Startseite - PortalHilfsangebote der SuchthilfeSelbsthilfeforumInformationen zur Suchthilfe

Mein Rückfall nach jeweils einem Jahr

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum.
Ein neues Thema bitte erst ab ein Jahr Trockenheit eröffnen.

Moderator: Moderatoren

Karsten
Administrator
Administrator
Beiträge: 33008
Registriert: 04.11.2004, 22:21
Geschlecht: Männlich
Alkoholiker/in oder Angehörige/EKA: Alkoholiker

Mein Rückfall nach jeweils einem Jahr

Beitrag von Karsten » 09.07.2011, 13:52

Hallo,

ich möchte mal als Erstes einen Grund für dieses Thema angeben. Mein Gefühl aus den vielen Jahren des Forums hier, sagt mir, dass es vielleicht den einen oder anderen auch so geht.
Ich möchte das mal aus meinen Erinnerungen wiedergeben. Ist ja schon 20 Jahre her.

Als ich damals, es war Anfang der Neunziger, über das Sozialamt in eine Wohngemeinschaft für trockene Alkoholiker kam, änderte sich mein Leben schlagartig.

Ich hatte von einem Tag auf dem nächsten mit dem Alkohol aufgehört und durch die hohe Struktur in dieser Wohngemeinschaft einen sofortigen strukturierten Tagesablauf mit morgens aufstehen, gemeinsam frühstücken, saubermachen, Gruppenstunden und Spaziergängen. Es gab dort auch trockene Alkoholiker, die zwei Jahre trocken waren und eine Art Sonderstellung hatten. Sie durften die Gruppenbus fahren, Ausflüge organisieren und hatten auch schon ein Zweibettzimmer. Wir haben in Gemeinschaftsschlafzimmer geschlafen.
Diese Sonderstellung konnte man nach einem Jahr Nüchternheit erreichen. Da ich trotz meiner Sauferei immer ein sehr ehrgeiziger Mensch war, wenn ich zwischendurch mal was auf die Reihe bekam, war das von Anfang an mein Ziel, mir dort auch so eine Sonderstellung zu erarbeiten und nach Möglichkeit unter einem Jahr. Der Leiter hatte hatte noch in Brandenburg so eine Wohngemeinschaft, was er als Auszeichnung betrachtete, wenn man dort leben durfte. Das war auf dem Land in schöner Landschaft.
Da ich handwerklich nicht schlecht war, überlegte ich mir einen Plan, dort hinzukommen. Ich machte ihm den Vorschlag, die Wohngemeinschaftsräume in Berlin zu streichen, damit sie fröhlicher und gemütlicher aussahen. Er freute sich, weil er glaubte, ich meinte es ernst. Mein Hintergedanke war aber, denn ich hatte erfahren, dass das Haus auf dem Land auch renoviert werden sollte, dass ich dort auf das Land wollte und durch meine Arbeit schon frühzeitig so eine Sonderstellung erreichen zu können.
Aus heutiger Sicht sage ich mal, ich machte mir selbst etwas vor, denn ich wollte durch Arbeit und Augenwischerei jemanden etwas vormachen, der alle Facetten der Alkoholsucht kannte. Natürlich erreichte ich mein Ziel, ohne zu wissen, dass ich durchschaut wurde. Ich renovierte erst in Berlin die Wohnräume und dann das Haus auf den Land. Natürlich nicht alleine, sondern mit anderen Bewohnern.
Nach getaner Arbeit erhoffte ich mir den Lohn durch ein neues Zimmer auf dem Land und auch durch Anerkennung. Ich bekam es auch, aber nicht umsonst. Ich war jetzt vom Gefühl in so einer Sonderstellung und glaubte, mein Leben wieder in den Griff zu haben, den ich hatte mir etwas erarbeitet.
Der Preis war eine Gruppenaussprache, wo er mir erzählte, meinen Plan von Anfang durchschaut zu haben. Er fragte mich, was mich dieser neue Status denn bringen würde, denn für meine Nüchternheit hätte ich ja nichts getan. Ich konnte und wollte es nicht verstehen. Ich war beleidigt, denn meiner Meinung nach, habe ich für mich viel getan.
Heute weiß ich, dass Einzige, was ich für mich getan habe, war mir einen Status aufzubauen, den ich zwar leben durfte, aber noch nicht an der Reihe war. Ich wollte irgendwo dazugehören, wo ich noch lange nicht war und auch nicht sein konnte.
Ich wollte das natürlich nicht hören, denn ich war überzeugt, dass Richtige getan zu haben. Da mir in den nächsten Tagen dieses Gruppengespräch immer mehr belastete, anstatt es als Hilfe anzusehen, verließ ich diese Wohngemeinschaft, was unweigerlich zu einem Rückfall führte. Er hatte recht. Für meine Nüchternheit hatte ich nichts getan, denn mein Leben setzte sich wieder in der Obdachlosigkeit fort, wo es vor dem Leben in der Wohngemeinschaft aufgehört hatte.

