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Ein neues trockenes Leben aufbauen - ein harter Weg

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum.
Ein neues Thema bitte erst ab ein Jahr Trockenheit eröffnen.
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FatFreddy
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Beitrag von FatFreddy » 03.04.2017, 22:46

Guten Abend,

ich hatte vorhin einen Cousin zu Besuch, wir haben uns Jahre nicht gesehen. Er wußte, was mit mir ist, wohnt nun in der Nähe und wir haben darüber gesprochen, wie ich die letzten drei Jahre trocken blieb.

Ich habe ja einiges bereits geschrieben, das möchte ich noch ein wenig ergänzen, aber wie gesagt, es handelt sich um meine individuellen Erfahrungen.

Ich hatte ja beschrieben, dass ich möglichst alle alten Gewohnheiten und Verhaltensweisen meide. Das gilt auch für die Ernährung. Mal abgesehen davon, dass ich viele Lebensmittel nicht oder nur schlecht vertrage, habe ich bereits damals im Krankenhaus festgestellt, dass ich meine Ernährung Jahre lang an das Trinken angepasst hatte. Da ich abends immer eine Kombi aus Wodka und Bier zum Essen konsumierte, aber auf das Bier nicht immer Durst hatte, habe ich grundsätzlich extrem scharf und sehr salzig und fettig/ölig gegessen. Eine Zeit lang habe ich auch fast alles frittiert, Zucchini, Pilze, einfach alles. Ich habe immer drauf geachtet, dass das Essen abends durstig macht und zum Bier passt. Dazu habe ich mit reichlich Knoblauch gegessen, teilweise habe ich Knoblauch roh und pur konsumiert. Ziel war, dass ich am nächsten Morgen eine Knoblauchfahne habe, die den Restalkohol überdeckt.

Da meine Bauchspeicheldrüsene kaputt und krank ist, kann ich ohne Substitution mit Enzymen kein Fett mehr verdauen, mit Substitution auch nur bedingt, scharfe Speisen und Knoblauch sowie Zwiebeln, Paprika, Tomaten usw. usw. gehen gar nicht mehr. Jetzt esse ich Speisen, die früher nicht auf dem Speiseplan standen, weil sie nicht zum Bier passten. Jetzt esse ich also gerne Quarkspeisen, Fruchtjoghurts, Pudding.

Mein Cousin wollte wissen, wie ich es mit alkoholhaltigen Speisen halte? Nun, früher, als ich noch nach zwei Tagen ohne Alkohol glaubte, ich wäre Superman, war mir egal, ob Speisen Alkohol enthalten oder nicht.

Das sehe ich nun komplett anders: ich habe mir überlegt, dass der Verzehr von Speisen, die Alkohol enthalten, im Kopf etwas verändert, man denkt, ach das Bisschen schadet nicht... Dann kommt der Gedanke, der Pudding mit Weinbrand hat nicht geschadet, also macht es auch nichts, wenn ich ein Bier trinke... Und so setzt sich die Spirale in Gang

Ich denke, jch brauche keine Speisen, die Alkohol enthalten, es gibt genug Alternativen. Würde ich nämlich durch solche Sorglosigkeit rückfallig, könnte mich bereits der erste Rückfall das Leben kosten, auch durch die gleichzeitige Einnahme all der Medikamente. Ich verzichte daher auch an den Festtagen auf Marzipan da ist oft Alkohol als Aroma enthalten, der nicht deklariert ist), gefüllte Schokoladen usw.

Des Weiteren meide ich Familienfeiern, Abitreffen und andere Veranstaltungen. Mein Umfeld versteht das, es isoliert mich aber natürlich noch weiter. Auf der anderen Seite schäme ich mich aber auch, nun Leuten von früher gehandicapt, gelähmt, von Atemnot geplagt und schwer adipös gegenüber zu treten.

