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Hintertürchen geschlossen... Auf gehts nach vorne!

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit

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Cadda
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Re: Hintertürchen geschlossen... Auf gehts nach vorne!

Beitrag von Cadda » 12.04.2020, 19:03

Ich finde es auch völlig egal, ob man die eine oder andere Methode anwendet. Ich hoffe, das kam richtig an. Da muss wirklich jeder sehen, wie er am besten zurecht kommt.

Die Gedanken reifen ja auch. Man verändert sich auf dem Weg. Das ist auch gut so.

Carmen
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Re: Hintertürchen geschlossen... Auf gehts nach vorne!

Beitrag von Carmen » 12.04.2020, 19:46

Ja, es kam alles richtig an! :)

Cadda
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Re: Hintertürchen geschlossen... Auf gehts nach vorne!

Beitrag von Cadda » 15.04.2020, 21:25

Hallo,

es geht mir wirklich gut. Ich weiß, dass diese Corona-Geschichte für viele Menschen gesundheitlich oder finanziell eine Katastrophe ist. Aber was das Private angeht, muss ich sagen, dass ich gerade so richtig zur Ruhe komme. Zumindest dahingehend empfinde ich etwas Positives.

Der Druck ist raus. Und das, obwohl ich weiterhin arbeite und dort mehr Stress ist, als zu normalen Zeiten. Aber alles Andere ist soooo entspannt. Kein FußballVerein (meine Teenager-Jungs spielen intensiv, bedeutet nur ein bis zwei fußballfreie Tage in der Woche), kein Fitness-Studio, kein Schützenverein, keine Schule („nur“ von zu Hause aus), Schülerhilfe nur online. Die Kinder haben keinen Besuch, wollen nicht ständig bei nem Kumpel schlafen oder zum Spielen und so weiter. Man selbst muss zu keinem Geburtstag, es ist alles soooooo entspannt! Wie gesagt, trotz Arbeit!
Wenn ich das so aufschreibe, dann merke ich erst, wie viele Dinge man neben der Arbeit noch so macht.

Jedenfalls genieße ich, zumindest auf der Ebene, diese Zeit der Ruhe. Meine Kinder streiten sich kaum, obwohl sie 24 Stunden am Tag zusammen sind und nicht mal durch die Schule ihr eigenes Ding machen. Wobei sie ja selbst da nur eine Klasse auseinander sind und auf dieselbe Schule gehen. Ich dachte, die werden verrückt ohne Fußball und ihre Kumpels, aber es geht erstaunlich gut!! Hätte ich NIE gedacht.

Fakt ist, dass ich einiges beibehalten werde. Fitness-Studio habe ich bereits gekündigt. Ich mache eh öfter Sport zu Hause oder gehe joggen. Wozu dann zusätzlich der Druck „ich müsste auch man wieder da hin“?
Schützenverein werde ich ebenfalls kündigen. Ich bin dort eh nur drin, weil ich einige Königsbälle sehr mag, weil das heut zu Tage die einzigen Gelegenheiten sind, mal richtig tolle, lange Kleider anzuziehen. Und weil ich 2 Feste im Jahr mag und viele der Leute, die ich dort treffe. Aber der Rest besteht auch aus „ich müsste mal wieder hin“. Wozu??

Fußball bleibt, das ist klar. Auf dem Platz zu sein macht mir auch echt Freude und das betrifft ja außerdem die Jungs. Aber auch da tut zumindest die Pause gerade mal gut.

Nun möchte ich natürlich betonen, dass der Grund für dieses „Herunterfahren“ natürlich schlimm ist. Dennoch empfinde ich diese Nebenwirkungen nun einmal als angenehm und ich werde vieles daraus mitnehmen.

Zusätzlich hab ich diese Woche noch Urlaub plus schönes Wetter :-D

Cadda
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Re: Hintertürchen geschlossen... Auf gehts nach vorne!

