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Hintertürchen geschlossen... Auf gehts nach vorne!

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit

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marianee
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Re: Hintertürchen geschlossen... Auf gehts nach vorne!

Beitrag von marianee » 18.04.2020, 10:48

Weißt du wo ich eine ungemeine Achtung kennengelernt habe?
Im buddhistischem Kloster. Es war unglaublich, sorry, mir stehen gerade die Tränen in den Augen.
Ich habe noch nie solche freundlichen Menschen kennengelernt. Noch nie. Ich wurde in eine Gemeinschaft aufgenommen, als ich zerschossen ankam.
Nach einem halben Tag musste ich unterschreiben. Kein Alkohol, kein Tabak. Okay, hab ich gemacht.
Ab dem 2. Tag hab ich in der Küche geholfen. Abwasch. Eine alte Nonne brachte mir einen Kaffee und sagte, wenn es nicht geht, 5 Minuten Arbeit, 5 Minuten ausruhen. Wenn es gar nicht geht, lass es stehen. Wir sind bei dir.
Wir wissen durch dein Anmeldeformular (hatte meine Frau geschrieben, weil ich unfähig war), dass du ein sehr gebildeter Mann bist. Das ist gut. Wir hier sind alle gleich. Egal ob gebildet, oder weniger gebildet. Wir sind alle gleich.
Als ich nach einer Stunde fertig war mit dem ganzen Zeug, stand hinter mir der Abt. Bhante Dhammadipa. Er streichelte mir über den Kopf und sagte: "Komm mit in meine Bibliothek. Ich gebe dir ein Buch. Das Buch heißt: Die Kuh, die weinte."
Da ist mir vieles klar geworden.
Und als er meine Frau umarmte und sagte "...geht zum Fluß, The endless river, ihr kennt sicher die CD von Pink Floyd, geht dahin und umarmt euch. Euer Leid hat der Fluss schon längst weggespült."
Und die alte Nonne aus der Küche brachte uns asiatischen Tee. Noch nie so eine Geschmaksrichtung erlebt.
Wir waren irgendwie glücklich.
Meine Frau will übrigens zu einem Seminar in das Kloster gehen. Die bieten sowas zweimal im Jahr an. Amitayus Retreat Monastery ist das Thema.
Wiederherstellen und Erhalten der Lebensenergie.
Ich bin in keinster Weise an einen Glauben gebunden, bin atheistisch erzogen worden. Doch diese Zeit hat mich trotzdem ziemlich geprägt.
Es kamen zwei Mönche vom Flughafen. Gelaufen. Mit je einem 50-kg schweren Rücksack. Ich habe dann erfahren, dass sie aufgrund ihrer Kutte und ihres Aussehen, Haare abrasiert), kein Taxi mitgenommen hat. Sind sie eben gelaufen.

Jessica
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Re: Hintertürchen geschlossen... Auf gehts nach vorne!

Beitrag von Jessica » 18.04.2020, 19:01

Liebe Carmen

Vielen Dank für deine ehrliche Geschichte!

Das hilft mir auch. Zu sehen wo es enden kann...

Carmen
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Re: Hintertürchen geschlossen... Auf gehts nach vorne!

Beitrag von Carmen » 19.04.2020, 08:52

Guten Morgen, Cadda,

mein Beileid zu dem frühen Verlust deiner lieben Mutter.

Ich möchte mich bei Dir für deinen ehrlichen und ungeschönten Bericht über deinen Krankheitsverlauf bedanken. In sovielen deiner Schilderungen finde ich mich wieder, obwohl unsere Lebensgeschichten unterschiedlich sind. Mir helfen solche Beiträge meine Krankheit langsam zu akzeptieren und mir nicht mehr die Schuld für mein " Versagen" zu geben. Es ist die Krankheit, die uns so handeln ließ. Dinge, die wir nüchtern niemals getan hätten. Das alles braucht Zeit, um verarbeitet zu werden.

Ich habe auch einmal nachgedacht, wann mir eigentlich zum ersten Mal bewusst wurde, dass mein Alkoholkonsum nicht mehr normal ist. Das war Ende 2011. Damals war ich auch eine kurze Zeit in diesem Forum und bin zu den AAs gegangen. Doch den Satz " Ich bin Alkoholikern" brachte ich nicht über die Lippen. Ich trank also noch acht Jahre weiter, obwohl ich rücklickend betrachtet, damals schon abhängig war.
Cadda hat geschrieben:
18.04.2020, 08:10
Es ist ganz komisch gerade. Ich habe gerade das beste Beispiel live im Absatz davor durchlebt, wie es mir geht, wenn ich Lust auf etwas zu Trinken bekomme. Als ich anfing von der Partyzeit zu schreiben bekam ich beim Schreiben WIRKLICH Lust auf das Gefühl, was ich selbst beschrieben habe. Dieses euphorische Glücksgefühl.
Unser Suchtgedächnis beherrscht es in Perfektion, die vermeintlich schönen Dinge des Rausches hervorzuheben und die ganzen negativen und tragischen Folgen völlig in den Hintergrund zu rücken. Da hilft deine Methode " Den Gedanken zu Ende denken" sehr gut. Sobald Suchtgedanken aufkommen, wende ich diese Technik an und mir vergeht ganz schnell die Lust.
Cadda hat geschrieben:
18.04.2020, 10:21
In einer bekannten Serie im TV, wird neuerdings das Thema (wie ich finde sehr gut) aufgegriffen, wie eine Frau in die Sucht rutscht.
Was ist das für eine Serie? Klingt interessant.

