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Pancho

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum.
Ein neues Thema bitte erst ab ein Jahr Trockenheit eröffnen.

Moderator: Moderatoren

Pancho
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Pancho

Beitrag von Pancho » 12.02.2018, 09:29

Guten Morgen!

Da ich aus der Villa ausgezogen bin, erlaube ich mir mal, mich hier niederzulassen.

Und nehme das zum Anlass, mal Bilanz zu ziehen.

Die für mich wichtigste Erkenntnis:
Ich kann ohne Alkohol leben und es funktioniert besser als mit Alkohol.
Klingt banal, aber noch vor etwas mehr als zwei Jahren war die Vorstellung, den Rest meines Lebens abstinent zu verbringen, extrem beängstigend.

Meine Probleme sind durch den Alkoholverzicht nicht plötzlich verschwunden.
Aber ich habe mich im Zuge der Entgiftung/Reha erstmals ernsthaft mit mir auseinandergesetzt.
Zwar habe ich mir natürlich auch in meiner Suffzeit Gedanken gemacht, aber es war dann immer einfacher, sich im alkoholgeschwängerten Selbstmitleid zu suhlen, als tatsächlich Konsequenzen aus der Problemanalyse zu ziehen.

Ich bin nüchtern zumindest teilweise in der Lage, aus gedanklichen Schlussfolgerungen Taten folgen zu lassen.

Noch gibt es diverse Baustellen.
Die mir während der Reha vom Doc verpasste Diagnose "Schizophrenie" halte ich inzwischen für falsch.
Im März habe ich einen Termin beim Psychiater, mal sehen, ob es dann neue Erkenntnisse geben wird.

Mein Umzug nach Jena war eine sehr gute Entscheidung.
Und ich hab auch mal richtig Glück gehabt mit der Wohnung hier und freue mich immer noch fast jeden Tag darüber.

Je mehr Zeit vergeht, um so mehr ändert sich das gefühlte Verhältnis von Gewinn/Verlust.
Als Ich den Entschluss fasste, trocken zu werden und auch zu Beginn meiner Trockenzeit waren die Verlustgedanken noch massiv und überwältigend.
Ständig drängten sich Bilder auf von schönen Situationen mit Alkoholbeteiligung, die ich nun nie weider würde so erleben können.
Das hat sich inzwischen deutlich geändert.
Ich weiß das, was ich an Lebensqualität gewonnen habe, bewusst und immer wieder zu schätzen, während es kaum noch etwas gibt, das ich in Verbindung mit Alkohol vermisse.
Und wenn das doch mal passiert, verflüchtigen sich diese Gedanken schnell wieder.

Kurzum: Ich bin unendlich dankbar dafür, trocken zu sein.
Das Forum hat eine sehr wichtige Rolle gespielt auf dem Weg dahin!
An dieser Stelle darum mal Danke an alle, die mich hier Willkommen geheißen und mir mit Rat zur Seite gestanden haben!

Carl Friedrich
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Beitrag von Carl Friedrich » 12.02.2018, 10:12

Hallo Pancho!

Klasse, dass Du deinen Weg gefunden hast, auch wenn er hier und da noch etwas holperig ist. Die Hindernisse sehen wir mit klarem Kopf und Blick deutlich besser und können sie zielstrebiger in Angriff nehmen.

Die besagte Diagose hielt ich schon damals für wenig überzeugend.

Gut, dass Du da am Ball bleibst.

Alles Gute wünscht
Carl Friedrich

Thalia1913
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Beitrag von Thalia1913 » 12.02.2018, 22:24

Hallo Pancho,

schön, von dir zu lesen. Ich freue mich, dass du weiter auf deinem trockenen Weg bist.

Für weitere Erkenntnisse über dein Seelenleben drücke ich die Daumen. Ich bin auch immer wieder baff, wie komplex und scheinbar verschlüsselt so eine Psyche (wie meine zum Beispiel) daherkommt. Und manchmal braucht man (ich, du) einen Blick von außen, um vielleicht ein Stückchen was aufzudröseln.

Viele Grüße
Thalia

Pancho
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Beitrag von Pancho » 16.02.2018, 06:28

Hallo Carl Friedrich und Thalia,

vielen Dank fürs Vorbeischauen und eure Kommentare!