Beitrag von Cadda » 18.04.2020, 08:10

Guten Morgen.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie gut das Forum einem hilft, sich immer wieder selbst zu erinnern und sortieren. Manchmal öffne ich diese Seite und lese einfach nur und manchmal möchte ich nur jemand Anderem etwas schreiben, so wie eben in dem Thread "Unsicher" von Jessica und schon ist man gedanklich automatisch wieder in der eigenen Geschichte. Als ich Jessica eben was geschrieben habe, nämlich, dass es mein Untergang war, als ich anfing, zu Hause im Alltag meinen Wein zu trinken, da musste ich nochmal eine Zeit nachdenken. War das wirklich erst mein Untergang oder war es schon viel früher? Ich war schon vorher süchtig, das weiß ich. Aber als der Alkohol im Alltag eine Rolle spielte, da war eine weitere Grenze überschritten und deshalb ging es mit der Abwärtsspirale nochmal deutlich weiter nach unten. Es war ein besonderer Schritt für mich, auf einmal Wein zu Hause zu haben und ungehemmt jederzeit da auch allein bei zu gehen und mir ne Flasche zu öffnen. Haben ja viele so gemacht. Warum nicht auch ich? Zum Entspannen, beim Kochen und so weiter. Aber DAS war im Grunde genommen ein Verhalten, was ich nicht kannte von zu Hause aus meinem Elternhaus. Deshalb hat es auch lange gedauert, bis das bei mir soweit war.

Ich weiß, dass ich mich wiederhole, ich hab es hier schon mal beschrieben, aber ich greife es trotzdem nochmal auf. Das erste Mal betrunken war ich mit 14. Ich war bei Freunden und ich war direkt hackevoll. Kontrollverlust beim ersten Mal. Der Beweis, dass ich noch nie mit Alkohol umgehen konnte. Ich hab nicht oft was getrunken am Anfang, aber als ich nachher los durfte, in die Dorfdisse und zu Privatpartys im Jugendalter gab es im Grunde genommen keine Party?, an der ich nichts getrunken habe. Es ist nicht jedes Mal ausgeartet, weil ich in einem bestimmten Alter ja noch ne Uhrzeit mitbekommen habe, aber spätestens, nachdem ich solange weg bleiben durfte, wie ich wollte, war die Party erst zu Ende, wenn ich voll war. Ich bin auch nie Fahrerin gewesen. Damit ich bloß trinken kann. Wenn ich Montags an die peinlichen Geschichten dachte, hab ich immer gesagt "ich trink nächstes Wochenende nichts, ich fahre". Darüber wurde sich nachher schon lustig gemacht, weil ich sowieso Freitags entschieden hatte, dass ich doch nicht fahren werde. Da war ich doch im Grunde genommen schon drin in der Abhängigkeit. Ich konnte das, was ich mir selbst vorgenommen habe, nicht einhalten. Absolut nicht.

So lebte ich von Party zu Party. Ich habe nie in der Woche zu Hause getrunken. Deshalb freute ich mich schon Montags auf Freitag bzw. Samstag-Abend. Wenn irgendwo ne Scheunenfete war, haben wir schon die Flyer ins Auto gehängt und wenn ich in der Woche mit dem Auto unterwegs war bekam ich immer ein gutes und euphorischers Gefühl, wenn ich durch den Flyer erinnert wurde "Samstag ist Party". Vergleichbar ist das mit dem Gefühl, was ich später hatte, wenn ich mir zu Hause meinen Wein geöffnet habe. Nein, nicht vergleichbar. Es war absolut gleich merke ich gerade. Dieses "Ja, jetzt trinke ich was" hatte solche Glücksgefühle ausgelöst. Viele werden es kennen, wenn nicht sogar alle. Beim Schreiben bekommt man direkt Lust drauf und wenn ich dann aber meine Methode anwende und den Gedanken zu Ende denke.....wie geht es nach dem ersten und zweiten Glas weiter. Wie sieht es nach der ersten Flasche aus?? Bereits DAS reicht mir, um die Lust auf das Trinken wieder zu verwerfen, denn bereits nach der ersten Flasche konnte man mich in die Tonne hauen. Wenn mir diese Gedanken nicht reichen, denke ich nochmal daran, wie es am nächsten Morgen ist, wenn ich mit einem Kater wach werde und mich definitiv nicht mehr daran erinnern kann, wie ich ins Bett gekommen bin und dann bin ich ein für alle Mal bedient mit der Lust auf ein Glas Wein. Gern kann ich mir als Krönung noch vorstellen, dass ich morgens im Bett liege, ich mich schäme, wenn ich meine whats app Nachrichten ansehe und wie meine Kinder reinkommen und sagen "Mama, Du warst ja gestern schon wieder so durcheinander" und wie ich mich dann frage, ob ich die Kinder eigentlich ins Bett gebracht habe oder mein Partner oder ob sie vielleicht sogar selbst gegangen sind. Heulen könnte ich gerade, wenn ich daran denke!!!! Laut los heulen, ganz ehrlich. So etwas sollten Kleinkinder niemals erleben müssen.


