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Warum muss ich Stärke zeigen?

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum.
Ein neues Thema bitte erst ab ein Jahr Trockenheit eröffnen.

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Karsten
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Re: Warum muss ich Stärke zeigen?

Beitrag von Karsten » 30.10.2018, 23:08

Hallo Sunshine,

die letzte Bemerkung war eher als kleiner Witz gedacht, um das eher ernste Thema etwas aufzulockern :)
Natürlich ist das Wäscheding kein wirkliches Problem für mich.

3 Jahre sind aus meiner Erfahrung heraus nicht viel.
Ich habe ja schon öfter geschrieben, dass 4 meiner damaligen Mentoren ( um sie mal so zu nennen ) alle damals über 5 Jahtr trocken, nun gestorben sind an den Folgen des Rückfalls.
Daher kann ich 3 Jahre nicht wirklich als LZT ansehen.

Um zu dem ersten Punkt zu kommen, ja ich meine diese ehrliche Selbstreflexion.

Die Eingen- und Fremdwahrnehmung ist ja auch oft sehr verschieden.

Ich kann ja nur von der Fremdwahrnehmung sprechen, die ich hier bei anderen Mitgliedern habe.
Die ist scheinbar im großen Unterschied zur Eigenwahrnehmung einiger Mitglieder.

Aus meiner eigenen Erfahrung heraus weiß ich, dass ich damals auch immer weiter sein wollte, als ich war.
Als ich damals in unserer Altengruppe, wo man erst ab 1 Jahr rein konnte, gehen durfte, fühlte ich mich "gleichwertig" ( soll keine Wertung sein ) den anderen gegenüber, die schon 5 und mehr Jahre trocken waren.

Was mir aber eben auch auffällt, dass manchmal etwas wissentschaftlich und im gehobenen Sprachgebrauch, fast lehrerhaft zu anderen Mitgliedern, von eben nach meiner Sichtweise neuen Mitgliedern geschrieben wird.
Da kann man aber auf der anderen Seite nirgends lesen, wo sie an sich selbst arbeiten, weil sie einen absolut perfekten trockenen Alkoholiker abgeben.

Gruß
Karsten

Sunshine_33
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Re: Warum muss ich Stärke zeigen?

Beitrag von Sunshine_33 » 30.10.2018, 23:30

Ich kann ja nur von der Fremdwahrnehmung sprechen, die ich hier bei anderen Mitgliedern habe.
Die ist scheinbar im großen Unterschied zur Eigenwahrnehmung einiger Mitglieder.
Na dann is gut :wink:
Ich kann ja nur von der Fremdwahrnehmung sprechen, die ich hier bei anderen Mitgliedern habe.
Die ist scheinbar im großen Unterschied zur Eigenwahrnehmung einiger Mitglieder.
Ja, aber das ist doch oft so. Man selbst nimmt sich selbst auch oft anders wahr, als man von anderen wahrgenommen wird.
Man sieht sich selbst eben auch oft so, wie man sich gern sehen MÖCHTE. :wink:
Es gibt eben nicht DIE REALITÄT, sondern jeder hat im Grunde seine eigene.
Aus meiner eigenen Erfahrung heraus weiß ich, dass ich damals auch immer weiter sein wollte, als ich war.
Das war bei mir ganz und gar nicht so.
Ich traute mir anfangs selbst nicht über den Weg, wie auch, wo ich doch immer wieder versucht hatte, mit dem Saufen aufzuhören
und kläglich damit scheiterte?
Ich traute mir lange nicht mal das Wort "trocken" in Bezug auf mich in den Mund zu nehmen. Das fand ich viel zu anmaßend.
Und ich kannte natürlich auch bald die hohe Rückfallquote und ich habe oft gedacht, wie soll ich das denn schaffen können,
wenn es so viele andere auch nicht schaffen?
Ich habe aber auch die Hoffnung nicht aufgegeben...und tat alles, um nicht wieder saufen zu müssen.
Ich befolgte die "Grundbausteine" instinktiv, ich war ja damals noch gar nicht in diesem Forum und die wurden hier auch erst
sehr viel später in der Form aufgeschrieben, wie sie jetzt nachzulesen sind.
Ich war sehr selbstkritisch und hört auf mein Bauchgefühl, was mir ganz klar sagte, wo ich nichts mehr zu suchen habe !
Ich redete mir nix mehr schön oder war gar so großkotzig, an Festivitäten teilnehmen zu wollen, wo getrunken wurde.
So wurden dann mit der Zeit (ganz unspektakulär) aus den Wochen Monate... und irgendwann Jahre.
Was mir aber eben auch auffällt, dass manchmal etwas wissentschaftlich und im gehobenen Sprachgebrauch, fast lehrerhaft zu anderen Mitgliedern, von eben nach meiner Sichtweise neuen Mitgliedern geschrieben wird.
Da kann man aber auf der anderen Seite nirgends lesen, wo sie an sich selbst arbeiten, weil sie einen absolut perfekten trockenen Alkoholiker abgeben.
Och, meinetwegen können hier Leute auf diese Art schreiben, ich muss ja nicht alles glauben :wink: und das tue ich auch nicht.
Es gibt keine perfekten Menschen, jeder hat seine Macken und oftmals auch sein eigenes Päckchen zu tragen.
"Unter jeden Dach ein Ach"... so sagt man ja... und meiner Erfahrung nach ist es auch ganz genau so !

