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Ein und Überschätzung.

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit

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Hartmut
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Re: Ein und Überschätzung.

Beitrag von Hartmut » 04.05.2020, 16:18

Hallo zusammen,

danke für den Empfang. Es freut mich!

Ich gehe mal soweit das es gar kein richtiges Einschätzen in der Anfangszeit gibt. Es gibt nur ein Überschätzen.

Kann jemand behaupten ob er nach dem Wegstellen des Glases gleich klar in der Birne war ? Und mit einem Pitsche, Patsches nasses Denken hat es ja in der nassen Zeit schon nicht geklappt, warum soll dann die Einschätzung ohne Alkohol klappen? Alleine Glas wegstellen reicht eben nicht aus.

Deswegen komme ich nicht drum rum sowas wie einen Wegweiser zu nehmen. Nun weiß ich nicht wie viel oder oft jeder Alkoholiker in seiner Vorgeschichte Selbstversuche unternommen hat um trocken zu werden. Es muss ja dafür eine Begründung geben warum es nicht geklappt hat. Mein Wegweiser waren zum Schluss die Grundbausteine. Wieso soll ich mich mit weniger begnügen, wenn ich etwas gefunden habe, was die beste Aussicht auf Erfolg hat? Nicht zu verwechseln mit Garantie aber zumindest eine Gewährleistung.

Gruß Hartmut

Carl Friedrich
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Re: Ein und Überschätzung.

Beitrag von Carl Friedrich » 04.05.2020, 16:29

@Carmen:

Es hat bei mir eine Weile gedauert, bis mich der Alkoholkonsum anderer nicht berührte, sicherlich mehr als nur 1 Jahr. Wenn ich merke, das mich der Konsum anderer stört, dann gehe ich raus aus der Gefahrenzone, was aber schon lange nicht mehr vorgekommen ist. Allerdings bewege ich mich nicht mehr in Kreisen starker oder regelmäßiger Trinker.

Im Übrigen reagieren die Menschen nun mal sehr unterschiedlich, was den einen kalt lässt, ist für den anderen brandgefährlich, z.B. Alkohol in Soßen oder der oft genannte Balsamico bzw. Weinessig. Mich triggert das Zeug nicht, andere womöglich schon. Auch habe ich auf dem Schirm, dass es für mich nicht ewig so bleiben muss, sondern plötzlich ein Essig anfängt, mein Suchtgedächtnis Kapriolen schlagen zu lassen. Jedoch bemühen wir uns stets um eine alkoholfreie Zubereitung unserer Speisen.

Im Übrigen habe ich Bier, Schnaps und gelegentlich Wein im Übermaß gesoffen und keine Saucen oder Essigdressing. :wink: Mein Suchtgedächtnis verbindet offensichtlich ein Dressing nicht mit Alkoholkonsum wie ich ihn betrieben habe. Bei anderen, insbesondere den ehemaligen Weinfreunden womöglich schon.

Oder vergleichen wir es mal mit dem momentanen Virus: Ca. 80% haben nach Feindkontakt keine oder nur leichte Symptome, andere verschlägt es gar auf die Intensivstation oder gleich ins Grab.

Du siehst, unserere Reaktionen sind so verschieden wie unsere Charaktere oder Körper. Oder nenne es einfach "Zufall" oder "Laune der Natur."

Gruß
Carl Friedrich

Carmen
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Re: Ein und Überschätzung.

Beitrag von Carmen » 04.05.2020, 21:52

Hallo Carl Friedrich,

danke auch Dir für Deinen Erfahrungsbericht. Da ich noch sehr verunsichert bin und mir selbst nach all den gescheiterten Versuchen (heute weiß ich, dass es nur halbherzige Trinkpausen waren) nicht mehr wirklich traue, sind die Erfahrungen von anderen sehr wichtig für mich. Manch einer mag sagen, man soll sich nicht so viel mit anderen vergleichen, aber mich beruhigt und erleichtert es, wenn ich lese, dass es Betroffenen zu Beginn ähnlich erging.

Hallo nochmal, Hartmut

Diese Aussage hier fand ich sehr interessant:
Hartmut hat geschrieben:
04.05.2020, 16:18
Ich gehe mal soweit das es gar kein richtiges Einschätzen in der Anfangszeit gibt. Es gibt nur ein Überschätzen.
Ich denke, dass ich momentan nur eine Sache wirklich richtig einschätzen kann und zwar, dass ich noch auf extrem wackeligen Beinen stehe und und jedem möglichen Risiko aus dem Weg gehen sollte, soweit das möglich ist.

LG
Carmen

Hartmut
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Re: Ein und Überschätzung.

Beitrag von Hartmut » 04.05.2020, 22:14

Hallo Carmen

I
ch denke, dass ich momentan nur eine Sache wirklich richtig einschätzen kann und zwar, dass ich noch auf extrem wackeligen Beinen stehe
Schwächen am Anfang zu erkennen ist ein gutes Zeichen. Mach es zu deiner Triebfeder für weitere Schritte.

Ich bin ja sehr pedantisch bei meiner Trockenheit vorgegangen und habe auch auf dass was ich sagte und machte immer geachtet. Im Kopf fängt ja bekanntlich alles an.
und jedem möglichen Risiko aus dem Weg gehen sollte, soweit das möglich ist.
Wieso sollte und nicht soll ? Wieso die Einschränkung, soweit das möglich ist? Wo sind denn die Fallstricke ?

Gruß Hartmut

Carl Friedrich
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Re: Ein und Überschätzung.

