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Codierte Veränderungen

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum.
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kaltblut
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Re: Codierte Veränderungen

Beitrag von kaltblut » 03.09.2019, 16:32

Hallo Ihr,

rum das Jahr. Von hinten betrachtet war es gut. Ansonsten will ich so was nicht nochmal. Kurzablauf der letzten 1 1/2 Jahre:
Meine Hausratversicherung hatte mir gekündigt, machen die so bei 3 Schäden, nur was kann ich dafür, wenn durch anderes Verschulden was passiert und ich mit dran bin? Nix, aber ohne Versicherung, möchte ich nicht mehr dran denken. Es gab einen Kurzschluss letztes Jahr, da hatte es gebrannt, einen Blitzeinschlag, da war vieles hin, nebenan einen Leitungsbruch, da stand der Keller unter Wasser und paar Tage später Haus und Garten voll mit Partygästen, die Trockner liefen volle Kanne, es war trotzdem kein ausgetrocknetes Fest. Die angehende Schwiegertochter wurde wieder sehr krank, Hochzeit verschoben, aber ein Schutzengel hat aus dem seidenen Faden wieder ein kräftiges Tau gemacht und jetzt ist es bald so weit.

Dann fuhr einer Absichtlich in die neue Karre und stand sich ganz gut dabei, nur ich nicht. Die Verwirklichung als Küchenbauer nahm etwas mehr Überlegungszeit in Anspruch als gedacht, Gebrauchsanleitungen sind eben oft Müll, da fing die Birne an zu qualmen und maßgeschneidert beinhaltet so viele Toleranzen, kopfschüttel, dafür ist die neue Küche schon was Besonderes und ich habe wieder Experimentierspaß.

Es kommen halt jetzt Dinge auf mich zu, wo ich denke: wie hätte das heute funktionieren sollen, wenn sich nicht rechtzeitig etwas geändert hätte? Ich werde auch immer kritischer, scheint daran zu liegen, dass immer früher immer mehr Blödes auffällt, wie dieser Küchenprofi, der sich um 2.5cm vermisst. Toleranz, sowas brauche ich im Leben auch, mehr Toleranz.

Wir standen voriges Jahr z. B. am Berg und mir ging die Puste aus und das Herz ging in die Hose, der Hypochonder wurde geweckt und gleichzeitig war ich stink sauer auf meine motzende Frau, wo die doch überhaupt nichts dafür konnte. Eine vollkommen neue Situation. Alles untersucht, mit Geräten rumgelaufen, bis zum Umfallen gestrampelt, sogar Strahlemannzeug in mich reinspritzen lassen, was ich nie machen lassen wollte, aber plötzlich war ich hilflos, alles war anders und natürlich habe ich mich auch nicht gesund gefühlt. Die mich in Röhren geschoben und alles durchforstet, aber alles in Butter. Dann sagt dir einer: wie, wo war das, aha, das ist doch normal, ab so 2000m muss man mal häufiger eine Höhenanpasspause einlegen und was trinken, dann geht’s wieder, je älter man wird, umso häufiger kann das vorkommen. War mir neu, für mich gab es so was nur am Himalaja. Da kommen so viele neue Dinge auf einen zu und auf die heißt es sich einzustellen. Der ganze Untersuchungsmüll, der auch bestimmt nicht preiswert war, wäre komplett überflüssig gewesen, wenn ganz am Anfang einer richtig zugehört und kombiniert, was fachmännisches vor sich gegeben hätte, aber da haben einige ganz legal gute Kohle mit gemacht, durch gewolltes Weghören. 1 Stunde in einer richtigen „Sprechstunde“ und das Ding wäre gegessen gewesen, aber der Hypochonder brauchte was zum Festhalten.

