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Der "Drei-Jahres-Faden"

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum.
Ein neues Thema bitte erst ab ein Jahr Trockenheit eröffnen.

Moderator: Moderatoren

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Petter
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Beitrag von Petter » 07.01.2017, 08:25

Hallo liebe Freunde,

heute früh habe ich mich etwas durchs Forum gelesen und bin wieder mal erstaunt, wie viele schöne und aufmunternde Sachen ich sehen konnte.

Vergangenes Weihnachten war mein 10. suchtfreies Weihnachten. Wie ich die vergangenen Jahre Weihnachten gefeiert habe, weiss ich gar nicht mehr so genau - früher war ich nämlich ein garstiger Weihnachts-Hasser ;-) Das hat sich glücklicherweise geändert, auch durch mein alkfreies Leben, in dem ich mehr Toleranz, Liebe und Geduld mit anderen und auch mir selber lernen durfte.

Letztes Weiihnachten nun war ich wieder mal in Berlin, der Stadt, in der ich das Saufen lernte und auch mir meine Freiheit vom Suff wieder zurückerobert habe. Ich hatte mir einen Plan für jeden Tag gemacht, wen ich wann wiedersehen wollte und ich habe mich daran gehalten. (Plan und planen ist ein wichtiger Bestandteil meiner Trockenheit geworden.). Ich habe alte Freunde getroffen, die ich bereits vor meiner langen Trinkerzeit kannte, die mich also während aller drei Phasen kannten: vor, während und nach meiner Trinkerzeit.
Es waren schöne und bewegende Tage. Bewegend vor allem, weil ich in Berlin immer erkennen kann, wie ich mich seit meinem Leben ohne Alkohol verändert habe. Das dies nicht selbstverständlich ist und das ich mich daran auch nach über 10 Jahren ohne Alkohol immer wieder erinnere, gehört genauso zu meinen Bausteinen des Trockenbleibens, wie der tägliche Umgang mit der Sucht.

Besonders aber erwischt mich in Berlin immer wieder, wie schlimm, wie dunkel und wie trostlos mein Leben war. Natürlich bin ich an den Orten vorbei spaziert, an denen ich die schlimmsten Jahre meines Lebens verbracht habe. Auch das gehört für mich dazu - diese Orte ganz bewusst aufzusuchen. Ich erschaudere, mich fröstelt und es ist ziemlich einnehmend für den Augenblick. Aus diesem entsetzlichen Leben rausgekommen zu sein, ist nicht selbstverständlich, das erfahre ich bei jedem dieser mittlerweile sehr seltenen Berlin-Besuche.

Aufgefallen ist mir diesmal wieder, wie viele Freunde auf der Straße leben, unter den Brücken, in Hauseingängen und auch in den U-Bahnhöfen. Es war kurz nach dem Brand-Anschlag von jungen Ayslbewerbern auf einen obdachlosen Mann im U-Bahnhof Schönleinstraße in Neukölln, als ich genau dort vorbeikam - eine meiner alten Wohngegenden in Berlin. Dieser Anschlag hat mich tief bewegt, ich war fassungslos über die Brutalität gegenüber einem schwachen und hilflosen Menschen, der auch ich hätte sein können. Und noch wütender war ich, als ich später in den Überwachungsvideos der Polizei die lachenden und feixenden Täter nach Begehung der grausamen Tat sah.
Wie gefährlich Sucht ist und wohin sie führt, wissen wir alle. Wie gefährlich das Leben auf der Straße ist, wissen wir auch: Kälte, Feuchtigkeit, Entzug, körperliche Gebrechen, kein Selbsterwertgefühl, die Hartherzigkeit der Mitmenschen und so weiter. Aber wie niederträchtig ist es erst, einen Menschen anzuzünden, der besonders hilflos und am Ende ist. Ich habe mich selber angegriffen gefühlt, ich war entsetzt und ich war extrem wütend. Gottseidank wurden diese Menschen gefasst, die aus Not zu uns gekommen sind und unsere Hilfe zurecht verdienten. Mehr muss ich an dieser Stelle nicht sagen außer daß ich mich freue, daß der obdachlose Freund gerettet wurde. Über ihn selber wurde mir zu wenig berichtet: was macht er jetzt? Wie geht es ihm? Wurde ihm geholfen? Hat ihm diese grausame Tat zu Weihnachten am Ende etwas Gutes beschert?