Aber auf Dauer geht der Rückzug in die Einsamkeit nicht. Ehrlich gesagt weiß ich noch nicht, wie es sich anfühlen wird, eine Feier mit zu erleben, auf der Alkohol konsumiert wird. Das sage ich ganz offen. Also habe ich die knapp 3 1/2 Jahre geschafft auch deswegen, weil ich sowieso nicht weggehe, außer zum Einkaufen, zum Arzt, spazieren.

Auf der anderen Seite habe ich früher auf Feiern nicht oder nur wenig getrunken, damit kein Verdacht aufkommt. Dafür war ich dann immer ganz mies gelaunt und habe meine kleine Familie genötigt, dass wir nach zwei Stunden heim fahren.

Ich hoffe, dass der eine oder andere was mit meinen Erfahrungen anfangen kann. Und wenn es nur ist, dass ich alles falsch gemacht habe.

So, ich gehe für meine Verhältnisse früh schlafen, muss ja morgen früh zum Arzt.

Bis dann sagt der müde Freddy

Thalia1913
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Beitrag von Thalia1913 » 03.04.2017, 23:02

Hallo Freddy,

alles Gute für morgen!

Die Sozialarbeitern würde ich wohl darauf ansprechen, dass dich ihr Verhalten gestört hat. Aber ich glaube dir, dass das nicht ganz einfach ist.

Viele Grüße
Thalia

Martin

Beitrag von Martin » 04.04.2017, 11:54

Hallo Freddy,
Ich hoffe, dass der eine oder andere was mit meinen Erfahrungen anfangen kann. Und wenn es nur ist, dass ich alles falsch gemacht habe.
ich denke du bist zu hart zu dir selbst, wenn du alles falsch gemacht hättest würdest du heute noch saufen.

Meine Entgiftung verlief auch nicht ganz nach Plan und ich habe seit dem einen Tremor in den Händen

und eine Nervenschädigung in den Beinen.

Das ist nichts im Vergleich zu dem was du zu bewältigen hast, aber deshalb kann ich dich verstehen.
Ehrlich gesagt weiß ich noch nicht, wie es sich anfühlen wird, eine Feier mit zu erleben, auf der Alkohol konsumiert wird.
Ich habe mir lange Zeit gelassen bis ich auf eine Feier bin auf der kaum Alkohol getrunken wurde.

Auch heute, nach über 13 Jahren, gehe ich auf keine Party wo nach 1 Stunde der/die 1. unterm Tisch liegt.

LG Martin

FatFreddy
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Beitrag von FatFreddy » 05.04.2017, 23:46

Hallo Thalia, hallo Martin, hallo alle im Forum,

danke für Eure Antworten. Bevor ich berichte erst einmal zu Martin: ich danke dir für deine Meinung zu Feiern. Im Moment, wo ich das hier schreibe, läuft auf RTL Stern TV ein Bericht über einen Alkoholiker, der sein Leben mit einer Kamera dokumentierte. Ein Gast im Studio leitet eine Tagesklinik. Der sagte, Rückfälle bzw die Motivation zu trinken hat such viel mit Gefühlen, mit denen man nicht umgehen kann zu tun.

Ich denke, generell werde ich Feiern meiden, erst einmal, weil besonders bei Familienfesten,aber auch mit alten Schulfreunden immer viel getrunken wurde. Ich lebe nicht abstinent, dass ich mir dann das dämliche Gequatsche anhören muss, wenn die Leute nach einer Stunde bereits Ausfallerscheinungen haben.

Aber ich werde das alles auch wegen meiner sozialen Phobie meiden, denn ich bin so nervös und unsicher in diesen Situationen, dass ich das in der Vergangenheit ohne Alkohol oder alternativ Benzos nicht überstehen konnte. Und genau durch diese Phobie kann ich mit Ablehnung und Rückschlägen nicht umgehen, ordne Verhalten anderer Leute oft falsch ein, weil ich mich angegriffen fühle.

Es macht Sinn, in der Therapie mein Selbstwertgefühl erst wieder so aufzubauen, dass ich sicher bin.

Mit der Sozialarbeiterin habe ich vernünftig gesprochen, sie hat zur Zeit Stress und fühlt sich angegriffen. Ich kann das momentan nicht ändern, ich habe genug Probleme, die gelöst werden müssen.

