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Mein Rückfall nach jeweils einem Jahr

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum.
Ein neues Thema bitte erst ab ein Jahr Trockenheit eröffnen.

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Andi089
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Beitrag von Andi089 » 26.02.2014, 15:09

Hi Karsten,

du schriebst:
auch die nächsten zwei Rückfälle waren von Überheblichkeit und Arroganz gekennzeichnet
Genau diese "Anzeichen" bemerke ich grad im Moment auch bei mir.Hab dazu heute früh was in mein TB geschrieben. Bin zwar erst ein halbes Jahr abstinent aber es fühlt sich phasenweise ähnlich an.

Sehr interessant Dein Thread hier.

Danke
Andi

Quantensprung
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Beitrag von Quantensprung » 26.02.2014, 15:15

Hallo Karsten,
Ich trank nicht, machte nach außen, was trockene Alkoholiker eben machen ( Gruppenbesuche, Arbeit und sich ein neues Umfeld aufbauen ), aber ich machte diese Dinge nicht für mich. Ich hatte immer andere Ziele.
Meinst du damit, dass du eher den vermeintlichen Erwartungen anderer entsprochen hast?, ohne auf dich zu hören, was du wirklich möchtest und brauchst?

Ich mache mir jeden Tag mehr oder weniger Gedanken darüber, wie gefestigt ich bin, oder auch nicht. Woran ich das merke und was mir zu denken geben sollte.

Was war für dich nach dem 4ten Rückfall anders?

Schöne Grüße,
Quantensprung

Karsten
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Beitrag von Karsten » 27.02.2014, 07:52

Hallo Quantensprung,

ich habe nie nach den Erwartungen anderer Menschen gelebt.
Während der Saufzeit schon gar nicht und in den letzten 15 Jahren meiner Nüchternheit versuche ich die Erwartungen anderer Menschen eher links liegen zu lassen.

Ich wollte zu dem damaligen Zeitpunkt nicht unbedingt trocken werden. Ich wollte etwas erreichen, wo die Nüchternheit leider erforderlich war. Im Suff habe ich ja nichts auf die Reihe gebracht, also wenn ich mir was aufbauen wollte, müsste ich notgedrungen auf das Saufen verzichten.

Gruß
Karsten

silberkralle
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Beitrag von silberkralle » 27.02.2014, 08:37

glück auf
Quantensprung hat geschrieben:Ich mache mir jeden Tag mehr oder weniger Gedanken darüber, wie gefestigt ich bin, oder auch nicht. Woran ich das merke und was mir zu denken geben sollte.
m.e. is das s genaue gegenteil von dem was karsten mit "überheblichkeit" zusammenfast.
solang ich mir gedanken darüber mach, was ich an meinem trockensein verbessern kann - solang bin ich auf m guten weg. (aber - auch auf m guten weg kann ich stolpern.)
erst wenn ich glaube "übern berg" zu sein, "alles im griff" zu haben, alles über die sucht zu wissen, n alk zu "beherschen" usw. ... wirds gefährlich.

wie zufrieden bin ich mit meinem alkfreien leben?
vermiss ich den alk? (ab und zu?)
kann ich mir vorstelln, dass "saufenderweise" irgendetwas besser is?
was fehlt mir in meinem trockenen leben? hätt ich s, wenn ich saufen würde?

schöne zeit

:D
matthias

Karsten
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Beitrag von Karsten » 27.02.2014, 09:54

Hallo Quantensprung,
Quantensprung hat geschrieben:
Was war für dich nach dem 4ten Rückfall anders?

Schöne Grüße,
Quantensprung
Deine letzte Frage hatte ich übersehen.
Seit das Thema hier wieder aufgegriffen wurde, denke ich viel darüber nach, was früher so alles war.

Warum hatte ich bisher keinen 5. Rückfall?

Das lässt sich nicht so einfach sagen.
Ich habe ja viel von Zielen geschrieben, die ich auch heute noch habe, aber jetzt sind es andere Ziele.

