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Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum.
Ein neues Thema bitte erst ab ein Jahr Trockenheit eröffnen.

Moderator: Moderatoren

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schnuffig
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Registriert: 17.07.2011, 09:41

Beitrag von schnuffig » 08.07.2012, 12:52

Hallo Manfred!

Bei mir ist das vielleicht so wie beim Herrn Uwe, zumindest etwas, teilweise.

Ich hab's gar nicht mit dem Wort Plötzlich.

Zum Beispiel stehe ich im Supermarkt und darf mir was zu Naschen aussuchen.
Das beansprucht mich völlig.
Dann taucht plötzlich ein Mann hinter mir auf. Meinen Schrei hat dann der ganze Supermarkt gehört, er hat sich wiederholt entschuldigt und ich konnte ihm schwer erklären, dass das an mir liegt.
Oder jemand, den ich kenne, läutet draußen an der Tür und steht dann schon herinnen.
Kreisch!
Ganz grandios war vor kurzem die Idee dass sich wer hinter der Tür versteckt hat, für den gab es nämlich einen Schlag in den Magen.
Und wenn ich ganz in meinem Tun bin, dann werfe ich auch schon mal was auf das klingelnde Telefon.
Kürzlich hat sich ein Specht in meine Küche gesetzt als ich draußen war - ein gellender Schrei war bei meinem Eintreten die Folge.
Armer Specht!
Unabsichtlich habe ich ein paar Minuten eines Psychothrillers gesehen, die Kombination des Trios Rennen- Totstellen-Angreifen war die Folge.
Plus einem Sprung hinter die Couch und gellenden Schreien natürlich.
Das versteht sich bei mir schon selber.
Filme sind überhaupt so eine Sache. Ich verstehe auch nicht ganz, wie man sich manches reinziehen kann ohne weglaufen zu wollen.
Ich glaube, da muss man schon abgestumpft sein. Ich kann mir nur Comic Verfilmungen ansehen, das geht.
Manches mal wenn ich am Schreien bin, höre ich dann auch, ich hätte wohl ein frühkindliches Trauma, ich glaube eher, ich wäre von praktischem Nutzen für einen Stamm der draußen lebt.
Ich bin eben kein moderner Mensch.
Meine Worte waren jetzt eher ein Ausflug in die Welt des Schreckens und weniger in die der Angst.
Die habe auch nicht mehr so.
Also Angst vor dem Leben allgemein.

LG

Manfred
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 1387
Registriert: 15.12.2009, 18:25

Beitrag von Manfred » 10.07.2012, 10:48

Hallo schnuffig,
vielen Dank auch für Deinen Besuch und Beitrag.


Hallo zusammen,
nachdem ich nun Eure Beiträge ein wenig auf mich wirken lassen habe, hier nun meine Antwort:

als ich mit dem Alkohol trinken begann (mit 14,15) habe ich nicht darüber nachgedacht ob und welche Spannungen ich damit ent-spannte.
Ich habe lediglich gespürt, dass ich ent-spannter wurde. Das ging so bis ca. Anfang 20.
Wenn ein anderes Mittel oder Verhalten dieselbe Wirkung gehabt hätte, dann wäre ich sicher danach süchtig geworden.
Mit Anfang 20 entwickelte sich dann dieser vermeintliche Schutzmantel und Ent-spanner Alkohol nach und nach zur Zwangsjacke und zum Spannungsverursacher.
Ich habe dann noch 10 Jahre gebraucht um zu akzeptieren, dass ich Alkoholiker bin (darüber habe ich ja schon geschrieben).

Als ich dann endlich aufhören konnte, da fühlte es sich wie eine große Befreiung an, als wenn eine schwere Last von mir abfiel, also eine Ent-lastung.
Ich war dankbar, dass ich auch ohne Alkohol leben konnte. Das erschien mir ja in den letzten 10 Jahren des Trinkens völlig unmöglich. In der letzten Zeit des Trinkens war es für mich unvorstellbar auch nur einen einzigen Tag ohne Alkohol zu leben.

Körperliche Beschwerden hatte ich damals nicht. Meine Ängste habe ich zwar damals auch schon gespürt, aber meine Zuversicht und mein Tatendrang waren um ein vielfaches größer.

Auch die von Uwe angesprochenen „Gegenstrategen“ Mut, Vertrauen und Demut habe ich damals in größerem Maße gespürt (Danke Uwe, dass Du sie nochmal ansprichst).
Ich kann gar nicht genau sagen, wann und wodurch sich die Gegenstrategen abgeschwächt haben. Es war ein schleichender Prozess.
Vieles hat sicher mit meiner Fixierung auf meine berufliche Situation zu tun.
Heute weiß ich, dass auch größtmögliches Engagement kein Garant auf eine beruflich gesicherte Existenz ist.
Und schon gar kein Garant auf ein angstfreies Leben.
Rückblickend betrachtet hatte mein ganzer beruflicher Ehrgeiz wohl überwiegend eine kompensatorische Funktion.
Er sollte mir, ohne das mir das in der Zeit bewusst war, Identität, Status, Einkommen, Zugehörigkeit, Aufmerksamkeit, Sicherheit und was ich sonst noch so alles an Bedürfnissen hatte, erfüllen.
Nach dem Motto: alles aus einer Quelle.
Das kommt mir irgendwie bekannt vor …
Ich bin damals gar nicht auf die Idee gekommen, dass es für unterschiedliche Bedürfnisse auch unterschiedliche Quellen gibt.
Ich wusste nicht mal, welche Bedürfnisse ich genau hatte, geschweige denn, wie ich mit diesen Bedürfnissen umgehen sollte.
Erst jetzt, nachdem die „berufliche Quelle“ nicht mehr zur Verfügung steht, wird mir nach und nach klarer, welche Bedürfnisse ich überhaupt habe, und welche Ängste ich in den letzten Jahren mit meinen so „wichtigen“ beruflichen Aufgaben kompensiert bzw. abgewehrt und verdrängt habe.

