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Palomars neues Leben.

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit
HerrPalomar
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Re: Palomars neues Leben.

Beitrag von HerrPalomar » 10.07.2018, 19:08

zerotonine hat geschrieben:
10.07.2018, 18:48

Falls du Lust hast und es dir nicht zu privat ist: Was bedeutet Achtsamkeit für dich?
Achtsamkeit ist für mich vor allem, mein Leben und meine Handlungen, aber auch meine Gedankenwelt bewusster wahrzunehmen und zu hinterfragen. Mehr im Hier und Jetzt leben, und das aufmerksamer, als ich es bisher tat.
Gedankenspiralen, die sich immer schneller unreflektiert drehen, bewusst anzuhalten und mir einfach anzusehen, was da gerade passiert - die Kontrolle über sich verselbständigende Gedanken wieder übernehmen.
Auch mal zu fragen: "Warum hast du das jetzt getan?". Nicht den "Autopiloten" alles machen lassen. Mehr in sich hineinhören. Milder zu sich selbst sein und entspannter im Moment leben.

Achtsamkeit ist aber auch im Zusammenhang mit meinen Mitmenschen wichtig. Ich habe in meiner Angststörungs- und Depressionsselbsthilfegruppe gelernt, wieder mehr Verantwortung für mich zu übernehmen. Ich bin in allererster Linie für mich selbst verantwortlich.
Ich hatte die Tendenz, mich immer mehr um andere zu kümmern, als um mich selbst. Wichtig war, dass es anderen gut ging.
Jetzt achte ich mehr auf mich - was aber nicht heißt, dass ich ein totaler Egoist werden möchte. Egoist in dem Sinne, dass ich erkannt habe, wie wichtig es ist, sich selbst zu lieben. Auf den eigenen Vorteil in gesundheitlichen Dingen bedacht sein. Das auf alle Fälle.

Achtsamkeit ist auch, mit offeneren Augen durch die Welt gehen.
Gerade beim Alkohol komme ich auf Dinge drauf, die für mich selbstverständlich waren. Klar, zum Geburtstag, zu Silvester, da stößt man einfach mit einem Gläschen an. Gehört dazu.
Warum eigentlich? Warum gehört es dazu?
Warum kann ich ohne Alkohol nicht entspannen? Hilft mir Alkohol tatsächlich, meine Panikattacken und Depressionen in den Griff zu bekommen?
Solche und andere Fragen tun sich da auf - und das ist gerade sehr wichtig für mich, weil es mein Leben von Grund auf ändert...

Hoffe, das war jetzt nicht zu "wirr" und es ist einigermaßen rübergekommen, was ich meine...

Taxi
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Re: Palomars neues Leben.

Beitrag von Taxi » 10.07.2018, 21:40

Hallo herr palomar.
Ja da kann jetzt eine spannende Zeit beginnen, alles aus neuem Blickwinkel kennenzulernen.
Gutes Ankommen hier
Gruß taxi

Carl Friedrich
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Re: Palomars neues Leben.

Beitrag von Carl Friedrich » 10.07.2018, 22:29

Hallo palomar!

Das Wort Achtsamkeit wird gerne von werdenden Abstinenzlern gebraucht. Es umfasst m.E. jedoch auch die Eigenvorsorge, dem Alkohol erst mal nicht zu nahe zu kommen, auch wenn's schwer fällt.

Der Rat hat seine Berechtigung. Ein Neuling ist noch unsicher unterwegs und verkennt womöglichdie Gefahren, die vom Suchtgedächtnis ausgehen.

Ich kann nur empfehlen, dich in die Problematik des Suchtgedächtnisses einzuarbeiten, z.B anhand von einschlägiger Fachliteratur. Vergleich deren Ausführungen mal mit den Ratschlägen von schon etwas abstinenten Usern. Die Übereinstimmungen sind erstaunlich.

Ich durfte nach und nach, vor allem in den ersten Monaten feststellen, wie sich doch die Ratschläge meines Therapeuten, die Erkenntnisse aus meiner Therapie, die Fachliteratur und die Ratschläge von erfahrenen Usern zu einem im Wesentlichen einheitlichen und stimmigen Bild zusammenfügen ließen.