Damals habe ich aufgehört zu saufen, weil ich diese Ziele erreichen wollte und es mit saufen nicht möglich war. Es gab nie die endgültige Entscheidung, dass ich ein alkoholfreies Leben für immer führen möchte. Waren die Ziele erreicht oder ich konnte sie nicht erreichen, gab es keinen Grund mehr nicht mehr zu saufen. Ich habe die Nüchternheit als notwendiges Übel angesehen.
Ich bestimmte die Zeit, den Ablauf.

Viele Menschen gaben mir immer wieder eine Chance, weil sie an mich mehr glaubten, als ich selbst an mir glaubte. Ich hatte ja die letzten Tage hier ein Thema Vertrauensvorschuss erstellt, wo bisher niemand geantwortet hat. Im Grunde genommen wundert es mich auch nicht so sehr, dass da niemand geschrieben hat, aber das ist wieder ein anderes Thema und hat etwas mit Demut zu tun.

Bei meinem letzten Anlauf vor nun mehr mehr als 15 Jahren, ging ich die ersten Wochen und Monate eher wieder genauso vor, wie die anderen Male. Nur bestimmte ich nach recht kurzer Zeit nicht mehr den Ablauf. Unsere Wohngemeinschaft befand sich in einer Veränderung ( behördlich, Vereinsfragen, Eigentümerwechsel der Wohnräume und andre Dinge ), auf die ich keinen Einfluss hatte. Aus heutiger Sicht sind das aber Dinge, die nicht wirklich was mit meinen Gedankenveränderungen zu tun hatten. Dennoch zeigten mit diese Veränderungen der damaligen Abläufe, dass es nicht nur um mich geht. Die Mitbewohner in der Zeit dieser Krise ( letztendlich wurde die Wohngemeinschaft ein paar Jahre später aufgelöst ) wurden menschlicher und dachten an die Gemeinschaft.
Mir wurde klar, dass ich meinen selbst vorgegebenen Ablauf nicht mehr steuern kann. Es ging nicht nur um mein Leben, sondern um das Überleben dieser Gemeinschaft, die mir mein neues nüchternes Leben wieder ermöglicht hat. Ich setzte mir keine Ziele mehr, die nach erreichen dazu führten, dass ich wieder saufen konnte.

Es war irgendwie eine innerliche Entscheidung, dass etwas Endgültiges erreicht zu haben.
Darum habe ich auch heute noch Probleme mit dem zeitlichen Fenstern, wo man sich sagt, heute trinke ich nicht. Für mich bedeutet es, sich immer wieder, jeden Tag, neu zu entscheiden, ob ich trinke oder nicht.
Ich habe erkannt, dass es nicht darum geht, mit oder ohne Saufen etwas erreichen zu wollen, sondern mein Leben zu leben. Meine Ziele koppelten sich vom saufen ab. Ich habe in den 15 Jahren Trockenheit viel erreicht, aber es gab und gibt immer auch Phasen, wo nicht alles so läuft. Die Alternative wieder zu saufen, gab es aber nie.

Ich weiß, dass ich auch noch 15 Jahren nicht geheilt bin, keine 100%ige Sicherheit habe, aber ich brauche den Alkohol nicht.
Das letzte Gespräch vorige Woche mit meinen Freunden hat mir auch wieder sehr verdeutlicht, wie wichtig Demut ist. Deshalb habe ich auch den Kontakt wieder zu dem Leiter der damaligen Wohngemeinschaft gesucht. Der „Streit“ den wir hatten, kann nie so groß sein, wie meine Dankbarkeit ihn gegenüber.
Mit anderen Worten, ich bin nicht alleine für meine Nüchternheit verantwortlich. Hier bekommt der Ausspruch „du schaffst es nur alleine, aber allein schaffst du es nicht“ einen wirklichen Sinn.
In den letzten Wochen wollte ich immer wieder mal ein Thema aufmachen, wo der Unterschied zwischen zwischen gesunden Egoismus und reinem Egoismus zur Diskussion steht.
Viele erkennen aus meiner Sicht diesen Unterschied nicht.

Mh, wurde wieder sehr lang. :)

Gruß
Karsten

Skyline

Beitrag von Skyline » 27.02.2014, 10:59

Hallo Karsten,

das macht nichts, ich lese sehr gern deine langen Beiträge weil sie mich selbst auch zum Nackdenken anregen :)

Vorweg schreibe ich mal bitte nicht missverstehen, ich will dir hier keinen Schmuß um die Backe schmieren weil du hier der Admin bist oder so.

