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Noch lange nicht trocken.

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit

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Carmen
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Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Carmen » 20.04.2020, 17:24

Hallo Jessica,

ja, mit der Krankheit meine ich den Alkohol. Ich habe zwar noch andere Süchte und Diagnosen, aber mein Alkoholismus hat den größten Schaden angerichtet. Darum steht dieser Punkt an erster Stelle. Denn nur nüchtern kann ich die anderen Baustellen angehen.

Ich finde gut, dass du dich trotz deiner Unsicherheit, ob du abhängig bist oder nicht, hier angemeldet hast. Du kannst ja mal schaun, was dann nach 100 Tagen ist.

Hallo Cadda,

schön, dass du verstanden hast, wie ich das mit dem nicht trinken dürfen meinte. Ich habe bewusst "dürfen" gewählt, weil ich noch nicht dieses Freiheitsgefühl empfinde, wovon man hier ja oft liest. Ich fühle mich noch nicht frei. Es wäre gelogen, das zu behaupten. Viel zu sehr plagen mich noch "nasse" Gedanken, die ich zwar mittlerweile schneller erkennen und verwerfen kann, die aber immer noch täglich präsent sind. Seit einigen Tagen bin ich auch wieder etwas unausgeglichener und unzufriedener. Ich versuche garnicht zu analysieren, woran das liegt, da ich denke, dass das zu meinem Prozess gehört. Außerdem hatte ich ja auch noch diesen Stress mit meinem Vater; das zieht mich auch runter.

Das war jetzt alles sehr negativ und ich habe auch hin und- herüberlegt, ob ich diese Gedanken und Gefühle hier reinschreiben soll. Ich möchte hier niemanden runterziehen, aber ich gehöre halt nicht zu denjenigen, die mit Anfangseuphorie ihren Weg in die Trockenheit starten. Ich freue mich für jeden, bei dem das so ist, denn wir haben alle schon genug durch unsere Krankheit gelitten.

Mir ist es aber immer wieder eine Freude von dir zu lesen, da du so positiv und motivierend bist. Auch dein Eintrag heute morgen in deinem Thread hat mir sehr gut gefallen. Das holt mich immer etwas aus meinem Grübler-Denkermodus raus. Ich hoffe, dass war jetzt alles nicht zu negativ. :roll:

Hallo Pellebär,

es ist wirklich interessant, wie unterschiedlich doch die Methoden sind. Wir hatten darüber schon mal vor ein paar Wochen geschrieben und durch dich und Carl Friedrich bin ich dann zu der Erkenntnis gekommen, dass ich mit der 24Stunden-Taktik besser fahre. Seitdem bin ich auch nicht mehr so angespannt.

Ab morgen möchte ich etwas in meinem Alltag ändern. Ich möchte mit Meditation beginnen - 10 Minuten sollen anfangs reichen.
Ich kann nämlich überhaupt nicht abschalten, die Gedanken rasen ständig und ich muss mich immer mit irgendetwas beschäftigen. Ich habe verlernt, ohne Alkohol abzuschalten.Das macht keinen Spaß mehr und kann gefährlich werden, wenn ich da nicht gegensteuere. Yoga wäre auch noch gut - habe ich eine zeitlang jeden Tag gemacht. Mal sehen, ob ich das morgen endlich in Angriff nehme. Nein! Nicht mal sehen. Ich mache das ab morgen! :wink:

LG
Carmen

Cadda
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Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Cadda » 20.04.2020, 17:38

Weißt Du Carmen, ich möchte auch keinen falschen Eindruck hinterlassen. So nach dem Motto „Bei mir ist immer alles soooo schöööön und das Leben ist ja soooo toll“. Ja, grundsätzlich finde ich das wirklich und deshalb gelingt es mir immer wieder, mich auf die Sonnenseite des Lebens zu konzentrieren.

Aber ich habe im Moment auch eine tolle Lebensphase erwischt. Trocken, zwei Jungs, die zur Zeit beide recht entspannt sind (das geht auch anders), einen Mann in meinem Leben, der super zu mir passt (und auch DAS ging bisher immer anders) :-)
Meine Arbeit macht mir Spaß, also alles gut.

