Startseite - PortalHilfsangebote der SuchthilfeSelbsthilfeforumInformationen zur Suchthilfe

...unterwegs

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum.
Ein neues Thema bitte erst ab ein Jahr Trockenheit eröffnen.

Moderator: Moderatoren

Antworten
Waschbaer
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 2810
Registriert: 27.01.2011, 18:17

Beitrag von Waschbaer » 01.07.2012, 09:36

Hallo Zerfreila,

erst mal finde ich es schön, gestern Abend deinen Thread entdeckt zu haben. Schön dich hier wider lesen zu können.

Als ich die Einsicht zur Alkoholsucht hatte, wusste ich das ich eine Krankheit habe. In meinen Augen stellt jegliche Art von Sucht eine Krankheit dar. Nun habe ich die Sucht gestoppt. Ergo auch, in meinen Augen, die Krankheit selber. Manchmal spüre ich noch Auswirkungen der so gestoppten Krankheit. Aber ich denke mal das es eine Frage der Zeit ist wo auch diese Überbleibsel in den Hintergrund rücken. Dann wird es wohl auch so sein, das ich mich nicht mehr als krank sehe. Wenn ich mich dann aber wieder den *vermeidlichen* Keimen aussetze, darf ich mich nicht wundern wieder krank zu werden. Also sehe ich für mich eine stetige große Achtsam- und Wachsamkeit mir gegenüber, nie mehr in diese Krankheit hineinzugleiten.

Lieben Gruß
Nobby :wink:

zerfreila
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 10648
Registriert: 01.01.2009, 19:41

Beitrag von zerfreila » 01.07.2012, 09:39

Hallo Uwe,

Danke für Deine gedanklichen Ausführungen in Deinem inhaltlich umfangreichen und interessanten Beitrag, zwar finde ich darin keinen direkten oder konkreten Bezug auf meine letzten Betrachtungen, vielleicht wäre auch etwas mehr Direktheit sinnvoll. Immerhin schreibst Du von Dir und Deinen Entwicklungen, das finde ich immer sehr hilfreich und sinnvoll im Austausch, das schätze ich.

Ich gehe also auf einige Deiner Gedanken ein, indem ich von meiner eigenen Entwicklung schreibe.

Anfangszeit/Vermittelte Lerninhalte: Ich hatte keine Therapie-Erfahrung und war auch nicht in einer Klinik oder einer sonstigen Gesundheitseinrichtung, hatte auch an keinen Beratungsgesprächen, Sitzungen, SHG oder Ähnlichem teilgenommen. Allerdings las ich während der ersten Monate schon diverse Threads des offenen Bereichs. – Ich hatte anfangs mit Sicherheit noch keine entwickelte Haltung und Trockenheitsarbeit war auch nicht entwickelt. – Was ich aber hatte, mich! Ich hatte mich! Ich konnte mich wieder verlassen auf mich. Ich entdeckte meine Ressourcen. Ich konnte meinen Sport wieder regelmäßig und unabhängig von Katerzeiten ausüben. Ich sprang in der Natur herum, über Wiesen, durch Wälder in schöner Freude und Leichtigkeit. Das Leben war schön so. – Der Vorher-Nachher-Effekt war frappierend. In der Reflexion und auch im Vergleich kam mir meine Sauferei wie Siechtum vor, nichts anderes bedeutet ja im Übrigen das Wort Sucht. Und vom Siechtum hatte ich mich abgewendet, das wollte ich nicht für mein weiteres Leben. Insofern war dies wohl rückblickend meine damalige Grundhaltung, wenn es so etwas überhaupt gab. Eigentlich war es so, dass ich bereits unterwegs war, mich bereits auf meinem guten Weg beand und so durfte es weitergehen. Ich war in Bewegung, ich war unterwegs und so durfte es weitergehen. Ich war wieder in Bewegung. – Uwe, da war nix mit erarbeiteten Standpunkten, neuen, ethischen Vorstellungen, Werturteilen wie „Krank aber trocken“. Keine Theorien, keine Konstrukte, … Das alles hatte ich nicht und vielleicht war das ja auch gerade gut so.

