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Noch lange nicht trocken.

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit

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Carmen
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Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Carmen » 01.04.2020, 09:14

Hallo Rattenschwanz,
Rattenschwanz hat geschrieben:
01.04.2020, 06:27
Mir war das immer viel zu weit weg und zu endgültig dieses "Nie mehr Alkohol".
Dieses " Nie mehr Alkohol" macht mir Stress und setzt mich unter starken Druck. Diese Endlichkeit macht auch Angst.
Angst, es nicht zu schaffen. Angst doch wieder irgendwann zu trinken und daran zu Grunde zu gehen.
Rattenschwanz hat geschrieben:
01.04.2020, 06:27
Wenn irgendwelche Gedanken daran aufkommen - und das passiert selten aber manchmal -, dass ich ja später mal wieder probieren oder so könnte, dann sag ich mir: Ja ja, später. Jetzt ist aber eben nicht später, also kannst du auch später mal dran denken aber jetzt nicht. So in der Art und dann ist der Gedanke auch schon wieder weg.

Dieser Gedanke " Heute trinke ich nicht" hat mich in den letzten Wochen schon einige Male gerettet.
Ich denke, dass auch ich zu denjenigen gehöre, die mit der 24 Stundenformel besser zurecht kommen.

Danke für deinen Beitrag.

Lg
Carmen

Sunshine_33
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Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Sunshine_33 » 01.04.2020, 12:46

Hallo Carmen,
die ersten Tage nach meiner Entgiftung auf der Intensiv, als ich wieder einigermaßen bei mir war, dachte ich NUR an das Jetzt.
Ich zählte anfangs sogar die trockenen Stunden, irgendwann dann Tage und Wochen... usw.
Meine Alkoholabhängigkeit war körperlich ebenso stark wie psychisch.
Und so war ich die ersten Tage einfach nur unendlich dankbar, das ich nicht mehr auf Entzug kam dank der Medikamente.
Das war für mich schon wie ein Wunder und unglaublich erleichternd.
Es gab für mich keine Gedanken, ob ich irgendwann wieder trinken kann, es zählte nur das, was im Moment war. Und das reichte mir auch.
Es gab für mich auch keinerlei Anfangseupghorie, vielleicht war das auch gut so, keine Ahnung.
Ich musste mich regelrecht ins Leben zurück kämpfen, bis es irgendwann nach Wochen einfacher wurde, vor allem körperlich.

Im späteren Verlauf meiner Abstinenz gab es auch Suchtdruck-Situationen. Ich lernte mit der Zeit, damit umzugehen.
Zum Glück was das nur selten, aber es gab diese Momente durchaus.
Ich dachte dann all all das zurück, was passiert war. Ähnelt sich übrigens Deinen Erlebnissen :wink: aber diese Erlebnisse ähneln sich ja grundsätzlich bei uns.
Die Krankheit geht eben mit gewissen Symptomen einher, und Kontrollverlust bis hin zu Blackouts gehören dazu.
Wie auch immer, mir war immer klar, wohin ich nie wieder zurück will. Und das brachte mich dann auch durch diese Situationen.
Desweiteren betrieb ich Risikominimierung, entsprechend unseren "Grundbausteinen" hier, die kannte ich allerdings damals nicht, ich hörte eher auf
mein Bauchgefühl, was gut für mich sein könnte und was nicht.
Und dabei war ich immer sehr selbstkritisch, ließ mir selbst nur wenig durchgehen. Und meine Willensstärke war auch wieder da, die hatte ich mir während meiner nassen Zeit regelrecht weggesoffen.

Ich denke, gerade am Anfang der Abstinenz ist das Denken im 24 Stunden bezüglich der Alkoholkrankheit keine schlechte Idee.
Man soll ja auch nicht in der Vergangenheit leben und nicht zu weit in die Zukunft schauen wollen, so raten ja auch Fachleute fürs Glücklichsein :)
Und das enspräche ja dem.
Und man darf auch auf jeden einzelnen Tag, an dem man nicht getrunken hat, STOLZ SEIN, weil das eine große Leistung für uns ist.
Später werden dann Tage und Wochen draus... und hoffentlich auch Monate und viele Jahre.

LG Sunshine

Sunshine_33
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Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Sunshine_33 » 01.04.2020, 13:16

Ich bitte, meine Tippfehler zu entschuldigen :oops:

Carmen, ich wollte auch noch was zu den Schuldgefühlen schreiben und auch dem hier:
ja, demütigend war so Einiges, was man zu Saufzeiten erlebt hat. Dabei hat man sich die Demütigung selbst zugefügt durch eigenes Verhalten. Und wenn ich von meinem Ex-Partner gedemütigt wurde, dann war das auch meine Schuld (oder es lag in meiner Verantwortung), weil ich es zugelassen habe. Bzw habe ich mich selbst so „klein gesoffen“, dass ich es zugelassen habe, weil ich mir nichts mehr wert war.
Ein Bekannter hat das mal als "Alkoholtrauma" beschrieben, an dem wir alle litten oder auch akut noch leiden.
Es ist nicht so, das wir aus Jux und Dollerei gesoffen haben, und das weiß man auch spätestens dann, wenn man trinken muss, weil man sonst
auf Entzug kommt.
Man ekelt sich doch längst vor dem Zeugs, aber die Angst vor dem Entzug macht, das man es doch wieder trinkt.
Und vielleicht auch gleich wieder auskotz*t und trotzdem weiter macht. Natürlich ist das krank.
Die Alkoholkrankheit hat aber auch nix mit Verstand und Logik zu tun, so kann man sie überhaupt nicht erfassen.

