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Noch lange nicht trocken.

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit

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Carmen
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Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Carmen » 05.04.2020, 18:25

Hallo Cadda, hallo Carl Friedrich,

mit der Tagesstruktur habt ihr vollkommen recht; diese habe ich auch, stehe früh auf, mache den Haushalt, gehe danach zwei Stunden mit meinem Hund spazieren, danach einkaufen, Mittagessen, nachmittags normalerweise Sport ( schaffe aber momentan einfach nicht mich aufzuraffen und hänge stattdessen auf dem Sofa) , gegen 18 Uhr wieder eine Stunde mit dem Hund spazieren, dann kochen und Abendessen und ab ca 20 Uhr 30 lesen, Internet, Fernsehen oder Klavierspielen.

Mir mangelt es auch nicht an Interessen, nur ist momentan alles ziemlich mühselig und bereitet mir wenig Freude. Vielleicht eine mittelschwere Depression. Mein Dopaminhaushalt ist wahrscheinlich noch ziemlich durcheinander.

Ich brauche dringend wieder Sozialkontakte, sobald das wieder möglich ist. Diese Isolation seit einigen Jahren tut mir nicht mehr gut.

@Cadda: Ein Tagebuch habe ich noch nicht eröffnet, werde ich aber die Tage machen.
Werde später auch mal bei dir reinschauen.

Danke für eure Antworten! :)

Carmen
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Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Carmen » 09.04.2020, 07:56

Guten Morgen,

vor ein paar Tagen hatte ich mal wieder riesigen familiären Stress. Mein Vater, auch Alkoholiker, hat mich zwei Tage am Stück völlig dicht mit Nachrichten und Anrufen bombardiert. Bis vor kurzem habe ich immer sofort reagiert und bin auf sein Flehen hin sofort zu ihm gefahren. Meistens endete es dann so, dass mich das Ganze so fertig gemacht hatte, dass ich selbst wieder an der Flasche hing; im schlimmsten Fall haben wir dann tagelang zusammen gesoffen und gemeinsam uns und unser Leben bemitleidet. Einfach nur erbärmlich.

Dieses Mal habe ich ihn ignoriert und wurde daraufhin beleidigt und bedroht. Das war unglaublich schwer, aber ich habe es dank der Unterstützung und den Erfahrungsberichten anderer Betroffener dieses Forums zum ersten Mal nach etlichen Jahren geschafft.

Schuldgefühle, dass ich meinen Vater im Stich lasse, Mitleid und die Angst, dass er sich etwas antut ( 2 Selbstmordversuche hatte er schon) kommen natürlich immer mal wieder hoch, aber ich lerne langsam besser damit umzugehen.Ich darf den Kontakt nicht mehr zulassen. Mein Vater triggert mich zu sehr und ich schaffe es nur trocken zu werden, wenn ich mich von ihm distanziere.

So wie mir keiner aus meiner Sucht helfen kann, kann ich ihm auch nicht aus seiner Sucht helfen. Theoretisch weiß ich das alles, aber mein Herz hat sich mir immer wieder in den Weg gestellt. Das darf ich nicht mehr zulassen. Ich möchte es dieses Mal wirklich anders machen.

Correns
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Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Correns » 09.04.2020, 13:17

Hallo Carmen,

Du hast hier einen sehr wichtigen und sehr gesunden Entschluss gefasst. Ich kann nur erahnen, welche seelischen Kämpfe dem Ganzen vorausgegangen sind. Du machst genau das Richtige. Heraus aus der Sucht kommt jeder einzelnen Alkoholiker nur ganz allein aus ganz eigener Einsicht.

Vielleicht gelingt Dir in Zukunft ein Weg, auf dem Du Deinen Vater nicht mehr ignorierst, sondern ab und zu ein nettes Telefonat führen kannst. Du kannst ihm ja ganz zu Beginn sagen, dass Du bei Beleidigungen oder Drohungen sofort auflegst und einen Monat nicht mehr anrufst. Okay ... es ist schwierig einen Rat zu geben. Vor allem steckst ja Du in dieser Situation und nicht ich.

Zusammengefasst wünsche ich Dir einen guten stabilen weiteren Weg und bleib gesund
Viele Grüße
Correns

Carmen
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Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Carmen » 09.04.2020, 16:21

Hallo Correns,

danke für deine mitfühlenden und aufbauenden Zeilen. Das tut gut.
Correns hat geschrieben:
09.04.2020, 13:17
Vielleicht gelingt Dir in Zukunft ein Weg, auf dem Du Deinen Vater nicht mehr ignorierst, sondern ab und zu ein nettes Telefonat führen kannst
Ja, vielleicht wird das irgendwann möglich sein. Aber das braucht Zeit, viel Zeit...

