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bei mir ist alles anders

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit

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marianee
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bei mir ist alles anders

Beitrag von marianee » 18.04.2020, 07:23

Guten Morgen, ihr Lieben,

Tag 10 hat begonnen.
Ich habe diese Nacht wieder sehr viel hier gelesen.
Meine Suche ging in Richtung Sucht-, Saufdruck.
Ach, da stehen soviel Sachen drin und viele haben ihre eigene Erfahrung und wie sie damit umgehen. Und kämpfen.

Nun zu mir.
In meinen trockenen Zeiten habe ich dieses Craving noch nie erlebt.
Ich habe regelrecht ein Ekelgefühl vor Alkohol jeglicher Coleur.
Schon allein der Gedanke daran lässt mir fast das K... kommen.
Selbst an den Tagen eines Rückfalls, selbst 1 Stunde zuvor ekel ich mich noch davor.
Kann das meine große Gefahr sein?
Weil ich dann natürlich völlig unüberlegt einen Schluck nehme.
Ab diesem Moment ist es vorbei. Da geht die Post ab, so richtig.
Nach dem ersten Schluck kommt der Druck. Dann gehe ich auf Jagd.
Selbst wenn ich noch 6 Flaschen Bier im Haus habe, kriege ich die Panik.
Wie komm ich an Nachschub? Auto geht nicht, hast ja die Fleppen schon mal eingebüßt.
In diesen Momenten wird der Druck mächtig. Alles kreiselt, wo ist Nachschub?
Ich bin mal vor einigen Jahren früh um 7:00 Uhr losgezogen. Hatte nichts mehr da.
Im Bademantel und Badelatschen, weil ich mir die Zeit zum anziehen nicht nehmen konnte.
Die haben sicher alle blöde geguckt. War mir egal, haupsache Bier...

Hat jemand die gleiche Erfahrung gemacht?

Jessica
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Re: bei mir ist alles anders

Beitrag von Jessica » 18.04.2020, 10:11

Nee, so extrem habe ich die Erfahrung nicht gemacht...

Aber richtig Suchtdruck habe ich auch nicht.
Und ich glaube, dass es zwar einerseits einfacher ist. Wenn man das nicht aushalten muss.
Andererseits aber ist es auch gefährlich, weil man dann das Gefühl hat, man hätte ja kein Problem und keine sucht.

Aber dann muss halt der Kopf herhalten.
Der einem klar macht, das es nur beim Glas bleiben würde uns daher es besser ist, gleich nichts zu trinken...

Carl Friedrich
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Re: bei mir ist alles anders

Beitrag von Carl Friedrich » 18.04.2020, 11:01

Hallo!

Nein, so einen Druck, dass ich verwahrlost morgens um 7 losgezogen bin, um Stoff zu beschaffen, kenne ich nicht.

Wie Du selbst beschrieben hast, kannst Du den Konsum wohl nicht kontrollieren. Nach einem Bier geht die Post ab, das nennt sich Kontrollverlust und ist ein Anzeichen für Alkoholismus. Vor meinem Ausstieg konnte ich meinen Konsum nur unter der Woche mit Mühe drosseln (nicht mehr als 3-4 Flaschen Bier), um am nächsten Tag irgendwie arbeitsfähig zu sein. Dafür ging es dann am Freitag 18.00 Uhr los, als gäbe es kein morgen mehr.

Apropos: Mich irritiert die Überschrift deines threads. Ich habe mehrfach Leute kennen gelernt, die so was von sich behaupteten. Bei ihnen war alles anders, deshalb schlugen sie alle Ratschläge und Warnungen in den Wind. Sie meinten, so weiter leben zu müssen wie bisher, halt nur ohne Alkohol. Sie sind alle verunfallt.

Es gibt keine für jedermann gültigen Anweisungen, sich aus dem aktiven Teil der Sucht zu arbeiten, außer das erste Glas stehen zu lassen. Dennoch hat es sich als hilfreich erwiesen, in der ersten Zeit, bis eine gewisse Festigung eingetreten ist, dem Alkohol nicht hinterher zu laufen und sein Leben jenseits und nicht rund um die Flasche zu organisieren.