Es ist ganz komisch gerade. Ich habe gerade das beste Beispiel live im Absatz davor durchlebt, wie es mir geht, wenn ich Lust auf etwas zu Trinken bekomme. Als ich anfing von der Partyzeit zu schreiben bekam ich beim Schreiben WIRKLICH Lust auf das Gefühl, was ich selbst beschrieben habe. Dieses euphorische Glücksgefühl. Ich hab dann genau das weiter geschrieben, was ich dachte. Zu Ende dachte. Meine Methode. Ihr ward quasi live dabei :-D Und könnt ihr Euch vorstellen, wie die Lust auf ein Glas Wein am Ende meines Absatzes komplett weg war?? Es ist so. Ich bin jetzt, keine 3 Minuten später angewidert bei dem Gedanken an Alkohol....

So nun bin ich abgewichen von dem, was ich eigentlivch schreiben wollte. Ich schicke auch einmal kurz ab, weil ich Angst habe, dass mein Laptop meinen Text wieder einmal verschluckt....

Cadda
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Re: Hintertürchen geschlossen... Auf gehts nach vorne!

Beitrag von Cadda » 18.04.2020, 08:41

Jedenfalls habe ich immer nur an den Wochenenden gesoffen in meiner Jugendzeit. Später dann auch mal auf einem Geburtstag in der Woche. Als ich dann geheiratet habe, war es bei uns zu Hause auch so, dass zwar Alkohol im Haus war, aber es musste schon Besuch da sein, um mal in der Woche was zu trinken. Da war es irgendwie im Rahmen, es gehört nicht zum Alltag. Ich hab mir da jedenfalls NIE allein eine Flasche Wein geöffnet. Auf die Idee bin ich gar nicht gekommen, weil es sich irgendwie für mich nicht gehörte. Ich kannte das aus meinem Elternhaus auch nicht, vielleicht deshalb. Der Gedanke kam mir gar nicht irgendwie.

Meine Eltern waren immer locker und klasse in der Erziehung. Nicht zu locker, wir hatten Grenzen und Regeln, aber sie ließen uns Freiraum. Meine Mutter sprach mich zwar mal an, ob das nicht ein bisschen viel mit der Feierei ist, aber ich habe das verharmlost, weil ja schließlich ALLE feiern. Ich glaub, sie hatte damals den richtigen Riecher, aber sie war vermutlich selbst unsicher, ob es normal ist oder nicht unter uns Jugendlichen. Jedenfalls haben meine Eltern selbst auch ab und zu gefeiert, aber wirklich nur, wenn jemand eine Geburtstagsparty geschmissen hat. Das kam ab und zu mal vor, aber das wars dann auch. Zu Hause wurde ansonsten bei uns kein Alkohol getrunken. So etwas wie ein Feierabendbier gab es nicht. Wenn wir als Familie z. B. Weihnachten mit mehreren zusammen saßen, gab es gar kein Alkohol. Es gab Cola und fertig. Das stand nie im Raum, als wir Kinder waren. Im Grunde genommen fing es erst an, dass uns mal was angeboten wurde, als wir Erwachsen waren, weil meine Eltern wussten, dass die Männer vielleicht gern mal ein Bier trinken würden. Was ja auch völlig in Ordnung war. Ich schweife ab. Ich wollte eigentlich nur erklären, dass es für mich normal war, mal auf einer Party zu trinken, aber eben nicht normal, im Alltag Alkohol auf dem Tisch stehen zu haben. Meine Eltern haben mir glasklar vorgemacht, dass Alkohol nicht in den Alltag gehört. Deshalb bin ich wie gesagt auch zunächst nie auf die Idee gekommen, mir zu Hause ne Pulle aufzumachen, obwohl keine Partyzeit ist.