Als ich zu Ende des Berlin-Besuches in meinen Zug nach Hause stieg, hatte ich nicht das Gefühl, meine ehemalige Heimat zu verlassen. Im Gegenteil - ich setzte mich hin und atmete tief durch. Im Zug gönnte ich mir ein Abendessen und ließ die Stadt an mir vorbeigleiten. Lange noch arbeitete in mir, was ich erlebt und gesehen hatte. Ich kann euch sagen: tiefe Dankbarkeit, das Gefühl der sich endlich eingestellten Ruhe und des inneren Friedens ist in mir. Das ist so wunderbar und kann ein Mensch, der niemals süchtig war, kaum verstehen. Wenn das nicht ein Vorteil der Sucht ist ;-)

Danke fürs Lesen!
Peter

silberkralle
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Beitrag von silberkralle » 10.01.2017, 08:36

glück auf peter

ich bin wieder versucht gaaaaanz viel zu zitieren - ich lass es :wink:

offenbar gehts dir da wo du jetzt wohnst besser als in berlin - ich freu mich.
wie is deine kur gelaufen? was hat sie dir gebracht?

schöne zeit

:D
matthias

Petter
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Beitrag von Petter » 16.01.2017, 05:55

Hallo zusammen,
lieber Matthias - sehr aufmerksam von dir *grins* - vielen Dank :-)

Heute beginnt die Kur. Ich habe sowas noch nie gemacht. Nun soll ich fünf Wochen mein Häuschen verlassen und in eine Klinik gehen? Das ist ein ganz merkwürdiges Gefühl. Gestern hab ich zwei große Taschen vollgestopft mit dem, was ich vermeintliche brauche und was nicht. Wahrscheinlich habe ich unnützes Zeug eingepackt und anderes fehlt dann ;-)

Ich habe mir ganz fest vorgenommen, unvoreingenommen in die Kur zu gehen und mitzunehmen, was mir gut tut. Ich weiss auch, daß es den meisten Menschen viel schlechter geht als mir und ich weiss noch mehr, wie dankbar ich eigentlich für die Gelegenheit bin, mal fünf Wochen rauszukommen aus Trott und Gedankenkarussell.

Also dann los... in einer Stunde fährt der Zug. Ich lasse mich mal überraschen und werde berichten :-)

Danke fürs Lesen.

Peter

Thalia1913
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Beitrag von Thalia1913 » 16.01.2017, 08:33

Hallo Peter,

ich wünsch dir alles Gute für deine Kur. Mir fällt es auch schwer, nicht immer zu vergleichen - und zu rechtfertigen, warum ich es nun "verdient" habe, etwas für mich zu tun. Und es mir einfach nur zu gestatten.

Ich habe deinen drei-Jahres-Faden ganz zu Anfang meiner Forumszeit gelesen und danke dir dafür.

Viele Grüße
Thalia

Petter
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Beitrag von Petter » 19.01.2017, 07:40

Liebe Freunde!

Vielen Dank Thalia - ich freu mich sehr über deine Worte! Du hast ja auch schon eine Menge geschrieben, an dem ich auch teilhaben darf!

Meine fünfwöchige Kur ist bereits vorüber, ich habe sie gleich am ersten Tag abgebrochen. Ich musste erstmal verdauen, was ich da am Montag erlebt habe. Auch heute noch hängt es mir nach.

Diese Kur-Einrichtung verdient den Namen nicht. Hätte ich nur vorher mal in die Bewertungen geschaut! Aber hätte das etwas genützt? Schließlich hat mir die Rentenversicherung diese Klinik zugewiesen und meinen Wunsch nach einer anderen Klinik im Vornherein abgelehnt. Und das habe ich am Montag erlebt:

Am Empfang keine richtige bzw. freundliche Begrüßung, eher ein Abarbeiten von Gästen.
Anschließend durfte ich mich zu "den Schwestern" begeben, Olga, Valentina und noch irgendwas, die im dritten Stock eine Art Apotheke verwalteten. "Hallooooo" Was brauchen Sie Medikamente? - Waaaas? Keine Medikamente? Warrrum nieeeecht?" ... Zweimal musste das wiederholt werden, dann hatten sie es kopfschüttelnd begriffen. Dafür wurde ich x-mal darauf hingewiesen, daß der Computer nun heruntergefahren würde, was mir eigentlich ziemlich egal war. "Kapuuuut!".