Es gibt hier auch andere Leute, die von ihren Problemen und Schwächen schreiben, besonders ja auch im Erweiterten Bereich.
Und ich finde, man muss auch nicht alles im www veröffentlichen, selbst in einem Alkoholiker Forum nicht.
Eine gewisse Art von Selbstschutz steht ja auch jedem Menschen zu.

LG Sunshine

Karsten
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Re: Warum muss ich Stärke zeigen?

Beitrag von Karsten » 30.10.2018, 23:43

Hallo Sunshine,

mit dem letzten Absatz sind wir eigentlich da, wo ich hin wollte. :)

Ich glaube ja nun auch nicht alles, was ich hier lese.
Mitglieder im erweiterten Bereich sehe ich da auch anders, denn sie geben etwas, was man nicht macht, wenn man nur Geschichten erzählen will.
Im offenen Bereich sehe ich das etwas anders.
Ich versuche Menschen ( real oder online ) immer erst langfristig zu sehen, um dann für mich einschätzen zu können, wie ist jemand wirklich.

Was mich aber da auch nachdenklich macht. Warum gibt man sich so?
Man ist ja hier fast anonym und könnte sich ja so geben, wie man ist.
Nimmt man sich damit nicht die Chance, an sich mit anderen zusammen zu arbeiten?

Gruß
Karsten

Yvonne78

Re: Warum muss ich Stärke zeigen?

