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Der "Drei-Jahres-Faden"

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum.
Ein neues Thema bitte erst ab ein Jahr Trockenheit eröffnen.

Moderator: Moderatoren

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Slowly
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Beitrag von Slowly » 01.07.2014, 09:35

Hallo,

was für "Rechte" könnten über die Rechte eines Menschen gehen, innerhalb einer Selbsthilfegruppe seine Wünsche auszusprechen ?

Wenn der Andere das dann nicht akzeptieren will, dann ist das eine andere Sache.

Hier wurde aber schon das Recht auf die Äußerung dieses Wunsches abgesprochen.

Geht gar nicht !

Für mich.

Slowly

Petter
neuer Teilnehmer
Beiträge: 361
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Beitrag von Petter » 22.07.2014, 09:26

Hallo zusammen.

Natürlich freue ich mich, daß ich hier bleibe. Das Forum ist meine erste Selbsthilfegruppe und so etwas aufzugeben, tut weh. Meinem Wunsch, der mit Zensur wirklich gar nichts zu tun hatte, wurde freundlich entsprochen und damit ist es auch gut, finde ich. Ich danke besonders Matthias für sein Verständnis.

Vor wenigen Tagen hatte ich während der Arbeit ein Erlebnis, daß mich stark an meine nassen Jahre erinnerte, vor allem aber an meine letzten Wochen, die ich heute als besonders schlimm empfinde, weil ich nur noch wenig von mir selber mitbekam.

Kurz vor der Abfahrt meines Zuges sah ich im Augenwinkel und der letzten Sekunde vor dem Türenschliessen, wie ein Mann in die sich schließende Tür zwängte. Im Moment, als ich losfahren wollte, hörte ich eine Zugbegleiterin durch die Sprechanlage "Halt, halt, halt!" rufen und ging in den Wagen. Dort sah ich einen betrunkenen Mann in meinem Alter mit zerrissenenem Hemd, der nicht mehr stehen konnte. Er hielt sich eine Hand an den Kopf, aus dem aus einer großen Wunde Blut schoß. Der Zug war voll und die anderen Fahrgäste waren starr und gelähmt, denn dieser Mann bot einen schlimmen Anblick. Natürlich konnten wir diesen Mann nicht mitnehmen; der Boden war bereits mit sehr viel Blut bedeckt, doch der Mann ließ nicht mit sich reden und tat so, als sei alles ganz normal. Er lallte laut vor sich hin und weil er so ohne jede Koordination und Körperkontrolle war, fiel er blutend gegen diesen und gegen jenen Fahrgast. Bevor die Lage schlimmer zu werden drohte, versuchte ich, den Mann auf den Bahnsteig zu bekommen, damit er sich hinsetzen konnte, doch das schaffte ich nicht. Ich rief einen Krankenwagen, doch bis der kam, schlüpfte der Mann durch die Abteile und setzte sich irgendwo hin. Seine Blutspur wurde immer länger und im vollen Zug drängten sich die Menschen aneinander, um nicht auf das Blut zu treten, ganz so, als würde es dem Blut weh tun. Als Sanitäter und Polizei kamen, saß er dösend und stark blutend an einer Abteiltür. Die Polizisten überredeten ihn mit leichtem Druck und er verließ den Zug und wurde auf dem Bahnsteig von den Sanitätern versorgt.

Ich bin ziemlich sicher, daß er am nächsten Tag nicht mehr wusste, was eigentlich geschehen war. Er wird auch nicht mitbekommen haben, daß ihn sehr viele Menschen in diesem erbärmlichen Zustand erlebt haben.

Genau das hat mich an meine nasse Zeit erinnert - ich bin mehr als einmal gestürzt und hatte die eine oder andere Platzwunde. Einmal bin ich blutverschmiert im Bett wach geworden und wusste nichts. Ein anderes Mal hatte mich eine Freundin noch in ein Krankenhaus gebracht, wo die Wunde genäht wurde. Wenn ich nach so einer Nacht irgendwann am nächsten Tag und mit einem fürchterlich schmerzenden Schädel wach wurde, wusste ich natürlich auch nichts mehr. Ich schwor mir nur, wie immer: "Nie wieder!" und meinte damit den Alkohol. Dieser Vorsatz hielt aber höchstens bis zum frühen Abend und dann machte ich mich daran, die Kopfschmerzen mit einem kleinen Bierchen zu vertreiben.

Als ich den Zug an diesem Abend an seinen Bestimmungsort gebracht hatte und ich endlich zu Haus war, wirkte das Erlebte noch reichlich nach. Der Mann tat mir leid und gleichzeitig war mich auch klar, daß dieser Mann mich ganz sicher kaum wahrgenommen hatte. Er ist betrunken ein anderer Mensch, er ist betäubt und fern von sich selbst; er weiss nicht was er tut und er weiss in diesem Augenblick auch nicht, wie gefährlich er lebt. Nur wenige Sekunden später und er wäre nicht in die offene Tür gefallen sondern gegen die geschlossene Tür und bei seiner körperlichen Verfassung wäre es nicht unwahrscheinlich, daß er zwischen den anfahrenden Zug und Bahnsteigkante gerutscht wäre.

Auch ich habe viel Glück gehabt - aber das habe ich erst verstanden, nachdem ich trocken wurde. So manche Situationen sind mir heute noch im Kopf bzw. sie kommen mir manchmal schemenhaft ins Gedächtnis zurück und dann schaudert es mich. Der Grat zwischen dies-alles-überstanden-haben oder pech-gehabt ist nur ganz schmal. Ich hoffe, mein Fahrgast von neulich hat weiter Glück und findet für sich den richtigen Weg.