Irgendwann hatte ich mich dann ja, als die Kinder noch sehr klein waren, aus anderen Gründen von meinem Mann getrennt (die Gründe wurden jedoch durch den Alkoholkonsum am Wochenende gefördert, denn Streit fällt unter Alkoholeinfluss ja deutlich blöder aus, als normal). Ich hatte mich in jemand anderes verliebt, mit dem ich dann auch mit den Kindern 4 Jahre zusammen lebte. Er selbst ist ein toller Mensch, ich bin auch nach wie vor mit ihm befreundet. Ob er Alkoholiker ist? Ich weiß es nicht. Alle würden sagen NEIN. Ich hinterfrage nur etwas mehr, weil ich sensibel auf das Thema reagiere und genauer beobachte, als Andere. Fakt ist, bei ihm gehört das Feierabendbier dazu, gab es auch zu Hause, aber er wusste immer wann Schluss ist. Er kannte seine Grenzen, Kontrollverlust gab und gibt es nicht. Aber für mich war das praktisch. Er trank auch im Alltag sein Bier und ich konnte mich schön gemütlich dazu setzen und Wein trinken. Es stand immer zugänglich in der Garage und ich freute mich, jemanden zu haben, mit dem ich abends auf der Terrasse schön was trinken konnte. Da wurde für mich eine neue Tür geöffnet. Irgendwann war es dann praktisch, dass ich Wein zum kochen brauchte. Merkwürdigerweise gab es ständig irgendein Gericht, wo man Wein für brauchte. Wenn mein Partner dann von der Arbeit kam, konnte ich sagen, dass ich Wein brauchte und bei der Gelegenheit konnte ich ja schon mal ein Gläschen trinken. Und so ging es weiter. Wenn ich mal Bock auf Wein hatte, hab ich auch zur Not einen Rotweinkuchen gebacken (der übrigens nicht von mir erfunden wurde, sondern hier im Umkreis öfter gebacken wird). Schwups war da immer ein Grund, nen Wein rauszuholen. Irgendwann war das so in den Alltag übergegangen, dass ich nicht mal mehr mir selbst vorgemacht habe, dass ich den zum Kochen brauche, sondern ich hab mir einfach Nachmittags in der Sonne schon mal eine Weißweinschorle gegönnt. Meinem Partner war das irgendwann zu viel. Ich weiß noch eine Situation. Er kam von der Arbeit und ich war schon so voll, dass ich im Bett lag und nur halb wahrgenommen habe, dass er da ist. Er stand im Türrahmen und sagte "Bist Du schon wieder betrunken? Du bist doch Alkoholikerin!!"
Tja, ich hab es natürlich immer verharmlost. Aber es war da schon lange so. Ich hab immer dafür gesorgt, dass ich genug Wein hatte. Der frühe und plötzliche Tod meiner Mama hat mich zusätzlich ebenfalls dazu veranlasst, zu trinken, um wieder gut drauf zu sein.
Wenn ich an meine Mutter denke, würde ich mir so sehr wünschen, dass sie noch mitbekommen hätte, dass ich trocken bin. Ich glaube, am Ende hat sie auch gemerkt, dass es kritisch ist mit mir. Aber viel hat sie auch nicht mitbekommen, ich hab ja nicht mehr zu Hause gewohnt. Lange nicht mehr und erzählt hab ich natürlich nicht, dass ich im Alltag saufe. Das letzte Weihnachtsfest bei meinen Eltern war ich allerdings betrunken. Wir hatten Heiligabend Besuch von Freunden und sind "versackt". Die anderen Freunde auch, die nicht mal alkoholkrank waren. Für die war das ein einmaliges Erlebnis, von dem sie heute noch erzählen. Eine Ausnahme. Für mich typisch... Jedenfalls bedauere ich es noch heute, dass ich betrunken bei meinen Eltern ankam. Ich hab mich natürlich zusammen gerissen und war da auch nicht hackevoll, aber man hat es mir angemerkt und ich bin sicher, dass meine Mutter traurig darüber war und sie sich Sorgen gemacht hat. Ein halbes Jahr später war sie tot und es wurde wie gesagt nicht besser mit meinem Alkoholkonsum. Mein Vater, meine beste Freundin und meine Schwester haben mich dann auch mal aufgesucht, um mit mir zu reden. Sie haben sich solche Sorgen gemacht, aber ich hab es immer verharmlost. Es wäre nur ne schwere Zeit, es wird wieder besser. Naja, das Übliche halt....