Heute weiß ich, dass es nicht darauf ankommt, mehr zu scheinen als ich bin.
Ich merke allerdings auch heute noch nach über 12 Jahren Nüchternheit, dass ich dieses Verhalten von damals noch nicht ganz abgelegt habe.

Von meinem zweiten ( insgesamt waren es vier nach jeweils über einem Jahr ) werden ich demnächst schreiben.

Gruß
Karsten

marcomarco
neuer Teilnehmer
Beiträge: 193
Registriert: 23.01.2014, 13:36

Beitrag von marcomarco » 26.02.2014, 12:39

Hallo Karsten,

habe heute mit grossem Interesse diesen Beitrag von Dir gelesen und bin neugierig auf eine Fortsetzung.
Es ist eins meiner grossen Bedenken nur eine Trinkpause einzulegen und gedanklich in die falsche Richtung zu laufen. 4mal nach jeweils einem Jahr hört sich für mich auch sehr deprimierend an.
Kann aus dem Beitrag auch etwas auf mich beziehen, nämlich das aufbauen eines Status nach aussen hin. Das habe ich auch schon gemacht. Und für meine Abstinenz war es nicht fördernd, was ich nicht verstand. Hatte ich doch alles getan... :wink:

Ist schon lange her Dein Beitrag aber vielleicht hast Du ja Lust noch mal in Deiner Erinnerung zu kramen, um mir ein paar weitere Fallen aufzuzeigen.

Gruss
Marco

NNGNeo
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 1439
Registriert: 27.09.2012, 21:30

Beitrag von NNGNeo » 26.02.2014, 12:48

hallo karsten

würde mich auch über eine fortsetzung freuen, ich kann daraus für mich sehr viel mitnehmen weil ich mich in deinem ersten beitrag wiedererkenne.
grüße
NNGNeo

Skyline

Beitrag von Skyline » 26.02.2014, 13:09

Hallo Karsten,

ein sehr schöner Beitrag und ich habe mich absolut darin wieder erkannt.
Ich wollte das natürlich nicht hören, denn ich war überzeugt, dass Richtige getan zu haben. Da mir in den nächsten Tagen dieses Gruppengespräch immer mehr belastete, anstatt es als Hilfe anzusehen, verließ ich diese Wohngemeinschaft, was unweigerlich zu einem Rückfall führte. Er hatte recht. Für meine Nüchternheit hatte ich nichts getan, denn mein Leben setzte sich wieder in der Obdachlosigkeit fort, wo es vor dem Leben in der Wohngemeinschaft aufgehört hatte.
Ich wollte auch immer nicht hören und habe nichts für die Nüchternheit getan. Ich wusste immer alles besser und auch bei mir war dann das Leben wie vorrher. Um nicht zu sagen noch schlimmer, weil ich mich dann zu Hause völlig runter gesoffen habe. Aus meiner Sicht war ich eh wieder bei dem Punkt "NULL" also kann ich auch ordenlich zuschlagen.

Wenn ich meine Worte jetzt so lese kommt mir wieder der Satz aus der Langzeittherapie ins Gedächnis.
Erst wenn man seinen persönlichen Tiefpunkt erreicht hat kann man auch wirklich trocken werden.