Tja, am Dienstag bin ich extra zeitig aufgestanden, habe unter Schmerzen in Hektik geduscht, schnell gefrühstückt und war fertig um loszugehen. Da dachte ich mir so, es ist ja verwunderlich, dass die Alarmfunktion meiner Kalenderapp nicht eine Stunde vorher anspringt, wie das sonst war. Ich gucke, stellte fest, dass der Termin eingetragen war. Für den 05.04.. Dumm nur, dass es der 04. war. Keine Ahnung, wie mir das passiert ist. Also war heute noch mal das Procedere.

Jch möchte nicht ins Detail gehen, das Ergebnis von Labor und Untersuchung ist nicht gut. Überhaupt nicht gut, es müsste operiert werden. Ich werde erst eine Zweitmeinung einholen. Die OP ist nicht ganz ohne.

Und morgen, das ist diesmal richtig, morgen ist Donnerstag, geht es früh morgens zur Uniklinik, es muss eine Biopsie vorgenommen werden. Kann sein, dass wir den ganzen Tag dort mit Warten verbringen.

Bis die Tage, eine trockene Zeit wünscht euch Freddy.

FatFreddy
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Beitrag von FatFreddy » 09.04.2017, 16:11

Ein herzliches Hallo in die Runde,

bei mir dümpelt das Leben derzeit so vor sich hin. Mir geht es zur Zeit sowohl von der Gesundheit als auch psychisch gar nicht gut. Ich habe jetzt die beiden Wochen um Ostern keine Termine und werde mich auch auf gar nichts einlassen.

Ich fühle, ich brauche die Zeit ausschließlich für mich, will Musik hören und lesen. Alles ohne Zwang und diesem "Man Muss", was mir von klein auf im wahrsten Sinne des Wortes eingeprügelt wurde. Genau das ist nämlich einer der Gründe damals für mein Trinken gewesen. Dass ich immer glaubte, funktionieren zu müssen.

Das läuft so nicht mehr und ich lasse sm kommenden Wochenende auch Ostern ausfallen. Egal, was meine Exfrau, meine Geschwister, meine Eltern dazu meinen. Und auch, was mein erwachsenes Kind dazu meint ist mir egal. Sie meldet sich normalerweise schon lange nicht, und nur an einem Feiertag, weil "sich das so gehört" - ich bitte Euch :)

Ich habe mir mal so durch den Kopf gehen lassen, welche Menschen ich durch Alkohol und die Folgen verloren habe und wie sie so in Bezug auf das Funktionieren und Konventionen waren. Bei vielen war es genauso. Nicht bei allen von ihnen, aber bei vielen.

Ich habe mich entschieden, nach Jahren der Kochabstinenz, etwas für meine Gesundheit insofern zu tun, als dass ich die Mangelernährung trotz Übergewicht abstellen möchte.

Auf der anderen Seite überfordert mich die Kocherei, das Kochen, Abschütten, Braten, Fettspritzerei, Unordnung usw. Das alles erinnert mich zu sehr an die alten Trinkzeiten.

Also habe ich mir einen sogenannten Slow Cooker besorgt. Ich werde erst einmal in Ruhe Rezepte studieren und dann mal schauen, ob ich damit ohne Stress zu Recht komme. Mir kommt das Schmoren und langsame Garen in einem Topf recht, denn ich vertrage keine scharf angebratenen Sachen mehr. Und auch schon beim Gedanken an Röstaromen dreht sich mir der Magen um. Wie gesagt, ich vertrage nur noch Essen in der Intensität von Krankenhausessen.

Ich habe schon überlegt, ob ich Essen auf Rädern bestelle, was die Senioren bekommen. Das ist aber richtig teuer.

Jedenfalls ist der Slow Cooker was für die Faulen und Gemütlichen. Alles zurecht schnippeln, in das Teil, Deckel drauf, auf Low oder High, es gibt nur diese Einstellungen und nen halben Tag laufen lassen. Man muss dann irgendwann nur noch essen. Und man muss nicht Pfannen, Töpfe, Herd usw. reinigen, sondern nur den Innentopf ....