Beitrag von Carl Friedrich » 04.05.2020, 22:42

@Carmen: Jedem Risiko kann man nicht aus dem Weg gehen, es sei denn man begibt sich in Quarantäne und lässt sich beliefern. Gemeint ist, dem Alkohol nicht hinterher zu laufen und Situationen erst mal -so gut es geht- zu meiden, in denen Alk konsumiert wird. Und zwar mindestens so lange, bis eine gewisse Festigung eingetreten ist. Zur Zeit hast Du es es etwas leichter. Großartige Umtrünke zu Geburtstagen, Jubiläen, Hochzeiten, Taufen, Schützenfeste, Saisonabschlussfeiern und was weiß ich noch alles, dürften eh nicht anstehen. Denn dort hat ein frisch Abstinenter m.E. (noch) nichts verloren.

Genau so habe ich es betrieben und genau so haben einige herrschaften hier im Forum den Weg in eine zufriedene Abstinenz gefunden. Erst mal raus aus der Gefahrenzone, zur Ruhe kommen, sich mit dem Thema auseinandersetzen z.B. durch Fachbücher, dieses Forum, eine Therapie... Und dann mal tief in sich hinein horchen, ob da noch irgendwo der Gedanke schlummert, irgendwann gehe doch noch mal was mit dem Stoff. Um zu der Überzeugung zu gelangen, wirklich rückhaltlos zu meiner Abstinenz zu stehen und ihr alles unterzuordnen, habe ich schon eine Weile gebraucht. Diese Überzeugung hat mich jetzt über 5 Jahre weit getragen.

Später, sicherlich nicht nach wenigen Wochen, sind, so wie jetzt zur Coronazeit, Lockerungen angezeigt. Aber auch das sollte sehr behutsam und nicht überstürzt angegangen werden. So weit dürftest Du noch nicht sein.

Gruß
Carl Friedrich

Lia
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Re: Ein und Überschätzung.

Beitrag von Lia » 04.05.2020, 23:44

Hallo Hartmut,
wie kommst du denn darauf, dass ich mir nicht vorstellen kann, für immer trocken zu bleiben?
Es ist mein dringlichste Wunsch, das zu werden, zu sein und zu bleiben.
Sollte ich irgendwann etwas gegenteiliges behauptet haben, nehme ich das bedingungslos zurück oder aber ich habe mich falsch ausgedrückt.
Triggern bedeutet für mich, dass irgendeine Situation oder Begebenheit in mir etwas auslöst, was mit dem Wunsch zu trinken einhergeht.

Ich kann nur für mich trocken sein, alles andere ist sinnlos und kann auf Dauer nicht funktionieren.

2 Jahre nicht Trinken ist für mich ein guter Schritt, an den ich weiter ansetzen will, dabei spielt es für mich persönlich keine Rolle, ob es nun trinkpause oder trockene Zeit genannt wird.
Ab wann ist es denn deiner Meinung nach keine trinkpause mehr?

Jedenfalls fühle ich mich richtig auf meinem Weg, obwohl ich hier im Forum fast ausnahmslos einstecken muss, dass ich es eh nicht ernst nehme, kurz vor einem Rückfall stehe, Entschuldigungen vorbereite, nur Tri krausen erreicht habe etc.
Besonders hilfreich empfinde ich es im Moment nicht, eher demotivierend, trotzdem denke ich natürlich darüber nach, was mir von Langzeittrockenen geschrieben wird.
Aber ich kann ja auch nur berichten, wie ich mich persönlich fühle auf meinem Weg, alles andere macht ja dann auch keinen Sinn.

Ich glaube an mich und wünsche allen eine entspannte Nacht.

LG Lia

Hartmut
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Re: Ein und Überschätzung.

Beitrag von Hartmut » 05.05.2020, 00:32

Hallo Lia
wie kommst du denn darauf, dass ich mir nicht vorstellen kann, für immer trocken zu bleiben ?
Ich dachte in einem Thread es gelesen zu haben. Wenn das so nicht ist, dann passt es ja. Zudem ich meine Behauptung auch mit einem Fragezeichen versehn hatte :wink:
2 Jahre nicht Trinken ist für mich ein guter Schritt, an den ich weiter ansetzen will,
Warum hast du da denn wieder getrunken wenn es ein guter Schritt war. An was lag es?

Wieso findest du das du einstecken musst ? Es geht hier um einen Austausch und nicht um persönliche Angriffe.

Gruß Hartmut

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Re: Ein und Überschätzung.

Beitrag von Lia » 05.05.2020, 08:37

Hallo Hartmut,
ja, stimmt schon, ich versuche auch immer mehr, zu verstehen, warum mir manche Aussagen so widerstreben und denke dass es nur mit mir zu tun, da lohnt es sich , näher hinzusehen.
Ich glaube, ich habe aus reiner Selbsüberschätzung getrunken, einfach nur bescheuert .
Aber dass es so was von daneben gegangen ist (was ja klar war und ich wusste es auch, hab's aber verdrängt) hat mir doch sehr deutlich aufgezeigt, dass ich das einfach nicht mehr will. Ich hasse es, betrunken zu sein, und das bin ich halt bald...nach dem ersten Schluck...pfui

Noch zu deiner Frage gestern, ob ich mich als Alkoholikerin sehe, ja das du ich schon lange, ich bin es zu 100 Prozent mit ausnahmslos allem, was dazugehört.
Ausser Krampfanfall und Delir, aber das wäre wahrscheinlich bei weiterer Sauferei auch nur eine Frage der Zeit.

In diesem Sinne, nach dem Motto von Carl Friedrich...diesmal wird es klappen.
Ich weiss es einfach...weil es mein aller erster Herzenswunsch ist.

LG Lia

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