Je älter ich wurde desto kürzer wurden die Abstände, die Menge erstmal noch gleich.

Ab ca. 18 Jahren habe ich dann täglich und auch mehr getrunken, irgendetwas gab es immer zu feiern :roll:

Ab wann genau ich trinken musste weiss ich nicht mehr, mit 20 oder 21 Jahren :?:

Ich hab dann 20 Jahre täglich gesoffen, erst 6,7 oder 8 Bier und zum Schluss auch noch Schnaps dazu.

LG Martin

Hull

Beitrag von Hull » 08.04.2017, 17:45

Martin hat geschrieben:Hallo Hull,

mein Anfang war wie der von fast allen Alkoholikerrn.

Mal ein Bier zum Essen, 1-2 auf einer Feier, immer mit Tagen oder Wochen ohne Alkohol.

Je älter ich wurde desto kürzer wurden die Abstände, die Menge erstmal noch gleich.

Ab ca. 18 Jahren habe ich dann täglich und auch mehr getrunken, irgendetwas gab es immer zu feiern :roll:

Ab wann genau ich trinken musste weiss ich nicht mehr, mit 20 oder 21 Jahren :?:

Ich hab dann 20 Jahre täglich gesoffen, erst 6,7 oder 8 Bier und zum Schluss auch noch Schnaps dazu.

LG Martin
Was war bei dir der Auslöser zum Aufhören und mit welchem Hauptgedanken erhältst du die Nüchternheit bei? Ich bin mir bewusst, dass ich einen Gedanken finden muss, der es mir ganz einfach verbietet, Alkohol trinken zu "wollen".

Im Moment ist es zusätzlich die Befürchtung, betrunken unkontrollierte Handlungen vorzunehmen, die strafrechtlich verfolgt werden. Zudem hält mich der Kater und die für mindestens zwei Tage andauernde körperliche Unbrauchbarkeit zurück, diese Eskalationen öfter als alle paar Wochen oder Monate vorzunehmen.

Ab und an ein Glas Wein zu trinken oder am Montag weiterzumachen, kam mir deshalb in den letzten 20 Jahren nie ernsthaft in den Sinn.

Grüße

Martin

Beitrag von Martin » 08.04.2017, 18:05

Hallo Hull,

die 20 Jahre hatten ihre Spuren hinterlassen, ich habe gesoffen, geschlafen, wurde wach und habe wieder gesoffen.......

Wieso genau ich dann zum Doc bin um mir eine Einweisung zu holen weiss ich nicht mehr, auch da war ich besoffen :oops:

Meine  "Entgiftung" war nicht so gelaufen wie geplant, deshalb fällt es mir leicht trocken zu bleiben.

Ich "verbiete" mir nicht Alkohol zu trinken, Alkohol hat heute keine Bedeutung mehr für mich.

LG Martin

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