Die Beziehung in der ich war, ging irgendwann in die Brüche. Streitereien wegen anderer Dinge. Aber auch diese Streitereien arteten unter Alkoholeinfluss natürlich mehr aus. Lange nicht so, wie in meiner Ehe, aber man haut schon mal Dinge raus, die man nüchtern nicht sagen würde. Jedenfalls haben wir uns getrennt, ich zog mit den Kindern in meine eigene Wohnung. Wir haben uns im Guten getrennt. Wie gesagt verstehen wir uns heute noch gut und die Kinder besuchen ihn ab und zu, sie sind ja lange bei ihm gewesen, als sie klein waren.

Nun ja da war ich wie gesagt schon Alkoholikerin und dann kam ich mit meinem letzten Ex-Partner zusammen. Das war dann endgültig mein Untergang. Versteht mich nicht falsch, ich wäre eh am Tiefpunkt gelandet. Ich war wie gesagt schon abhängig. Aber nun war ich mit einem Mann zusammen, der selbst definitiv Alkoholiker war (und ist) und da ging es richtig zur Sache. Es wurde ständig gesoffen. Da habe ich es auch kennen gelernt, dass wir Samstags-Abends betrunken eingepennt sind und es einem Sonntag-Morgen so schlecht ging, dass man erstmal ein Bier drauf kippt. Dass es bei dem Bier natürlich nicht blieb, sondern der Sonntag mit Saufen verbracht wurde, versteht sich von selbst.

Vermutlich wiederhole ich mich, ich hab das schließlich alles schon mal aufgeschrieben, aber da müsst ihr jetzt durch :-D

Ich möchte das auch hier abkürzen, denn diese knapp 4 Jahre waren die schlimmsten überhaupt, was den Alkohol angeht. Wenn ich an die Zeit zurückdenke, bin ich angewidert von mir selbst. Ich habe so viele peinlichen Dinge getan und unverzeihlichen Dinge, das hätte ich mir und meiner Familie gern erspart. Hab ich aber nicht. Und so kann ich jetzt diese Erinnerungen für mich nutzen, indem sie mich davon abhalten, jemals wieder ein Glas Alkohol zu trinken.


Tja, das waren meine Gedanken, ausgelöst durch den anderen Thread von Jessica. Die an einem Punkt ist, an dem ich mir im Nachhinein wünsche, dass ich doch bloß da schon gehandelt hätte. Hab ich aber nicht, wie gesagt. Ich kann es nicht mehr ändern. Es gehört leider zu meinem Leben dazu.

Dafür genieße ich das Leben jetzt umso mehr. Ich bin stolz, dass ich jetzt endlich die gute Mutter sein kann, die ich im Herzen eigentlich schon immer war. Ich freue mich über jeden Tag, an dem ich morgens nüchtern wach werde. Gerade neulich habe ich beim Spazieren gehen gedacht:

"Seit meiner Kindheit ist das die schönste Zeit meines Lebens" und das ist auch so!


In diesem Sinne wünsche ich allen einen schönen nüchternen, sonnigen Tag :-)


Cadda

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Re: Hintertürchen geschlossen... Auf gehts nach vorne!

Beitrag von marianee » 18.04.2020, 09:29

Liebe Cadda,

eine sehr ehrliche und rührende Geschichte. Toll ist, dass du dies heute unter dem Blickwinkel der Trockenheit berichtest.
Sonst würden die Emotionen ja nicht so fließen.
Ich glaube, dass du dies als Schreckgespennst deines Lebens in dir trägst und wenn du darüber schreibst, klingt auch ein wenig Stolz heraus. So in der Art: "...ich bin frei, ich habe all das hinter mir gelassen. Das ist nur der Blick in den Rückspiegel..."
Und diesen Spiegel musst du dir immer vor Augen halten.
Ich habe es am eigenen Leib gemerkt. Rückfall heißt, in ganz kurzer Zeit hängst du wieder im alten Strickmuster, oder es wird sogar noch schlimmer.
Das kannst nur du verhindern.
Du hast deine Geschichte. Falls du mal auf der Klippe stehst, lass dir blitzschnell diese Geschichte durch den Kopf gehen.
Wir machen uns soviel Gedanken um Alkohol, weil wir ihn nicht trinken können, oder nicht mehr.
Ich frag mich auch manchmal, ob ich nicht zu oft an diese Substanz denke. Ob ich sie verdrängen soll. Eigentlich ist der Alk die ganze Grübelei nicht wert.
Hm, dann denke ich schon wieder- doch.
Eine lange Zeit des Lebens hat er mich beherrscht, hat mir Dinge beigebracht, die ich nie gemacht hätte. Hat mich teilweise zum Idioten gestempelt und mir vieles genommen. Warum sollte ich also nicht an ihn denken?
Wenn die Erinnerungen verblassen, gut sie verblassen schon, aber wenn man beginnt, alles auszublenden (wie ich), zu verharmlosen, dann kann es schon wieder gefährlich werden.
Ich hab einen Freund. 20 Jahre, genau 20 Jahre trocken.
Bei seinem letzten Besuch sagte er mir. "Ich denke nichtmal mehr an Alkohol. Er ist weg."
Vor einigen Tagen ne whats app. "Marianee, liege in der Klinik. 2,7 Promille in die Rüstung geknittert. Wie konnte das passieren?"
Aber er hat sich wenigstens gleich selbst eingewiesen. 1 Tag und sofort ab.
Das meine ich mit dem Vergessen. Wir dürfen nicht vergessen!

