Startseite - PortalHilfsangebote der SuchthilfeSelbsthilfeforumInformationen zur Suchthilfe

Noch lange nicht trocken.

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit

Moderator: Moderatoren

Antworten
Cadda
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 1556
Registriert: 04.09.2017, 20:53

Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Cadda » 30.03.2020, 14:24

Hallo Carmen,

sich nüchtern unsicher fühlen... kenne ich. Ich habe vor jeder Feier getrunken, um mich angetrunken sicher zu fühlen. Dabei hatte das zur Folge, dass ich mich grundsätzlich peinlich benommen habe. Das wiederum hat bewirkt, dass ich mich beim nächsten Mal durchs Schämen noch unsicherer gefühlt habe und erst Recht vorher trinken musste. Ein Teufelskreis.

Auch jetzt, wo ich seit 2,5 Jahren nichts mehr trinke, mag ich nicht gern ungewohnte Situationen. In mir ist nach wie vor eine Unsicherheit. ABER es ist schon wesentlich besser geworden. Das braucht einfach Zeit. Man hat ja auch viel kaputt gemacht vom Selbstbewusstsein.

Ja, ich bin auch froh, weg von meinem Ex zu sein. Es fiel mir wahnsinnig schwer. Heute bin ich einfach nur glücklich, ihn los zu sein. Am Anfang musste ich ständig weinen, hab voller Liebe auf sein Foto geguckt und einen so wundervollen Menschen mit so tollen Eigenschaften gesehen, die er hatte, wenn er nüchtern war.

Wenn ich ihn heute sehe, könnte ich im Strahl ko......! Sorry, aber ist so :-D

Wenn ich daran denke, was er mir alles angetan hat, frag ich mich, wie verblödet ich gewesen sein muss, nicht schon viel früher das Weite zu suchen. Aber nun gut, besser spät als nie.

Anders herum: Wenn ein normal tickender Mensch mit mir zusammen gewesen wäre, zu der Zeit, wo ich noch gesoffen habe, hätte er das Gleiche über mich sagen können. Ok, ich war zwar nie verbal aggressiv oder mies meinem Partner gegenüber (so wie er zu mir), aber ich hatte andere Eigenschaften an mir, die widerlich waren.
Kurz gesagt: Ich hätte mich damals nicht als Freundin haben wollen. Auch als Mutter habe ich in vielen Dingen versagt. Kein Wunder, dass da das Selbstbewusstsein und Selbstliebe nicht vorhanden waren.
Heute finde ich mich gut als Freundin :-D und als Mutter auch. Die besten Gründe, nüchtern zu bleiben.

Carmen
aktiver Teilnehmer
Beiträge: 588
Registriert: 04.03.2020, 13:13
Geschlecht: Weiblich
Alkoholiker/in oder Angehörige/EKA: Alkoholikerin

Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Carmen » 30.03.2020, 20:28

Hallo Cadda,

deine Zeilen machen mir Mut und geben mir Zuversicht, dass es sich lohnt, den Weg in die Trockenheit zu gehen.
Veränderungen machen ja auch irgendwie immer Angst.

Es hilft sehr, dass ich mich hier nicht erklären muss und meine Krankheit verstanden wird und es dir und auch vielen anderen hier zu Beginn genauso oder ähnlich erging wie mir.

2 1/2 Jahre trocken.Toll! Das ist schon eine ganze Zeit.
Es ist schön zu lesen, dass sich dein Leben so zum Positiven gewandelt hat.

Heute bin ich sehr nachdenklich, da mir durch die Auseinandersetzung mit meiner Krankheit jetzt erst richtig bewusst wird, wie oft ich mit meinem Leben gespielt habe; viele schlimme Erinnerungen kommen hoch. Das ist nicht angenehm und hat hier bestimmt schon jeder durchlebt. Ich muss wieder lernen unangenehme Gefühle auszuhalten und diese nicht zu betäuben. Das braucht Zeit.

Ich wünsche dir einen schönen Abend!

LG
Carmen

Carmen
aktiver Teilnehmer
Beiträge: 588
Registriert: 04.03.2020, 13:13
Geschlecht: Weiblich
Alkoholiker/in oder Angehörige/EKA: Alkoholikerin

Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Carmen » 31.03.2020, 13:15

Hallo zusammen,

die starken Suchtdruckanfälle sind weniger und schwächer geworden. Allerdings bemerke ich bei mir süchtige Gedanken, die ganz schön aufdringlich sind und in mir großes Unbehagen und ein Gefühl der Unsicherheit auslösen.
Wie zum Beispiel: Irgendwann, in ein oder zwei Jahren, wenn du dich wieder stabilisiert und dein Leben wieder in den Griff bekommen hast, kannst du wieder trinken.

Jetzt gerade beim Aufschreiben merke ich wie absurd und trügerisch das ist. Nein! Ich kann keinen Alkohol trinken.
Ich begreife einfach nicht, was da im Hirn verstellt ist. Ich kann es mit dem Verstand nicht greifen.

Ich muss aufhören alles verstehen zu wollen. Das ist einfach nicht möglich.

Wer hatte oder hat diese Gedanken auch und wie kann man dagegensteuern?
Sich ablenken und sie verdrängen oder annehmen, zulassen und aushalten?

Ich möchte nicht mehr trinken. Habe große Angst davor, schwach zu werden.
Vielleicht mag jemand etwas dazu schreiben.