Gruß Olli

Karsten
Administrator
Administrator
Beiträge: 33008
Registriert: 04.11.2004, 22:21
Geschlecht: Männlich
Alkoholiker/in oder Angehörige/EKA: Alkoholiker

Beitrag von Karsten » 26.02.2014, 13:21

Hallo Marco,

da hier keiner geantwortet hatte, ging ich davon aus, dass es nicht so interessant ist.
Ich bin aber immer noch der gleichen Meinung, dass es nicht darauf ankommt, wie ich nach außen wirke, sondern was ich für mich mache.
Dieses Ringen nach einem Status, lese ich hier in anderer Form sehr oft zwischen den Zeilen.
Ob er oder sie es so gemeint hat, weiß ich nicht.
Oft kommt aber nach ein paar Jahre die Aussage, dass er oder sie es irgendwie geschafft hätte und nun nicht mehr sooo oft an sich arbeiten müsste.
Ich habe damals ( nach dieser oben beschriebenen Zeit ) Menschen erleben müssen, die diese Einstellung mit dem Leben bezahlt haben.
Ich beschäftige mich ja nun ( bedingt durch das Forum und auch meinen realen Freunden, die ja alle viele Jahre trocken sind ) jeden Tag mit mir und meinem Leben. Manchmal kommt es mir auch zu viel vor.
Auch wenn ich mir hier oft ärgere und nicht weiß, wie es weiter gehen soll. Meine Nüchternheit kommt für mich immer an erster Stelle. Daher nehme ich mir im Großen und Ganzen gern die viele Zeit, die ich hier für mich und auch euch verbringe.

Ich muss jetzt mal zurückblicken, um den Anschluss zu finden.
Nach dieser Zeit verbrachte ich mein Leben teilweise wieder auf der Straße und in Obdachlosenheimen.
Irgendwo hatte ich ich das hier schon mal geschrieben, dass ich im Suff ein aggressiver Mensch war und um jede Flasche Schnaps auch streiten konnte.
Eines Tages kam ich nach einer Schlägerei in ein Krankenhaus, weil ich am Kinn genäht werden musste. Der dortige Arzt wusste sofort, dass ich ein Alkoholproblem hatte. Er vermittelte mit eine Art Seelsorger, der dafür sorgte, dass ich in eine Wohngemeinschaft der Diakonie konnte.
Das war so eine Vorbereitung auf eine Langzeittherapie. Nach kurzer Zeit ( ca. 3 Monate ) war für mich aber klar, eine Therapie will ich nicht. Das Leben in der Wohngemeinschaft war sehr gut. Ich verbrachte dort auch über ein Jahr, machte aber im Grunde genommen nichts anders, als damals mit den Malern.
Ich bekam Vertrauen, galt für die anderen, die ja recht schnell immer auf Therapie gingen, Abends als Ansprechpartner, hatte auch einen Büroschlüssel für Neuzugänge und andere Vergünstigen. Das stieg mir auch wieder zu Kopf und ich glaubte weiter zu sein, als ich war.
Trotz Vorbehalte der Leitung suchte ich mir eine eigene Wohnung, lebte von ca. 500 DM Sozialhilfe. Da ich aber keine Aufgabe hatte und weiter kommen wollte, suchte und fand ich auch Arbeit in einer Fahnenfabrik.
Auch dort bekam ich sehr schnell bessere Aufgaben und sollte sogar zu einem Lehrgang zur Mitarbeiterführung in die Schweiz.
Ich ging zu dieser Zeit auch zu einer realen SHG, wo ich mich mit jemanden anfreundete, der ähnlich war wie ich. Ich wollte Karriere und er wollte Markenklamotten und einen Porsche. Also hatten wir beide Ziele, die unserer Nüchternheit weit voraus waren :)
Das Ende vom Lied, er trank, ich wollte helfen und zum Schluss soffen wir beide wieder.
( Einige Jahre später schrieb ich ihm ein Brief, der mit der Aufschrift: „Empfänger verstorben“ zurück kam )
Damals verlor ich dann schnell Arbeit und Wohnung und landete wieder auf der Straße.

Oft muss ich an diese Zeiten denken, denn ich hatte nichts begriffen. Ich trank nicht, machte nach außen, was trockene Alkoholiker eben machen ( Gruppenbesuche, Arbeit und sich ein neues Umfeld aufbauen ), aber ich machte diese Dinge nicht für mich. Ich hatte immer andere Ziele.