LG, marianee

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Re: Hintertürchen geschlossen... Auf gehts nach vorne!

Beitrag von marianee » 18.04.2020, 09:58

Wir sind hier im Land der Dichter und der Denker.
Wenn wir Betroffene nicht aufpassen wird daraus
aber auch das Land der Diebe und der Henker.

Der Dieb Alkohol klaut uns unser Leben und ist gern bereit, uns zum Henker zu geleiten.

Also, Achtsamkeit ein Leben lang!

Cadda
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Re: Hintertürchen geschlossen... Auf gehts nach vorne!

Beitrag von Cadda » 18.04.2020, 10:21

Marianee, vielen Dank für Deinen Gedanken dazu. Die sind für mich SEHR hilfreich. Dieses Beispiel mit Dir oder Deinem Freund, der schon so weit war, dass er nicht mal mehr an Alkohol dachte, zeigen, dass man ein Leben lang auf sich achten sollte. Wie Du selbst schreibst „Achtsamkeit ein Leben lang“. Das empfinde ich auch nicht als Druck oder Belastung. Denn es ist schließlich etwas sehr Gutes und Positives auf sich zu achten.

Das stimmt, ich bin stolz, dass ich jetzt hier angekommen bin, in meinem Leben. Ich bin sonst immer bescheiden, mache ein Lob von Anderen grundsätzlich klein. Warum, weiß ich gar nicht. Vielleicht, weil ich eine grauenhafte Allgemeinbildung habe, weil ich mich im Suff auf zu viele Männer eingelassen habe und durch diese ganzen widerlichen und peinlichen Aktionen im Suff mein Selbstbewusstsein im Keller war? Oder manchmal noch ist? Ich mache mich oft selbst klein. Das mit dem trocken werden ist das Einzige, wo ich wirklich Stolz zulasse. Weil es daran nichts zu rütteln gibt. Und weil mich sonst die Vergangenheit auch zu sehr belasten würde, wenn ich mir selbst nicht sagen könnte, dass es jetzt etwas Positives hat.

Ich weiß nicht, warum ich immer so bescheiden bin. Ich werde auf der Arbeit sehr geschätzt und finde trotzdem etwas, wo ich nicht so gut bin. Meine Jungs sind trotz meiner Alkoholvergangenheit so gut gelungen und ich finde trotzdem meine Fehler, die ich in der Erziehung mache. Verrückt ist das. Dabei kann man sich doch auch mal sagen, dass man was gut macht. Das ist ja auch ne Form von Achtsamkeit. Aber ich arbeite schon seit dem ich nüchtern bin daran. Offensichtlich ist es mir schon ein bisschen gelungen, sonst hättest Du ja keinen Stolz rauslesen können :-D

Ich glaub, es gibt Zeiten, da beschäftigt man sich mehr mit dem Thema und mal weniger. In dieser Woche hatte ich Urlaub und war viel hier im Forum. Da denkt man viel nach. In einer bekannten Serie im TV, wird neuerdings das Thema (wie ich finde sehr gut) aufgegriffen, wie eine Frau in die Sucht rutscht. Auch da wieder viele Gedanken dran. Aber ich find es ok. Es werden auch wieder Zeiten kommen, wo man kaum dran denkt. Hatte ich vor meinem Urlaub gerade. Ich nehme das so wie es sich ergibt.

Danke für Deine Worte. Da kann ich viel draus mitnehmen.

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