Gruß
Carl Friedrich

HerrPalomar
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Re: Palomars neues Leben.

Beitrag von HerrPalomar » 21.07.2018, 08:44

Carl Friedrich hat geschrieben:
10.07.2018, 22:29

Das Wort Achtsamkeit wird gerne von werdenden Abstinenzlern gebraucht. Es umfasst m.E. jedoch auch die Eigenvorsorge, dem Alkohol erst mal nicht zu nahe zu kommen, auch wenn's schwer fällt.

Der Rat hat seine Berechtigung. Ein Neuling ist noch unsicher unterwegs und verkennt womöglichdie Gefahren, die vom Suchtgedächtnis ausgehen.

Ich kann nur empfehlen, dich in die Problematik des Suchtgedächtnisses einzuarbeiten, z.B anhand von einschlägiger Fachliteratur. Vergleich deren Ausführungen mal mit den Ratschlägen von schon etwas abstinenten Usern. Die Übereinstimmungen sind erstaunlich.


Hallo Carl Friedrich!

Danke, du (und alle anderen, die mir gleiches geraten haben) hast recht.
Ich habe das jetzt auch konsequent durchgezogen - da waren natürlich wieder so viele Gelegenheiten mit den Spielen der Fußball-WM ("Gehen wir nach der Arbeit auf 'ein' Bier und schauen das Match?"). Ich habe immer abgelehnt, weil ich in dem Moment genau gespürt habe: Antialkoholisch trinken würde einfach nicht funktionieren - vielleicht 1 oder 2 Getränke, dann würde ich mich überreden lassen - und zwar von mir selbst überreden lassen. Den Leuten um mich herum ist das ja egal - aber es kamen in der Vergangenheit immer wieder mal schnippische Kommentare wie "Achja, der ist ja jetzt Abstinenzler - so eine Spaßbremse". Die haben dann MIR ein schlechtes Gewissen eingeredet und ich sah mich tatsächlich bemüßigt, "aus Solidarität" doch was zu trinken - weil es in der Vergangenheit immer so war, und weil ich andere ja vielleicht "enttäuschen" könnte.

Das sind ganz gefährliche Mechanismen, die mir aber jetzt in den letzten zwei Wochen erst bewusst geworden sind. Aber diese zu durchschauen ist immens wichtig, um dem nicht mehr anheim zu fallen. Man liefert sich da ansonsten komplett aus.

Die Sache mit dem Suchtgedächtnis kann ich total nachvollziehen, so geht es mir heute noch mit dem Nikotin. Ich sage da immer von mir: Ich kein Nichtraucher - ich bin ein Raucher, der einfach nicht mehr raucht. Weil ich genau weiß, wie gefährlich es ist: Es gibt nicht "die eine Zigarette". Genauso wenig, wie es "das EINE Bier" gibt.

Liebe Grüße,
Palomar (immer noch trocken)

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Re: Palomars neues Leben.

Beitrag von HerrPalomar » 21.07.2018, 08:48

Taxi hat geschrieben:
10.07.2018, 21:40
Hallo herr palomar.
Ja da kann jetzt eine spannende Zeit beginnen, alles aus neuem Blickwinkel kennenzulernen.
Gutes Ankommen hier
Gruß taxi
Vielen Dank, taxi! :)

Taxi
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Re: Palomars neues Leben.

Beitrag von Taxi » 21.07.2018, 14:12

Hallo Herr Palomar,
selbst wenn von anderen keine (unsensiblen) Sprüche kommen, man ist zu Beginn ganz schön auf sich selbst zurück geworfen.
Andere können gar keine Ahnung haben, was in einem zu Beginn los ist
Du lernst dich ja selbst erst wieder neu kennen.

Eine Balance zu entwickeln zwischen 'Dazugehören' und 'ich bestimme jetzt mal für meine eigene Sicherheit' ohne irgendein schlechtes Gewissen , ist mE das größte Übungsfeld.

