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Der "Drei-Jahres-Faden"

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum.
Ein neues Thema bitte erst ab ein Jahr Trockenheit eröffnen.

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Petter
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Der "Drei-Jahres-Faden"

Beitrag von Petter » 14.09.2009, 11:06

so nenne ich jetzt mein neues thema hier bei euch. ich habe überlegt, ob ich es tagebuch nenne oder sonstwie - aber es fiel mir nichts passendes ein.

ich kann nicht täglich hier reinschreiben, aber ich möchte schreiben, wenn mir danach ist und ich etwas loswerden muss und/oder möchte.

heute habe ich ein wenig in meinen "anfängen" hier im forum herumgestöbert... meinen ersten beitrag zum beispiel.. ich sehe meine alte wohnung in berlin vor mir - nach jahren mal ohne leergut.., ich sehe mich ganz hibbelig hier reinschreiben und noch viel hibbeliger die ersten antworten lesen.. du meine güte war das aufregend!! ich habe gerade angefangen zu weinen, so hat es mich angefasst: einfach nur tiefe dankbarkeit, aus dem dunkel des alkohol herausgekommen zu sein.

chiara, engelchen, teufelchen, annika, karsten, freund... und und und: ich kann sie nicht wirklich alle aufzählen, die mir hier bei den ersten schritten behilflich waren.. es war wunderbar für mich und ohne euch hätte ich die ersten wochen nicht geschafft. ich werde das nicht vergessen.

drei jahre lebe ich trocken. drei sehr aufregende jahre... voller hoffnungen, fürchterlichen enttäuschungen und neuen hoffnungen. ich habe meinen freundeskreis "ausgedünnt".. ich habe eine vollkommen neue arbeit gesucht und gefunden, ich habe die stadt, in der ich das saufen anfing und beendete, verlassen. ich habe uralte freunde wiedergefunden - das ist mit das schönste in dieser zeit...

ich habe lernen müssen, mit einer chronischen krankheit zu leben. und ich habe lernen müssen, dass ich nicht alles kontrollieren kann... zuallererst meinen alkoholkonsum: damit fing alles an und mit diesem eingeständnis konnte ich mir ein neues leben aufbauen.

es war ein "auf-den-kopf-stellen" meines bisherigen lebens, eine sehr offene und harte bestandsaufnahme. plötzlich, nach meinem eingeständnis, dass ich alkoholiker bin und nicht mehr weiter weiss, ging es relativ schnell... ich suchte und bekam hilfe, ich traute mich, dinge auszusprechen, die vorher undenkbar waren: ICH ein säufer? ICH - einer, der "entzugserscheinungen" hatte? ICH, der sein leben zuletzt nur noch nach dem stoff ausgerichtet hatte? ICH, einer, der sein leben nicht mehr im griff hatte? das mag nach pillepalle klingen... aber es sind viele kleine schritte und das erkennen der eigenen niederlage, des eigenen kläglichen lebens, das zum schluss nur noch auf den alkohol ausgerichtet war - dies eingeständnis war mein start für ein neues leben.

das erkennen meines trümmerhaufens, der sich auch MEIN LEBEN nennt, war das schlimmste... irgendwann, ein paar tage später, begann ich trocken zu werden. es gab nicht zwei oder mehrere möglichkeiten, zu leben. es gab nur EINE: trocken und nüchtern zu werden und zu bleiben.

wie ich diese drei trockenen jahre erlebt habe, aus der perspektive von heute, das werde ich hier reinschreiben, mit aktuellen dingen von heute.

ich würde mich sehr freuen, wenn es anderen hilft, trocken zu werden. über das eine oder andere feedback freue ich mich natürlich auch.

petter

Andi

Beitrag von Andi » 14.09.2009, 11:11

Hallo Petter,
dann hat sich meine Frage in deinem alten Thread ja erübrigt :lol:

Schön das Du jetzt des öfteren wieder hier mal zu lesen bist,ich freue mich!!

Lieben Gruß,Andi

zerfreila
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Beitrag von zerfreila » 14.09.2009, 22:28

Hallo Petter,

ich bedanke mich schonmal bei Dir für Deinen ersten Bericht und freue mich auf weitere.

