Startseite - PortalHilfsangebote der SuchthilfeSelbsthilfeforumInformationen zur Suchthilfe

Kämpfen lohnt sich

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum.
Ein neues Thema bitte erst ab ein Jahr Trockenheit eröffnen.

Moderator: Moderatoren

Antworten
kerlchen
neuer Teilnehmer
Beiträge: 1
Registriert: 11.11.2014, 21:00

Kämpfen lohnt sich

Beitrag von kerlchen » 11.11.2014, 23:16

Hallo zusammen,
ich bin Sven, 45 Jahre alt, seit 15 Jahren trockener Alkoholiker und das ist meine Geschichte.

Angefangen zu trinken habe ich während meines Wehrdienstes. Ich war damals in Stetten am kalten Markt stationiert und dort wurde am Abend nur gesoffen. Ich hatte zwar schon zuvor einen Rausch aber dort habe ich wirklich gelernt mich abzuschießen und am nächsten Morgen wieder "Fit" zu sein.

Nach dem Wehrdienst wollte ich die große weite Welt sehen und bin mit meiner Freundin nach Hamburg gezogen. Eigentlich wollte ich dort in meinem erlernten Beruf als Industriemechaniker arbeiten aber auf dem Bau war mehr zu verdienen. Auch dort wurde viel getrunken. Die Kollegen und ich sind nie nach der Arbeit nach Hause ohne, dass wir nicht an einem Kiosk ein Bier getrunken hätten. Schleichend wurde es immer mehr. Aus einem Bier wurden zwei und dann drei... dann auch daheim noch das ein oder andere Feierabendbier.
Wie dem auch sei, die Abwärtsspirale begann.
Meine Freundin hat mich trotzdem geheiratet.

Dann kamen die ersten Probleme mit der Justiz. Zwei Mal bin ich betrunken angehalten worden. Zweimal kam ich mit einer Geldstrafe davon und mit einer kurzen Entziehung der Fahrerlaubnis. Aber nach ein paar Monate habe ich sie wiederbekommen. Dann aber der erste große Brocken. Ich habe mit fast zwei Promille versucht in eine viel zu kleine Parklücke einzuparken, dabei habe ich zwei andere Autos beschädigt. Als ich versuchte zu flüchten hat mich ein Passant versucht aufzuhalten und den habe ich beinahe überfahren.
Die Strafe war hart. 180 Tagessätze und Führerschein erst wieder nach zwei Jahren und MPU.

Meine Frau hatte zuvor schon meinen Alkoholkonsum angemahnt aber nun wurde sie ungemütlich. Sie drohte mit Trennung sollte ich nicht zu einem Arzt gehen. Zudem war unser erstes Kind geboren

Das nächste Jahr ging an mir vorbei. Die ersten Schritte meines Sohnes, dass mich meine Frau verlassen hat, Verlust der Arbeit... Irgendwann lies ich mich dann aber doch von meinen Angehörigen zu einer Therapie überreden. Die Entgiftung zog ich durch, doch die Langzeitentwöhnung danach brach ich nach 6 Wochen ab. Dennoch kehrte meine Frau zu mir zurück. Sie wurde erneut schwanger.

Dann der ganz große Absturz. Auf einer Familienfeier fühlte ich mich provoziert. Ich habe einen meiner Cousins so hefig geschlagen, dass er einige Tage im Koma lag. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich fast 3 Promille. Ich war zwar bis zur Verhandlung auf freiem Fuß aber dort der Schock. Ich wurde für die Tat als Schuldunfähig befunden und musste wegen wiederholten Straftaten unter Alkoholeinfluss in die forensische Psychiatrie.

Wer dort einmal war, der war in der Hölle. Zwar haben die Alkoholiker dort ihr eigenes Reich aber eigentlich ist man zwischen Frauenmörder und Kinderschänder eingesperrt. Die sitzen in Sichtweite ein.
Dort musste ich eine Mindeststrafe von 2 Jahren absitzen es wurden aber fast 4 Jahre da meine Rückfallprognose nicht gut war.
Die Forensik ist auch die Hölle, weil man dort nicht abbrechen kann und fliehen kann. Man muss sich dort unweigerlich seinen Dämonen stellen. Die Psychiater dort sind gut und unerbittlich.

Nach der Forensik ging ich ein Jahr in ein betreutes Wohn- und Arbeitsprojekt, dass mich wieder in die Selbstständigkeit und Erwerbstätigkeit gewöhnen sollte.

Als ich dann wieder ein selbstbestimmtes Leben führen konnte, waren 5 Jahre vergangen. Es war eine schwere Zeit mit vielen Rückfallgedanken.
In dieser Zeit habe ich mich einer Gesprächsgruppe beim Gesundheitsamt angeschlossen.

