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Meine Wände

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum.
Ein neues Thema bitte erst ab ein Jahr Trockenheit eröffnen.

Moderator: Moderatoren

Kaleu
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 1291
Registriert: 08.02.2010, 20:06

Meine Wände

Beitrag von Kaleu » 31.01.2014, 07:14

4 Jahre ist es jetzt her. Mit Grusel denk ich dran zurück. Da sass ich nun. In diesem dunklen Käfig aus kalten Wänden in den ich mich selber eingesperrt hatte. Stück für Stück, Tropfen für Tropfen. Jeden Tag ein bisschen mehr. Einsam. Teilweise verbittert. Nur ein Schatten des Menschen der ich mal war, der in mir steckte. Nur mehr eine leblose Hülle die irgendwie noch funktionierte. Doch in mir funktionierte schon lange nichts mehr.

Und es wurde eng. Erstickend eng. Die Wände des Käfigs kamen näher. Die Dunkelheit nahm zu.

Raus hier oder Sterben. Das war die Wahl die ich noch hatte.

Also Raus hier!

Ich zwängte mich durch die winzige Öffnung die ich in meinem Käfig zurückliess. Sie war das Fenster nach aussen. Ein bisschen klein um da durchzukriechen, aber der Mut der Verzweiflung machte doch mächtig Druck.

Eine schöne neue Welt wurde mir versprochen.

Nachdem ich durch die kleine Öffnung gekrochen war, landete ich in einem verstaubten Keller. Wo ist denn jetzt die schöne neue Welt?

Da war nur dieser Keller. Doch so schlecht war der gar nicht. Zwar recht dunkel, aber zumindest hatte ich ein 30 Watt Birne die an der Decke baumelte und ein bisschen Licht spendete. Die Wände waren auch nicht ganz so nah. Ich hatte plötzlich etwas Platz.

Die nächste Zeit, sicher ein Jahr verbrachte ich damit die Öffnung die in den Käfig zurückführte zu verriegeln und verrammeln. Stahltüren wurden gegossen. Gewaltige Riegel entworfen. Alarmanlagen installiert. Mühsam war diese Arbeit, Mühsam, doch notwendig. Denn der Keller war nicht die versprochene schöne Welt. Und manchmal, oft sogar, war es in diesem Keller einsam, kalt, langweilig. Und der Käfig hatte einen Vorteil. Zwar war es da enger aber man musste auch weniger sehen. Weniger was aufzuräumen war. Doch trotzdem war er der Tod. Also lieber alles verriegeln und verrammeln.

Jahr 2 begann.

Keller ausstauben, Keller aufräumen. Hier und da wurde ein kleiner Sessel aufgestellt, die Glühbirne gegen eine grössere getauscht. Wände hab ich gestrichen. Bilder aufgehangen.

Ein, zwei Mal die Woche schaute ich ängstlich nach der verrammelten und verriegelten Öffnung zum Käfig. Alles zu, alles dicht.

Gemütlich hatte ich's jetzt. Alles konnte seinen geregelten Gang gehen. Und ich war sicher. Sicher durch die Alarmanlagen an der Käfigöffnung. Sicher durch die mittlerweile bunt bemalten Kellerwände.

Doch es stimmte nicht. Ich hatte Angst. Angst vor der Treppe sie ich beim Aufräumen entdeckte. Waren es nicht die gleichen Wände wie in dem Käfig die mich schützen sollten? War es nicht der gleiche Wunsch nach Sicherheit der mich überhaupt erst in den Käfig zwängte?

Und ich ergriff Mut die Treppe hinauf zu gehen.

Jahr 3 begann.

Wow. Eine richtige Wohnung, viele Zimmer. Viel Platz. Fenster. Licht. Richtiges Licht. Und wieder ein Jahr, Wände streichen, Wände mit Bildern behängen. Sessel aufstellen. Und es war richtig schön.

Ab und zu, eher selten ging ich in den Keller um nach der verrammelten und verriegelten Öffnung zu sehen. Da war alles dicht. Und in den Keller wollte ich kaum noch.

Jahr 4 begann.

Freunde kamen und gingen. Alles wirkte hell und machte Freude. Das musste das Leben sein.

Doch da waren wieder Wände. Wände die mir Sicherheit geben sollten. Wovor eigentlich? Vor dem was hinter der Haustür liegt? Was ich durch die Fenster sehen konnte? Wovor hatte ich eigentlich solche Angst, daß ich meinte Wände zu brauchen?

In ein paar Tagen beginnt Jahr 5. Den Schritt durch die Haustür bin ich schon vor einer Weile gegangen. Ein bisschen wehmütig, musste ich doch alles Vergangene, alles was mich schützen sollte hinter mir lassen.

Wände mag ich heute nicht mehr. Sie geben mir keine Sicherheit. Sie sperren mich ein. Die Wände ließ ich zurück. Dafür bekam ich das größte Geschenk.

Vertrauen.

In tiefer Dankbarkeit für alles Geschehene und all Jene die mich begleitet haben.