Mir kommen gerade noch einige Gedanken und Erkenntnisse, aber darüber schreibe ich dann in meinem Thread.

Ich wünsche Dir einen schönen Sonntag!

LG
Carmen

Cadda
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Re: Hintertürchen geschlossen... Auf gehts nach vorne!

Beitrag von Cadda » 19.04.2020, 10:23

Guten Morgen Carmen,

Danke für Deine Worte. Es freut mich total, dass Du etwas mitnehmen kannst für Dich. Ich schreibe im geschützten Bereich nochmal ein bisschen mehr zu dem, was Du gerade angesprochen hast.

Dir auch einen schönen Sonntag.

Correns
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Re: Hintertürchen geschlossen... Auf gehts nach vorne!

Beitrag von Correns » 19.04.2020, 13:13

Hallo Cadda,

ich freue mich sehr, dass Du einen Teil Deiner Gedankenwelt auch hier im offenen Bereich teilst. In den sieben Jahren, als ich im erweiterten Bereich schreiben durfte, habe ich das meiste im offenen Bereich geschrieben, da wir nur hier die Betroffenen, die den Weg noch nicht gefunden haben, ansprechen können.

Heute war ich 16 km beim Laufen und Fotografieren. Das kann man sehr gut kombinieren. Es sind sehr viele Leute unterwegs gewesen. Meistens alleine oder zu zweit. Auf den Wegen geht man sich aus dem Weg und lächelt sich an. Es wird deutlich mehr gelächelt als vor ein paar Monaten. Das ist eine schöne Nebenwirkung der aktuellen Zeit.

Apropos aktuelle Zeit: Derzeit lebe ich etwas zurückgezogen, gehe nur noch alle 14 Tage zum Einkaufen und arbeite im HomeOffice. Aus den allerorten anzutreffenden Diskussionen halte ich mich heraus. Ich mache mir nicht viel aus Halbwissen. Angst habe ich keine, aber etwas Vorsicht kann mir sicherlich nicht schaden. Ich hoffe sehr, dass wir die Balance zwischen Wirtschaft und Gesundheit weiterhin halten können, da sich beides gegenseitig hilft. Gut finde ich, dass verschiedene Ansätze verfolgt werden und eine recht große Meinungsvielfalt herrscht. Das ist bei weitem nicht in jedem Land möglich.

Viele Grüße
Correns

Cadda
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Re: Hintertürchen geschlossen... Auf gehts nach vorne!

Beitrag von Cadda » 20.04.2020, 08:06

Guten Morgen Correns,

mir ist es auch schon aufgefallen, dass eine schöne Nebenwirkung dieser Zeit ist, dass die Menschen irgendwie offener miteinander umgehen. Das ist zwar in dem Zusammenhang, dass ja ABSTAND das große Zauberwort ist, im Grunde genommen auf den ersten Blick ein Widerspruch in sich "Abstand aber offener", aber es ist so. Durch die Gesten und Worte sind die Menschen mehr miteinander verbunden. Ich erlebe das auch bei mir auf der Arbeit. Ich arbeite ja in einem sehr kleinen Laden, wo man eh noch mehr miteinander redet und es nicht so anonym ist, aber gerade jetzt in der Zeit ist es noch einmal viel mehr, dass nett miteinander umgegangen wird. Da reden sogar die, die sonst nie etwas sagen, ein paar Worte. Und beim Spazieren gehen fällt es mir auch, genau wie Dir, auf. Es sind mehr Leute unterwegs, aber Lächeln ist groß in Mode gekommen :-D
Mir gefällt es.

Ich selbst habe auch keine Angst. Wenn ich diesen Virus bekomme, lege ich mich 2 Wochen ins Bett und dann geht's mir wieder gut. Davon bin ich ziemlich überzeugt und ich hoffe zumindest, dass es genau so wäre. Aber was ist mit den älteren oder vorerkrankten Menschen? Ich möchte niemanden anstecken. Meine Kinder dürfen draussen auf dem Hof spielen, aber nicht mit ihren Freunden. Da wir aber viele Leute in einem Haushalt sind mit Kindern (wir wohnen mit meinem Schwager unter einem Dach), können meine Kinder sich eigentlich nicht beklagen. Wir haben sozusagen eine große "Kernfamilie" mit einem gemeinsamen Grundstück. Außerdem haben sich die beiden ja auch untereinander. Kurz gesagt: Sie halten sich daran, nicht mit den Nachbarkindern zu spielen und es gelingt ihnen auch ganz gut, weil sie hier zu Hause nicht allein sind. Da haben es die Kinder in den Wohnungen ohne Garten wirklich viel schlimmer und das tut mir manchmal ganz schön leid.