Wie auch immer, dieses Alkoholtrauma ist nicht sofort wieder weg, wenn man aufhört zu saufen. Das muss auch erstmal wieder heilen !
Wir haben uns manche Dinge ja jahrelang oder gar Jahrzehnte angetan, die Heilung dieses Traumas braucht auf jeden Fall ihre Zeit.
Und vielleicht verheilt auch einiges gar nicht mehr ganz, wir können ja nicht unsere gesamte Festplatte im Oberstübchen löschen.
Ich für meinen Teil habe mir das aber auch teilweise zunutze gemacht.
Die Auseinandersetzung mit meiner Krankheit führte auch dazu, zu wissen, wo ich nie wieder hin will.
Und wo ich wieder hinkomme, wenn ich auch nur 1 Glas wieder trinke, war mir auch immer sonnenklar.
Die Erinnerung an die früheren unangenehmen Erlebnisse dienten mir dann dazu, meine Entscheidung, nicht wieder zu trinken, zu manifestieren.
So war es im Endeffekt doch noch für was gut :wink:
Ich bin allerdings auch ein Mensch, der selbst aus den blödesten Situationen noch gern was lehrreiches ziehen möchte, und sei es nur, bestimmte Dinge nie wieder zu tun, auch jetzt mal ganz unabhängig von der ehemaligen Sauferei. :lol:

Du schriebst, das Du Dich vielleicht bei einigen entschuldigen willst.
Ich habe auch damals darüber nachgedacht. Ich bin zwar nie körperlich aggressiv zu irgendwem gewesen, aber sicher verbal.
Eigentlich hauptsächlich nur meinem Partner gegenüber. :oops:
Den habe ich dann nach meiner Entgiftung gefragt, ob er mir denn überhaupt das alles verzeihen könne?
Er sagte daraufhin nur: "Ich habe Dir bereits an dem Tag verziehen, als Du in die Entgiftung gingst"
Und so war es auch wirklich, er hat von sich aus nie wieder irgendwelche unangenehmen Vorfälle angesprochen.
Wenn, dann ging das von mir aus, weil ICH drüber sprechen wollte.
Aber erstmal einen Schritt nach dem anderen machen... vieles, wie auch solche Gespräche, ergeben sich auch oft von ganz allein, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist.

Bei anderen habe ich mich nicht entschuldigt, denn ich habe eine Krankheit, die mich zu gewissen Verhaltensweisen gebracht hat, ich bin kein böswilliger Mensch, der Spaß dran hatte, andere Menschen zu verletzen !
Ich habe da aber auch nicht wirklich sehr schlimmes angerichtet... es war nichts dabei, was nicht verzeihbar gewesen wäre.
Das schlimmste habe ich mir selbst und meinem Partner angetan.
Ich habe aber mit meinen engen Freunden später über meine Krankheit gespochen, ich gehe offen damit um.
Die haben dann von ganz allein begriffen, und eine Entschuldigung wäre mir da auch fehl am Platz vorgekommen, ein Diabetiker entschuldigt sich ja auch nicht für seine chronische Erkrankung.
Das ist so meine Sichtweise... andere sehen das vielleicht ganz anders...

Und man darf auch nicht vergessen, das andere Menschen auch ihre eigenen Sorgen haben, da ist die eigene Suchterkrankung dann auch nicht sooo interessant für andere :wink: , denn jeder interessiert sich erstmal am meissten für sich selbst und die eigene Familie.
Meine Freunde haben es so akzeptiert, wie es nun mal ist, ich bin alkoholkrank. Und ansonsten ist das gar kein weiteres Thema für uns.
Ansonsten bin ich doch so ein Mensch wie jeder andere auch... mit Stärken und Schwächen... aber die Alkoholkrankheit ist keine Schwäche, sondern nun mal eine Krankheit !
Und aus die Maus. :wink:

LG Sunshine

Carmen
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Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Carmen » 01.04.2020, 14:00

Hallo sunshine,

vielen Dank für deinen Beitrag und den kleinen Einblick in deine bewegende Geschichte.
Ich habe auch schon einige Beiträge von dir gelesen und konnte vieles für mich mitnehmen.
Sunshine_33 hat geschrieben:
01.04.2020, 12:46
Ähnelt sich übrigens Deinen Erlebnissen aber diese Erlebnisse ähneln sich ja grundsätzlich bei uns.
Die Krankheit geht eben mit gewissen Symptomen einher, und Kontrollverlust bis hin zu Blackouts gehören dazu.
Ich bin immer wieder erstaunt, wie sehr sich die Geschichten und Gedankengänge von Alkoholikern oder generell suchtkranken Menschen ähneln.