Gruß
Carl Friedrich

marianee
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Re: bei mir ist alles anders

Beitrag von marianee » 18.04.2020, 11:35

Das mit dem BEI MIR IST ALLES ANDERS habe ich deshalb gewählt, weil ich fast die ganze Nacht nur im Thema Suchtdruck rumgewühlt habe.
Weil bei mir wirklich, wenn ich trocken bin, kein Suchtdruck existiert.
Den Suchtdruck kenne ich natürlich ab dem ersten Glas. Dann ist manchmal alles zu spät gewesen.
Das ich krank bin und ein schwerer Fall von Alkohliker, das ist mir klar.
Und so wie du sagst: "Das erste Glas stehen lassen." Nur das kann die Devise sein. Deshalb haben wir zu Hause striktes Alkoholverbot veranlasst. Meine Frau zieht mit, obwohl sie gern ein Glas Wein (und es bleibt bei einem) trinkt. Alles weg.
Ich möchte nach diesem Rückfall auch keine Feiern besuchen, mindestens ein Jahr nicht. Ich muss das nicht haben. Ich muss mich auf mich konzentrieren und brauch nicht zuzusehen, wie andere sich scheinbar mit Genuss etwas in die Birne kippen.
Auch das hab ich verkündet, egal was die über mich denken.
Das ich meine heutige Lebenssituation ändern werde, ist auch klar. Ich werde, wenn es möglich ist, nie wieder einen so stressigen Job annehmen. Und wenn ich nochmal bei 0 anfange und was anderes mache. Aber auf die Piste, in den Vertrieb mit Umsatzschlägen im Nacken, never. Solln es andere machen. Mir wird ein Stein vom Herzen fallen, wenn die nun endlich mal den blöden Dienstwagen vom Hof holen. Das ist dann der 1. Schritt einer persönlichen Freiheitsrückerlangung für mich. Dann sehe ich weiter. Mir hat das kein Glück gebracht, ich habe mich durch persönlichen Ehrgeiz immer weiter in die Ecke getrieben und war mit mir und der Welt unzufrieden. Das ist vorbei. Endgültig. Ich weiß, wenn ich doch wieder losziehe, gibt es den nächsten Knall. Ich mach das nicht mehr.

Carmen
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Re: bei mir ist alles anders

Beitrag von Carmen » 18.04.2020, 11:51

Hallo Marianee,

mir geht es genauso, wie dir. Sobald ich das erste Glas trinke, entsteht ein unglaublicher Drang und Zwang weiterzutrinken, gegen den ich mich nicht mehr wehren kann und es dann auch garnicht mehr versuche, dagegen anzukämpfen. Ich bin dann wie in einem Wahn - in meiner eigenen Welt - nur noch ich und der Alkohol. Hauptsache Rausch ! Realitätsflucht!

Bei mir ist die Sucht mittlerweile so weit fortgeschritten, dass ich auch schon wie du etliche Male früh morgens völlig dicht losgezogen bin und Nachschub gekauft habe, weil ich einfach nicht mehr aufhören konnte. Hatte ich meinen Tagesvorrat nicht da, wurde ich extrem nervös. Mir war dabei auch völlig egal, wie ich aussah oder auf andere Leute wirkte.

Was bei nur anders ist als bei dir, ist die Sache mit dem Suchtdruck. Ich bin jemand, der sehr stark unter Suchtdruck leidet. Momentan ist das zum Glück nicht so und dafür bin ich sehr dankbar. Alkohol schmeckt mir übrigens garnicht, aber diesen Ekel, den du beschreibst, empfinde ich nicht.

LG
Carmen

Cadda
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Re: bei mir ist alles anders

Beitrag von Cadda » 18.04.2020, 12:03

Ich bin morgens nicht verwahrlost losgezogen und mir war es nicht egal, was die Leute dachten. Losgezogen bin ich trotzdem, wenn ich Wein brauchte. Ich hab mich fertig gemacht, versucht Haltung zu bewahren und habe mir den Wein trotzdem besorgt und getrunken. Und wenn ich besoffen, z.B. auf ner Feier war, hätte ich auch gern Haltung bewahrt, aber das gelang mir aufgrund des Kontrollverlustes nicht immer.

Wenn ich angefangen hatte zu trinken, dann auch so lange, bis ich betrunken war. Mit einem leichten Glimmer (das Gefühl, was ich mochte) hat es NIE aufgehört. Das ist es, was ich immer beibehalten wollte. Angeduselt sein und dann aufhören, es dabei belassen. Kann ich nicht. Bei mir geht nur ganz oder gar nicht.

Sunshine_33
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Re: bei mir ist alles anders

Beitrag von Sunshine_33 » 18.04.2020, 14:04

Hallo Marianee,

ich finde Deinen Thread-Titel auch etwas irreführend, aus den Gründen, die CF schon beschrieb.

Ich hätte mich beinahe zu Tode gesoffen, aber mir ist es trotzdem auch nie passiert, das ich im Schlafi oder Bademantel Alk gekauft hätte.
Zumal ich gar nicht im Besitz eines Bademantels bin :lol:
Es kommt halt darauf an, wie weit man sich schon runter gesoffen hat... denke ich.
Ich gehe von daher davon aus, das bei mir auch noch einiges an Peinlichkeiten möglich gewesen wäre, wenn mein Körper nur noch länger mitgemacht hätte.
Hat er aber nicht.