Kannst du dir vorstellen, dass viele Frische 1-2 Jahre diesen Abstand gehalten haben? Ich hätte es damals nie gedacht und doch war es so.
Üben muss man auch üben.
Dranbleiben und viel Spaß.
Schön wenn du nicht haderst.
Gruß taxi

HerrPalomar
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Re: Palomars neues Leben.

Beitrag von HerrPalomar » 10.10.2018, 11:33

Hallo liebe Forengemeinde!

Drei Monate sind nun ungefähr seit meinem letzten Beitrag vergangen.
In dieser Zeit hat sich mein Leben komplett verändert, und es war nicht einfach. Warum war es nicht einfach? Weil ich lernen musste (und immer noch muss), mit meiner Nüchternheit klar zu kommen. Das konnte ich in meiner Saufzeit nicht, deswegen habe ich ja getrunken.

Viele Nebelschwaden haben sich gelichtet. Ich litt jahrelang unter Depressionen, Angstzuständen und heftigen Panikattacken. Ich versuchte sie, mit Alkohol zu bekämpfen. Heute vermute ich stark, dass diese psychischen Zustände nicht zuerst da waren - sie wurden durch Alkohol und den zwischenzeitlichen Pausen, in denen ich nichts getrunken habe ausgelöst und verstärkt. Wenn ich dann wieder meine "Dosis" bekam, waren die Panikattacken eine Weile gut, dann kamen sie wieder, weil ich den Alkohol brauchte. So sehe ich das heute, und ich denke, da liege ich richtig, denn, wie soll ich es sagen: Seit ich trocken bin, sind die Zustände fast verschwunden, also es ist alles deutlich besser geworden.
Schon krass, wie man sich jahrelang auf dem Holzweg befindet, und sich selbst betrügt, in den eigenen Sack lügt.

Ansonsten verläuft mein Leben gerade so glücklich, wie schon lange nicht mehr. Es ist nicht alle eitel Wonne, und ich habe nach wie vor Saufdruck - es wird weniger, und ich habe Mechanismen gelernt, damit umzugehen. Bin auch in einer SHG (fast täglich gibt es Meetings, und ich versuche, so oft wie möglich zu gehen), in der ich viel über mich, mein Selbstmitleid von früher, meinen Alkoholkonsum, meine Ängste und meine Verhaltensweise gelernt habe, weil ich zum ersten Mal aus dieser neuen Sichtweise heraus über mich reflektiert habe: Alkohol war kein Versuch, meine Symptome zu bekämpfen, sondern er war die Ursache - der Auslöser all meiner Probleme.
Eine spannende Erkenntnis, die mich anfänglich ganz grundlegend erschüttert, ja geradezu schockiert hat, da mein Selbstbild, das ich über viele Jahre kultiviert habe, und sich aus Lügen, Selbstbetrug und Groll unterschiedlichen Ausmaßes gespeist hat, komplett in sich zusammengebrochen ist.

Meine Persönlichkeit ist immer noch ein Kartenhaus. Manchmal fühlt sich meine Trockenheit sehr fragil an. Wenn ich es nicht aushalte, rufe ich jemanden an, den ich aus der SHG kenne. Und dann schaue ich, dass ich mein Hinterteil ins Meeting schaffe - denn diese Lebensqualität, die ich jetzt habe, möchte ich nicht mehr aufgeben. Und ich male meinem Leben, und vor allem meinem Verhältnis zu mir selbst, das auch jenes zu meinen Mitmenschen bestimmt, ein neues Gesicht.
Danke fürs Lesen und alles Gute euch Allen :)

HerrPalomar
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Re: Palomars neues Leben.

Beitrag von HerrPalomar » 19.10.2018, 21:08

Das schöne ist, dass der Alkohol nur die Spitze des Eisbergs ist, an dem ich beinahe zerschellt wäre.
Seit dem ich trocken bin, entflamme ich unentwegt Zündhölzer, um die Spitze zu schmelzen - und immer mehr des Eisbergs kommt an die Oberfläche. Das ist ein langsamer Prozess, aber ein reinigender.
Vor drei Monaten konnte ich mir noch nicht vorstellen, wie sich mein Leben ändern würde.
Jetzt im Moment bin ich einfach nur dankbar. Ich will nie wieder zurück.

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