Das Zimmer aber war das Schlimmste: am Ende eines Gangs, vor der Tür abgestellte Rollstühle, grau in grau mit schönem Linoleumfussboden, ein Krankenhausbett, kein Bild an der Wand. Wie eine ehemalige Abstellkammer mit Bett und Telefon. "Färrrrnsääähn ies umsooooonst!" krähte mich die blöde Schwester an - als Antwort auf meinen Hinweis, daß ich in diesem Zimmer nicht bleiben werde. Sie rappelte meinen Plan herunter, den ich abzuarbeiten hätte. Dreimal habe ich dieses Spiel mitgemacht und auf meinen wiederholten Satz "In diesem Zimmer bleibe ich nicht." bekam ich ein "jaja" zur Antwort und eine Wiederholung meines Anwendungsplans.

Mir wurde klar: fünf Wochen in diesem Zimmer und diesem Haus mit diesem Personal, und ich bin reif für eine ganz andere Klinik.
Leider habe ich mein eigenes Gesicht nicht sehen können, das hätte ich gern erlebt. Gerade die kurzen Augenblicke, in denen man entscheidet, was man nun tut. Es waren nur Sekunden, aber dann war ich soweit, daß ich meine Jacke wieder anzog und mich mit dem Gepäck hinunter zum Empfang machte. Ganz wie im Hotel legte ich dem Schnösel am Tresen den Schlüssel auf selbigen und sagte nur "Zimmer 261 reist ab.".

Ab dem Punkt war dann Theatervorstellung :-) Er wurde furchtbar nervös und bekam keinen Kollegen oder Arzt an sein Telefon ("Kaputt!"), mit dem er meine Abreise absprechen konnte: "Mir ist das vollkommen egal, ob Sie bleiben oder gehen. Aber das muss ein Arzt genehmigen." Am Ende hat es dann die Psychologin genehmigt, die was davon faselte, daß ich ja ein freier Mann sein und tun und lassen könne, was ich wolle. Mein Einwand, daß es für eine psychosomatische Klinik ein ziemlich trostloses Haus sei, hat sie schulterzuckend und mit den Worten begleitet, das sei so in Krankenhäusern.
Mit dem Taxi bin ich dann zum Bahnhof zurück und wieder nach Hause gefahren. Im Zug hatte ich geradezu ein Gefühl der Befreiung - und nach Bad Homburg fahre ich in diesem Leben sicher nicht mehr :-D

Meine Nachricht an den Versicherungsträger über die nicht angetretene Kur blieb unbeantwortet, ebenso wie eine Beschwerde an die Verwaltung des Hauses. Keine Reaktionen, nichts. Vermutlich hängt es damit zusammen, daß meine Knappschaft dieses Haus selber verwaltet. Keine Ahnung.
Meine Abreise tut mir bis heute gut. Mir tut diejenigen leid, die dort auf irgendwelchen Zimmern liegen und nicht selbständig abreisen können.

Während der Rückreise habe ich im Zug nachgedacht, was ich mir selber Gutes tun kann, wie ich meine Gedanken positiv beeinflussen kann - kurz, was ich an mir selber ändern könnte, damit es mir gut geht. Daran arbeite ich immer noch, und wahrscheinlich auch noch länger. Ich denke, daß ist fast genauso gut oder besser, als einen Tag zuviel in einer Klinik, die einen krank machen würde!

Danke fürs Lesen!!

Peter

silberkralle
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Beitrag von silberkralle » 19.01.2017, 08:45

glück auf peter

scheint so, als sei die gleichzeitige an- und abreise zu und von dieser "einrichtung" das beste, was du in diesem jahr für dich gemacht hast :wink:

schöne zeit

:D
matthias

Petter
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Beitrag von Petter » 22.01.2017, 21:26

Hallo zusammen,
hallo Matthias!

Also wenn das schon das Beste für dieses Jahr war, dann bleibt ja nicht mehr so viel :-)
Ich will mal hoffen, daß mir so eine Erfahrung zukünftig erspart bleibt.

Was mich mehr beschäftigt ist der Gedanke, daß jemand in so eine "Einrichtung" kommt, der sich nicht wehren kann und der die Verhältnisse hinnehmen muss. Das wäre für mich eine furchtbare Vorstellung.

Ein Kollege meinte zu meiner Erfahrung von letzter Woche: "Du wärst nicht der Erste, der aus eine schlechten Klinik kränker entlassen wird, als er dort angekommen ist." Das hat mir zu denken gegeben.

"Da hab´ich ja noch mal Glück gehabt." puh...

LG Peter

silberkralle
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Beitrag von silberkralle » 23.01.2017, 08:43

glück auf peter

s jahr hat grade erst angefangen - da wirst du schon noch was besseres für dich tun


schöne zeit

:D
matthias

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