Lg
Carmen

Carmen
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Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Carmen » 19.04.2020, 21:59

Hallo,

ich habe mich in der vergangenen Woche intensiv mit meiner Vergangenheit und meinem Suchtverlauf auseinandergesetzt. Fünf Tage habe ich gebraucht um meine ganze Lebensgeschichte aufzuschreiben.
Das war nicht angenehm, da viele verdrängte Erinnerungen hochkamen und mir richtig bewusst wurde, wieviel Schaden ich durch meine Sucht bereits angerichtet und wie oft ich mich und andere im Suff in Gefahr gebracht habe. Das muss erst mal verarbeitet werden.

Allerdings wurde ich im geschlossenen Bereich durch die Rückmeldungen der Mitglieder sehr gut aufgefangen. Ohne diese Unterstützung hätte ich es nicht geschafft, meine Vergangenheitsreise zu Ende zu bringen ; ich würde es auch keinem ohne Begleitung empfehlen, es sein denn, man ist schon stabil genug.

Sucht bedeutet ja auch Flucht vor sich selbst. Ich möchte nicht mehr davonlaufen. Die tägliche Konfrontation mit meiner Krankheit fühlt sich oft nicht gut an und manchmal würde ich gerne wieder die Flucht ergreifen. Da kommen dann natürlich auch ab und an Suchtgedanken auf. Aber das gehört dazu und ich halte diese schlechten Gefühle dann einfach aus - und irgendwann sind sie auch wieder verschwunden. Bis vor kurzem habe ich in solchen Situationen direkt zur Flasche gegriffen und am nächsten Tag fühlte ich mich noch elender.

Ich sage mir jeden Tag: Heute trinke ich nicht. Mit der Endgültigkeit nie wieder Alkohol trinken zu können , komme ich noch nicht zurecht. Es wäre schön, wenn sich das noch ändern würde. Mal sehen, wie sich alles weiterentwickelt. Ich bin auf jeden Fall gespannt.

Jessica
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Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Jessica » 20.04.2020, 07:19

Meinst du mit Krankheit den Alkohol oder noch was anderes?

Mir geht es mit der Endgültigkeit auch so wie dir. Damit komme ich auch nicht klar.
Ich habe mir 100 Tage vorgenommen.
Und ich denke, bis dahin weiss ich, was ich mache... Mir hilft diese längere Frist, nicht täglich neu entscheiden zu müssen, heute trinke ich nicht.
Aber auch nicht heute schon entscheiden zu müssen, nie mehr.

Aber wenn es bei dir klappt mit täglich entscheiden ist es ja gut!

Cadda
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Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Cadda » 20.04.2020, 07:46

Hallo Carmen,

der Satz "nie mehr Alkohol trinken zu können" verändert sich im Kopf im Laufe der Zeit, wenn Dein Gehirn mit dem positiven Gefühl des Nüchtern-Seins gefüllt wird.

Ich halte NULL davon, Wörter im Mund umzudrehen, denn man könnte ja jetzt entgegnen, dass Du Alkohol trinken kannst, es aber ja bewusst nicht willst. Das habe ich hier im Forum schon öfter gelesen und mich hat es immer ein wenig wahnsinnig gemacht. Zum Einem, weil es zwar stimmt, wenn man es genau nimmt, aber zum Anderen weiß man ja genau, wie es gemeint ist. Man KANN halt nichts trinken, ohne nicht wieder an dem Punkt zu gelangen, zu dem man eben nicht hin will. Also kann ich eben streng genommen nicht so, wie man am Anfang gern noch würde.

Ich schreibe bewusst "am Anfang". Denn ich möchte Dir (und vielleicht da auch anderen) ein wenig Hoffnung machen:

Zurück zum ersten Satz... Der Satz "nie mehr Alkohol trinken zu können" wird sich, wenn man diese Nüchternheit wirklich richtig LEBT und die positiven Seiten bewusst zulässt, dahingehend verändern, dass man irgendwann GLÜCKLICH ist, nicht mehr trinken zu MÜSSEN. Es wandelt sich von einem Verzicht zu einem GEWINN. Dafür muss aber die Festplatte im Kopf erst einmal neu überspielt werden mit den positiven Dingen des Nüchtern-Seins. Das kann bei Einigen halt länger dauern, als bei Anderen.


Das sind meine Gedanken dazu. Vielleicht helfen sie dabei, ein wenig Geduld zu haben bzw. sich öfter BEWUSST zu machen, wie positiv es ist, nicht zu trinken.

Pellebär
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Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Pellebär » 20.04.2020, 12:16

Moin Carmen,

auch im 12. trockenen Jahr sage ich nicht, ich trinke nie wieder, auch nicht, ich trinke heute nicht. Am Anfang habe ich gesagt, ich will nicht, dann ich muss nicht, dann ich brauche nicht und irgendwann, ich trinke nicht, fertig.

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