Es hat sehr viel mit der Angst zu tun verlassen zu werden bzw. zu sein, und mit der Angst ausgeschlossen zu werden bzw. zu sein.
Das sind, soweit ich das weiß, zwei Urängste des Menschseins.
Lebensgeschichtlich wurden diese Ängste bei mir eher verstärkt, sodass ich lange Zeit keinen gesunden Umgang damit finden konnte.
Erst jetzt traue ich mich diese Ängste überhaupt zu benennen und sie auch spürbarer werden zu lassen.

Letztlich läuft alles auf die Fragen hinaus: Wie gut komme ich mit mir alleine zurecht? Wie gehe ich mit meiner Einsamkeit um?

LG Manfred

silberkralle
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Beitrag von silberkralle » 10.07.2012, 11:32

glück auf manfred
Manfred hat geschrieben: Wie gut komme ich mit mir alleine zurecht?
hhhmmm - manchmal is man tatsächlich mit sich allein - sogar im dicksten gewühl.
woran denkst du dann?
Manfred hat geschrieben: Wie gehe ich mit meiner Einsamkeit um?
für mich stellt sich sofort die gegenfrage, was kannst du gegen die einsamkeit tun?

schöne zeit

:D
matthias

viola
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Beitrag von viola » 10.07.2012, 18:09

Lieber Manfred,

es liest sich, als hättest du etwas wichtiges für dich erkannt und sortiert und würdest dich langsam aber sicher zum "Kern" vorarbeiten.

Ich kenne so einige Menschen, die wie in deiner Beschreibung deines früheren Ichs sehr viele unterschiedliche Bedürfnisse mit Hilfe ihres Jobs/Berufs befriedigen wollen. Mittelfristig geht das schief, entweder landen sie im Burnout oder sind sonstwie unglücklich oder gehen ihren Kollegen unglaublich auf den Geist.
Ich kenne jedenfalls niemanden, der auf diese Art und Weise sein persönliches Potential gesund ausgeschöpft hätte.

Ich bin schon gespannt, welche Antworten du auf deine beiden letzten Fragen finden wirst.

LG viola

Manfred
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Beitrag von Manfred » 12.07.2012, 00:47

Hallo Matthias und viola,
mich begleitet schon mein ganzes Leben lang ein Gefühl von Verlassenheit und Ausgeschlossen sein.
Mal ist etwas stärker, mal etwas schwächer.

Die Ursachen dafür sind mir bekannt.
Und ich verstehe auch, warum sie welche Auswirkungen auf mein Leben hatten und haben.

Verlassenheitsgefühle sind ein guter Nährboden für süchtiges Verhalten jeglicher Art.

Bei der Beschäftigung mit dem Thema „Verlassenheit“ bin ich auf ein Buch gestoßen, das ich denjenigen empfehle möchte, die sich auch für dieses Thema interessieren: „Verlassenheit und Selbstentfremdung“ von Kathrin Asper.

Im „Kern“ geht es für mich nach wie vor darum, mich meinem inneren, verlassenen Kind zu nähern, dass ich in seiner Bedürftigkeit spüren kann, aber dessen Bedürftigkeit mich manchmal auch überfordert.

***********************

Seit einiger Zeit habe ich auch verstärkt mit der Bedürftigkeit meiner älter und kränker werdenden Eltern zu tun. Parkinson und Krebs sind hier die Stichworte, auf die ich aber an dieser Stelle nicht näher eingehen möchte.

Ich empfinde es gerade als große Herausforderung, den Umgang mit diesen genannten Bedürftigkeiten (meine und die meiner Eltern) in eine Balance zu bekommen.
Eins spüre ich aber ganz deutlich: Gerade jetzt ist es besonders wichtig, dass ich meine eigenen Bedürfnisse nicht aus den Augen verliere.

LG Manfred

MaryLou

Beitrag von MaryLou » 12.07.2012, 02:41

Danke für die Buch Empfehlung Manfred.

Ich werde es mir demnächst bestellen.

Liebe Grüße

MaryLou

MaryLou

Beitrag von MaryLou » 12.07.2012, 02:59

Hallo Manfred,

ich werde mir auch dieses/dein/unser Thema, diesen "Faden" noch
ganz genau durchlesen und darüber nachdenken.

:)

Schön, dass es dich gibt.

MaryLou

silberkralle
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Beitrag von silberkralle » 12.07.2012, 08:36

glück auf manfred

verlassen werden is oberschlimm - egal wie und aus welchen gründen - für mich scheint das schlimmste daran, das es ohne die möglichkeit einer gegenwehr geschieht.
aber einsamkeit kann ich beeinflussen!
silberkralle hat geschrieben: was kannst du gegen die einsamkeit tun?
und hast du schon was unternommen? mit welchem ergebniss?

schöne zeit

:D
matthias

Gesperrt