Nach sieben Monaten begann ich damit, mich auszutauschen und meine Trockenheitsarbeit zu entwickeln, sie war nicht einfach da, sondern sie entwickelte sich, ich entwickelte sie. Das war auch die Zeit mit den Kisten im Keller, die Zeit der Betrachtungen, des Sortierens, des Entfernens, des Lassens, des Ordnens und all dem, was sonst noch damit zu tun hat, so wie ich es hier schon beschrieben habe. Der gute Austausch wurde mir wichtig und wertvoll, das ist bis heute so, daher pflege ich den guten Austausch.

Erst in der Mitte meines vierten, trockenen Jahres schloss ich mich einer SHG vor Ort an. Der Austausch dort tut mir gut, ich profitiere von den Erfahrungsberichten anderer Menschen, ich bringe meine eigenen Erfahrungen dort ein, ich gehe gerne dorthin.

Toleranz gegenüber „Lebensweisheiten“: Jeder hat seine Haltung im Zusammenhang mit seiner Krankheit und seiner Trockenheit, die darf, kann, soll jeder nach seiner Facon einnehmen. Gut ist, was mir nützt.

Im Übrigen ist Haltung Handlungsmerkmal.

Ich habe mich. Ich habe meine Haltung, meine Ent-wicklungen, meine Sichtweisen, meine Betrachtungen, meine Reflexionen, meinen Austausch, meine Erfahrungen, mein Leben.

Meine aktuellen Betrachtungen zum Thema Rückfall im Zusammenhang mit Krankheit und Trockenheit sind jetzt hier erst einmal für mich abgeschlossen.

Liebe Grüße, zerfreila (1.485) :D

ps: gutes Wetter, rauf auf's Rad und los...

zerfreila
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 10648
Registriert: 01.01.2009, 19:41

Beitrag von zerfreila » 02.07.2012, 11:00

Hallo Nobby, Danke für Deinen Besuch, Achtsamkeit halte ich auch für sehr wichtig. Nicht vergessen. Elisabeth schrieb gestern in diesem Zusammenhang:
Elisabeth hat geschrieben:Wieder ist ein weiteres trockenes Jahr vorbei! Das 18.!
Ich besuche weiterhin meine reale Selbsthilfegruppe und lese hin und wieder hier. Nur nicht die Krankheit aus den Augen verlieren ist meine Devise. So kann ich gut damit leben und bin zufrieden.
Euch allen eine gute Zeit
Elisabeth
Darum geht es mir. Gut, dies hier von Elisabeth als Langzeitrockener zu lesen. In letzter Zeit haben mich Rückfallberichte beschäftigt und besonders die Ähnlichkeit, was die Hintergründe betrifft. Draus kann ich lernen. Unachtsamkeit. Trockenheitsarbeit und insbesondere den Austausch eingestellt. Ich bin doch nicht krank. Ich bin doch trocken. Die Krankheit vergessen. - Daraus kann ich lernen. Das war in letzter Zeit mein Thema. Und wenn ein Thema dran ist, dan ist es nun mal dran.


Von Beginn meiner Trockenheit an stand für mich im Vordergrund, dass ich wieder freien und uneingeschränkten Zugang zu mir und zu meinen Ressourcen, meine Fähigkeiten, meine Begabungen hatte und diese wieder ohne die durch meine Sauferei bedingten Einschränkungen nutzen konnte. Mein Leben wurde wieder leichter und bunter. Der Kopf war klar, die Seele frei und ich sprang über Wiesen und Wälder.