Die Zugbegleiterin sagte später zu mir "Du hast den ja angefasst"! und da wurde mir klar, wieviel Ekel die anderen Menschen offenbar empfanden. Ich bin froh, daß ich noch genug Empathie habe und anderen ungeachtet von Ekelschwellen unter den Arm greifen kann. Wenn Menschen nicht helfen, weil sie sich ekeln, ist das ja irgendwie traurig. Aber auch verständlich.

Danke fürs Lesen

Peter

silberkralle
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Beitrag von silberkralle » 23.07.2014, 08:08

glück auf peter

ich freu mich ganz sehr, dass du hier geblieben bist
du, also deine menschlichkeit hat mich ins forum gebracht.
nachdem ich deine faden gelesen hatte, hab ich mich angemeldet.

schöne zeit

:D
matthias

Petter
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Beitrag von Petter » 09.08.2014, 16:47

hallo zusammen,
hallo matthias!

nachdem ich das gelesen habe, bin ich rot geworden - ich hab´s gefühlt.

danke matthias, das freut mich sehr. schön, daß du hier bist!

lieben gruß

peter :oops:

Petter
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Beitrag von Petter » 05.12.2014, 09:30

Hallo zusammen,

seit über 19 Monaten bin ich ohne Selbsthilfegruppe. Ich weiss natürlich, daß ich so nicht leben sollte und bekomme das auch nicht mit meinem Anspruch überein, daß meine Nüchternheit zuerst kommt. Ich bin seit Juni 2006 trocken und habe einige Höhen und Tiefen in dieser Zeit überstanden, aber ich hatte immer eine Gruppe, egal, wo ich gerade beruflich war.

In meiner letzten Gruppe in einer Kleinstadt im Norden habe ich mich gut aufgehoben gefühlt. Aber ich fühle nach einer gewissen Zeit leider auch eine Art Überdruß. Entweder gegen die Art der Organisation (zuviele Regelungen oder zuwenige) oder gegen einige Freunde in der Gruppe. Dabei war es unerheblich, ob ich in einer Onlinegruppe oder in einer "realen" Gruppe in irgendeinem Ort war. Ich muss immer noch lernen, daß ich mich auch bei diesen verschiedenen Gruppen zusammenreißen muss und dabei bleiben - auch wenn manchmal vermeintlich nervige Freunde immer dasselbe beitragen oder einige dabei sind, die nie trocken werden (wollen oder können). "Ich bin nicht der Nabel der Welt.", denke ich dann. Und ich muss auch aushalten, daß ich manchmal nichts zu sagen habe - wirklich rein gar nichts. Mich nur zu melden um etwas zu sagen - das mag ich überhaupt nicht und fühle mich dann ausgesprochen unwohl in meiner Haut. Ich lasse entweder meinen Gedanken freien Lauf oder ich lasse es. Schließlich gibt es auch Tage, an denen ich mich rundweg wohl fühle und wenig zu sagen habe ;-)

Eines weiss ich sicher: das ich, egal was kommt, immer irgendwo eine Gruppe brauche, zu der ich jederzeit hin kann. Hier vor Ort habe ich nach Gruppen geguckt, bin aber nicht fündig geworden. Ich lebe mitten in einem der größten Weinanbaugebiete Deutschlands - und ausgerechnet hier soll es keine Alkoholiker geben? Das kann ich mir kaum vorstellen. Ich werde mich wohl drauf einstellen müssen, längere Wege zu einer Gruppe zu haben und das ist auch nicht schlimm. Ich arbeite ohnehin in Schichtdiensten und kann nicht regelmäßig in eine Gruppe gehen. Das hört sich alles etwas durcheinander an, aber das macht nix. Ich muss ja auch mal durcheinander schreiben dürfen... Beim Schreiben kommt mir ab und zu der zündende Gedanke und es trägt dazu bei, die Gedanken zu ordnen. Genau das hatte ich auch vor, als ich diesen Faden aufgemacht habe: zu berichten und mich und meine Gedanken selber auf die Reihe zu bekommen, wenn es nötig ist.

Nun mache ich mich wieder auf die Suche nach einer Gruppe. Danke fürs Lesen!

Peter

Martin

Beitrag von Martin » 05.12.2014, 12:54

Hallo Peter,
seit über 19 Monaten bin ich ohne Selbsthilfegruppe.
das verstehe ich nicht, du hast doch uns :cry:

Ist das nicht mehr wie nichts :wink:

LG Martin
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Petter
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Beitrag von Petter » 05.12.2014, 15:33

Hallo Martin,
hallo zusammen -

Du hast natürlich recht!! Ihr seid auch immer da und Ihr seid ja auch meine erste Selbsthilfegruppe ;-)

Was ich meinte war eine SHG vor Ort, in einem Raum und nicht am Computer. Aber ich denke, das ist schon verstanden worden.

Den Luxus einer Online-SHG wie hier weiss ich sehr wohl zu schätzen :P - aber hallo!

LG Peter

Spartacus
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Registriert: 12.09.2014, 10:00

Beitrag von Spartacus » 10.03.2015, 11:43

Danke für diesen großartigen Thread, ich bin berührt. Ich hoffe, Du bleibst uns gewogen.

Spartacus

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