Kaleu

silberkralle
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Beiträge: 7198
Registriert: 04.12.2009, 12:40

Beitrag von silberkralle » 31.01.2014, 08:16

glück auf kaleu

schöne bilder - schön und gruselig.

du suchst noch? - wonach?

schöne zeit

:D
matthias

Kaleu
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Beitrag von Kaleu » 31.01.2014, 08:45

Hallo Matthias,

ich such nicht mehr. Das wollte ich damit ausdrücken :)

Gruß

Kaleu

RenateO
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Beiträge: 2058
Registriert: 26.12.2008, 15:28

Beitrag von RenateO » 31.01.2014, 19:36

Hallo Kaleu
Ich komme von der Co-Seite und bin sehr berührt von dem was du schreibst.
Schon letzten September war dein damals geschriebener ,,Rückblick,, so wichtig und bedeutsam für mich.

Auch jetzt nehme ich wieder etwas von dir mit und danke dir dafür sehr.

Denn einiges was du schreibst trifft auch auf mich zu.
Klingt jetzt vielleicht komisch,aber jetzt Monate nach der erneuten und jetzt entgültigen Trennung,habe ich viele Gefühle durchlebt.
Erst sowas wie Befreiung wieder durchatmen können,dann erste Schritte alleine ohne wirklichen Plan(Ziel) dann ging es mir eine Zeit ganz gut .
Aktuell fühle ich mich manchmal sehr einsam,dann wieder mitten unter Menschen wirklich allein/irgendwie fremd/so unwirklich.
In solchen Momenten ist mein Heim meine Burg ,mein Rückzugsort,dann wieder erdrückt mich mein Zuhause und macht mir das Alleinsein so bewußt.
Auch ein Co (Ich) muß wieder Leben lernen,so empfinde ich das gerade.
Alles Gute dir und danke für dein Geschriebenes.
Vertrauen ist wohl der Schlüssel und den habe ich noch nicht gefunden.
Ich vertraue zwar mir aber anderen Menschen nichtmehr und das steht einer Zweisamkeit im Weg.
Solange ich das Vertrauen nicht wiederfinde sehe ich nicht den Weg /das Ziel,spüre meine Schwäche.


LG R..

Kaleu
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 1291
Registriert: 08.02.2010, 20:06

Beitrag von Kaleu » 01.02.2014, 08:07

Hallo Renate,

Vertrauen war für mich immer das eine große Thema. Ich kam da nie ran. Weil ich's rational versucht habe.

Vetrauen ist etwas was einen ganz erfüllt. Wenn es einen erfüllen soll, muss natürlich auch Platz dafür sein. Das bedeutet, irgendwas muss raus, irgendwas muss gehen. Hinter mir bleiben.

Vertrauen hat nicht unbedingt etwas mit mir selbst oder anderen Menschen zu tun. Es ist viel mehr als das. Vertrauen in einen anderen Menschen bedeutet nicht davon auszugehen, daß dieser unfehlbar wäre, nie Mist bauen würde oder nie etwas tun würde, womit ich nicht klar komme. Wer das sucht, sucht nicht Vertrauen sondern Sicherheit weil ihm das Vertrauen fehlt.

Dafür hab ich lange meine Wände errichtet.

Wenn Du Vertrauen willst - lass etwas gehen.

Lieben Gruß

Kaleu

Maria
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 6571
Registriert: 21.10.2007, 01:57

Beitrag von Maria » 01.02.2014, 08:16

Hallo Kaleu,
So voll - wie Du nüchtern erfüllt sein kannst - kannst Du gar nicht sein!
für diesen Satz möchte ich mich bei dir bedanken. Wie wahr er ist.

Schön, dich mit eigenen Thread wieder lesen zu können.

Liebe Grüße
Maria

zerfreila
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Beiträge: 10648
Registriert: 01.01.2009, 19:41

Beitrag von zerfreila » 01.02.2014, 10:38

Hallo Kaleu,

Deinen Text finde ich ausgesprochen schön und gehaltvoll. Vielen Dank dafür. - Und herzlichen Glückwunsch zu Deinen vier Jahren ohne Alkohol. - Liebe Grüße, zerfreila

inbetween
neuer Teilnehmer
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Registriert: 04.08.2012, 19:48

Beitrag von inbetween » 01.02.2014, 10:52

Hallo Kaleu,

ja, ich entdecke es auch gerade für mich, dieses Gefühl - dass man sich nicht mehr verbarrikadieren muss, weil einem niemand etwas wegnehmen, den Boden unter den Füßen wegziehen kann, dass man den Moment genießen kann, weil er eben gerade da ist, um ihn dann loszulassen, dass man den Ausschließlichkeits- und Ewigkeits-Anspruch an die Dinge fallen lässt, denn selbst wenn sie in Bernstein eingeschlossen sind, sind sie dann tot ...

Auch von mir vielen Dank für deinen Text.

Viele liebe Grüße
Lea

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