Fehlverhalten aus Jahrzenten kommt gebündelt auf einen zu, dazu Unwissenheit, also nicht aufgepasst oder mit anderem beschäftigt, als Sahnehäubchen einiges vergessen, daraus wird ein richtiges Paket. Heißhunger auf irgendwas z. B. bedeutet, dass irgendwas innendrin passiert. Fehlende Bewegung und es geht was nicht. Unruhe im Kopf und es läuft was durcheinander, schon haste die Lauferei. Der Unterschied zu früher ist, dass ich es schon fast riechen und fühlen kann, obwohl es noch nicht da ist und mich trotzdem oft falsch verhalte. Das ist wie kleine Saufattacken. Gut, einen Rausch mit einer Kugel Eis zu vergleichen ist lachhaft, aber wenn ich mich anschließend von der Zuckerbombe schlecht fühle?

So oder so langt dir irgendwer in die Tasche und du kannst einfach nur still da sitzen und musst zuschauen oder startest als Rumpelstilzchen und stampfst Löcher in den Boden, das gibt Gelenkverschleiß mit Folgeärger oder langst dir selbst ins Hirn. Laufend ins Hirn langen, das hatten wir ja auch schon, habe ich ja hier gelernt, zum Glück. Es wiederholt sich alles, nur etwas anders.

Es hieß dann immer du musst agieren und nicht reagieren, weil ich als guter Co ja immer auf meinen trinkenden Partner eine Reaktion zeigte. Ich kann gar nicht so viel ändern und agieren wie ich müsste, um all meine überflüssigen Reaktionen weg zu bekommen. Was ich kann ist nix tun, einfach nix und es so annehmen wie es ist und wenn es in mir stimmt, komme ich gut klar. Wenn nicht, dann zerreißt es in mir, also ist mein Job dafür zu sorgen dass es stimmt und nicht auf anderen Hochzeiten rumzutanzen.

Es gibt einiges wo es in mir ruhiger geworden ist, langsamer, bedachter, jedes Jahr mehr, das kann mich auch aufregen. Was habe ich mich gesträubt und Stress verursacht. Weniger Adrenalinausstoß durch Nixtun könnte ja auch weniger Lebensqualität sein, da fehlte mir noch was, habe ich gedacht. Es gibt Entwicklungen, wo ich vor 1-2 Jahren noch an die Decke gegangen wäre oder die ich vollkommen abgelehnt hätte. Scheinbar kommt das alles von ganz alleine. Wer will, der kann ja seine Energie verpulvern, nur nicht auf meine Kosten.

Neulich las ich hier meine Erkenntnisse von vor 11 Jahren. Was muss ich einen an der Waffel gehabt haben. Da war so vieles undenkbar. Das geht ja nicht weg, so wie ein Pickel, das ist ja da, nur immer anders. Ich lebe gut, fühle mich gut, stehe im Leben und nicht am Abgrund und irre Gefühle und Gedanken habe ich auch keine.

Es macht also Sinn, die Dinge in seinem Leben zu ändern, immer wieder zu ändern. Das fing so unbedeutend mit lesen hier im Forum an.

Manchmal lese ich hier auch Geschichten, wo sich vieles zum Guten hin geändert hat. Dann denke ich: ja, dafür sind wir auf der Welt, dass es uns gut geht. Solche Geschichten hier in diesem Forum zu verfolgen ist selten und ein Highlight. Leider gehen viele bevor sich etwas ändert und wenn ein neues Kapitel beginnt, dann endet meist auch die Selbsthilfe und das Mitteilungsbedürfnis.

Eigentlich ja nicht, denn es kommt immer was Neues und im Kern, also ganz tief drin, da ist das was ich hier mitgenommen habe der Grundstein zum Ändern, also dass es mir gut geht, immer wieder gut geht und dass ich mit den kommenden neuen Dingen klar komme. Das Wiederholen und das Nichtvergessen, das ist das Schwierige.

Jetzt gehts auf den Berg, Urlaub, bis bald mal.

LG und gute 24Stunden Karl

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