Beitrag von Yvonne78 » 31.10.2018, 08:16

Guten Morgen,
ich bin mal so frei, diese Frage aus der Sicht eines Co´s zu beantworten:
Ich habe ja 6 Jahre lang mit einem Alkoholiker zusammengelebt. Nicht alles war schlecht und wir sind sogar verheiratet. Dennoch kam es gerade in den letzten Jahren gehäuft vor, daß ich einen besoffenen Jammerlappen vor mir hocken hatte. Alles war schwarz und scheis se und die Gedanken waren wirr....Depressionen...soweit so gut. Am nächsten Tag war alles vergessen und am Abend gings wieder von vorne los. Was ich als Co alles aushalten musste ist die eine Sache. Dann die Therapie...alles drehte sich um meinen Mann...der arme Pfropf. Will sagen...in der nassen Zeit war er der Nabel der Welt...in der Therapie auch...danach sowieso. ICH musste die ganze Zeit stark sein. ICH wurde unausgesprochen als Ehefrau dazu verpflichtet, ihm den Rücken zu stärken. ICH hatte nichts zu jammern, schliesslich bin ich ja nicht krank. Und selbst wenn wir zusammengeblieben wären, hätte ich erwartet, daß das Gejammer und Gehänge ein Ende hat. Er ist im Übrigen auch einer von denen, die sich weiß machen, er hätte es nach 34 Jahren Saufkarriere nach einer Therapie geschafft. Egal...ich bin inzwischen davon überzeugt, daß der Alkoholiker, der seinem Umfeld so viel zugemutet und angetan hat, eben diesem Umfeld etwas schuldet...das fängt damit an, daß er sich endlich erhebt und Stärke zeigt, um seinen Mitmenschen nicht ewig weiter auf die Nerven zu gehen. Irgendwann ist das Maß nämlich auch mal voll und man kann es einfach nicht mehr hören. Ich als Angehörige habe ein Recht auf ein eigenes Leben ohne die fiktiven Probleme eines alkoholkranken Menschen.

Entschuldigt die harten Worte...ich wurde so gemacht :-(

Karsten
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Re: Warum muss ich Stärke zeigen?

Beitrag von Karsten » 31.10.2018, 08:44

Hallo Yvonne,

für mich es keinen harten Worte, sondern die Realität.
Ich habe meiner Familie damals auch viel zugemutet, als ich noch gesoffen habe.

Ich hatte mal ein Erlebnis nach einem Jahr Trockenheit, wo mir eingeredet werden sollte, dass ich stolz auf mein erstes Jahr sein sollte.
Ich konnte aber nur stolz im Umfeld von anderen Alkoholiker/innen sein, aber nicht vor meiner Familie und auch den anderen Menschen gegenüber.

Nicht trinken ist keine Leistung, sondern die Normalität.

Gruß
Karsten

Sunshine_33
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Re: Warum muss ich Stärke zeigen?

Beitrag von Sunshine_33 » 31.10.2018, 09:41

Was mich aber da auch nachdenklich macht. Warum gibt man sich so?
Man ist ja hier fast anonym und könnte sich ja so geben, wie man ist.
Nimmt man sich damit nicht die Chance, an sich mit anderen zusammen zu arbeiten?
Warum man sich so gibt?
Eben WEIL es das internet möglich macht (gewisse Anonymität) ! :wink:
Menschen stellen sich nun mal gern in einem positiven Licht dar. Vielleicht liegt das sogar in der menschlichen Natur?
Oder warum beschreiben sich Männer auf Partnersuche im net als groß, schlank, breitschultrig mit üppigen, lockigen
Haar und beim ersten Treffen kommt ein untersetzter Kerl mit Halbglatze und einer Körpergröße von 1,67m daher?
Mal überspitzt gesagt (oder auch nicht) :lol:
Nimmt der sich nicht auch so die Chance, an einer Beziehung in spe "zu arbeiten" ? :lol:

Karsten, es gibt nun mal sone und solche... manche sind auch ehrlicher anderen und sich selbst gegenüber.
Auch hier im Forum.
Wer nun wie ist, das findet man erst bei einem persönlichen Treffen (oder eher mehreren Treffen) heraus, bei
dem mal viel Zeit miteinander verbringt.
Dann weiß man doch viel eher, woran man wirklich ist.

Gibt es denn wirklich die Chance, "mit anderen zusammen" an sich selbst zu arbeiten?
Oder ist das nicht eher eine nette Illusion?
Klar habe ich mir hier auch schon ein paar Sachen mitnehmen können, an die ich mich in gewissen Situationen erinnerte und die
mir dann weiter halfen.
Aber an mir "arbeiten", ich denke, das kann ich nur ganz allein. Dabei kann mir kaum ein anderer helfen (außer evtl. eine speziell geschulte Person, kommt gleich noch...)
Aber mir oder jemand anderen etwas auf die Sprünge helfen, das kann man sicher auch in einem Alkoholiker-Forum.
Was ich draus mache, liegt doch aber ganz bei mir, oder?

