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Vertrauen und Mut / Thalia

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum.
Ein neues Thema bitte erst ab ein Jahr Trockenheit eröffnen.
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Thalia1913
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Vertrauen und Mut / Thalia

Beitrag von Thalia1913 » 07.06.2015, 10:17

Bevor ich aufgehört habe mit Trinken, dachte ich, ich kann ohne Alkohol nicht leben. Aber der Hauptgrund, warum mein Leben inzwischen so "unlebbar" für mich war, war der Alkohol. Dass sich da der Hund in den Schwanz beißt, erkannte mein weinumnebeltes Hirn nicht. Das konnte ich erst erkennen, als ich bereits einige Zeit trocken war.

Das bedeutet, das Trockenwerden hat ganz viel mit Vertrauen zu tun, und Mut. Vielleicht wie das Aussteigen aus einem fliegenden Flugzeug. Ich weiß, dass ich einen Fallschirm auf den Rücken geschnallt habe, aber alles in mir wehrt sich gegen diesen einen Schritt ins Leere. Angst entsteht, Panik. Der normale, gesunde menschliche Instinkt sagt mir: Du kannst nicht fliegen. Und genauso normal und "gesund" fühlte es sich an, wenn mein Hirn mir sagte, Du kannst nicht ohne Alkohol leben. Angst entsteht, Panik.

Vertrauen und Mut.

Ich bin den Schritt ins Leere vor etwa 20 Monaten gegangen. Inzwischen habe ich festgestellt, dass das Flugzeug gar nicht flog. Ich war die ganze Zeit auf sicherem Boden, nur konnte das mein weinumnebeltes Hirn nicht mehr erkennen.

So gehe ich auch heute mit Gedanken ans Trinken um, wenn sie denn mal kommen. Ich weiß, ich bin auf sicherem Boden, und ich habe akzeptiert, dass mein Hirn mir immer mal wieder zwischendurch etwas anderes weiszumachen versuchen wird. Das Suchtgedächtnis wird mir bleiben. Indem ich das akzeptiere, gebe ich ihm keine Macht mehr über mich.

Ich merke, dass ich mit jedem Tag, jeder Woche, dem Monat, jedem Jahr ohne Alkohol klare werde in mir, neue Möglichkeiten habe, mich selbst kennenzulernen und mein Leben aktiv zu gestalten. Das ist wohl das größte Geschenk, das ich mir in meinem Leben bisher gemacht habe.

Vor einem Jahr bin ich auf dieses Forum gestoßen, das für mich seither eine ganz reale Selbsthilfegruppe geworden ist. Hier lerne ich - wenn ich will - jeden Tag etwas über mich und über meine Sucht. In den vergangenen zwölf Monaten hat sich viel in meinem Inneren verändert, und dadurch konnte ich auch viel in meinem äußeren Leben verändern, so dass beides jetzt besser zueinander passt.

Ich bin schon gespannt, wie das Leben für mich in den nächsten zwölf Monaten weitergeht. Und freue mich sehr darüber, dass ich das aktiv mitgestalten kann.

Thalia
(hauptsächlich im erweiterten Bereich aktiv)

Thalia1913
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Beitrag von Thalia1913 » 31.12.2015, 15:47

Heute schrieb ich einer Freundin, Silvester ist für mich gar nicht so eine "Zäsur", hat nicht so eine besondere Bedeutung als Punkt, von dem ich zurück oder nach vorne schaue, Fazit ziehe oder Vorsätze fasse. Das mache ich mittlerweile immer wieder an "ganz normalen" Tagen, dass ich mich in meinem Leben umschaue und gucke, was da ist, und durchaus auch im Gegensatz dazu, was da mal war, und dann auch, was ich mir noch wünsche.
Aber da ich jetzt hier einige Stunden Zeit habe einfach nur mit mir allein, nehme ich die Gelegenheit nun doch wahr und freue mich darüber, welche Richtung mein Leben seit meinem Abschied vom Alkohol vor etwas über zwei Jahren eingeschlagen hat.

Als ich noch trank, fühlte ich mich in meinem Leben gefangen. Sah keinen Ausweg. Fühlte mich schuldig, dass ich so fühlte, trank, weil ich so fühlte, und fühlte mich schuldig, weil ich trank, und trank, weil ich mich schuldig fühlte, und mehr und mehr höhlte ich innerlich aus und wurde leer. Ich war nur noch bröckelnde, einstürzende Fassade und dahinter ein Gemisch aus alkoholgetränkten Pseudogefühlen, Scham, Angst, wütende Verzweiflung, verzweifelte Wut, taube Gleichgültigkeit, von denen ich wohl glaubte, dass sie mich ausmachten, aber das war nur mein alkoholisches Ich, das die Leere in mir eingenommen hatte und sich für mich ausgab.