Aber da gab es auch andere Zeiten und da fiel es mir deutlich schwerer, positiv zu denken. Liebeskummer gehörte ständig dazu. Furchtbar.

Aber auch jetzt, wo alles gut ist, geht’s mal blöd. Nachdem ich gestern so viel über meine Mutter geschrieben habe, wie es damals war, konnte ich den ganzen Tag an nichts anderes mehr denken. Ich musste heulen beim Auto fahren und bin dann abends noch ans Grab in den Ruheforst gefahren. Aber hinterher ging’s besser. Ausgeheult hab ich mir hinterher gesagt, dass ich es trotz allem gerade gut habe. Heute Morgen war ich wieder motiviert. Aber auch da ist es nicht lange her, dass ich es als Aufraffen empfunden habe, etwas zu tun, wie laufen. Ich hab nur Süßkram in mich reingestopft und war genervt von mir selbst.

Also wie gesagt, etwas Glück, dass ich gerade eine gute Phase habe, weil das Drumherum auch gut läuft, ist auch dabei :-)

Cadda
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Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Cadda » 20.04.2020, 17:46

Könnte spazieren gehen etwas für Dich sein? Ich hab das für mich entdeckt, seit dem ich nicht mehr trinke. Kein Aufraffen, weil es ja nicht direkt Sport ist. Aber Bewegung an der frischen Luft. Macht den Kopf sehr frei.

Carmen
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Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Carmen » 20.04.2020, 17:49

Liebe Cadda,

danke für deine ehrlichen Worte. Ich wollte jetzt auch bloß keinen Druck aufbauen, dass du hier immer positiv und gut gelaunt sein musst.Ganz im Gegenteil. Hier können wir uns gegenseitig unterstützen und aufbauen. Ich freue mich sehr für Dich, dass du mit deinem Leben zufrieden bist. Das hast du Dir hart erarbeitet. Mir gefällt Deine Grundeinstellung.

Ja! Ich gehe sehr gerne mit meinem Hund zweimal täglich spazieren. Das tut mir immer gut. Aber danke für den Vorschlag. :)

LG
Carmen

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Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Lia » 20.04.2020, 19:37

Hallo Carmen,

Gerade weil du keine Anfangseuphorie empfinden kannst ist es besonders lobenswert dass du dich so diszipliniert durch die Trockenheit kämpfst.
Ich glaube es ist schon wesentlich leichter wenn man am Anfang solche euphorischen Gefühle hat so ist es auch bei mir allerdings kommen auch dann wieder andere Phasen und dann wird es umso schwieriger durchzuhalten weil einem die Euphorie abgeht und man diese dann plötzlich schwer vermisst.
Das kann auch schnell zu einem Rückfall führen deshalb stelle ich mir die Frage ob es so positiv ist mit dieser Euphorie in die Nüchternheit zu starten.
Ich weiß es nicht.
Bei mir ist es jetzt nach fast 3 Wochen immer noch so dass ich jeden morgen total glücklich und dankbar aufwache und auch so den ganzen Tag begehen kann.

Ich bin aber vorbereitet dass dieses Gefühl nachlassen wird und muss dann besonders aufpassen.

Mein Ziel wäre es allerdings irgendwann mal nach so langer auch so positiv berichten zu können wie es bei Cadda der Fall ist.

Ich finde du bist auf einem sehr sehr guten Weg.

LG..Lia

Carmen
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Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Carmen » 20.04.2020, 19:56

Hallo Lia,

danke für Deine Worte. Ich kenne diese Anfangseuphorie von früheren Versuchen. Als diese dann abflachte, kam ich damit nicht zurecht und habe genau das getan, was man eben nicht sollte. Wieder getrunken.
Ich hatte mich einfach nicht gut genug auf diese schlechten Phasen vorbereitet und mich selbst zu wenig beobachtet. Wenn man das aber macht, ist man mit Sicherheit besser in der Lage, diese schlechten Phasen zu händeln.

Ich denke, in der Gesamtsumme macht es keinen großen Unterschied, ob man euphorisch oder leicht deprimiert den Weg in die Trockenheit startet. Wichtig ist, dass wir uns mit unserer Alkoholkrankheit auseinandersetzen und nicht nach ein paar Monaten wieder leichtsinnig werden. Auch das ist mir schon passiert.