Liebe Grüße

zerfreila

Petter
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Beitrag von Petter » 15.09.2009, 09:03

moin zusammen!

ich muss mich hier erstmal wieder reinfummeln bei euch.. so richtig habe ich das ja nie verstanden..: da macht jemand ein thema auf und im laufe der tage und wochen entwickelt es dann mit den vielen antworten ein ganz anderes thema, denke ich manchmal. dann muss ich zurückblättern und gucken: worum ging es eigentlich?! aber vielleicht bin ich auch zu alt und verstehe das system nicht? ich werd es weiter beobachten ;-)



wenn ich versuche, mich an meine ersten versuche zum trockenwerden zu erinnern, muss ich leicht lächeln... aber auch mich schütteln. mein leben war (auch wenn ich das damals nicht so sah) voll und ganz auf meinen alkohol-konsum ausgerichtet: wann kann ich wo was einkaufen, wen treffe ich, kann ich einladungen annehmen - wird da auch genug getrunken, habe ich genug bier und wein zuhause und so weiter...

immer, wenn einmal ein leichter blitz durch meinen kopf ging: "mann, lass das endlich!!" habe ich diese gedanken schnell wieder beiseite gespült.. denn erstens wusste ich, dass es alles andere als einfach ist und zweitens ahnte ich auch, WARUM das nicht so leicht sein würde...

ich hatte viele "freunde", die nasse alkoholiker waren - aber ich hatte nur einen freund, der trocken war und blieb.

von anfang an, schon vorher auch, war mir klar: trocken werden und trocken bleiben sind verschiedene dinge... und genau DAVOR hatte ich angst.

es war die angst zu erfahren, was dazugehört, trocken zu bleiben: nämlich die dauerhafte umstellung meines eigenen lebens. tief im innern wusste ich: das ist keine sache von heute auf morgen - das ist etwas, mit ich nach meinem verkorksten leben und alk-missbrauch mein leben lang zu tun haben werde. auf den logischen gedanken, dass ich als säufer ERSTRECHT mein leben lang damit zu haben würde bin ich natürlich nicht gekommen... lieber weitersaufen und das leben "geniessen" als trocken und nüchtern werden. bloss nicht an der seele kratzen.. das könnte ja weh tun ;-)

das saufen, die nebenwirkungen, die auswirkungen auf meine psyche und meine umwelt, mein asoziales dasein, die totale perspektivlosigkeit meines lebens, das weitermachen-es-merkt-schon-niemand.... das alles tat so sauweh und doch machte ich weiter. ohne rücksicht auf mich und noch rücksichtsloser gegenüber anderen.

letztlich war es der körper, der mir signalisierte: "STOP"... nicht mein kopf.. der war schon zu verblödet vom saufen und kam leider nicht auf den gedanken, aufzuhören. zweimal war ich im krankenhaus wegen meines bluthochdrucks. ich hatte fürchterliche angst.. und bin hin- und hergeeiert... zwischen den "freunden" aus der kneipe, die voller mitleid waren und dem arzt, der mir tabletten verordnete.

ein jahr habe ich sicher gebraucht... dabei war es "nur" das jahr der inneren vorbereitung zum ändern meines lebens. jeden tag habe ich x-mal gedacht: "hör auf...!!" ....und es doch nicht geschafft. das waren die monate, in denen ich in meiner wohnung stets frische neue kästen bier hortete... dies letzte jahr meines saufens war geprägt von tagen ohne nüchternheit, von immer wiederkehrendem entzug.
es war aber besonders geprägt von einem unausstehlichen und unzufriedenen menschen.. ich habe begonnen, alles zu vernachlässigen:

meine finanzen, meine psyche sowieso, die wenigen wirklichen freunde habe ich vor den kopf gestossen, meine körperhygiene. nachdem ich mehrmals im eigenen kot aufgewacht bin und ich gerade noch die spuren beseitigen konnte, bevor ich zum nachschub holen eilte, begann ganz langsam mein umdenken.

aber ich hatte noch immer sooooviel angst vor einem trockenen leben... es kam mir so "freudlos" vor... so "sinnlos".. da lag ich also im eigenen dreck (tatsächlich) und zweifelte immer noch..

--
jetzt atme ich mal kurz durch. es nimmt mich immer noch mit und ich werde es fortsetzen.



petter

Feengesicht
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Beitrag von Feengesicht » 15.09.2009, 20:31

Hallo Petter

Möchtest du weiterschreiben?

Diese Texte werden vielen Menschen trocken zubleiben, und zu Leben sehr helfen!

Alles liebe Pia

Karsten
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Beitrag von Karsten » 18.09.2009, 09:34

Hallo Petter,

ich würde mich auch freuen, weiter von dir zu lesen.
Positive Lebensgeschichten werden vielen Menschen zeigen können, das es sich lohnt, die notwendigen Veränderungen an sich und seinen Leben vorzunehmen.

Gruß
Karsten

claro
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Beitrag von claro » 22.09.2009, 07:10

was für eine beichte.
du musst schon ganz schön nach vorne gekommen sein, um das so schreiben zu können.
respekt.
ich freue mich auf die fortsetzung
gruss frank

Petter
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Beitrag von Petter » 22.09.2009, 09:09

guten morgen!

ich schreibe gern weiter, es ist wichtig für mich. es ist aber auch nicht ganz einfach, weil ich mich plötzlich vor strukturellen schwierigkeiten sehe: mache ich das chronologisch? springe ich in verschiedenen ebenen? wie bekomme ich mit, wenn ich mich wiederhole? - letztlich entscheide ich mich gerade für: ich mache es einfach, auch auf die gefahr hin, dass es manchmal durcheinander gerät. ich bin kein schriftsteller und ich habe auch keinen lektor.


