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Wenn Alkohol zur Selbstverständlichkeit geworden ist

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Struggling63
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Wenn Alkohol zur Selbstverständlichkeit geworden ist

Beitrag von Struggling63 » 10.01.2019, 09:19

Hallo liebe Forumsmitglieder!

Ein paar haben mich vielleicht schon im Vorstellungsbereich gelesen.
Ich bin 23, Studentin, und habe ein Alkoholproblem. 8 Jahre lang habe ich versucht, meinen Alkoholkonsum unter Kontrolle zu bekommen; vor etwas über einer Woche dann die Erkenntnis: Wenn ich es bisher nicht geschafft habe, werde ich es auch in Zukunft nicht schaffen. Also muss ich ganz aufhören mit dem Trinken. Nun ist mein neunter Tag ohne, und ich habe die ersten Schritte unternommen, um dieses Vorhaben zu verwirklichen. Ich habe einen Teil meiner Freunde und Familie informiert, habe mich hier angemeldet, und am wichtigsten: Ich habe mir eingestanden dass ich ein Problem habe. Weitere Schritte werden folgen.

Habt ihr es auch erlebt, dass euch erst, als ihr wirklich aufhören wolltet, gemerkt habt, wie groß die Rolle ist, die Alkohol in eurem Leben und im Leben in dieser Gesellschaft allgemein spielt? Ich habe so viele Situationen, in denen (absichtlich übermäßig) getrunken wird, als selbstverständlich hingenommen, dass eine der Aufgaben denen ich mich stellen muss nun sein wird, diese Situationen zu erkennen und einzugestehen dass davon nichts selbstverständlich ist. Gerade als Studentin ist so etwas schwer, weil die Studentenkultur auch irgendwo eine Partykultur und Alkohol damit positiv besetzt ist. Ich habe mich gestern dabei erwischt, wie ich einem Freund erzählt habe, dass eine schwierige Klausur ansteht und ich sehr erleichtert sein werde, wenn diese geschafft ist: "Dann wird erst mal richtig gesoffen!" - Das letzte Wort blieb mir echt im Halse stecken, und ich sah ihn betroffen an: Das war für mich bisher so selbstverständlich! Klausur geschafft? - Saufen. Schwierige Zeit im Praktikum? - Saufen. Langeweile? - Saufen.
Es gruselt mich, dass das ein Automatismus geworden ist. Mich gruselt aber auch, dass das so normalisiert wird. Man denkt vielleicht, dass eher Teenager es "cool" finden, sich ständig zu betrinken, aber jeder der kürzlich auf einer Studentenparty war, kann bezeugen dass das auch noch bei Mitte 20-Jährigen so ist. Ich bin froh dass ich das jetzt erkannt habe. Keine Sorge - ich mache nicht die anderen Studenten dafür verantwortlich, dass ich ein Alkoholproblem hab. Es ist nur so, dass ich echt perplex bin angesichts der "Alkoholkultur", die ich früher so nicht gesehen hab.
Es geht aber nicht nur um sog. "binge drinking", sondern auch um die Flasche Wein beim Date, das Bier im Pub mit Freunden, den Sekt zum Anstoßen; um den Whiskey, den man sich im Festival-Camp mit den anderen teilt, kurz: Um das riualisierte Trinken.

Neulich hab ich eine unglaubliche Erfahrung gemacht: Seit Jahren mein erster Morgen komplett ohne Kater, nachdem ich abends mit Freunden unterwegs war. Ich saß im Bus auf dem Weg zum Sport und die Sonne schien mir ins Gesicht, während ich meine Lieblingsmusik hörte. Und da wurde mir bewusst dass ich jetzt normalerweise mit dickem Kopp im Bett liegen und mich über mich selbst ärgern würde, während die Sonne draußen unbemerkt wieder untergeht. Und da wurde mir etwas Wichtiges klar: Ich dachte immer, Alkohol sei Freiheit. Freiheit, sich auszutoben, alles mögliche zu tun, ohne sich dafür schämen zu müssen, mehr zu lachen, die Welt bunter wahrzunehmen. Aber eigentlich ist Abstinenz Freiheit: Freiheit, nur Entscheidungen zu treffen, die man auch wirklich treffen will. Körperliche Freiheit, weil man nicht mehr katert. Freiheit von den eigenen Impulsen. Freiheit von Scham und Selbsthass.