Mir ist es hier außerdem auch schon passiert, das es zu groben Fehleinschätzungen meiner Person kam.
Das kommt ja auch noch hinzu, das man sich hier zum größten Teil nicht wirklich kennt.
Und wenn mich schon jemand völlig falsch einschätzt (und grobe Fehleinschätzungen merkt man normalerweise auch selbst!),
wie sollte derjenige dann mit mir oder ich mit dem AN MIR zusammen arbeiten können?

Ich glaube, sowas gehört eher in die Praxis eines guten Psychologen, dem man persönlich gegenüber sitzt und
der über eine entsprechende Ausbildung verfügt (Studium).
Ich rede hier also nicht von irgendwelchen Lari-Fari-Therapeuten, die sich in WE-Seminaren ihr Wissen angeeignet haben !
Einem ausgebildeten Psychologen traue ich aber zu, das man mit dem gezielt an bestimmten Punkten (Schwachpunkten?) der eigenen Persönlichkeit arbeiten kann.
Aber das ist hier doch gar nicht gegeben.
Von daher können wir uns hier "nur" gegenseitig unterstützen, aber das ist doch auch sehr viel !! Oder nicht?
So funzen doch nun mal SHG und so sind sie doch auch gedacht.
Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

LG Sunshine

Yvonne78

Re: Warum muss ich Stärke zeigen?

Beitrag von Yvonne78 » 31.10.2018, 09:44

Weißte Karsten,
ich würde mir wünschen, daß auch mal jemand stolz ist auf die Angehörigen...die, die auch danach noch da sind. Ich glaube schon, daß ein betroffenes Kind...oder Ehefrau...oder Vater oder Mutter schon stolz ist auf die Erfolge und viel von dem verdrängen, was der Kranke angerichtet hat. Aber tief im Inneren versuchen Wunden zu heilen die niemand sieht. Und um genau diesen Heilungsprozess zu unterstützen ist der Kranke in der Pflicht, mal für seine Angehörigen stark zu sein.

Man sieht...ich sehe es von der anderen Seite des Gartenzauns, finde aber eure Sicht der Dinge ganz spannend und du...Karsten...bringst es eh so schön nüchtern auf den Punkt. Danke dafür :-)

Sunshine_33
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Re: Warum muss ich Stärke zeigen?

Beitrag von Sunshine_33 » 31.10.2018, 09:49

Yvonne 78 schrieb:
Ich als Angehörige habe ein Recht auf ein eigenes Leben ohne die fiktiven Probleme eines alkoholkranken Menschen.
Apropos harte Worte...
Es wird niemand in diesem Land dazu gezwungen, sein Leben mit einem alkoholkranken Menschen zu verbringen !
Du hättest auch selbst gehen können, und aus die Maus.
Die Opferrollen mancher Menschen, in denen sie sich so gern suhlen, hängen mir persönlich ziemlich zum Halse heraus.
Das mal dazu, wenn wir schon harte Worte benutzen wollen.

Ansonsten frage ich mich, was der restliche Beitrag mit dem Thema zu tun hat?
Für mich nur erneutes Giftverspritzen aufgrund der persönlichen Situation, weil man vor Wut und Hass schon gar nicht mehr anders kann.
Wäre man eher gegengen, wäre es erst gar nicht so weit gekommen.
Da darf man vielleicht ja auch mal fragen, warum der andere nicht handelte und sogar noch Kinder dem ganzen Drama aussetzte??
Leibeigenschaft gibt es ja hierzulande nicht mehr, wenn ich recht informiert bin !

Übrigens: Wenn hier Alkoholiker schon so verunglimpft werden und vor allem alle über einen Kamm geschert werden, dann sollte man sich
nicht wundern, wenn einem selbst auch mal unangenehme Fragen gestellt werden :wink:
Harte Worte können hier nämlich auch andere...

Sunshine

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