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Sein Weg, eigener Weg

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit

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MieLa
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Re: Sein Weg, eigener Weg

Beitrag von MieLa » 13.12.2018, 15:27

Ich denke diesen Gedanken nicht zu Ende, stimme eher Hartmut zu, dass es mein Suchtgedächtnis triggern könnte. Warum? Weil ich eine sozial gut angepasste Säuferin war und viele Abende hatte, an denen ich maßvoll getrunken habe, also am nächsten Tag gut aus dem Bett gekommen und im Büro leistungsfähig gewesen bin. Würde ich jetzt ein Glas trinken, würde ich mich also nicht abschießen. Aber es würde auf andere Art schlecht ausgehen und da möchte ich nie wieder hinkommen.

Letztens ist mir noch einmal klar bewusst geworden, dass es nur noch kurze Zeit bis zum einjährigen Trockengeburtstag ist. Und da schoss mir der Gedanke durch den Kopf: "War ja gar nicht so schwer aufzuhören!"

Hoppla! Die Gefährlichkeit dieses Gedankens war mir sofort klar. Aber das Problem war, dass ich nicht nur den Gedanken einfangen musste, sondern auch das Gefühl, das diesen Gedanken begleitet hat. Versteht ihr, was ich meine? Das Gefühl loszuwerden, dass es doch letztlich gar nicht so schwer war und ich das super geschafft habe, war schwer. Und das in einer Zeit, in der alle überall um mich herum saufen. Die Luft ist geschwängert vom Glühweinduft. Und so gesellte sich schnell ein zweites Gefühl hinzu: Wehmut! Als ob Leben ohne Alkohol ein Verzicht wäre! Ich dachte, dieses Stadium des Denkens hätte ich schon längst überwunden. Aber so schnell kann es wieder abwärts gehen mit den Gedanken und Gefühlen.

Also habe ich mir die ersten Tage und Wochen der Abstinenz, meine Ängste, meine Suchtvermeidungsstragien, mein Bedürfnis möglichst schnell :!: :lol: viele Tage zwischen mich und den Rotwein zu bringen usw. in Erinnerung gerufen. Und damit habe ich es in Griff bekommen. Jetzt sind sowohl Gedanke als auch Gefühl "So schwer war es doch gar nicht" verschwunden. Diese Erkenntnis gehört jetzt in meinen Notfallkoffer.

Ich denke also nicht das erste Glas zu Ende, sondern erinnere die ersten Wochen des Aufhörens. Das ist sehr ähnlich, nur irgendwie andersherum.

Ich war aber auch in dieser Zeit des "War ja gar nicht so schwer" nie in Versuchung zu trinken. Da habe ich mich sicher gefühlt, merkte nur, dass da Trockenarbeit ansteht.

Lieben Gruß,
MieLa

Cadda
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Re: Sein Weg, eigener Weg

Beitrag von Cadda » 13.12.2018, 20:55

Hallo MiLa,

da unterscheiden wir uns zum Beispiel auch. Ich war nicht mehr gesellschaftstauglich, wenn ich getrunken habe. Wenn ich angefangen habe zu trinken, war es nahezu jedes Mal so, dass ich nicht aufgehört habe, bis ich einen Filmriss hatte. Am Ende brauchte es nicht mal viel und ich wusste am nächsten Tag fast nichts mehr, was nach den ersten Gläsern stattfand.

Deshalb ist es bei mir so, dass sämtliche Erinnerungen nach den ersten 2-3 Gläsern immer absolut schrecklich und katastrophal für mich sind. Vermutlich hilft es mir deshalb. Am Anfang hab ich bewusst die Situationen durchgespielt. Mir ist die Lust dann wirklich gründlich vergangen. Inzwischen reicht ein kurzer Gedanke.

Aber es kommt von Monat zu Monat seltener vor. Irgendwie wird es immer mehr zur Selbstverständlichkeit. Das ist ein schönes Gefühl irgendwie.

