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Fünf-Jahres-Faden :-)

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum.
Ein neues Thema bitte erst ab ein Jahr Trockenheit eröffnen.

Moderator: Moderatoren

einafets03
neuer Teilnehmer
Beiträge: 52
Registriert: 13.12.2011, 08:39

Beitrag von einafets03 » 19.12.2011, 18:01

Herzlichen Glückwunsch!
Das ist eine enorme Leistung!!!
Ich selbst habe mich hier angemeldet nachdem ich deinen drei Jahres Faden angefangen habe zu lesen. Wirklich toll! Es gibt einem Mut das es funktionieren kann wenn man nur wirklich WILL!!!
Mach weiter so.

Ciao einafets 03

Petter
neuer Teilnehmer
Beiträge: 361
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Beitrag von Petter » 22.04.2018, 15:06

Hallo zusammen... Drei-Jahres-Faden, Fünf-Jahres-Faden... mittlerweile ist es ja schon fast ein 12-Jahres-Faden :-)

Ich schreibe zum einen, weil ich es schon lange wieder wollte, aber es irgendwie nicht auf die Reihe bekommen habe. Zum anderen schreibe ich heute, weil ich in der vergangenen Woche ein traumatisches Erlebnis hatte, daß mich sehr in Anspruch nimmt.
Wer schwache Nerven hat, lese besser nicht weiter.

Am Dienstag um 14 Uhr hat sich ein Mann auf einem Bahnübergang vor meinen Zug gelegt. Ich habe den armen Kerl mit ca. 100 km/h überfahren. Gerade noch rechtzeitig und wie gelernt habe ich alles richtig gemacht und vom Überfahren nur ein Gerumpel mitbekommen. Ich habe das Rollo runtergerissen und mir die Ohren zugehalten und irgendwas geschrieen, damit ich so wenig wie möglich mitbekomme.
Es waren etwas über 100 Fahrgäste im Zug und ich kann kaum beschreiben, wie leid mir es für alle Beteilgten war. Die Strecke was fast vier Stunden gesperrt.

Schlimm war und ist für mich, daß am Schrankenbaum eine Frau vergeblich versucht hat, den Mann zurückzuhalten und alles mit ansehen musste. Die Feuerwehr hat mir berichtet, wie die Leiche aussah und angeordnet, daß niemand den Zug verlassen darf, bevor nicht alles unter und hinter dem Zug entfernt wurde.

Nach alldem bin ich erstmal ins Krankenhaus zum Durchgangsarzt (weil es ein Arbeitsunfall war) und danach zu meiner Hausärztin, um mir ein Schlafmittel für die Nacht zu holen. Sie weiss natürlich, daß ich Alkoholiker bin und vertraut mir. Ich habe ein starkes Beruhigungsmittel bekommen und die Nacht durchgeschlafen, wenn auch komisch und irgendwie in Watte gepackt. Ich werde das nicht nochmal nehmen; es hat mir zwar durch die Nacht geholfen, aber es fühlt sich für mich nicht gut und nicht richtig an. Ich habe ein anderes Schlafmittel bekommen, daß ich dann im Fall der Fälle nehmen kann.

Es ist eine fürchterliche Erfahrung, auch wenn ich allen Beteiligten und Kollegen gegenüber sehr gefasst und sachlich erscheine. Dennoch erlebe ich trotz aller äußeren Gelassenheit einen Gemütszustand in mir, der mich hart beutelt. Schneller Puls, Nervosität, Selbstgespräche.. So bin ich eigentlich nicht; die Seele arbeitet und ich muss mich beruhigen. Es ist schwer, aber es wird jeden Tag ein wenig milder.

An Alkohol habe ich nicht gedacht. Ich habe aber gedacht „Früher!“… „Früher hätte ich mich jetzt mit Alkohol abgeschossen.“ Aber das ist ja nun schon eine ganze Weile her und dieser Teufel hat mich diesbezüglich in Ruhe gelassen.

Ich bin nun erstmal drei Wochen krank geschrieben und aus dem Verkehr genommen. Am 4.5. muss ich zum Bahnarzt, ich vermute, daß ich dann wieder arbeiten darf. Eine zu lange Auszeit möchte ich nicht. Es muss weitergehen, es muss wieder Normalität einkehren. Der Mann auf dem Bahnübergang wollte sich umbringen, es ist nicht mein Fehler gewesen. Zuerst hatte ich Mitleid, dann war ich sauer auf ihn. Mittlerweile bin ich stinksauer und fühle mich sehr missbraucht.