In der zweiten Hälfte meines ersten, trockenen Jahres kam dann Austausch und Trockenheitsarbeit hinzu. Die Kisten wurden aus dem Keller geholt und die Arbeit begann. Meine Suchtstrukturen wurden mir klar. Meine Verknüpfungen bzw. Konditionierungen im Zusammenhang mit Alkohol. Offen und klar wurde es. So konnte ich mich entwickeln und entfalten. Eine ganze Reihe von Themen präsentierten sich mir. Das war gut so.

Im zweiten, trockenen Jahr standen für mich neue, berufliche Qualifizierungen und Umorientierung im Mittelpunkt, ganz nebenbei ergaben sich neue soziale Kontakte und wunderbare Freundschaften. Beruflich tauchte ich in ganz neue Welten ein, das war interessant, spannend, schön!

Im dritten Jahr stand für mich die besondere Achtsamkeit im Vordergrund, das Büchlein mit den 1000 Tagen und der Labilitätsphase von drei Jahren war mir wertvoll. Ab Beginn des dritten Jahres und andauernd bis heute hatte und habe ich es allerdings mit gesundheitlichen Problemen zu tun, die mir meine Leichtigkeit zum Teil nahmen. So lernte ich also den Umgang mit Krisen existenziellerer Art. Letztlich eine Art Prüfung, die ich weitgehend gut gemeistert habe.

Und erst seit Mitte des vierten, trockenen Jahres besuche ich regelmäßig eine Real-SHG. Dort kann ich in besonderer Weise lernen. Einfach so. - Das Thema Demut und Dankbarkeit präsentierte sich mir. - Und in der zweiten Hälfte meines vierten, trockenen Jahres nahm ich beruflich wieder eine neue Herausforderung an und bin eingetaucht in neue Welten.

Ich bin Bewegungsmensch.

Und gestern bin bin ich mal wieder einige Stunden auf dem Rad unterwegs gewesen. Einen kleinen Schauer nur habe ich abbekommen. Das war gut so. Heute sind die Beine müde. Aber auch heute werde ich wieder aufsatteln, da ich noch einen zusätzlichen, freien Tag habe.

Meine Abstinenz hat mein Leben bereichert, ich lebe klar und intensiv, habe gute Freundschaften, auch der Umgang mit Problemen oder gar Krisen ist nüchtern so viel besser möglich bzw. überhaupt erst möglich.

Das Schreiben wurde mir zu einer wichtigen Form und zu einem wichtigen Instrument des Ausdrucks, der Aufarbeitung und des Austauschs. Und das Schreiben hier im offenen Bereich des Forums halte ich auch deshalb für sehr sinnvoll, weil ja wohl viele Menschen hier lesen, die noch trinkend unterwegs sind und für sich die Möglichkeit erkennen können, dass es sinnvoll ist, sich auf den Weg zu machen, sich auf den trockenen Weg zu begeben.

Ansonsten gilt für mich: Kapitulation. Das erste Glas stehenlassen. Den guten Austausch pflegen.

Bis bald und liebe Grüße, zerfreila :D

silberkralle
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 7202
Registriert: 04.12.2009, 12:40

Beitrag von silberkralle » 02.07.2012, 11:43

glück auf zerfreila
zerfreila hat geschrieben: besondere Achtsamkeit
weiter so
zerfreila hat geschrieben: 1000 Tagen und der Labilitätsphase von drei Jahren
ich glaub. 10-20 von diesen 1000 tagen verteilen sich auf die restliche lebenszeit?

schöne zeit

:D
matthias

zerfreila
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 10648
Registriert: 01.01.2009, 19:41

Beitrag von zerfreila » 02.07.2012, 12:06

silberkralle hat geschrieben:
zerfreila hat geschrieben: 1000 Tagen und der Labilitätsphase von drei Jahren
ich glaub. 10-20 von diesen 1000 tagen verteilen sich auf die restliche lebenszeit?

schöne zeit

:D
matthias
Glück Auf Matthias, Danke für Deinen Besuch, freut mich!