Bereits während meiner Zeit in der Forensik habe ich versucht Sühne und Wiedergutmachung zu leisten. Bei dem Cousin und weiten Teilen meiner Famile stoße ich bis heute auf Granit. Ich bin bei meiner Familie ein Ausgestoßener. Auch meine mittlerweile Ex Frau konnte ich nicht mehr erreichen. Sie hatte das alleinige Sorgerecht für die Kinder und war ans andere Ende der Republik gezogen. Mittlerweile war sie wieder verheiratet. Auf meine Versuche der Kontaktaufnahme drohte mir ihr Anwalt mit einer Fernhalteverfügung. Das Jugendamt meinte, nach beinahe sechs Jahre ohne Kontakt stünden die Chancen meine Kinder wiederzusehen schlecht zumal sie noch Babys waren als ich sie das letzte Mal gesehen habe. Auch die Entfernung von fast 500 km sieht das Jugendamt kritisch. Sie sehen den zweiten Mann meiner Frau als Vater an, mir wurde sogar die Erlaubnis zur Adoption nahegelegt aber das kommt für mich nicht in Frage. Wenn sie sich mit 18 adoptieren lassen wollen ok, aber diese Entscheidung sollen die Kinder haben.

Nachdem ich 10 Jahre trocken war, habe ich "mit dem Thema abgeschlossen". Ich habe die Selbsthilfegruppe verlassen und mich nicht mehr mit dem Thema beschäftigt. Ich wollte einfach mein Leben leben.

Heute habe ich Arbeit und wieder eine Frau. Ich lebe ein ruhiges Leben und begegne den täglichen Versuchungen mit er Kraft die mir in den vergangenen zehn Jahren erarbeitet habe. Wenn ich mit meiner Frau im Biergarten sitze und am Nebentisch jemand einen Schluck aus einem frisch gezapften Bier trinkt, dann bekomme ich doch noch den Geschmack in den Mund und es kribbelt mir in den Fingern aber ich konnte bisher immer meiner inneren Stärke vertrauen und das Wünsche ich allen hier im Forum.

Warum ich mich jetzt im Forum anmelde? Heute habe ich einen alten Saufkumpfel vom Bau zu Grabe getragen. Nach der Beerdigung sind die meisten einen Trinken gegangen, ich bin nach Hause gegangen und habe mir das erste Mal nach langer Zeit wieder Gedanken über mein Leben gemacht alles in allem ist es noch am Gut gegangen. Nur eines Wünsche ich mir von Herzen, nach 15 Jahren meine Söhne wiedersehen. Damit werde ich aber noch warten, bis beide 18 sind und entscheiden können ob sie mich sehen wollen.

silberkralle
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 7198
Registriert: 04.12.2009, 12:40

Beitrag von silberkralle » 12.11.2014, 08:16

glück auf sven

schön, das du hier bist - bin gespannt mehr von dir zu lesen.

wie bereitest du dich "trockenheitsmäßig" auf die kontaktaufnahme mit deinen söhnen vor?

schöne zeit

:D
matthias

Martin

Beitrag von Martin » 12.11.2014, 14:02

Hallo Sven,
Wenn ich mit meiner Frau im Biergarten sitze und am Nebentisch jemand einen Schluck aus einem frisch gezapften Bier trinkt, dann bekomme ich doch noch den Geschmack in den Mund und es kribbelt mir in den Fingern aber ich konnte bisher immer meiner inneren Stärke vertrauen und das Wünsche ich allen hier im Forum.
hast du auch einen Plan B wenn dir mal die Stärke nicht reicht :?:

Wenn du beim Anblick eines Bieres den Geschmack in den Mund bekommst

und es in den Fingern kribbelt, warum gehst du dann dort hin :?:

Ich bin "erst" 11 Jahre trocken, mich kribbelt es nicht, aber ich sehe es als Risiko und gehe deshalb in keinen Biergarten.

LG Martin
------------------------
Wie kann ich das Forum unterstützen?

Poster
neuer Teilnehmer
Beiträge: 356
Registriert: 25.12.2010, 20:12

Beitrag von Poster » 12.11.2014, 22:46

Hallo Sven

Du kommst sehr authentisch rüber, ich finde es toll wie Du die schweren

letzten 15 Jahre bewältigt hast und inzwischen auf der "Reihe" bist.

Herzlich willkommen auf der Seite.

Lg

der Poster

Slowly
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 1437
Registriert: 28.02.2014, 01:29

Beitrag von Slowly » 13.11.2014, 02:54

Hallo Sven,

Danke für deine Offenheit.

Sie zeigt in sehr krassen Bildern was der Alkohol in deinem Leben ausrichten konnte.

Gerne möchte ich mich Martin anschließen mit der Frage:

"Warum gehst du dieses große Risiko ein ?"

Was mich zudem interessieren würde, du brauchst natürlich nicht darauf zu antworten :):

Diese Aggressionen, die dazu führten deinen Cousin in´s Koma zu schlagen, was ja als endgültiger Tiefpunkt anzusehen ist, waren die dann nach dem trocken werden automatisch weg, musstest du daran arbeiten sie zu verlernen oder bestehen sie heute noch innerhalb deiner Persönlichkeit weiter ?

Alles Gute

Marion

Antworten