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Der "Drei-Jahres-Faden"

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum.
Ein neues Thema bitte erst ab ein Jahr Trockenheit eröffnen.

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Petter
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Re: Der "Drei-Jahres-Faden"

Beitrag von Petter » 28.10.2019, 07:29

Guten Morgen Freunde,

gestern war wieder mal so ein Tag, an dem ich mehr aufgeregt habe, als mir gut tat. Es arbeitet dann lange in mir und ich schlafe schlecht.

Das Wochenende habe ich in Ostfriesland bei Verwandten verbracht, die ich einzig aus dem Grund besucht habe, um Erbschaftssachen für meine alte Mutter einzuforden. Solche Dinge sind dermaßen unangenehm, daß sie mich um den Schlaf bringen. Raffgier, falsche Versprechungen, Verlogenheit... auf einmal bin ich mit vielen "Charakterstärken" der Verwandschaft konfrontiert, die mich fassungslos machen.

Auf der Rückfahrt habe ich einen Waggon nach dem anderen gewechselt, weil dort Leute saßen, die mich noch mehr aufregten: mittags um 12 Uhr wurde Alkohol getrunken, laut Musik gehört, telefoniert... Das war zuviel für mein gestriges Nervenkostüm und bin ich so lange durch den Zug gelaufen, bis ich ein ruhiges Abteil fand. Ich frage mich dann immer, ob ich überempfindlich bin, hypersensibel oder schon gestört, daß ich sowas kaum noch ertrage. Aber nun... ich werde älter, die Nerven dünner und merke: wenn ich mich zu sehr über dies und das in Folge aufrege, dann kumuliert das offensichtlich und irgendwann wird auch das sich Aufregen zuviel.

Die vergangene Woche aber war ausgesprochen schön: Meine Trauma-Therapie tut mir sehr gut, ich lerne verschiedene Techniken und merke, wie sich (erst gaaaanz langsam) meine Wahrnehmung verändert, wie sich mein Verhalten ändert und vor allem wie sich meine körperlichen Reaktionen ändern, wenn ich in Situationen gerade, die dem Auslöser des Traums ähneln. "Ein Wunder!" dachte ich neulich, nach meiner ersten EMDR-Sitzung. Wer nun wissen möchte, was das ist: einfach mal googeln!

Am vergangenen MIttwoch war gefühlsmäßig mein Höhepunkt des Jahres. Ich war während der Arbeit eine halbe Stunde bei meinen Chefs, eigentlich ein normaler Vorgang, es wird dies und das besprochen. Diesmal aber war es anders. Unabhängig voneinander habe ich beide getroffen, beide Gespräche waren so angenehm und entspannt, daß ich hinterher auf dem Bahnsteig in der Sonne stand und dachte: "Wow, Peter. Du bist nicht nur angekommen, du wirst angenommen, sehr gut behandelt und in bist einer Phase deines Lebens, die außergewöhnlich gut und lang ist." Das habe ich mehrfach vor mich hin gedacht und mich durchströmte ein wunderbares Gefühl von Zufriedenheit und Glück.

Das alles ist ein Wunder, das Wunder (m)eines trockenen und nüchternen Lebens. Ich bin wieder und wieder wahnsinnig glücklich darüber.

Danke fürs Lesen!

Peter

Linde66
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Re: Der "Drei-Jahres-Faden"

Beitrag von Linde66 » 28.10.2019, 21:18

Hallo Peter,
bei mir hat EMDR erheblich dazu beigetragen, neben etlichen anderen Techniken (Lesetipp, div. von der Traumaforscherin Luise Reddemann), das Trauma zu integrieren und mich insgesamt zu stabilisieren.

Liebe Grüße, Linde

Petter
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Re: Der "Drei-Jahres-Faden"

Beitrag von Petter » 02.11.2019, 09:45

Hallo Linde,

danke für den netten Tipp. Ich bleibe dran... es hilft tatsächlich.

Liebe Grüße, Peter

Petter
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Re: Der "Drei-Jahres-Faden"

Beitrag von Petter » 29.01.2021, 07:26

Guten Morgen liebe Freunde,

gerade fällt mir auf, daß mein "Drei-Jahres-Faden" nun fast "Fünfzehn-Jahres-Faden" heissen könnte ;-) Jedenfalls, wenn ich richtig gerechnet habe.
Letztes Jahr habe ich meinen Trockengeburtstag gar nicht wahrgenommen, Corona sei Dank. Es ist einfach zuviel los auf der Welt, in der Gesellschaft, mit uns allen, die wir von Tag zu Tag scheinbar mehr gefordert sind, mit dieser merkwürdigen Lage zurecht zu kommen.

Seit meinem letzten Beitrag ist soviel geschehen, daß mir leicht schwindelig wird, wenn ich es Revue passieren lasse. Meine Mutter wurde schwer krank und starb Anfang Dezember 2019, was mich sehr mitgenommen hat. Ich musste erfahren, wie schwer und wie anstrengend Trauer sein kann. Kaum war das Leben wieder ein wenig in der Normalspur, kam Corona. Ich bekam eine schwere Grippe, so schlimm wie noch nie in meinem Leben, und nach fast zwei Wochen Bett, kam ich dann wieder auf die Beine, um kurz danach von meiner Zahnärztin wieder aus der Bahn geworfen zu werden: eine Falschbehandlung mit einem Laser am Gaumen führte zu einem großen Loch, daß der Knochen frei lag. Fünf Wochen war ich arbeitsunfähig und hatte extrem starke Schmerzen. Auch heute noch spüre ich die täglich Folgen dieser "Behandlung" und muss ständig achtgeben, was ich esse, wie ich kaue und wie lange ich rede. Ein Anwalt kümmert sich nun, auch damit ich das aus dem Kopf bekomme und auch, damit meine Wut darüber verraucht. Egal was dabei rauskommt, wichtig ist, daß die Zahnärztin nie wieder jemanden auf diese Art behandelt.

Ich bin nach so vielen Jahren der zufriedenen Trockenheit sehr glücklich, daß mich diese Erlebnisse nicht zum Trinken gebracht haben. Ich habe noch nichtmal im Traum daran gedacht, das ist wirklich wunderbar. Ich bin zwar nie sicher, aber ich bin stabil, das ist wichtig.
Heute habe ich in der Zeitung gelesen, daß Suchtberater Alarm schlagen, weil viele Menschen in dieser Pandemie-Zeit mehr und mehr zur Flasche greifen. Das mir als trockenem Alkoholiker dieser Gedanke noch nicht gekommen ist, hat mich ein wenig gewundert und ich dachte mir "Schau ich mal ins Forum, ob sich das hier niederschlägt." Das mache ich nun!

Danke fürs Lesen,
Peter

Dante
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Re: Der "Drei-Jahres-Faden"

Beitrag von Dante » 08.02.2021, 12:44

Das alltägliche Wahnsinn halt.

& wir sind trocken. ;)

& das ist auch gut so. 8)

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