Ich selbst muss arbeiten, von daher merke ich gar nicht so einen großen Unterschied. Ok, in der letzten Woche hatte ich Urlaub, aber nur eine Woche und da habe ich es genossen, einfach mal nichts zu tun. Ich war sehr viel hier im Forum, sehr viel im Garten und ich war JEDEN Tag laufen :-D
Ich empfinde es inzwischen auch übrigens nicht mehr als "aufraffen". Ich hab mich irgendwie wieder daran gewöhnt. Es gehört dazu. Und es tut mir gut. Man achtet dann auch automatisch mehr auf seine Ernährung, was wiederum auch gut tut.

Ich hatte 4 Wochen lang komplett auf Süßigkeiten verzichtet. Keine Schokolade, kein Kuchen, keine Chips. Ich kaufe die Dinge immer noch nicht. Aber als ich Ostern etwas geschenkt bekommen habe, hab ich es auch gegessen. Und ab und zu mal in der Sonne ein Eis essen, das gönne ich mir auch. Ich muss jetzt nur aufpassen, dass es nicht wieder so krass wird, wie vor den 4 Wochen, wo ich mir suchtartig alles gekauft und mir reingepflügt habe. Das tat mir nämlich gar nicht gut. Ich werde ja sehen, wie es jetzt weiter geht. Sonst lasse ich es wieder ganz nach. Aber bisher geht es gut, auch im Urlaub.

Correns nochmal: Ja, es ist mir wichtig, auch hier im offenen Bereich zu schreiben. Denn Du hast Recht, nur so erreichen die Geschichten auch Menschen, die hier noch trinkend lesen und vielleicht am überlegen sind, aufzuhören. Ich selbst habe hier ja auch eine sehr lange Zeit gelesen, während ich noch nicht an dem Punkt angekommen war, wirklich aufzuhören. Aber dieses Forum hat mir EXTREM geholfen, meinen Entschuss auch in die Tat umzusetzen. Ich glaube, jeder hat so seine Geschichte, die einem am meisten im Gedächtnis geblieben ist und irgendwie einen am meisten dazu gebracht hat, sich auseinander zu setzen und schlussendlich aufzuhören. Bei mir war es DEINE Geschichte. Aber das sagte ich Dir ja bereits schon ein Mal (oder auch öfter).

Neulich habe ich das erste Mal gesagt bekommen, dass es MEINE Geschichte war, die besonders im Kopf geblieben ist und mit dafür gesorgt hat, es anzugehen hier im Forum. Das freut mich dann sehr und dann fühle ich mich auch bestärkt, dass es richtig ist, auch hier im offenen Bereich weiter zu schreiben, obwohl ich auch im geschlossenen Bereich bin.

Gestern habe ich auch im geschlossenen Bereich viel geschrieben und da bin ich halt ins Detail gegangen, was ich hier nicht machen möchte. Also ich gehe hier ja auch sehr ins Detail, weil es mir auch egal ist, wenn mich jemand wieder erkennt. In meinem Umfeld weiß eh jeder Bescheid. Aber es gibt ja so ein paar Geschichten und Gefühle, die man dann doch nicht unbedingt so ganz offen teilen möchte.

Aber das Grundsätzliche wird von mir weiterhin auch hier landen. In dem Bereich, wo alle lesen und wenn sich der Ein- oder Andere dadurch besser auf ein trockenes Leben vorbereiten kann, wäre das toll. Das würde mich freuen. Denn wie sagen wir alle immer so schön?

Es lohnt sich!!!!!

In diesem Sinne... Correns, ich gehe jetzt Laufen und muss mich nicht aufraffen, denn ich habe Lust dazu... Ob es eine große oder doch nur eine kleine Runde wird, das zeigt sich, wenn ich unterwegs bin :-D

Sonne12
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Re: Hintertürchen geschlossen... Auf gehts nach vorne!

Beitrag von Sonne12 » 09.05.2020, 17:54

Liebe Cadda,

ich habe jetzt deine Story (das was ich im offenen Bereich lesen kann) komplett gelesen. Ich gratuliere dir von Herzen zu deiner Kraft und Stärke! Du kannst sowas von stolz auf dich sein!
LG
Sonne

Cadda
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Re: Hintertürchen geschlossen... Auf gehts nach vorne!

Beitrag von Cadda » 09.05.2020, 18:34

Vielen Dank liebe Sonne. Ich freue mich darüber total!!
Ein schönes Wochenende wünsch ich Dir (und auch allen Anderen) :-)

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