Als ich aufhörte zu trinken, trocknete mein alkoholisches Ich langsam aus. Und machte Platz für anderes. Auch erstmal für die Leere, die es hinterließ, während es schrumpfte. In die Leere konnte - und Jann - ich dann hineinwachsen. Und kann mir eine neue Außenhaut aufbauen; manche Steine der alten Fassadenruine taugen noch, andere nicht. Mein Haus - mein Ich ist jetzt ein anderes als vorher. Und mein alkoholisches Ich ist jetzt und für immer in mir wie eine kleine schrumpelige Rosine, und all solche Teil von mir.

Ich kann gut damit leben. Dass es in mir ist, für immer, bedeutet, dass ich immer achtsam sein darf. Und das bedeutet für mich auch, dass ich mein Leben selbst gestalte.

Ich freue mich auf das kommende Jahr. Ich habe ein paar Wünsche, und ich bin gespannt, ob ich mich entscheiden werde, Energie in die Umsetzung zu stecken. Ich lass das mal auf mich zukommen.

Allen, die hier vorbeischauen, ein glückliches Neues Jahr!

Thalia

Thalia1913
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Beitrag von Thalia1913 » 05.04.2016, 21:11

Als ich noch heimlich trank, und jemand mich fragte, ob ich getrunken hätte, log ich in der Regel. Für mich bedeutete dieses "Nein" noch viel mehr als nur die Antwort auf die Frage, ob ich getrunken hätte; ich antwortete gleichzeitig auf die Frage, "bist du ein erbärmlicher, willensschwacher, schlechter Mensch, der es nicht wert ist, geliebt zu werden?" - und das Nein fühlte sich auch auf diese Frage wie eine Lüge an. Denn nicht nur hatte ich getrunken, ich war auch ein wertloser Mensch. So war das bei mir im Hirn verknüpft. Das ist Teil meiner Krankheit, das weiß ich jetzt. Und es ist so perfide, weil der Weg zur Genesung damit beginnt, den letzten Rest dieser falschen Selbstachtung über Bord zu schmeißen, die sich darauf gründet, andere und sich selbst über das Trinken zu belügen.
Das ist, glaube ich, für mich persönlich das, was ich unter dem Tiefpunkt verstehe. Loslassen, woran ich mich noch klammere. Trotz der wahnsinnig großen Angst, die damit verbunden ist.

silberkralle
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Beitrag von silberkralle » 06.04.2016, 08:52

glück auf thalia

ja, "lügen-kaufen-saufen" <in jeder möglichen reihenfolge stehn in ursächlichem zusammenhang - und das erkennen, dass ich mich selbst am meisten belogen hab (obwohl ich mich immer für n besonders ehrlichen kerl gehalten hab) war schmerzhaft.

schöne zeit

:D
matthias

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Beitrag von luzider Träumer » 13.04.2016, 16:59

Hallo Thalia,

ein wirklich schöner Anfangspost. Er tut genau das was er soll, er gibt Vertrauen und macht mir Mut.

Nächstes Jahr um diese Zeit werde ich hier auch schreiben dürfen. :)

silberkralle
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Beitrag von silberkralle » 14.04.2016, 08:40

glück auf träumer
luzider Träumer hat geschrieben: Nächstes Jahr um diese Zeit werde ich hier auch schreiben dürfen. :)
das wünsch ich dir.
das is genau die richtige einstellung.

schöne zeit

:D
matthias

Thalia1913
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Beitrag von Thalia1913 » 14.06.2016, 22:33

Ich bin jetzt seit etwa zwei Jahren hier im Forum, und seit mehr als zweieinhalb Jahren trocken. Es kommt mir viel länger vor. Es hat sich so viel bewegt in dieser Zeit, in mir und in meinem Leben, innen und außen. Zwei erstaunliche Sachen sind mir dabei aufgefallen (na gut, mehr, aber diese zwei will ich benennen): es bewegt sich, auch wenn sich vermeintlich nichts bewegt. Und: es ist ganz leicht.

Mit dem Trinken aufzuhören war lange nicht leicht, sonst hätte ich nicht getrunken, als und so lange wie ich es tat. Ich weiß nicht, warum ich aufhören konnte im November 2013. Wenn mich jemand fragt, was am Anfang wichtig war, würde ich wohl sagen: Ansammeln abstinenter Zeit. Das war wichtig und ermöglichte alles weitere. Erst einmal Abstand herstellen zum Alkohol. Ich hatte es gut, da ich von Anfang an mein Zuhause alkoholfrei gestalten konnte. Ich musste keine Diskussionen führen und lief auch nicht Gefahr, faule Kompromisse einzugehen. Ich erinnere mich an eine der ersten Abendeinladungen, die ich Freunden gegenüber aussprach, als ich einige Monate trocken war. Ich hatte mich nicht als alkoholkrank geoutet gegenüber diesen Freunden. Aber es gab natürlich, anders als sonst bei mir, keinen Wein zum Essen. "Wirklich gar nichts Alkoholisches?" fragte die Freundin. "Nein." sagte ich.