NNGNeo
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Re: Sein Weg, eigener Weg

Beitrag von NNGNeo » 13.12.2018, 22:14

hallo hartmut
Hartmut hat geschrieben:Muss ich mir etwas vor Augen führen was akzeptiert ist?
muss nicht, kann man aber.
ich habe es in meinen anfangszeiten genauso gemacht. ich habe ziemlich oft unter saufdruck gelitten, fast täglich in meiner anfangszeit.
es hat mir immer geholfen wenn ich mir vorgestellt habe was passieren würde wenn ich auch nur ein einziges bier trinken würde. ich wusste es aber auch wo es hingeführt hätte wenn ich wieder gesoffen hätte, trotzdem habe ich diesen gedanken immer zu ende gedacht. ich weiß nicht wie es erklären könnte, aber es hat mir in meiner anfangszeit irgendwie eine gewisse kraft gegeben.
es war ja bei mir am anfang so, das ich zwar körperlich trocken war, aber mein kopf eben immer noch nass. ist ja auch kein wunder, ich war doch jahrelang nur auf`s saufen fokussiert, da konnte ich gar nicht von heute auf morgen trocken denken, so sehr ich mir das auch gewünscht habe, es funktionierte nun mal nicht. bei mir hat es einige zeit gedauert bis sich das nasse denken in trockenes denken umgewandelt hat. und damit meine ich nicht nur ein paar wochen oder monate, es hat wirklich so seine 2 - 3 jahre gedauert. erst dann kam auch so langsam eine gewisse stabilität was meine trockenheit betrifft.
Hartmut hat geschrieben:Ich lebe ja mit der Krankheit und lass mich nicht von ihr leben.
das tue ich auch, mit der krankheit leben. mich von der krankheit leben lassen tue ich heute nicht mehr.
grüße
NNGNeo

Lunki
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Re: Sein Weg, eigener Weg

Beitrag von Lunki » 14.12.2018, 07:28

Hartmut hat geschrieben:
13.12.2018, 08:37
Hallo Lunki,

schön das du hier bist und dir Gedanken machst.
Moin Hartmut,

ja, ich sauge alles auf wie ein Schwamm im Moment. Höre Hörbücher zum Thema, lese Bücher und im Forum und auch auf anderen Seiten zum Thema Alkohol und Sucht allgemein. War jetzt schon zweimal in einer Buchhandlung in der nächst gelegenen Stadt und muss sagen das Angebot zum Thema Alkohol und Sucht ist dort sehr dürftig. Da gibt es zwar ein riesen Regal zu Gesundheitsthemen, aber über Sucht und Alkohol haben die genau zwei Bücher da, dieses Werk von Edgar Allen Carr (oder wie der heißt, der auch die Bücher zum Rauchen geschrieben hat) Was ich mir noch nicht mal angeschaut hab, denn ich denke das ist nur sinnvoll für ihn selbst, denn es vergrößert sein Bankkonto :lol: und ein Buch von so einer Lifestyle Frau: Nüchtern betrachtet, war das ganze nicht so berauschend) das habe ich vor zwei Wochen gekauft, das haben sie inzwischen nachbestellt, sonst nix! Aber eine riesen Auswahl an vernöstlichen Weisheiten, jede Menge über andere Erkrankungen, egal wie selten und exotisch. Angesichts des riesen Ausmaßes des Problems Alkohol in unserer Gesellschaft, finde ich das Angebot doch sehr dürftig. (Gut, man kann sich anderweitig Literatur besorgen, aber dennoch macht mich das nachdenklich)

Ah so ja, ein Buch hatten Sie da noch zum Thema und zwar stapelweise:

Warum Abstinenz die Gesundheit gefährdet und S** vor Krebs schützt: Anti-Aging-Geheimnisse für Genussmenschen :roll: öhm, genau das ist doch irgendwie Teil des Problems in unserer Gesellschaft mit dem Umgang einer Droge, die gefährlich ist und abhängig macht und das in größerem Ausmaß, als viele illegale Substanzen. Hat mich schon nachdenklich gemacht.

Vielen Dank für deine Persönlichen Erfahrungen und Bewältigungsstrategien. Ich finde das sehr hilfreich, denn so bekomme ich Ideen und kann schauen, was davon auch für mich hilfreich und sinnvoll sein könnte. Gibt es hier ein eigenes Thema dazu? also wo genau drin steht, was Leuten geholfen hat, wenn Sie in einer Situation mit großem Suchtdruck waren? Steht sicher in vielen Tagebüchern, fänd ich aber hilfreich es separat und genau auf diesen Inhalt bezogen in einem eigenen Thema zu haben.

Cadda
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Re: Sein Weg, eigener Weg

Beitrag von Cadda » 14.12.2018, 08:34

Guten Morgen Lunki,

Du kannst doch das Thema zum Vorschlag als Wochenthema machen.

„Nüchtern betrachtet war das Ganze nicht so berauschend“.

Ein herrlicher Satz :-D

Hartmut
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Re: Sein Weg, eigener Weg

Beitrag von Hartmut » 15.12.2018, 00:02

Hallo und Danke für die Sichtweisen und vor Allem, wo ich am meisten Wert lege, die Erfahrungen.