Nun habe ich Zeit und kann im Garten buddeln. Das Wetter soll die nächsten Tage schön werden, die Vögelchen machen Konzerte, ich habe Ort und Zeit, es mir gut gehen zu lassen. Ich versuche, das Beste draus zu machen.

Ich danke Euch, daß ich das loswerden darf. Gut, daß es dieses Forum gibt, auch wenn ich nur noch selten schreibe. Vielleicht ändere ich das wieder.

Peter

Linde66
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Beitrag von Linde66 » 22.04.2018, 15:52

Hallo Peter,

es tut mir unendlich leid, daß du sowas ätzendes erleben mußtest! :evil:

Wenn er Schlußmachen wollte, dann ist das sein Ding, schlimm genug.

Aber dafür einen Lokführer mißbrauchen, da könnte ich ausrasten! Deine Wut ist absolut berechtigt.

Lieber Gruß, Linde

MieLa
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Beitrag von MieLa » 22.04.2018, 16:06

Hallo Petter,

Du bist stinksauer auf den Selbstmörder? Richtig so :!:

Er hat seinen Tod nicht alleine durchgezogen, sondern dich als Werkzeug benutzt. Statt Seil oder Waffe hat er einen Zugführer gewählt.

Auch wenn ich viel Mitgefühl für Menschen habe, die derart verzweifelt sind, dafür fehlt mir jedes Verständnis. Genauso wie für Menschen, die noch andere Menschen mit in den Tod nehmen.

Deine Reaktion im Moment des Erkennens finde ich beeindruckend gut. Auch wenn du es vorher vielleicht gelernt hast, musstest du es erstmal umsetzen.

Gut, dass du bezüglich Alkohol nur an " früher" gedacht hast. Wow, 12 Jahre! Das ist toll :!:

Ich wünsche dir, das du das Erlebnis gut und zügig verarbeiten kannst. Du hast vermutlich über deinen Arbeitgeber die Möglichkeit, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Bei deinen körperlichen Symptomen wäre das eine ernsthafte Überlegung wert.

Alles Gute für dich,
MieLa

Dante
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Beitrag von Dante » 22.04.2018, 20:03

Moin Petter,

üble Geschichte. :?

Ich weiß ja nicht, bei welcher Fa. du gerade arbeitest. Bei DB Regio sollte es aber so sein, dass der AG dir Betroffenengespräche anbietet.
Hilfestellung gibt es auch bei der ias, der "Bahnarztfirma" der DB.
Außerdem bietet auch unsere Gewerkschaft EVG so etwas an.

Einfach nach drei Wochen wieder in den Führerstand steigen wäre nicht angebracht, wenn dich das so belastet. Es gibt Kollegen, die sind da anders drauf (oder tun zumindest so), aber die sind nicht der Maßstab.

Hol dir am besten Hilfe von Kollegen, denen das auch so ergangen ist. Such das Gespräch.

Im Übrigen: Schön, mal wieder was von dir zu lesen. Habe ich schon mal geschrieben, dass du mir hier abgehst? :wink:

NNGNeo
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Beitrag von NNGNeo » 23.04.2018, 00:22

hallo petter

es tut mir leid das su so etwas erleben musstest.
es war aber nicht deine schuld, das weißt du ja selbst.
ich kann mich dante eigentlich nur anschließen, hole dir hilfe damit du dieses schreckliche ereignis verarbeiten kannst.
grüße
NNGNeo

Linde66
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Beitrag von Linde66 » 24.04.2018, 22:56

Hallo Peter,

wie geht es dir jetzt?

Liebe Grüße, Linde

silberkralle
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Beitrag von silberkralle » 25.04.2018, 08:46

glück auf petter

ich kann mich nur annähern hineindenken, was in dem moment und danach mit dier passiert (ist).
aber ich bin davon überzeugt, dass du das verarbeiten kannst.
du (bzw. dein faden) warst der grung, weswegen ich mich im forum angemeldet habe.
ich hab dich als einen soooooooooooooo wertvollen menschen kennengelert ...
daumen gedrückt

und trotz allem ne

schöne zeit

:D
matthias

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