Heute gehe ich anders mit meiner Nüchternheit um. Mein Leben läuft sicher nicht so, wie ich es mir wünsche. Bevor ich aber wieder nach neuen Stufen der Karriereleiter suche, denke ich an meine Nüchternheit, ob mir die Höhenluft auch bekommen würde.

Vor meiner Selbständigkeit hatte ich einen Traum. Ich wollte so eine Selbsthilfewohngemeinschaft aufbauen, um obdachlosen Alkoholikern ein Heim und eine Chance zu geben. Heute weiß ich, dass ich dafür noch lange nicht so weit bin.

Gruß
Karsten

dorothea
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 8026
Registriert: 26.08.2006, 18:37

Beitrag von dorothea » 26.02.2014, 13:45

hallo karsten

hm, ich kann für mich ganz klar sagen, so ne wohngemeinschaft zu leiten würde mir ganz klar über die kräfte gehen. die tricks und lügereine, all das ständig um mich rum wäre mir entschieden zu viel. hier kann ich ausschalten wenn ich mal ne pause brauche, in so nem wohnheim ist das nicht drin, da mußte immer da sein, egal obs dir selbst mies geht. ich finde es immer wieder erstaunlich welche kraft manche menschen aufbringen um anderen zu helfen ohne selbst den boden zu verlieren. mich würde die ständige konfrontation mit nassen menschen mit der zeit sicher aus dem gleichgewicht bringen. ich halte mich auch von menschen fern die ohne zu trinken zu endlosdiskusionen neigen, in so nem wohnheim ist das ja an der tagesordnung. ich weiß nicht ob ich sowas überhaupt mal bewältigen könnte, eben schließe ich das für mich jedenfalls genau so aus wie du. da bin ich auch nach 12 jahren nicht angekommen.

doro

marcomarco
neuer Teilnehmer
Beiträge: 193
Registriert: 23.01.2014, 13:36

Beitrag von marcomarco » 26.02.2014, 13:49

Hallo Karsten,
Karsten hat geschrieben:... dass es nicht darauf ankommt, wie ich nach außen wirke, sondern was ich für mich mache.
Das ist leider ein Teil meines Denkfehlers. Nach kurzer Abstinenz geht es naturgemäss in vielen Lebensbereichen bergauf: auf der Arbeit ernte ich Anerkennung durch meine Leistungen, im Sport bemühe ich mich und erreiche Erfolge, das andere Geschlecht wird auf mich aufmerksam...

Aber an mir arbeite ich in dieser Zeit wenig. Alles läuft doch dann so, wie es bei den "gesunden" Menschen auch läuft und ich wähne mich auf einem guten Weg. Den Fehler in meinem Denken zu finden ist was ich mir wünsche, und da sind solche Berichte wie Deiner einfach von ungemeinem Wert.

Das war dann Rückfall Nummer 2 von Dir. Bin gespannt wie Du weiter von Deinen Gedanken aufs Glatteis geführt wurdest.


Gruss
Marco

Karsten
Administrator
Administrator
Beiträge: 33008
Registriert: 04.11.2004, 22:21
Geschlecht: Männlich
Alkoholiker/in oder Angehörige/EKA: Alkoholiker

Beitrag von Karsten » 26.02.2014, 13:58

Hallo Marco,

auch die nächsten zwei Rückfälle waren von Überheblichkeit und Arroganz gekennzeichnet.
Ich schreibe dazu noch was in den nächsten Tagen.

Leider geht es im normalen Leben meist noch schneller wieder aufwärts, wenn jemand nicht mehr trinkt. Da kann aber eben auch sehr schnell der Gedanke aufkommen, es geht ja, wenn ich will.

In den Wohngemeinschaften wurde da etwas entgegen gewirkt. Da gab es eine Art zeitliches Belohnungssystem.
Als Beispiel, was auch zeigt, das man in Selbsthilfe-Wohngemeinschaften, wo ich dann einzog, auf niedrigsten Niveau anfängt, es gab die ersten 14 Tage nur Wegwurfzahnbürsten und zum anziehen Blaumänner ( das sind einteilige Arbeitshosen ).

Anerkennung verdiente man sich nicht mehr durch Arbeit, sondern durch Zeit und geistige Entwicklung.
Das gefiehl mir zwar nicht, aber aus heutiger Sicht, der richtige Weg für mich.

Gruß
Karsten

Gesperrt