Ich vermute, und meine Erfahrung mit mir selbst zeigt mir, dass ich nicht trocken geblieben wäre ohne ein alkoholfreies Zuhause. Als ich dann auf dies Forum stieß, bestätigten die Grundbausteine meine eigenen Erfahrungen.

Leicht ist es, weil ich eben nicht "das Leben beim Schopfe packen und in (m)eine bestimmte Richtung zwingen muss". Sondern anhand einiger grundlegender Entscheidungen zulassen, dass sich danach die Weichen stellen. Das Ziel ist Glück. Und in weiten Teilen habe ich es schon erreicht, denn ich empfinde es ja schon. Das befreit und ermöglicht mir mitunter, aus anderer Motivation heraus zu handeln. Daraus entsteht Gelassenheit und Freude am Alltag. Freude auch, mein Kind wachsen und lernen und sein zu sehen. Es geht nicht mehr darum (ging es in Wirklichkeit nie), etwas zu erreichen. Ich bin immer schon da. Ich kann es jetzt manchmal spüren, und so fühlt sich für mich auch Glück an.

Zum Forum kann ich noch sagen, dass ich mir hier selbst die Chance gegeben habe, mich mir selbst anzunähern. Das war (und ist) spannend und herausfordernd und lohnend und nur möglich, weil ich mich nicht mehr betäube, und weil ich mich darauf einlasse, mich durch mein Schreiben mir selbst zu zeigen (dass ihr anderen da "draußen" seid, ist ja lediglich eine Vorstellung.)

Es hat mir ungemein geholfen, mich auch anderen zu zeigen, denn in dem Maße, wie ich lernte, den Blick auf mich selbst zu richten und dabei nicht die Augen zuzukneifen, konnte ich auch vorsichtig, Stückchen für Stückchen, den Blick anderer zulassen. Inzwischen auch in einer "RL"-Selbsthilfegruppe, aber eben auch und vor allem in einzelnen Kontakten zu Menschen, in denen ich mir Mühe gebe, auch tatsächlich in Kontakt zu treten, statt wie früher die Nebelmaschinen anzuschmeißen.

Das Forum hat mir hierfür die Plattform, den Übungsraum geboten, und das ist das, was ich für mich bis jetzt daraus gemacht habe. Ich glaube, das Forum kann für jeden so gut oder so hilfreich sein, wie er oder sie es selbst zulässt.

Ich kann mich nicht mehr so richtig erinnern, wie ich mich gefühlt habe, als ich auf dies Forum stieß und bevor ich mich anmeldete. Eins weiß ich jedoch noch, und zwar, dass ich mich irgendwann hier anmelden und in den Austausch gehen wollte, obwohl mein Verstand (oder was auch immer) noch längst nicht akzeptiert hatte, dass ich Alkoholikerin bin. In der Auseinandersetzung mit mir selbst, im Austausch mit anderen Teilnehmern hier, und natürlich in Abstinenz vom Suchtmittel konnte sich bei mir diese Erkenntnis, und damit die Stabilität der Trockenheit, erst langsam entwickeln. Ich bin sehr froh, dass ich auch für diesen Prozess den Raum hier gefunden habe (mir genommen habe.)

Wenn ich jetzt meist im "Inneren Bereich" schreibend unterwegs bin, dann deshalb, weil ich wirklich recht Persönliches hier mit mir teilweise inzwischen auch persönlich bekannten Menschen teilen möchte, das ich hier draußen nicht schreiben möchte.

Aber manchmal hab ich den Wunsch, hier draußen "laut" zu sagen, wie sehr es sich lohnt, mit dem Trinken aufzuhören. Ob mit Hilfe dieses Forums oder anders.

Mir geht es gut.

Viele Grüße
Thalia

Karsten
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Beitrag von Karsten » 14.06.2016, 22:48

Guten Abend Thalia,

persönliche Dinge sollte man auch nicht offen ins Internet schreiben.
Allgemeine Dinge hier in den offenen Forenbereich sind ja ok, aber wenn es detailierter wird, ist es doch besser, die geschützten Forenbereiche zu nutzen.

Ich bin in der letzten Zeit vielleicht auch etwas mehr ängstlich, wenn ich den ganzen technischen Fortschritt bedenke und deshab vielleicht auch etwas zurückhaltender :)

Gruß
Karsten

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