Bisher hab ich mir schon oft vorgenommen, aufzuhören oder "weniger zu trinken". Aber ich hab es nie ernst gemeint. Zum ersten Mal bin ich bereit, Opfer zu bringen und mich selbst als Alkoholikerin zu sehen und nicht als "eine, die ab und zu über den Durst trinkt". Ich weiß dass der Weg vor mir sehr schwer wird und ich mit vielen Schwierigkeiten werde kämpfen müssen. Aber ich freue mich auch darauf, zu sehen, wer ich ohne den Alkohol bin. Wer ich sein kann, außer dem Mädchen, das mittags mit Kater weinend eine Freundin anruft und fragt, was am Abend zuvor geschehen ist.
Ich empfinde es eher als schlechtes Zeichen, wenn ich jetzt sage, dass ich zuversichtlich bin. Zu viel Zuversicht wird mir in die Quere kommen, weil es zu hohe Erwartungen an mich selbst nach sich zieht. Ich möchte realistisch bleiben und ich weiß, dass die nächste Zeit intensiv wird, vielleicht werden auch viele negative Empfindungen hochkommen. Immerhin war Alkohol bisher für mich so vieles: Trost, Ablenkung, Belohnung, etc. Das wird spürbar fehlen. Aber ich werde auch so viel lernen, mich neu kennenlernen und mich zum Positiven verändern...

Danke für eure Aufmerksamkeit! Ich wünsche euch allen viel Glück für die nächste Zeit, und empfinde Respekt davor, dass ihr alle etwas verändern wollt. Bis bald!
Struggling

Calida78
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Re: Wenn Alkohol zur Selbstverständlichkeit geworden ist

Beitrag von Calida78 » 10.01.2019, 15:30

Hallo Struggling,
Herzlich Willkommen hier!
Und herzlichen Glückwunsch zu Deiner Einsicht!
Was Du schreibst erinnert mich an meine Studentenzeit.
Da allerdings bin ich nicht auf die Idee gekommen, dass ich Alkoholikerin sein könnte. Bei mir war es erst mit Mitte 30 so weit, dass ich erkannt habe, dass ich abhängig bin und dann so unter der Sucht gelitten habe, dass ich mir Hilfe gesucht habe.
Alkohol ist keine Freiheit für den Abhängigen. Frei ist er erst dann, wenn er es schafft, unabhängig zu werden.
Hast Du einen Plan, wie Du es schaffen willst, abstinent zu bleiben? Wie sieht’s mit Deinen Freunden aus? Trinken die alle? Saufparties sind total gefährlich, wenn man gerade aufgehört hat. Kannst Du anderes für Dich finden? Ich liebe Wellness und verbringe gern den ganzen Abend in der Sauna mit einer Freundin. Das ist cool und mit klarem Kopf quatschen ist soooo schön.
Jedenfalls ich kann Dir nur Mut machen, dran zu bleiben.
Viele Grüße
Calida

Cadda
sehr aktiver Teilnehmer
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Re: Wenn Alkohol zur Selbstverständlichkeit geworden ist

Beitrag von Cadda » 10.01.2019, 17:26

Hallo Struggling,

schön, dass Du hier bist!! In Deinem Kopf ist schon einiges passiert. Die Situation, die Du beschrieben hast, dass Du es genossen hast, mit klarem Kopf bei Sonnenschein... das sind die Momente, die viel schöner sind, als das Leben mit ständigem Saufen.

Ich empfinde es auch als FREI sein. Endlich.

Carl Friedrich
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Re: Wenn Alkohol zur Selbstverständlichkeit geworden ist

Beitrag von Carl Friedrich » 10.01.2019, 17:48

Hallo!

Es ist schön, dass Du auch den Morgen danach genießen kannst, ohne einen dicken Kopf zu haben.

Das ist mir zuletzt an Neujahr so gegangen. Andere zogen sichtlich verkatert durch die Gegend, mir ging es blendend. Bezüglich der Risiken am Abend vorher, wäre jedoch eine Sensibilisierung ratsam. Nimm diese nicht auf die leichte Schulter, nur weil es diesmal gut gegangen ist. Das ist keine Garantie für die Zukunft.