*schnipp*


ich lag öfter in meinem eigenen dreck, als mir lieb war. aber ich hatte auch so eine "schnell-spuren-beseitigen* - mentalität und so sah es bei mir zuhause immer recht ordentlich aus. mir war das wichtig und es gehörte zu meinem versteckspiel: "bei mir ist alles in ordnung!"... sogar die weinflaschen und bierkästen waren ordentlich hingestellt, obwohl sie nur einen einzigen sinn hatten: mich zu betäuben und mich WEGzumachen.

irgendwann klappte das mit der körperhygiene nach meinen immer länger dauernden saufexzessen nicht mehr so gut. meist habe ich es gar nicht gemerkt... einer freundin habe ich mal - natürlich im brustton der überzeugung - gesagt, öfter als zweimal duschen sei sehr schädlich für die haut... dabei war der einzige grund dafür meine faulheit und natürlich das, was immer mehr an die erste stelle in meinem leben gerückt war: der konsum von alkohol.

was muss ich gestunken haben.... oh je... von vielen saufabenden in meiner stammkneipe bin ich mit dem taxi nach hause gefahren. ich konnte gerade noch sagen, wohin ich musste. danach schaltete ich schon um auf pöbeleien, unverschämtheiten und so weiter. wenn ich überlege, wieviele völlig unbeteilgte menschen ich im suff beleidigt und beschimpft habe, wird mir schlecht. dass ich nie verprügelt wurde, liegt allein an meiner körpergröße und meinem direkten und massiven auftreten. da wagt kaum einer was zu sagen - und das wusste ich natürlich. also immer drauf auf die kleinen, immer weiter gepöbelt und rumgestänkert. ich war ein ausgesprochen widerlicher kerl.

wenn ich nach so einer nacht endlich zuhause ankam, musste natürlich immer noch ein "gute-nacht-schluck" irgendwo gebunkert sein. dann warf ich die glotze an, schmiss mich aufs sofa und trank mich endgültig in die besinnungslosigkeit. das erwachen war immer böse... nicht nur der übliche kopfschmerz, der fürchterliche geschmack im mund und die merkwürdig aussehende wohnung wurden meine häufigen begleiter. auch die kotverschmierte toilettenbrille - und eben leider immer öfter, die eingemachte bettwäsche und matratze.

ich habe mich nicht geschämt, glaube ich. in meiner erinnerung habe ich funktioniert: heisses wasser in den eimer, essig rein, geschrubbt... so gut das ging. die wohnnung wieder halbwegs auf vordermann gebracht... sozusagen einen "haushaltstag-extra" eingelegt. ich glaube, ich habe noch nicht mal etwas gedacht, als ich die "bescherung" im bett das erste mal sah... es war so ungeheuerlich, dass ich es selber ausblendete.

nach so einem anstrengenden erwachen ist es selbstverständlich, dass ich mich belohnte: schnell zum einkaufsladen und nachschub geholt, der tag sollte schliesslich schön werden...

zu meiner fehlenden achtsamkeit mir selbst gegenüber gehört natürlich auch die kleidung. ich habe noch in erninnerung, wieviel hosen und hemden ich am ende hatte, die ich benutze... eine hose, zwei hemden. der rest passte nämlich nicht mehr, weil ich immer fetter wurde und auf 4XL anzuschwellen drohte: im klartext: das ist X X X X L... bei 3XL habe ich dichtgemacht. ich betrieb "leben-auf-substanz" in jeglicher richtung.

die hose hatte im schritt keine heile naht mehr; meine unterhosen waren durchlöchert. irgendwann hatte ich einen arzttermin, zu dem ich MUSSTE, das heisst, mir gings wirklich schlecht. bei der sonographie bemerkt der arzt natürlich meine kleidung und guckte beschämt leicht nach oben. diesen blick vergesse ich nie. ich bin fast gestorben... so tief kam mir der fall vor. das war kein fremder arzt... das war einer, mit dem ich ich duzte und der mich kannte.

so lebte ich von tag zu tag... in immer schlechter werdender kleidung und mit immer schlechter werdender gesundheit durch die tage, die ich nicht mehr merkte und deren wochentage ich oft nicht wusste.

im hinterkopf hatte ich ständig den gedanken: "peter, wenn du so weitermachst, wirst du richtig krank werden."

wie weit ich krank werden würde durch meinen alkoholmissbrauch, ahnte ich nicht. ich verdrängte es, bis der körper sich holte, was er brauchte. und selbst diese anzeichen, in ihrer art durchaus lebensbedrohlich, die eben keine zeigefinger mehr waren, sondern sehr deutliche warnhinweise - ich sah sie nicht und wollte sie nicht sehen.



danke fürs lesen. es geht weiter.

peter

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