Es ist aber in der Tat so, dass ich genau wegen solcher Beiträge hier bin und ich lese deine Beiträge immer sehr gern.

Ich finde es sehr toll aus deinen Beiträgen zu sehen wie du dich entwickelt hast, offen und ehrlich auch deinen Weg schilderst.
Du zu dem Menschen geworden bist der du nun bist ohne aus den Augen zu verlieren welche Problematik du immer mit dir trägst.

Was ich bis jetzt so gelesen habe war dein Leben nicht wirklich einfach und du bist im wahrsten Sinne des Wortes ganz unten gewesen.
Du bist aber ein Glanzbeispiel dafür, dass man es schaffen kann.
Selbst wenn man mit den falschen Zielen vor Augen anfängt diesen Weg zu gehen, kann sich auf dem Weg vieles verändern und man kann zu der richtigen Erkenntnis gelangen.
Das ist eine ganz wichtige Sache finde ich für die Menschen die noch ganz am Anfang ihrer Trockenheit stehen.
Vielleicht auch nach dem Motto, fang an diesen Weg zu gehen auch wenn du es im Moment noch nicht richtig verstehen kannst, später wirst du es verstehen.
Mit anderen Worten, ich bin nicht alleine für meine Nüchternheit verantwortlich. Hier bekommt der Ausspruch „du schaffst es nur alleine, aber allein schaffst du es nicht“ einen wirklichen Sinn
Das ist eine wirklich zutreffende Aussage.

Folgendes ging mir dazu durch den Kopf:

Immer und immer wieder landete ich völlig runter gesoffen in der Entgiftung. Damals war das für mich mehr oder weniger ein notwendiges Übel.
Heute bin ich den Menschen dort sehr dankbar dafür, dass sie mir immer wieder geholfen haben, mich immer wieder aufgepeppelt haben, mir immer wieder die Zuversicht gaben weiter zu machen und es einen Sinn hat.
Diesen Leuten verdanke ich es heute überhaupt noch hier zu sein.
Ich war einer von den Menschen bei denen man sagt:"Das ist ein echter Pflegefall", ein Drehtürpatient der es nie schnallen wird.

Nach deinen Worten ging mir durch den Kopf, wenn ich das nächste Mal in Berlin sein sollte fahre ich dort hin und bedanke mich bei den Menschen die mir immer wieder weiter geholfen haben.


Ich freue mich wenn du noch viele andere lange Beiträge erstellen wirst, für mich ist immer etwas dabei was ich für mich rausziehen kann :)

Viele Menschen gaben mir immer wieder eine Chance, weil sie an mich mehr glaubten, als ich selbst an mir glaubte. Ich hatte ja die letzten Tage hier ein Thema Vertrauensvorschuss erstellt, wo bisher niemand geantwortet hat. Im Grunde genommen wundert es mich auch nicht so sehr, dass da niemand geschrieben hat, aber das ist wieder ein anderes Thema und hat etwas mit Demut zu tun.
Wo ist dieser Beitrag ? Ich habe den leider nicht gesehen.





Gruß Olli

Martin

Beitrag von Martin » 27.02.2014, 13:09

Hallo Olli,

den Beitrag findest du Hier .

LG Martin

marcomarco
neuer Teilnehmer
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Registriert: 23.01.2014, 13:36

Beitrag von marcomarco » 27.02.2014, 17:19

Andi089 hat geschrieben: du schriebst:
auch die nächsten zwei Rückfälle waren von Überheblichkeit und Arroganz gekennzeichnet
Genau diese "Anzeichen" bemerke ich grad im Moment auch bei mir.Hab dazu heute früh was in mein TB geschrieben. Bin zwar erst ein halbes Jahr abstinent aber es fühlt sich phasenweise ähnlich an.
Andi

Hallo Andi,
Diese Einsicht hatte ich leider erst, als es schon zu spät war :(
Arroganz ist für mich die Abkehr vom Problem und das streben/eifern nach einem "normalen" Leben. Viel zu früh habe ich mich in Sicherheit gewähnt.
Ist schon komisch; sicher vor einem Rückfall scheint man nur zu sein, solange man unsicher bleibt.

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