OK, Ihr Lieben, denn sage ich mal bis die Tage. Eine Entscheidung wegen OP usw. habe ich erst einmal verschoben, bzw das hat die Sozialarbeiterin gemacht, da mir das zu viel wurde.

Löwenherz
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Beitrag von Löwenherz » 13.04.2017, 13:58

Hi Freddy, darf ich fragen was die Biopsie ergeben hat ? Und um welche OP wird es gehen ? Interessiert mich sehr weil ich einen ähnlichen Krankheitsverlauf hatte. Kopf hoch, Du schaffst mehr als Du Dir zutraust !
Klaren Gruß sendet Dir Güni

FatFreddy
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Beitrag von FatFreddy » 01.05.2017, 23:30

Hurra und guten Abend ins Forum!

Lange habe ich mich nicht gemeldet. Zum einen ging es mir erst nicht gut um Ostern herum. Dann waren einige Untersuchungen nicht erfreulich. Es wurde eine Muskelbiopsie vorgenommen, weil permanent Muskelzellen zerstört werden, als ob ich Hochleistungssport machen würde. Niemand weiß die Ursache, wenn das so weiter geht, ende ich im Rollstuhl. Das war alles sehr schmerzhaft.

Die Leber wird immer kleiner und zerstörter. Also alles nicht so toll.

Durch das alles hatte ich viel um die Ohren. Da ich durch das alles und die ganzen Medikamente sowieso immer müde und schlaff bin, fand ich erst nicht mehr die Kraft, hier was Sinnvolles zu posten. Ja und dann konnte ich mich plötzlich nicht mehr anmelden. Jetzt hat's nach erneutem Passwortwechsel plötzlich mit einem anderen Browser geklappt.

Es geht mir den Umständen entsprechend. Es stehen viele Untersuchungen in und ganz ehrlich kotzt mich das an. Die Hausärztin schreibt zig Überweisungen und das war es. Um alles muss ich mich nun kümmern, Termine, Transport weil ich ja gehbehindert bin. Und meine Phobien und Zwänge verhindern, dass ich jeden Tag locker irgendwo anrufen kann.

Ich lebe weiter abstinent - übrigens mittlerweile gerne. Ich führe mir manchmal vor Augen, wir frei ich trotz allem bin, weil alles was ich mache freiwillig ist. Als ich noch nass war war ich ein Sklave den Flasche. Wenn man trinken muss, hat man keine Wahl, das ganze Leben wird vom Kampf gegen Entzugssymptome bestimmt.

Was mir halt Probleme macht sind die Depressionen, die Phobien und die Zwänge. Neulich sass beim Arzt im Wartezimmer eine Frau, die war am Husten und Röcheln, ich habe Angst vor Infektionskrankheiten. Ich musste mir Papiertücher vors Gesicht halten, dann habe ich mich so geekelt dass ich im Treppenhaus gewartet habe.

Das soll es erstmal gewesen sein, ich wollte im wesentlichen ein Lebenszeichen von mir geben.

Bis die Tage sagt der Freddy

B.Nyborg
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Beitrag von B.Nyborg » 02.05.2017, 00:40

FatFreddy hat geschrieben: Neulich sass beim Arzt im Wartezimmer eine Frau, die war am Husten und Röcheln, ich habe Angst vor Infektionskrankheiten. Ich musste mir Papiertücher vors Gesicht halten, dann habe ich mich so geekelt dass ich im Treppenhaus gewartet.
Hallo Freddy,
angesichts deines gesundheitlichen Zustands war das doch die beste Reaktion, die du machen könntest. Ich sehe da keine Phobie, sondern ein reales Schutzbedürfnis, das du hast.

Ich wünsche dir, dass du deine Sachen weiter angehen kannst. Schön, dass du mal wieder ein Lebenszeichen dagelassen hast.

Viele Grüsse, B.Nyborg

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