Am Dienstag schien die Sonne so schön, dass ich mich spontan zu einem Spaziergang entschloss, aus dem dann eine dreistündige Wanderung wurde. :-)

War einfach zu schön, oben auf dem Berg lag der Schnee noch in seiner ganzen Pracht und knirschte unter meinen Füßen, hach, wenn nur öfter solches Wetter wäre!

Ich freue mich darüber, dass ich in der Lage bin, mich an so was zu erfreuen! :-)

Hull

Re: Pancho

Beitrag von Hull » 21.02.2018, 12:44

Es wird gerne etwas diagnostiziert, und selbst wenn es wahr ist, was macht das schon? Wer bestimmt die Norm?

Man kann es auch als Auszeichnung oder Gabe sehen.

viola
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Beitrag von viola » 21.02.2018, 19:39

Hallo Pancho, wie es scheint, hast du mir in der Villa ein besenreines Zimmer hinterlassen, danke dafür.
Tja, mit solchen Diagnosen ist das ja so eine Sache. Irgendwelche Schubladen müssen wohl her, aber für den Patienten stehen doch die Symptome an erster Stelle. Nicht die Begriffe für die Symptome.
Schön, dich hier zu lesen, ich wünsche dir einen guten Austausch und noch viele schöne Winterwanderung and.

LG Viola

Pancho
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Beitrag von Pancho » 28.02.2018, 07:02

@Hull

Ja, die haben in der Reha-Klinik auch niemanden ohne Diagnose ziehen lassen.
Ich komme ja auch relativ gut klar mit mir, ganz egal, mit welchem medizinischen Fachausdruck man meine Normabweichung auch beschreibt.

@Viola

Selbstverständlich!
Vielleicht hast du ja registriert, dass ich ein paar Pflanzen ins Zimmer gestellt habe. Bitte nicht vergessen zu gießen!

Pancho
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Beitrag von Pancho » 08.04.2018, 07:49

Guten Morgen!

Auch wenn ich die Jahreszeiten alle mag und mit Kälte auch keine großen Probleme habe: Ich habe das aktuelle Wetter doch herbeigesehnt.
Herrlich, wie die Natur erwacht.
Im Garten gibt's jetzt viel zu tun.
Man kann zwar viel improvisieren, aber ein paar Dinge braucht man dann doch und die kosten leider Geld.
Na ja, es wird ein Prozess und der kann nur Schritt für Schritt vonstatten gehen.
Gestern eine gebrauchte Motorsense gekauft und durch halb Jena geschleppt und dann noch den Berg hoch zum Garten. :-)

Der Minijob nervt, die Arbeit ist einfach wahnsinnig eintönig.
Es ist nicht wirklich schlimm, da es ja immer nur drei Stunden am Stück sind, aber ich halte jetzt Ausschau nach etwas anderem.
Würde ja nichts schaden, wenn die Arbeit auch ein bisschen Spaß macht.

Ich freue mich darauf, jetzt wieder meine Wanderungen machen zu können.
Das habe ich doch sehr vermisst im Winter.
Ich hoffe, ich bin nicht zu sehr eingerostet.

Ich bin jetzt zwei Jahre trocken und noch nie in meinem Leben war der Alkohol weiter von mir entfernt.
Momentan ist die Vorstellung, etwas zu trinken, geradezu absurd.

Es gelingt mir momentan recht gut, fast allem, was mir passiert und was mich beschäftigt, eine positive Seite abzugewinnen.
Meine Sicht auf das Leben insgesamt ist deutlich heller geworden.

Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich mich gerade wieder einmal sehr viel mit Kosmologie beschäftige und Quantenphysik und da kann man kaum anders, als mit offenem Mund zu staunen und eine gewisse Ehrfurcht zu entwickeln.

Es klingt paradox, aber je mehr ich mich mit Naturwissenschaften beschäftige, um so schwieriger fällt es mir, meinen Atheismus aufrecht zu erhalten ;-)

Es gleicht doch alles einem großen Wunder.
Obwohl es gerade beim Thema Quantenphysik zu Verständnisschwierigkeiten kommt und die eigene Vorstellungskraft nicht mehr ausreicht und die mathematischen Kenntnisse zu dürftig, ist das alles so spannend wie ein Krimi.

Ich freue mich auf dieses Jahr, bin gespannt und hoffe, weitere Schritte gehen zu können, die mich noch näher an ein zufriedenes, ausgefülltes, glückliches Leben bringen.

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