Allerdings verstehe ich nicht, was Du mit dem von mir hervorgehobenen Satz meinst, obwohl ich ihn mir schon mehrmals durchgelesen habe.

Bitte um Aufklärung :D

zerfreila
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 10648
Registriert: 01.01.2009, 19:41

Beitrag von zerfreila » 02.07.2012, 12:15

zerfreila hat geschrieben:Hallo Uwe,

Bei mir war es so, dass ich mich quasi ohne jeglichen Überbau und ohne viel Theorie und sozusagen autodidaktisch auf den Weg begab. Ob ich nicht im Nachhinein therapeutische Begleitung usw. vermisse: Nein! Mir sagte niemand "Geh raus in die Natur, beweg' Dich". Mir sagte niemand "Räum' die letzten Flaschen aus Deiner Wohnung" usw. Aber doch, ich sagte mir das, ich selbst war das.
Von Anfang an konzentrierte ich mich auf mich und meine Ressourcen, meine Fähigkeiten und erfreute mich an meinen neuen bzw. wiedergewonnenen Errungenschaften. Sport und Natur. Klarer Kopf. Innere Ruhe. Beweglichkeit. Alles ganz konkret und nah und greifbar. Das war das, was mir Kraft gab. Damit verbunden auch das Gefühl, mich wieder auf mich verlassen zu können.

Ich konzentriete mich auf mich und meine Fähigkeiten, nicht auf einen Defekt. So halte ich es im Übrigen auch in meinem beruflichen Alltag.

Ich habe mich sozusagen aus mir selbst heraus, aus meinem eigenen Antrieb und aus eigener Motivation heraus und unter Nutzung meiner Ressourcen wiederentdeckt und entwickelt.

Später kam der Austausch hinzu und das war und ist auch wichtig und gut. Auf Einmischungen habe ich von Anfang an verzichtet, ich habe von meinem eigenen Weg berichtet und konnte mir von Erfahrungen anderer Menschen etwas mitnehmen, von denen, die auch von ihrem eigenen Weg berichteten.

Dass sich aber wirklich Langzeittrockene auch nach über zwanzig oder dreißig Jahren zum Austausch versammeln und nicht vergessen, dass sie einen Defekt haben, der bei Wiederausbruch fatale bis tödliche Folgen haben kann, das war für mich anfangs phänomenal, jetzt aber völlig normal und klar. Dies wurde mir erst nach knapp vier Jahren Trockenheit in solcher Deutlichkeit bewusst und deutlich und wichtig.

Das sind so meine Gedanken zu diesem gerade präsenten Thema und zu Deinem letzten Beitrag.

Liebe Grüße, zerfreila


Meinen vorhin bei Uwe verfassten Text hole ich mir mal hier zu mir, da er an die hier zuletzt ausgebreiteten Gedanken anknüpft bzw. diese ergänzt. -zerfreila-

Sonnenblume
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 10702
Registriert: 16.01.2009, 08:22

Beitrag von Sonnenblume » 02.07.2012, 12:28

Lieber Zerfreila,

da hat sich wieder was Gutes entwickelt.
Ich kann mit Uwes und Deinen Aussagen sehr viel anfangen.
Danke auch Dir.

Dir eine gute Woche .... unterwegs

lieben Gruß Sonnenblume :)

zerfreila
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 10648
Registriert: 01.01.2009, 19:41

Beitrag von zerfreila » 02.07.2012, 12:43

Sonnenblume hat geschrieben:Lieber Zerfreila,

da hat sich wieder was Gutes entwickelt.
Ich kann mit Uwes und Deinen Aussagen sehr viel anfangen.

Danke auch Dir.

Dir eine gute Woche .... unterwegs

lieben Gruß Sonnenblume :)
Liebe Sonnenblume, Danke für Dein Feedback, freut mich. Bis bald mal wieder und Dir auch eine gute Zeit. Liebe Grüße, zerfreila

Antworten