Ich rate, sich mal mit dem sog. Suchtgedächtnis auseinander zu setzen. Das kann schon mal erbarmungslos zuschlagen.

Warst Du schon bei der Suchtberatung?

Gruß
Carl Friedrich

Caruso
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Re: Wenn Alkohol zur Selbstverständlichkeit geworden ist

Beitrag von Caruso » 11.01.2019, 20:00

Struggling63 hat geschrieben:
10.01.2019, 09:19
Hallo liebe Forumsmitglieder!

. Immerhin war Alkohol bisher für mich so vieles: Trost, Ablenkung, Belohnung, etc. Das wird spürbar fehlen. Aber ich werde auch so viel lernen, mich neu kennenlernen und mich zum Positiven verändern...


Struggling
Hallo Struggling63,

herzlich willkommen im Forum. Was Du da schreibst, finde ich sehr interessant. Das dachte ich früher auch immer, bis ich dann für mich herausgefunden habe, dass der Alkohol mich in eine andere Welt befördert. Das war natürlich zunächst schön, denn die Probleme waren weg. Dummerweise waren die Probleme des Vortages und ein paar neue Probleme am nächsten Tag wieder da. Als ich dann nüchtern und mit der Zeit trocken wurde, konnte ich die Probleme angehen. Ich musste sie nicht mehr verschieben, allerdings auch die Konsequenzen meiner Taten ertragen. Ich konnte ja nicht mehr sagen, dass ich besoffen war. Der Vorteil an der Nüchternheit ist, dass viele Probleme gar nicht erst entstehen, wenn man nicht mehr trinkt. Ich wünsche Dir viel Erfolg und hoffe Dich hier weiterhin zu lesen.

Viele Grüße
Caruso

Calida78
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Re: Wenn Alkohol zur Selbstverständlichkeit geworden ist

Beitrag von Calida78 » 16.01.2019, 17:19

Hallo Struggling!
Wie geht es Dir?
Bis Du noch da oder wieder weg?
LG - Calida

Struggling63
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Re: Wenn Alkohol zur Selbstverständlichkeit geworden ist

Beitrag von Struggling63 » 22.01.2019, 19:39

Hallo Leute!
Tatsächlich bin ich noch da, und noch trocken. Ich erlebe nur gerade eine unglaublich stressige Zeit, sowohl beruflich als auch emotional.
Ich danke euch allen sehr für eure Antworten und habe euch nicht vergessen, aber ich kriege den Kopf sowieso momentan kaum frei genug um mich mit meinen alltäglichen Problemen zu befassen, geschweige denn hier längere Beiträge zu verfassen.
Ich merke, dass ich mich einerseits an das Leben ohne Alkohol gewöhne; meine Reaktionen auf Stress und Freude verändern sich. Im Sport finde ich ein Ventil für Emotionen und Gedanken, die kanalisiert werden müssen, ansonsten rede ich viel mit Freund_innen. Andererseits träume ich ab und zu davon, zu saufen und wache dann mit Entsetzen und Schuldgefühlen auf. Das fühlt sich total realistisch an, bis ich merke, dass alles in Ordnung ist... Es ist auch komisch, nach und nach zu realisieren, dass bestimmte Dinge nie wieder geschehen werden - vorbei ist es mit dem Feierabendbier, dem Anstoßen mit einem Glas Sekt, dem Geburtstagssuff. Grundsätzlich bin ich aber sehr zufrieden mit dem Verlauf meiner Abstinenz/Genesung/was auch immer. Heute ist Tag 21.
Ich melde mich wieder. Mein Leben ist im Moment nur sehr herausfordernd, was das Management von Zeit und Energie angeht...
Ich hoffe, euch allen geht es gut.
LG
Struggling

Calida78
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Re: Wenn Alkohol zur Selbstverständlichkeit geworden ist

Beitrag von Calida78 » 22.01.2019, 20:14

Hallo Struggling,
dann pass auf Dich auf! Bei mir gehörte zum Trockenwerden auch dazu, stopp zu sagen und mich rauszuziehen. Denn zu viel Stress kann nach hinten losgehen.
Viele Grüße
Calida

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