.
Sunshine_33 hat geschrieben:
01.04.2020, 12:46
Und meine Willensstärke war auch wieder da, die hatte ich mir während meiner nassen Zeit regelrecht weggesoffen.
Das geht mir genauso.
Sunshine_33 hat geschrieben:
01.04.2020, 12:46
Man soll ja auch nicht in der Vergangenheit leben und nicht zu weit in die Zukunft schauen wollen, so raten ja auch Fachleute fürs Glücklichsein
Ich hoffe, dass mir das in der Zukunft wieder besser gelingen wird. Im Hier und Jetzt leben. Machen Kinder und Tiere automatisch. Darum sind sie auch glücklich und unbeschwert. :-D
Aber es reicht ja auch schon, wenn man das Jetzt erst mal wieder zeitweise genießen kann.
Sunshine_33 hat geschrieben:
01.04.2020, 13:16
Ein Bekannter hat das mal als "Alkoholtrauma" beschrieben, an dem wir alle litten oder auch akut noch leiden.
Davon habe ich noch nie gehört. Danke für den Hinweis. Das erklärt so einiges.
Sunshine_33 hat geschrieben:
01.04.2020, 13:16
Ich bin zwar nie körperlich aggressiv zu irgendwem gewesen, aber sicher verbal.
Eigentlich hauptsächlich nur meinem Partner gegenüber.
Genauso war es auch bei mir. Mein Partner hat am meisten unter meiner Sauferei und den fiesen verbalen Attacken gelitten.
Sunshine_33 hat geschrieben:
01.04.2020, 13:16
Ich bin allerdings auch ein Mensch, der selbst aus den blödesten Situationen noch gern was lehrreiches ziehen möchte
Ich versuche immer aus jeder noch so negativen Situation auch etwas Positives rauszuziehen. Interessanterweise finde ich auch immer etwas. Das hilft mir dann auch, besser damit klarzukommen.
Sunshine_33 hat geschrieben:
01.04.2020, 13:16
aber die Alkoholkrankheit ist keine Schwäche, sondern nun mal eine Krankheit !
Diesen Punkt muss ich noch verinnerlichen. Ich weiß, dass ich eine Krankheit habe und mache mir trotzdem immer noch täglich Vorwürfe. Das ist nicht richtig. Aber ich denke, dass alles seine Zeit braucht.

Die Tippfehler habe ich garnicht bemerkt. :-D

Lg
Carmen

Cadda
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Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Cadda » 02.04.2020, 20:05

Na Carmen, wie ist es Dir heute ergangen?

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Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Carmen » 02.04.2020, 21:19

Hallo Cadda,

danke der Nachfrage. Ein wenig holprig heute. Hatte einen dummen unnötigen Streit mit meinem Partner
und dann im Affekt damit gedroht, dass ich, wenn er jetzt nicht aufhört mit der Diskussion, gleich wegen ihm trinken muss. :roll:
Ich war selbst ganz erschrocken, dass mir das rausgerutscht ist. Das nennt man wohl " nasses" Verhalten.

Und da wären wir wieder bei meinem ThreadTitel "Noch lange nicht trocken".
Ich habe natürlich keinen Alkohol angerührt, sondern bin mit meinem Hund spazieren gegangen und habe mich dann schnell wieder gefangen.

Ich hoffe, du hattest einen schönen Tag!

LG
Carmen

Carl Friedrich
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Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Carl Friedrich » 03.04.2020, 11:03

Carmen hat geschrieben:
02.04.2020, 21:19
Das nennt man wohl " nasses" Verhalten.
Wirklich? Du hattest Streit und wolltest dem Gegenüber wohl eins auswischen. Und hast gleich erkannt, dass du verbal über das Ziel hinausgeschossen hast.

Das ist mir auch schon 1-2 Male in den ersten Jahren meiner Abstinenz passiert. Da spielen Emotionen einfach eine zu große Rolle, da ein Streitgespräch unter Partnern oder Verwandten häufig ins Emotionale abdriftet.

Ich würde Achte einfach darauf, dich demnächst verbal etwas besser zu kontrollieren.

Gruß
Carl Friedrich

Carmen
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Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Carmen » 03.04.2020, 12:37

Hallo Carl Friedrich,
Carl Friedrich hat geschrieben:
03.04.2020, 11:03
Du hattest Streit und wolltest dem Gegenüber wohl eins auswischen
Das kann natürlich auch sein; dann ist es aber unterbewusst abgelaufen, denn der Satz " Wenn du nicht ...., dann muss ich trinken" kam einfach ohne zu überlegen oder irgendeineine Absicht aus mir rausgeschossen.
Darum schrieb ich auch " nasses" Verhalten.
Ob das auch einem Langzeittrockenen passiert? Ich weiß es nicht.

Dieser Vorfall hat mir aber wieder gezeigt, wie zerbrechlich meine noch frische Abstinenz ist.

Lg
Carmen

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