Auch in meiner Anfangszeit hatte ich diese Gedanken nicht zu Ende gedacht. Liegt eventuell eventuell daran das ich aus einem absoluten Tiefpunkt heraus trocken werden „musste“.

Servus NNGNeo,

ich kann mich erinnern wie es bei dir lief. Nun schreibst du ja auch von
es hat mir immer geholfen wenn ich mir vorgestellt habe was passieren würde wenn ich auch nur ein einziges bier trinken würde
und dann das dein nasses Denken
so seine 2 - 3 jahre gedauert hatte bis es ins trocken überging.
Ich sehe da eventuell einen Zusammenhang mit dem „zu Ende Denken“. Ist eine (meine) These, keine allgemein gültige Vorgehensweise. Wenn ich mich ständig damit befasse, was passieren könnte, schleichen sich da eventuell auch unterbewusst nasse Gedanken ein und ich lasse sie damit länger am Leben.

Hallo Lunki,

natürlich hatte ich mich auch mit Büchern informiert, bin in Buchgeschäfte und welche gekauft. Kann mich auch erinnern das ich damals in den Anfängen auch den Verkäufern erzählt hatte, dass diese Bücher für einen Freund wären, der abgerutscht ist.

Im Nachhinein war ich eben noch nicht soweit, es mir selbst oder anderen gegenüber zuzugestehen. Ich holte mir auch das Buch von Allen Carr und ging diesen Weg. 12 Wochen lang und ich hatte einen massiven Rückfall, der mir fast das Leben gekostet hatte.

Was ich damit sagen will, soll keine Kritik an dem Buche oder den Weg, der da beschrieben wird sein, sondern vielmehr suchte ich mir einen leichten Weg aus. Es gibt jedoch nur einen Weg für jeden den Einzelnen, der den jeder für sich gehen muss.

Wenn man dann die Bücher wegstellt und sich auf Wege besinnt, die die Masse von Langzeittrockenen gegangen sind ist es gar nicht mal so schwer es in seinen eigenen Weg einzubauen. Ich fing an zu gehen und das meist sehr kompromisslos.

Gruß Hartmut

Kloane
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Re: Sein Weg, eigener Weg

Beitrag von Kloane » 15.12.2018, 08:27

Ich vermute, dass das Literaturangebot deshalb so spärlich ist, weil es so wenig Alkoholiker gibt (Ironie aus).
Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Aber Gott sei Dank kann man ja heute bestellen und ist nicht auf die
Einzelhändler angewiesen, was ich einerseits auch schade finde wenn man sieht, wie viele Einzelhändler sich
nicht mehr halten können. Aber wer bekennt sich bei dem Einzelhändler zu seiner Krankheit damit der was
in seinem Sortiment ändern könnte? Als ansässiger Bürger wollte ich das auch nicht machen weil ja eben nicht
jeder von meiner Krankheit erfahren muss und die Literatur für einen Freund zu besorgen....naja da muss ich mal
schmunzeln.

Carl Friedrich
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Re: Sein Weg, eigener Weg

Beitrag von Carl Friedrich » 15.12.2018, 11:22

Hartmut hat geschrieben:
15.12.2018, 00:02

natürlich hatte ich mich auch mit Büchern informiert, bin in Buchgeschäfte und welche gekauft. Kann mich auch erinnern das ich damals in den Anfängen auch den Verkäufern erzählt hatte, dass diese Bücher für einen Freund wären, der abgerutscht ist.

Es gibt jedoch nur einen Weg für jeden den Einzelnen, der den jeder für sich gehen muss.

Wenn man dann die Bücher wegstellt und sich auf Wege besinnt, die die Masse von Langzeittrockenen gegangen sind ist es gar nicht mal so schwer es in seinen eigenen Weg einzubauen.

Hallo!

Ich wäre nicht überrascht, wenn der Buchhändler klammheimlich doch geahnt/gewusst hat, für wen die Literatur wirklich bestimmt war :D

Zum eigenen Weg: Der muss auch erst mal gefunden werden. Die Ratschläge der Erfahrenen erleichtern die Suche jedoch ungemein und zugleich verringern sie das Unfallrisiko erheblich.

Ist der eigene Weg denn völlig anders als der der Erfahrenen? Meiner ist es sicherlich nicht, auch wenn ich immer noch nicht alle Ratschläge der Grundbausteine befolge. Ich behaupte mal, dass die grundsätzliche Richtung, in die die Erfahrenen marschieren, dieselbe ist, die ich eingeschlagen habe.

Gruß
Carl Friedrich

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