Lg
Carmen

Pellebär
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 2041
Registriert: 21.11.2012, 17:00

Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Pellebär » 31.03.2020, 13:27

Moin Carmen,

es gibt Dinge, die muss man nicht begreifen. Da hilft mir einfach dumm dran glauben. Ich habe auch nie gedacht oder von mir erwartet, dass ich nie mehr trinke. Das ist mir viel zu abstrakt. Ich trinke nicht, fertig.
Beim ersten Gedankenblitz am Anfang, habe ich sofort bis zum Ende gedacht. Wo war ich, wo will ich nie wieder hin, was will ich nie wieder erleben.
Lebe den Tag. In ein zwei Jahren hat sich deine Haltung zum Alkohol geändert, und du siehst die Dinge anders.

Lenk dich ab, mach dir die Vorteile klar und bedenke die Nachteile. Und ganz viel Wasser trinken. Übernimm die Verantwortung für dein Leben, überlass sie nicht wieder dem Alkohol.

Pass auf dich auf.

LG PB

Carmen
aktiver Teilnehmer
Beiträge: 588
Registriert: 04.03.2020, 13:13
Geschlecht: Weiblich
Alkoholiker/in oder Angehörige/EKA: Alkoholikerin

Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Carmen » 31.03.2020, 14:38

Hallo Pellebär,

danke für deinen Beitrag.
Pellebär hat geschrieben:
31.03.2020, 13:27
es gibt Dinge, die muss man nicht begreifen. Da hilft mir einfach dumm dran glauben. Ich habe auch nie gedacht oder von mir erwartet, dass ich nie mehr trinke. Das ist mir viel zu abstrakt. Ich trinke nicht, fertig.
Das fühlt sich direkt viel leichter an und bestärkt mich.
Pellebär hat geschrieben:
31.03.2020, 13:27
Übernimm die Verantwortung für dein Leben, überlass sie nicht wieder dem Alkohol.
Ja! Verantwortung für mein Leben übernehmen. Das muss ich ( wieder ) lernen.
Das braucht Zeit und Geduld.

Lg
Carmen

Carl Friedrich
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 1627
Registriert: 06.07.2015, 22:47

Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Carl Friedrich » 31.03.2020, 17:25

Hallo Carmen!

Pellebär hat recht. Deine Denkweise wird sich mit zunehmender Abstinenz kontinuierlich verändern. Das dauert aber und ist keine Frage von Tagen oder wenigen Wochen.

Anfangs saß tief in meinem Hirn der Gedanke drin, nach ein paar Monaten wieder von vorne anfangen und ganz moderat mal ein Bierchen schlürfen zu können.

Es hat eine ganze Weile gedauert, bis dieser Gedanke da raus war. Dennoch blitzt er jetzt noch ab- und an mal auf und wird von mir sogleich verworfen. Ich weiß genau, dass so eine Nummer nur ganz kurze Zeit bei mir gut ginge und ich ruckzuck wieder in den Strudel nach unten geriete.

Lehrreich war mir insoweit der Kontakt zu Rückfälligen in meiner ambulanten Therapie bzw. meier analogen SHG.

Am eindrucksvollsten waren die Ausführungen eines Polytox: "Wenn ich jetzt nachgebe, fängt die ganze Schei... wieder von vorne an." Ich habe den Herrn bildlich vor Augen. Nur ging es bei ihm nicht um den Alk, sondern bei diesem Beispiel ums Kiffen. Macht im Ergebnis aber keinen Unterschied.

Gruß
Carl Friedrich

Carmen
aktiver Teilnehmer
Beiträge: 588
Registriert: 04.03.2020, 13:13
Geschlecht: Weiblich
Alkoholiker/in oder Angehörige/EKA: Alkoholikerin

Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Carmen » 31.03.2020, 20:49

Hallo Carl Friedrich,

danke für deinen Beitrag. Eure Erfahrungen sind ungemein hilfreich.

Ihr seid den Weg gegangen, ich habe ihn noch vor mir. Das ihr auch diese Gedanken hattet, nimmt
mir schon einige meiner Selbstzweifel und Unsicherheiten.
Carl Friedrich hat geschrieben:
31.03.2020, 17:25
Ich weiß genau, dass so eine Nummer nur ganz kurze Zeit bei mir gut ginge und ich ruckzuck wieder in den Strudel nach unten geriete.

So ist es. Ich weiß auch ganz genau, dass ich niemals kontrolliert trinken kann. Es geht bei mir mit viel Glück und Anstrengung vielleicht einen Tag gut, wenn überhaupt. Und dann bin ich auch schon wieder da wo ich aufgehört habe.

Morgen kommen die Bücher. Danke nochmal für die Empfehlungen.

Lg
Carmen

Rattenschwanz
neuer Teilnehmer
Beiträge: 365
Registriert: 15.11.2013, 09:54

Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Rattenschwanz » 01.04.2020, 06:27

Mir war das immer viel zu weit weg und zu endgültig dieses "Nie mehr Alkohol".
Jetzt nach 8 Jahren, da ist das duchaus für mich vorstellbar und vor allen Dingen, es macht mir keine Angst mehr. Im Gegenteil, ich freu mich drauf. Inzwischen nicht mehr bewusst über jeden Tag, aber über jedes Jahr.

Bei spontanem Suchtdruck - aus welchem Grund auch immer - denk ich immer daran, wie das ganze nach dem Saufen aussehen würde - schrecklich. Das hilft bei mir mittlerweile sofort.

Auch wenn ich mich jetzt hier unbeliebt mache:
Wenn irgendwelche Gedanken daran aufkommen - und das passiert selten aber manchmal -, dass ich ja später mal wieder probieren oder so könnte, dann sag ich mir: Ja ja, später. Jetzt ist aber eben nicht später, also kannst du auch später mal dran denken aber jetzt nicht. So in der Art und dann ist der Gedanke auch schon wieder weg.

Wichtig ist meiner Meinung nach: Nicht verrückt machen lassen.

Antworten