Hier schrieb mal jemand vor langer Zeit, das er im letzten nassen Stadium seiner Sucht auch notfalls Bier aus dem Gullideckel gesoffen hätte.
Das ist mir ziemlich im Gedächtnis geblieben.
Den Suchtdruck kenne ich natürlich ab dem ersten Glas. Dann ist manchmal alles zu spät gewesen.
Ich denke, diese Art von Suchtdruck kennen wir alle hier.
Denn es ist ja das charakteristische an unserer Krankheit, nach dem ersten Glas oder ersten Gläsern nicht mehr aufhören zu können.
Das ist ja eines der ganz typischen Symptome unserer Krankheit.

Von daher ist ja die einzige Alternative, das erste Glas stehenzulassen, wenn man ein trockenes und lebenswertes Leben (zurück) haben will.
So einfach ist das :wink:
Und eben doch nicht so einfach...

Es wird aber mit den Jahren immer einfacher, jedenfalls ist das bei mir so.
Alkohol spielt in meinem Leben keinerlei Rolle mehr, ich könnte Dir nicht mal mehr sagen, was ne Pulle Bier kostet und sollte in den Supermärkten der Umgebung umgebaut worden sein, würde ich nicht mal mehr die Weinabteilung finden, selbst wenn ich müsste.
Aber muss ich ja nicht. :)
Ich bin allerdings auch schon seit ca.18 Jahren trocken und habe mich sehr viel mit unserer Krankheit auseinander gesetzt, viele Jahre auch hier im Forum.

In meinem Alltag habe ich allerdings keine Berührungen mehr mit dem Alk, weder bei mir Zuhause in auch nur irgendeiner Form noch anderswo.
Und ich muss sagen, auch gedanklich kommt er eigentlich nur noch vor, wenn ich hier im Forum lese oder schreibe.
Die Erinnerungen sind aber alle noch grundsätzlich da, nur vielleicht etwas verblasster durch die Zeit.
Also notfalls auch abrufbar oder sie kommen auch von ganz allein, wenn ich bestimmte Geschichten hier lese.
Wenn ich allerdings meinen Hobbys nachgehe, oder meinem ganz normalen Alltag lebe, denke ich eigentlich nie an meine Krankheit.
Allerdings lebe ich immer noch weitestgehend nach unseren Grundbausteinen hier und bin damit bisher auch immer sehr gut gefahren.
Und vieles ist einfach auch in Fleisch und Blut übergegangen, wie beispielsweise Nachfragen im Restaurants bei bestimmten Speisen, das Lesen der Zutatenliste bei Fertiggerichten etc.pp.

Am Anfang meiner Trockenheit war vieles aber auch noch anders... und die intensive Auseinadersetzung mit meiner Krankheit ging über einige Jahre.

LG Sunshine

marianee
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Re: bei mir ist alles anders

Beitrag von marianee » 18.04.2020, 16:37

Hallo Sunshine,

danke für dein Feedback. Ist für mich sehr wichtig, die verschiedenen Meinungen zu hören und mir daraus mein Konstrukt zu bauen.
Ich hatte bis zum Oktober 2019 auch 8 Jahre Trockenheit gelebt.
Wahrscheinlich ist dann im Gegensatz zu dir, die Verblassung soweit gediegen gewesen, dass ich gar nicht mehr über die lauernde Gefahr nachgedacht habe.
Ich habe zur Flasche Bier gegriffen, als ob ich nach nem Espresso greife.
Ohne Gedanken, ohne irgendwie dabei an die frühere Zeit zu denken.
Und das war der Kardinalfehler. Völlig abstrus und abgedreht.
Ich hab beim ersten Schluck nichtmal nachgedacht, was jetzt für ein Rattenschwanz kommt.
Heute sagt ich, wie verblödet bist du eigentlich.
Aus diesem Grund werde ich meine Strategie so bauen müssen, dass ich mir sicher immer wieder, wenn ich es schaffe auch in 20 Jahren, dieses Chaos vor Augen halten muss.
Gibts eine gute Rede: "Der Regen von gestern macht uns nicht nass, sagen die Leute. Diese Abgestumpftheit ist es, die wir zu bekämpfen haben. Ihr äußerster Grad ist der Tod...." Und genau das traf für mich zu.
Ich werde mir das nicht auf die Stirn schreiben und jedem mein Schicksal erzählen.
Ich habe mir allerdings geschworen, dass ich mir meine Krankheit vor Augen halten muss.
Auch wenn der Fakt an sich verblassen wird. Dennoch darf ich nicht vergessen, dass ich vergesslich war.

LG, marianee

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