LG
Carmen

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Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Carmen » 09.05.2020, 10:27

Am Dienstag starte ich in meine 11. nüchterne Woche. Nasse Gedanken bestimmen immer noch meinen Alltag. Das empfinde ich als sehr anstrengend und auch oft frustrierend. Allerdings erkenne ich diese Suchtgedanken mittlerweile und kann sie von meinem gesunden Denken unterscheiden.

Das war mir früher nicht möglich ; ich dachte, dass diese kranken Gedanken mein eigener Wille wären und habe somit schnell nachgegeben und wieder getrunken. Der Kampf dagegen war mir zu anstrengend. Jetzt lasse ich diese Gedanken zu, akzeptiere , dass sie da und ein Teil meiner Krankheit sind, schaue sie an und lasse sie vorüberziehen. Zu erkennen, dass nicht mein gesunder Anteil, sondern die Sucht diese kranken Gedanken erschafft, hilft mir ungemein.

Hier ein paar Beispiele meiner nassen Gedanken: ,, Du musst endlich mal wieder richtig abschalten, nur einmal trinken, danach kannst du dich wieder mit deiner Krankheit beschäftigen, das hast du dir nach all dem Stress verdient, das Leben ist ja nüchtern garnicht zu ertragen, da kann man ja nur trinken, nur dieses eine Mal, dieses Mal wird es schon nicht ausarten, du hast es in der Vergangenheit nicht geschafft trocken zu werden, also wirst du es auch dieses Mal nicht schaffen, dein " Kampf" bringt eh nichts, irgendwann trinkst du sowieso wieder, quäle dich doch nicht so, das ist ja nicht auszuhalten, schau mal, was du durch deine Sucht alles angerichtet hast und wo du heute stehst, das kannst du garnicht mehr gutmachen, bringt doch alles nichts, du bist ein hoffnungsloser Fall." Und so weiter und sofort. Allein beim Aufschreiben habe ich gemerkt, wie trügerisch und unwahr und perfide diese Gedanken sind.

Diese Erkenntnis habe ich diesem Forum zu verdanken. Ich lese und schreibe hier täglich. Zur Suchthilfe oder Selbsthilfegruppen kann ich wegen Corona leider immer noch nicht gehen, allerdings habe ich nächsten Donnerstag meinen ersten Termin bei einem Therapeuten. Ich habe in der Vergangenheit schon einige Therapien abgebrochen, weil es mir zu unangenehm wurde, möchte es dieses Mal aber ernsthaft angehen und durchziehen.

LG
Carmen

Carl Friedrich
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Re: Noch lange nicht trocken.

Beitrag von Carl Friedrich » 09.05.2020, 11:35

Hallo Carmen!

In den ersten Monaten grüßte mich mein Suchtgedächtnis regelmäßig mit irgendwelchen Versuchen, mich wieder an die Flasche zu bringen. Mal charmant und einschmeichelnd, wie nett doch 1-2 Weißbiere wäre, mal rabiat und brutal, ähnlich wie bei deinen Schilderungen. Die brachiale Methode war und ist für mich viel gefährlicher.

Der charmanten Methode habe ich innerlich erwidert: "Ach Du schon wieder, lebst Du auch noch? Du hast keine Chance bei mir." Das wirkte rasc h und zeitnah.

Die Abstände, in denen sich das Suchtgedächtnis meldet, werden immer größer. Später liegen Wochen und Momnate dazwischen. Meinen letzten heftigen Suchtdruck hatte ich vor 1 1/2 Jahren in der Adventszeit.

Bleib am Ball, Du bist in der Lage, dem Druck zu trotzen.

Der gute Dante schrieb mir bei meinem ersten richtig heftigen Anfall nach ca. 3 Monaten Abstinenz (sinngemäß): "Jede Trigger-Abwehr macht dich für die Zukunft stärker." Ja, das stimmt. Du merkst, der Druck dauert nicht ewig und ist letztlich auszuhalten. Wenn er erst mal abgeklungen ist, fühlte ich mich gleich, als hätte ich ein wichtiges Match gewonnen. Das waren dann Glücksormone pur und unverfälscht, nicht durch eine bio-chemische Substanz bewirkt.

Weiter so.

Gruß
Carl Friedrich

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